Diskriminierung

In Deutschland gibt es keine einheitliche Erfassung von Diskriminierungsfällen – eine umfassende Statistik fehlt. Auch rassistische Vorfälle, die nicht strafrechtlich verfolgt werden, sind Teil der Dunkelziffer. Wir wissen daher wenig über das Ausmaß von Rassismus und Benachteiligungen aufgrund der ethnischen Herkunft. Dennoch lassen einige Untersuchungen Aussagen darüber zu.

Was besagt das Gesetz gegen Diskriminierung?

Nicht alles, was Menschen als diskriminierend empfinden, ist auch eine Diskriminierung nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Das Gesetz gilt seit 2006 und nennt in §1 sechs "Gründe", aus denen niemand "benachteiligt" werden darf:

  • Alter
  • Behinderung
  • ethnische Herkunft, Hautfarbe und "Rasse"
  • Geschlecht
  • Religion oder Weltanschauung
  • sexuelle Identität

Das AGG gilt im Arbeitsleben und bei sogenannten AlltagsgeschäftenDazu zählen z. B. Einkäufe, Restaurantbesuche, Vertragsabschlüsse mit Versicherungen, Telefonanbietern, usw.. Es regelt das Verhältnis der Bürger untereinander und nicht – wie oft fälschlich angenommen wird – zwischen Staat und Bürgern (hier gilt das Grundgesetz).

Wie oft erleben Menschen aus Einwandererfamilien Diskriminierung?

Menschen aus Einwandererfamilien sind besonders häufig von Diskriminierung betroffen – das zeigt eine repräsentative Umfrage der "Antidiskriminierungsstelle des Bundes" von 2016. Demnach hat jeder zweite Befragte mit Migrationshintergrund in den letzten zwei Jahren Diskriminierung erlebt. In der Gesamtbevölkerung war es etwa jeder Dritte. Der MEDIENDIENST hat in einem Artikel die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage zusammengefasst.QuelleAntidiskriminierungsstelle des Bundes (2016): "Diskriminierungserfahrungen in Deutschland"; die Zahlen zu Diskriminierungserfahrungen von Menschen mit Migrationshintergrund teilte die ADS dem MEDIENDIENST auf Anfrage mit.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine Umfrage aus dem Jahr 2013: Von den damals befragten Menschen mit Migrationshintergrund gab jeder Zweite an, Diskriminierungserfahrungen gemacht zu haben (52 Prozent) –
sei es bei der Suche nach einem Job, einem Ausbildungsplatz, einer Wohnung oder bei Behörden. Für die "IAB-SOEP-Migrationsstichprobe" wurden 5.000 Menschen befragt, die seit 1995 nach Deutschland eingewandert oder als Nachkommen von Einwanderern in den Arbeitsmarkt eingetreten sind.QuelleDeutsches Institut für Wirtschaftsforschung (2013): "Wie zufrieden sind Migranten mit ihrem Leben?", S. 1155

Eine Zusammenstellung von Studien über Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Ethnie und Religion findet sich in der "Faktensammlung Diskriminierung", die 2015 von der Bertelsmann Stiftung herausgegeben wurde.QuelleBertelsmann Stiftung (2015): "Faktensammlung Diskriminierung"

Erlebte Diskriminierung
Wenn sich Menschen diskriminiert fühlen, muss das kein schlechtes Zeichen sein, schreibt der Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani im Gastbeitrag für den MEDIENDIENST. Im Gegenteil könne erlebte Diskriminierung darauf hinweisen, dass Integration gelungen ist. Denn wer Erfolge in Bildung und Berufsleben erlebt, habe höhere Ansprüche an gesellschaftliche Teilhabe – und sei damit sensibler für Diskriminierung.

Was wissen wir über Diskriminierung am Arbeitsmarkt?

Internationale Studien zeigen: Nachkommen von Einwanderern müssen bei gleicher Qualifikation zum Teil drei bis vier Mal so viele Bewerbungen schreiben wie Menschen ohne Migrationshintergrund, bis sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden.QuelleOECD (2007): "Jobs for Immigrants (Vol. 1): Labour Market Integration in Australia, Denmark, Germany and Sweden"; eine Zusammenfassung der Ergebnisse finden Sie hier

Untersuchungen aus Deutschland scheinen das zu belegen. Eine Studie des SVR Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) wurde 2008 von acht deutschen Stiftungen als unabhängiges, wissenschaftliches Expertengremium für die Bereiche Migration und Integration ins Leben gerufen. Seine Aufgaben: Bestandsaufnahmen und Entwicklungsanalysen, kritische Politikbegleitung und Öffentlichkeitsarbeit. -Forschungsbereichs von 2014 etwa kommt zu dem Ergebnis, dass Jugendliche mit einem türkischen Namen durchschnittlich deutlich mehr Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz verschicken müssen, um zu einem Gespräch eingeladen zu werden. Im Rahmen eines sogenannten Testing-Verfahrens wurden jeweils zwei Bewerbungen von gleich gut qualifizierten männlichen Jugendlichen bundesweit an rund 1.800 Betriebe verschickt. Der eine fiktive Bewerber hatte einen deutschen Namen, der andere einen türkischen.QuelleSVR (2014): "Diskriminierung am Ausbildungsmarkt – Ausmaß, Ursachen und Handlungsperspektiven", S. 4; eine Zusammenfassung der Ergebnisse finden Sie hier

Ähnliche Ergebnisse liefert eine Studie des "Instituts zur Zukunft der Arbeit" (IZA) von 2010. Demnach reicht die Angabe eines türkischen Namens, um die Chance auf ein Vorstellungsgespräch um 14 Prozent zu senken – in kleineren Unternehmen sogar um 24 Prozent. In einem Feldversuch hatten Wissenschaftler 1.000 Bewerbungen mit gleichwertigen Unterlagen für Praktikumsstellen verschickt, die per Zufall mit einem deutschen oder türkischen Namen versehen worden waren.QuelleIZA (2010): "Ethnic Discrimination in Germany's Labour Market", S. 13

Insbesondere Muslime scheinen stark von Diskriminierung am Arbeitsmarkt betroffen zu sein:

  • Eine IZA-Studie von 2016 zeigt: Musliminnen mit türkischem Namen, die ein Kopftuch tragen, müssen sich viermal so oft bewerben, um für ähnlich viele Bewerbungsgespräche eingeladen zu werden wie gleich qualifizierte Bewerberinnen mit deutschem Namen, die kein Kopftuch tragen.QuelleIZA (2016): "Discrimination against Female Migrants Wearing Headscarves", S. 12 f.
  • Laut einer Expertise der "Antidiskriminierungsstelle des Bundes" gilt das Kopftuch bei vielen Arbeitgebern "überwiegend als unerwünscht oder sogar als unvereinbar mit Berufstätigkeit".QuelleAntidiskriminierungsstelle des Bundes (2010): "Diskriminierung aufgrund der islamischen Religionszugehörigkeit im Kontext Arbeitsleben – Erkenntnisse, Fragen und Handlungsempfehlungen", S. 8

Benachteiligungen am Arbeitsmarkt können laut Experten mit dem Phänomen der sogenannten statistischen Diskriminierung zusammenhängen. Demnach greifen Arbeitgeber eher auf die sozio-demografischen Merkmale einer bestimmten Gruppe zurück, wenn sie über eine Bewerbung entscheiden – und weniger auf die individuelle Eignung des Bewerbers. Schneidet eine bestimmte ethnische Gruppen zum Beispiel in der Bildungsstatistik schlecht ab, hat der Arbeitgeber auch niedrigere Erwartungen gegenüber einzelnen Bewerbern aus dieser Gruppe.

Diskriminierung im Bereich Bildung

Diskriminierung von Schülern mit Migrationshintergrund lässt sich nur in den wenigsten Fällen beweisen. Dennoch gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass sie stattfindet:

  • Eine OECD-Studie von 2015 zeigt: Kinder aus sozial schwachen oder Einwandererfamilien haben schlechtere Chancen auf höhere Bildung als andere Kinder.QuelleOECD (2015): "Economic Policy Reforms 2015: Going for Growth", Länderprofil Deutschland, OECD-Pressemitteilung vom 9. Februar 2015
  • Mehrere Untersuchungen weisen darauf hin, dass Schüler mit Migrationshintergrund bessere Leistungen erbringen müssen als ihre Mitschüler ohne Migrationshintergrund, um eine Empfehlung für das Gymnasium zu erhalten.QuelleHartmut Ditton (2007): "Der Beitrag von Schule und Lehrern zur Reproduktion von Bildungsungleichheit"; Mechtild Gomolla/Frank-Olaf Radtke (2009): "Institutionelle Diskriminierung: Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule"; siehe hierzu auch Christine Baur (2010): Bildungsbenachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund, Expertise für die Heinrich Böll Stiftung

Auch die Vereinten Nationen und der Europarat stellen Diskriminierungen im Bildungsbereich fest. In einer Stellungnahme von 2015 empfiehlt der "UN-Ausschuss für die Beseitigung der Rassendiskriminierung" (CERD) Deutschland,

  • der Ausgrenzung und Segregation "ethnischer Minderheiten" im Schulsystem stärker entgegenzuwirken, die stark mit der Diskriminierung im Wohnungs- und Erwerbsleben zusammenhänge, und
  • die Bemühungen zu verstärken, Schülern, die Minderheiten angehören, einen gleichberechtigten Zugang zur Bildung zu gewähren.QuelleUN-Ausschuss für die Beseitigung der Rassendiskriminierung (2015): "Schlussbemerkungen zum 19. bis 22. periodischen Bericht der Bundesrepublik Deutschland", S. 11

Die "Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz" (ECRI) kritisierte 2014 in ihrem Prüfbericht:

  • Lehrer in Deutschland seien dreimal so oft geneigt, ein Kind für das Gymnasium zu empfehlen, wenn es aus einer höheren sozialen und ökonomischen Schicht kommt. Das wirke sich nachteilig auf Kinder mit Migrationshintergrund aus.
  • Die meisten Bundesländer hätten keine eigene Antidiskriminierungsstelle. Da Bildung Ländersache ist, sei der Antidiskriminierungsschutz in diesem Bereich nur mangelhaft umgesetzt.QuelleEuropäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (2014), "ECRI-Bericht über Deutschland", S. 10 f.

Diskriminierung am Wohnungsmarkt

Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt werden:

  • Laut einer Studie des "Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration" (SVR) wohnen Einwandererfamilien oft in sozial benachteiligen Stadtvierteln.QuelleSVR-Jahresgutachten 2012, S. 101 f.
  • 2014 mussten Einwanderer und ihre Nachkommen durchschnittlich höhere Mieten zahlen als Menschen ohne Migrationshintergrund. Das kann nur teilweise dadurch erklärt werden, dass sie häufiger in Großstädten leben, wo Wohnungen teurer sind.QuelleStatistisches Bundesamt (2016): Pressemitteilung "Deutliche Unterschiede in der Wohn­situation von Menschen mit und ohne Migrations­hintergrund"
  • In einer Umfrage von 2013 gaben 44 Prozent der Befragten mit Migrationshintergrund an, Diskriminierungserfahrungen bei der Wohnungssuche gemacht zu haben.QuelleDeutsches Institut für Wirtschaftsforschung (2014): "Wie zufrieden sind Migranten mit ihrem Leben?", S. 1155
  • Eine Studie zum Berliner Wohnungsmarkt zeigt: In attraktiven Vierteln vermieten einige städtische Wohnungsbaugesellschaften nur ungern an Menschen aus Einwandererfamilien – aus vermeintlicher Rücksicht auf Mieter ohne Migrationshintergrund.QuelleWissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (2011): "Draußen vor der Tür: Exklusion auf dem Berliner Wohnungsmarkt", S. 3

Welche Effekte hat Diskriminierung?

Laut einer Umfrage der "Antidiskriminierungsstelle des Bundes" (ADS) können Diskriminierungserfahrungen gravierende Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit der Betroffenen haben: Fast die Hälfte der Befragten, die Diskriminierung erlebt haben (rund 46 Prozent), gab an, dass es sie belaste, "immer wieder daran denken zu müssen". 39 Prozent sagten, dass sie durch die Diskriminierungserfahrung misstrauischer geworden seien. Nur rund 18 Prozent fühlten sich durch die Erfahrung bestärkt, weil sie sich gegen die Benachteiligung gewehrt haben.QuelleAntidiskriminierungsstelle des Bundes (2016), "Diskriminierungserfahrungen in Deutschland", S. 21

Die ständige Konfrontation mit negativen Stereotypen und Vorurteilen beeinträchtigt das Selbstwertgefühl und kann zu geringeren kognitiven Leistungen führen, schreiben Wissenschaftler in einer Expertise für die ADS. Zudem erhöhe Diskriminierung die Gefahr der Gewaltbereitschaft sowie das Risiko, selbst Opfer von Gewalt zu werden.QuelleZentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (2013): "Wechselwirkung zwischen Diskriminierung und Integration – Analyse bestehender Forschungsstände", Expertise im Auftrag der ADS, S. 42

Neben den persönlichen Folgen für die Betroffenen weisen die Autoren der Expertise auch auf negative Folgen für die Integration hin. So verhindere Diskriminierung die Eingliederung in den Arbeitsmarkt und erschwere die soziale Teilhabe. Zudem führe sie bei einigen Betroffenen dazu, dass sie sich stärker mit dem Herkunftsland identifizieren – und damit weniger bereit sind, sich in die Gesellschaft des Aufnahmelandes zu integrieren.QuelleZentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (2013): "Wechselwirkung zwischen Diskriminierung und Integration – Analyse bestehender Forschungsstände", Expertise im Auftrag der ADS, S. 42