"Interkulturelle Öffnung" in Behörden

Menschen mit Migrationsgeschichte erleben noch immer hohe Zugangshürden und Diskriminierung am Arbeitsmarkt. Das trifft auch auf den öffentlichen Dienst zu. Um ausgrenzenden Strukturen entgegenzuwirken, ist in den letzten Jahren die Strategie der "interkulturellen Öffnung" populär geworden. Dabei geht es einerseits darum, das Angebot von Behörden an eine kulturell vielfältige Gesellschaft anzupassen. Anderseits sollen in Belegschaften mehr Menschen aus Einwandererfamilien vertreten sein.

Was ist "interkulturelle Öffnung"?

Wenn Behörden sich bemühen, mehr Menschen mit Migrationshintergrund einzustellen, wird das häufig unter dem Stichwort "interkulturelle Öffnung" zusammengefasst. Dieser Begriff wird jedoch von Experten kritisiert, weil er unterstelle, dass Menschen aus Einwandererfamilien kulturell "anders" sind und sich daher schwerer in den Arbeitsmarkt integrieren lassen.

Viele Experten sprechen daher lieber von "Diversity Management" und Vielfalt. Ziel von "Diversity Management" in Unternehmen, Organisationen oder Verwaltungen ist es, eine vielfältige Belegschaft zu fördern. Organisationen versuchen, ein diskriminierungsfreies Umfeld für Mitarbeiter zu schaffen und neue Kollegen mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Talenten zu gewinnen. Wirtschaftlichkeit und Positionierung am Markt stehen bei "Diversity Management" stärker im Vordergrund als bei "interkultureller Öffnung".

Die Diversity-Dimensionen umfassen neben ethnischer und nationaler Herkunft auch Alter, körperliche und psychische Befähigung, Geschlecht, sexuelle Orientierung sowie Religion oder Weltanschauung.

Wie viele Mitarbeiter in Bundesbehörden haben Migrationshintergrund?

2015 haben das Institut für Bevölkerungsforschung (BIB) und das Statistische Bundesamt (Destatis) 24 Bundesbehörden und -ministerien zum Anteil der Beschäftigten mit Migrationshintergrund befragt. Durchgeführt wurde die Studie auf Initiative der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung und des Bundesinnenministeriums.

Aus der Studie geht hervor:

  • In den befragten Behörden haben 15 Prozent aller Mitarbeiter einen Migrationshintergrund. In der Gesamtbevölkerung lag ihr Anteil 2015 bei 20 Prozent. Menschen aus Einwandererfamilien sind also in der Bundesverwaltung unterrepräsentiert.
  • Ihr Anteil könnte in Wahrheit noch niedriger sein, denn Angestellte mit Migrationshintergrund haben häufiger an der Umfrage teilgenommen als solche ohne. Das kann man laut der Studie aus vorhandenen Personalstandsstatistiken schließen.
  • Je nach Behörde oder Ministerium ist der Anteil sehr unterschiedlich: Während im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) fast jeder vierte Beschäftigte einen Migrationshintergrund hat, sind es beim Bundesministerium für Verteidigung nur sechs Prozent.
  • Zum Vergleich: In der Privatwirtschaft stammt rund jeder fünfte Mitarbeiter aus einer Einwandererfamilie. Die Bundesbehörden stehen allerdings besser da als der öffentliche Dienst im Allgemeinen, einschließlich Landes- und kommunaler Ebene. Hier liegt der Anteil von Beschäftigten mit Migrationshintergrund bei knapp zehn Prozent, wie Ergebnisse aus dem Mikrozensus 2013 zeigen.QuelleBIB und Destatis, Erhebung des Anteils von Beschäftigten mit Migrationshintergrund in der Bundesverwaltung, 2016, Seiten 9, 10 und 75

Zudem zeigt die Befragung in den Bundesbehörden, dass sich Beschäftigte mit Migrationshintergrund in mehreren Punkten von ihren Kollegen ohne Einwanderungsgeschichte unterscheiden:

  • Sie sind jünger: 73 Prozent der Beschäftigten mit Migrationsbezügen sind unter 40 Jahre alt. Bei den Beschäftigten ohne Migrationshintergrund sind es nur knapp 60 Prozent.
  • Der Anteil von Frauen ist größer: Während 21,3 Prozent der Mitarbeiter ohne Migrationshintergrund Frauen sind, liegt der Frauenanteil bei Mitarbeitern aus Einwandererfamilien bei 22,2 Prozent.
  • Sie sind öfter in Ausbildung: 6,4 Prozent aller Angestellten aus Einwandererfamilien sind Auszubildende. Bei den Mitarbeitern ohne Migrationsbezug trifft das nur auf 3,8 Prozent zu. Das gilt auch, wenn man mit einrechnet, dass die Belegschaft mit Migrationshintergrund insgesamt jünger ist und damit eher für eine Ausbildung infrage kommt.
  • Sie haben öfter befristete Verträge: Bei den Mitarbeitern ohne Migrationshintergrund haben nur 44 Prozent befristete Verträge. Unter den Beschäftigten mit Migrationshintergrund sind es 61 Prozent. Außerdem sind unter ihnen verhältnismäßig weniger Beamte (12 Prozent) als unter denen ohne Migrationsbezüge (15 Prozent).
  • Sie sind häufiger im einfachen und mittleren Dienst beschäftigt: Nur rund jeder Fünfte arbeitet im höheren oder gehobenen Dienst. Bei den Mitarbeitern ohne Migrationshintergrund trifft das fast auf jeden Dritten zu.QuelleBIB und Destatis, Erhebung des Anteils von Beschäftigten mit Migrationshintergrund in der Bundesverwaltung, 2016, Seiten 10 und 64 (eigene Berechnung auf Grundlage von Tabelle 11)

Beschäftige mit Migrationshintergrund in den Bundesländern

Beschäftigte aus Einwandererfamilien sind im öffentlichen Dienst unterrepräsentiert. Das geht aus dem Integrationsmonitoring der Bundesländer von 2015 hervor. Die Daten beziehen sich auf alle Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst (Bundes- und Landesbehörden), die im jeweiligen Bundesland leben.

  • Baden-Württemberg hat mit knapp 15 Prozent den höchsten Anteil von Beschäftigten mit Migrationshintergrund in öffentlichen Dienst. Der Anteil von Menschen aus Einwandererfamilien in der dortigen Bevölkerung beträgt 26 Prozent.
  • Unter den Berliner Mitarbeitern hat jeder zehnte Migrationshintergrund. Höher ist der Anteil unter den neu eingestellten Auszubildenden in Einrichtungen der Stadt Berlin: 2016 kam jeder vierte von ihnen aus einer Einwandererfamilie. Das entspricht beinahe dem Anteil von Einwanderern und ihren Nachkommen in der Bevölkerung (28 Prozent).
  • Am geringsten fällt der Anteil mit 2,1 Prozent in Sachsen-Anhalt aus. Hier haben rund fünf Prozent der Bewohner Migrationshintergrund.

Anteil der Polizisten mit Migrationshintergrund

Wie viele Polizisten insgesamt Migrationshintergrund haben, ist nicht bekannt. Eine Recherche des MEDIENDIENSTES von 2017 zeigt jedoch: Der Anteil der neu eingestellten Polizisten mit MigrationshintergrundWer die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt oder mindestens einen Elternteil hat, bei dem das der Fall ist, hat einen "Migrationshintergrund". Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2015, S. 4 liegt in den meisten Bundesländern deutlich unter dem Gesamtanteil in der Landesbevölkerung.

  • Zum Beispiel stammten in Schleswig-Holstein nur 3,5 Prozent der neu Eingestellten aus Einwandererfamilien, in der Landesbevölkerung insgesamt haben dagegen 13,2 Prozent Migrationshintergrund.
  • In Nordrhein-Westfalen ist der Anteil von Menschen aus Einwandererfamilien in der Bevölkerung doppelt so hoch (26 Prozent) wie bei neu eingestellten Polizisten (12 Prozent).QuelleRecherche des MEDIENDIENSTES: "Wie entwickelt sich die Vielfalt bei der Polizei?" (2017), S. 10 und 12

Einige Länder verzeichneten jedoch einen hohen Anteil an neu eingestellten Polizisten mit Migrationshintergrund. In Berlin kamen 2016 fast 30 Prozent der insgesamt neu Eingestellten aus Einwandererfamilien. Damit liegt der Wert über dem Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesamtbevölkerung Berlins (27,7 Prozent). Zudem konnte Berlin den Wert deutlich steigern: 2008 lag er noch bei rund zwölf Prozent.QuelleRecherche des MEDIENDIENSTES: "Wie entwickelt sich die Vielfalt bei der Polizei?" (2017), S. 5

Die Zahl der neu eingestellten Polizisten mit Migrationshintergrund auf Bundesebene ist nicht bekannt. Weder die Bundespolizei noch das Bundeskriminalamt (BKA) erheben entsprechende Daten.

Insgesamt scheint das Thema Vielfalt bei den Polizeibehörden jedoch wichtiger zu werden: Inzwischen erheben zehn Länder Daten zu Bewerbern und neu Eingestellten mit Migrationshintergrund. Bei einer vorherigen Befragung durch den MEDIENDIENST 2014 führten nur sechs Bundesländern Statistiken darüber.

Außerdem werben mehr Länder gezielt um Menschen mit Migrationshintergrund für den Polizeidienst: Bis auf Brandenburg und Thüringen haben alle Landespolizeien sowie das BKA und die Bundespolizei Maßnahmen ergriffen, um Menschen aus Einwandererfamilien anzusprechen. Dazu gehören Informationsstände bei "interkulturellen Veranstaltungen", mehrsprachige Flyer und Werbevideos, in denen Beamte mit Migrationshintergrund ihren Beruf schildern. Bundesländer, die besonders umfangreich um Bewerber mit Migrationshintergrund werben, verzeichnen konstant hohe Bewerberzahlen von Menschen mit Migrationshintergrund. So hatte Niedersachsen 2016 im dritten Jahr in Folge einen höheren Anteil an Bewerbern aus Einwandererfamilien (18,8 Prozent) als in der Landesbevölkerung (17,8 Prozent).QuelleRecherche des MEDIENDIENSTES: "Wie entwickelt sich die Vielfalt bei der Polizei?" (2017), S. 9.

In einer vorangegangenen Recherche (2014) hat der MEDIENDIENST Daten zu Mitarbeitern mit Migrationshintergrund im gesamten Polizeidienst ermittelt. Nur drei Bundesländer konnten dazu Angaben machen: In Mecklenburg-Vorpommern hatten 0,4 Prozent der Polizisten einen Migrationshintergrund, der Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt dort bei 3,8 Prozent. In Rheinland-Pfalz stammten 2,5 Prozent der Polizisten aus Einwandererfamilien (19,6 Prozent in der Bevölkerung) und in Niedersachsen 3,2 Prozent (18,7 Prozent).QuelleRecherche des MEDIENDIENSTES: "Anteil der Beamten mit Migrationshintergrund in Polizei und Verfassungsschutz" (2014), S. 3

Vielfalt beim Verfassungsschutz

Über Mitarbeiter mit Migrationshintergrund beim Verfassungsschutz liegen keine Daten vor, wie eine Recherche des MEDIENDIENSTES zeigt. Das gilt für das Bundesamt für Verfassungsschutz und zwölf Landesämter. Ausnahmen bilden hier nur:

  • Hamburg: Zehn Mitarbeiter hatten 2016 einen Migrationshintergrund, das sind 6,6 Prozent der Belegschaft. Der Anteil hat sich seit 2014 mehr als verdoppelt – damals waren es 2,7 Prozent.
  • Niedersachsen: 4,4 Prozent der Mitarbeiter stammen aus Einwandererfamilien. Zum Vergleich: 2014 waren es 4,1 Prozent.
  • Bremen: Hier wurden zwischen 2008 und 2014 sechs neue Mitarbeiter eingestellt, davon haben zwei einen Migrationshintergrund.
  • Hessen: Das dortige Landesamt gab 2014 an, dass 5,2 Prozent der Belegschaft einen Migrationshintergrund haben.QuelleRecherche des MEDIENDIENSTES zu Vielfalt bei der Polizei (2017), S. 14f. und Recherche des MEDIENDIENSTES zu Beamten mit Migrationshintergrund in Polizei und Verfassungsschutz (2014), S. 3

Besondere Werbemaßnahmen, um mehr Mitarbeiter mit Migrationshintergrund für den Verfassungsschutz zu gewinnen, finden weder beim Bundesamt noch in den 16 Landesbehörden statt. Die Landesämter in Berlin, Hamburg und Niedersachsen weisen in Stellenausschreibungen darauf hin, dass Bewerbungen von Menschen mit Migrationshintergrund "ausdrücklich erwünscht" sind. Der Verfassungsschutz in Sachsen gibt an, in Einzelfällen besondere Sprachkenntnisse in die Stellenausschreibungen aufzunehmen und damit um Muttersprachler zu werben.QuelleRecherche des MEDIENDIENSTES zu Vielfalt bei der Polizei (2017), S. 14f.

Mitglieder mit Migrationshintergrund in Gewerkschaften

Als erste Gewerkschaft in Deutschland hat die IG Metall eine Studie zur Frage durchführen lassen, wie viele ihrer Mitglieder einen Migrationshintergrund haben.

Aus der Untersuchung, die das "Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung" (BIM) durchgeführt hat, geht hervor:

  • Mit schätzungsweise 21,7 Prozent liegt der Anteil der Mitglieder mit Migrationshintergrund ziemlich nah am Bevölkerungsdurchschnitt. Damit ist die IG Metall die erste Groß-Organisation in Deutschland, die sich hinsichtlich des Migrationshintergrundes als "Spiegel der Gesellschaft" bezeichnen kann.
  • Ein noch höherer Anteil zeigt sich bei IG Metall-Mitgliedern, die eine Funktion im Betrieb oder in der Gewerkschaft ausüben: Ein Drittel von ihnen hat einen Migrationshintergrund.
  • Einzig unter Betriebsratsvorsitzenden sind Personen mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert.

Der Blick ins Detail zeigt:

    • Das am häufigsten vertretene Herkunftsland unter allen Mitgliedern mit Migrationshintergrund ist mit 17,2 Prozent die Türkei, gefolgt von Polen, Italien, Kasachstan, Russland, Rumänien, Griechenland, Frankreich, Tschechien, Österreich und Slowenien.
    • Im Schnitt sind Mitglieder mit Migrationshintergrund jünger als die ohne – 47,5 Jahre im Vergleich zu 52,5 Jahren.
    • In der Geschlechterstruktur unterscheiden sie sich kaum: 81,7 Prozent der Gesamtmitglieder sind männlich. In der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund sind es 83,3 Prozent.

    Wie kam es zu diesem hohen Anteil an Mitgliedern mit Migrationshintergrund? Laut Studie haben sich Gewerkschaften schon früh dafür eingesetzt, Migranten in ihre Struktur zu integrieren. Bereits 1961 richtete die IG Metall das Referat "Ausländische Arbeitnehmer" ein und erkannte ausländische Arbeitnehmer 1983 als "eigenständige Personengruppe" an. Damit habe sie ihnen besondere Mitbestimmung bei Beschlüssen des Gewerkschaftstages ermöglicht.

    Als ein weiterer Grund gilt das 1972 eingeführte Betriebsverfassungsgesetz, erklärt Serhat Karakayali, Mitautor der Studie, in einem Gastbeitrag für den MEDIENDIENST. Das Gesetz regle, dass auch Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit bei Betriebsratswahlen wählen und gewählt werden können. Da Gewerkschaftsmitglieder oft auch in Betriebsräten aktiv seien, liege die Vermutung nahe, dass das Betriebsverfassungsgesetz dazu geführt hat, dass sich Gewerkschaftsmitglieder mit Migrationshintergrund stärker engagieren.