Antisemitismus

Feindliche Einstellungen gegenüber Juden treffen in Deutschland aufgrund des millionenfachen Mordens in der Zeit des Nationalsozialismus einen besonderen Nerv. Doch wie stark ist Antisemitismus heute noch verbreitet? Wo kommt der Begriff her? Und welche unterschiedlichen Erscheinungsformen gibt es?

Was ist Antisemitismus?

AntisemitismusDer Begriff Antisemitismus ist eine Wortneuschöpfung, die erst 1897 geprägt wurde. Antisemitismus. ist eine gewisse Wort-Fehlbildung, weil unter die semitischen Sprachen auch Hebräisch, Arabisch oder Aramäisch fallen. Antisemitismus richtet sich aber ausschließlich gegen Juden. ist ein Sammelbegriff für alle Formen der Judenfeindschaft. Die genauere Definition von Antisemitismus ist jedoch umstritten. Für die politische und praktische Auseinandersetzung wird häufig die sogenannte Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) herangezogen. Mitte 2017 hat auch die Bundesregierung diese Definition angenommen: "Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein."

Antisemitismus kann historisch und ideologisch sehr unterschiedlich zutage treten. Der "Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus" (UEA) unterscheidet in seinem 2017 vorgelegten Bericht daher verschiedene Erscheinungsformen:

  • "Klassische" Ideologieformen: Als "klassisch" werden diese Formen bezeichnet, weil sie zum Großteil seit Jahrhunderten existieren. Dazu zählt zum Beispiel der "soziale Antisemitismus". Im Mittelalter galten Juden in der gesellschaftlichen Wahrnehmung als "ausbeuterische" und "unproduktive" Händler oder "Wucherer". Bis heute ist das stereotype Bild von Juden als mächtige Akteure in der Finanzwelt gängiger Bestandteil antisemitischer Vorurteilsstrukturen. Neben dem "sozialen" Antisemitismus gehören der "religiöse", der "politische", der "nationalistische" und der "rassistische" Antisemitismus zu den "klassischen" Erscheinungsformen.
  • Neuere Ideologieformen: Antisemitismus wird in Deutschland nicht zuletzt aufgrund des Nationalsozialismus gemeinhin geächtet. Doch mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind antisemitische Einstellungen nicht verschwunden. Seither zeigt sich Antisemitismus mit anderen thematischen Bezügen. So zählen der sekundäreDazu gehört zum Beispiel eine psychologisch-moralische Erinnerungsabwehr nach dem Holocaust, der Versuch einer Täter-Opfer-Umkehr oder die Forderungen nach einem Schlussstrich. Antisemitismus und der israelbezogeneDabei werden dem Staat Israel "jüdische Eigenschaften" zugeschrieben und antisemitische Stereotype bedient. Darauf aufbauend wird etwa das Existenzrecht Isreals in Frage gestellt, die Abschaffung des Staates Israel gefordert oder isrelische Politik gegenüber Palästinensern mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung gleichgesetzt. Antisemitismus zu den neueren oder auch "moderneren" Erscheinungsformen des Antisemitismus.

Die Unterscheidung der Ideologieformen dient der Einordnung. In der Realität treten aber meist Mischformen auf. Zudem weist der "Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus" darauf hin, dass es gerade bei den neueren Ideologieformen schwierig sein kann, zwischen kritischen Äußerungen und antisemitischen zu unterscheiden.QuelleBericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus (2017), S. 24-29.

Antisemitismus kann latent auftreten oder manifestiert. Manifest äußert er sich etwa in Übergriffen auf Juden, Sachbeschädigungen oder Propaganda. Als latent antisemitisch gelten Menschen, die judenfeindlich denken, aber (noch) keine Straftaten begehen. Die öffentliche antisemitische Hetze gegen Juden ist in Deutschland als Volksverhetzung strafbar. Dazu gehört auch die Leugnung des Holocausts.

Wie verbreitet ist Antisemitismus in der Gesellschaft?

Seit den 1960er Jahren dominieren sogenannte moderne Varianten des Antisemitismus, wie der "sekundäre Abgefragt wird dieser beispielsweise durch Zustimmung oder Ablehnung zu Aussagen wie "Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen."" oder der "israelbezogene" Antisemitismus. Diese Formen judenfeindlicher Ressentiments reichen Studien zufolge bis weit in die Mitte der Gesellschaft.

Die "Mitte"-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2016 verzeichnet einen Rückgang von "klassisch" antisemitischen Einstellungen. Stimmten 2014 noch rund neun Prozent der Befragten judenfeindlichen Aussagen zu, weist die Erhebung von 2016 nur noch bei rund 6 Prozent Antisemitismus nach. Einen Anstieg gab es dagegen bei subtileren Formen der Abwertung von Juden. So gaben etwa 40 Prozent der Befragten an, dass sie es bei der Politik Israels "gut verstehen" könnten, "dass man etwas gegen Juden hat". 2014 waren es noch 28 Prozent.Quelle"Gespaltene Mitte – Feindselige Einstellungen", 2016, S. 50, 43 ff.

Aus einer Bertelsmann-Studie von 2015 geht hervor: 23 Prozent der Bevölkerung stimmen der Aussage zu, "Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss". Dies ist laut Autoren ein klassischer Indikator für traditionellen Antisemitismus, der "relativ konsistent, stabil und änderungsresistent" sei. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Zustimmungswerte allerdings leicht gesunken (2013: 28 Prozent). Die Ergebnisse legten nahe, dass diese Form des Antisemitismus besonders unter älteren Befragten verbreitet ist.QuelleStudie "Deutschland und Israel heute", Bertelsmann Stiftung, 2015, Seite 72

Wissenschaftler der Universität Bielefeld haben im Auftrag des "Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus" (UEA) 2017 den ForschungsstandAusgewertet wurden Ergebnisse ausgewählter repräsentativer Umfragen der vergangenen 15 Jahre. der vergangenen 15 Jahre zu antisemitischen Einstellungen in der Bevölkerung in einer Expertise zusammengefasst.

Die sogenannte Schlussstrich-Debatte

In der Bundesrepublik gibt es den VorsatzSiehe hierzu etwa Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) "Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus" oder Artikel zur "Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus" am 27. Januar 2015 im Deutschen Bundestag der Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur, wenn es um die Gräueltaten im Nationalsozialismus und Holocaust geht. Dennoch ist die Forderung, einen Schlussstrich unter die Debatte zu ziehen, fast so alt wie die Bundesrepublik selbst.QuelleGeschichte-Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung (2012): "Schlussstrich statt Sühne".

Wissenschaftler sehen einen "sekundären Antisemitismus" als einen möglichen Grund für die Forderung nach einem Schlussstrich. Zwar sei längst nicht jeder, der sich dafür ausspricht, antisemitisch eingestellt, umgekehrt gelte allerdings: Wer antisemitisch eingestellt ist, fordere fast immer auch einen "Schlussstrich".

Zuletzt zeigte eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung, wie dominant diese Forderung in der Bevölkerung ist: Eine Mehrheit von 58 Prozent der Befragten hält es für richtig, dass nicht mehr so viel über die Judenverfolgung geredet, sondern endlich ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen werden sollte. Lediglich 38 Prozent halten das für falsch. 2013 stimmten der Forderung nach einem Schlusstrich demnach "nur" 55 Prozent zu.QuelleStudie "Deutschland und Israel heute", Bertelsmann Stiftung (2015), S. 71

Wie viele antisemitische Straftaten werden in Deutschland verübt?

Seit 1989 ist eine Zunahme antisemitischer Straftaten in Deutschland zu verzeichnen. Die fast alltägliche Gewalt reicht von verbaler Hetze über die Schändung jüdischer Friedhöfe und Einrichtungen bis hin zu körperlichen Attacken gegen Juden.

Seit 2001 werden antisemitische Straftaten unter "politisch motivierter Kriminalität" (PMK) gesondert erfasst. Die Statistik unterscheidet seit 2017 zwischen "rechten" und "linken" Tatmotiven sowie Motiven, die auf "ausländische" oder "religiöse" Ideologien zurückgehen.

Im Jahr 2017 gab es 1.504 antisemitische Straftaten, davon 37 Gewalttaten (2016: 1.468 Strafttaten, davon 34 Gewalttaten). Wie in den Jahren zuvor ging die Polizei in rund 94 Prozent der Fälle (1.412) von einer "rechten" Tatmotivation aus.QuelleBundesinnenministerium (2018): "Politisch Motivierte Kriminalität im Jahr 2017", S. 5; Bundesinnenministerium (2018): "Straf- und Gewalttaten im Bereich Hasskriminalität 2016 und 2017"; Deutscher Bundestag (2018): Drucksache 17/775, S. 21.

Die statistische Erfassung von antisemtischen Straftaten steht in der Kritik, viele antisemitische Übergriffe nicht zu erfassen. Eine Befragung von Juden des "Institut für Konflikt- und Gewaltforschung" (IKG) der Universität Bielefeld zeigt: Nur rund ein Viertel der Befragten hat einen antisemitischen Vorfall gemeldet. Organisationen wie die "Amadeu-Antonio-Stiftung" (AAS) oder die "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin" (RIAS) führen deshalb eigene Zählungen antisemitischer Übergriffe durch.QuelleUniversität Bielefeld (2017): "Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland", S. 30; "Chronik antisemitischer Vorfälle" der AAS; RIAS-Bericht "Antisemitische Vorfälle 2017".

Wie verbreitet ist Antisemitismus an Schulen?

Das "Institut für Konflikt- und Gewaltforschung" und die Soziologin Julia Bernstein von der FH Frankfurt haben für den "Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus" (UEA) Juden gefragt, wie sie Antisemitismus in Deutschland erleben. Rund 40 Prozent der Befragten gaben in der Studie an, in den vergangenen zwölf Monaten in Kindergarten, Schule, Ausbildung oder Hochschule Antisemitismus erfahren zu haben.QuelleUniversität Bielefeld (2017): "Jüdische Perspektiven in Deutschland. Ein Studienbericht für den Expertenrat Antisemitismus, S. 24f.

In der Schule zeige sich laut Studie ein direkter und aggressiver Antisemitismus, der sich in drei Erscheinungsformen unterteilen lässt:

  • Provokationen mit Bezügen zur NS-Zeit
  • Anti-israelische Haltungen, die Schüler, aber auch Lehrer äußern.
  • Verwendung des Wortes "Jude" als Beschimpfung. Sie richte sich sowohl gegen jüdische als auch nicht-jüdische Schüler. Die Beleidigung werde als Synonym für "unzuverlässige, geizige oder schwache Menschen" verwendet.Quelle Universität Bielfeld (2017): "Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland", S. 61.

Um Antisemitismus an Schulen entgegenzuwirken, setzt sich der "Unabhängige Expertenkreis" unter anderem für langfristige Kooperationen von Schulen mit NGOs und jüdischen Verbänden ein.QuelleBericht des "Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus" (2017), S. 295.

In einem MEDIENDIENST-Artikel fordern Experten, Lehrer dürften antisemitische Vorfälle nicht herunterspielen. Zudem müssten sich Schulen klar gegen Antisemitismus positionieren und für betroffene Jugendliche und Eltern einsetzen. Bei überfordernden Situationen sollten Lehrer externe Unterstützung von Beratungsstellen heranziehen. Es komme darauf an, Gegenmeinungen zu stärken und eigene Vorurteile zu hinterfragen. Zugleich warnen Experten davor, zu generalisieren und davon auszugehen, dass muslimisch sozialisierte Schüler besonders antisemitisch seien.

Aktuelle Materialien und Methoden zu antisemitismuskritischen Bildungsarbeit bieten die "KIgA", "Bildungsstätte Anne Frank", "Amadeu Antonio Stiftung" und das "Kompetenzzentrum der ZWST".

Gibt es einen verstärkten Antisemitismus unter Muslimen?

Seit rund zehn Jahren stehen Muslime im Fokus öffentlicher Debatten, wenn es um Antisemitismus geht. In letzter Zeit sind einige Studien entstanden, die Antisemitismus unter Muslimen untersuchen. Die Ergebnisse sind allerdings nicht eindeutig.

2014 kamen Forscher der Universität Bielefeld in einer umfassenden, jedoch nicht repräsentativen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass es keine gravierenden Unterschiede zwischen den antisemitischen Vorurteilen von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gebe, sofern sie nicht extremistisch orientiert sind. Die Ergebnisse der Forschung fasst Andreas Zick in einem Artikel für den MEDIENDIENST zusammen.

Eine Studie der "Universität Bielefeld" zum Antisemitismus bei Jugendlichen "aus muslimisch geprägten Sozialisationskontexten" hat 2010 ergeben, dass antisemitische Einstellungen bei ihnen insgesamt häufiger anzutreffen sind. Ist dies der Fall, sei damit jedoch meist das Gefühl von Benachteiligung verbunden, bei dem die eigenen Erfahrungen von Diskriminierung und Abwertung mit dem Leid der Muslime weltweit verknüpft werden. Daraus entstehe das Gefühl einer weltweit gedemütigten Schicksalsgemeinschaft.QuelleJürgen Mansel/Viktoria Spaiser, "Antisemitische Einstellungen bei Jugendlichen aus muslimisch geprägten Sozialisationskontexten. Eigene Diskriminierungserfahrungen und transnationale Einflüsse als Hintergrundfaktoren". In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 10, Berlin, S. 220–244. Vgl. KIGA-Newsletter 2012; Jürgen Mansel/Viktoria Spaiser: Abschlussbericht des Forschungsprojektes "Soziale Beziehungen, Konfliktpotentiale und Vorurteile im Kontext von Erfahrungen verweigerter Teilhabe und Anerkennung bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund", 2010, S. 68.

Weitestgehend einig sind sich die Wissenschaftler darüber, dass der Zusammenhang zwischen ethnischer oder religiöser Herkunft keinen alleinigen Erklärungsansatz für Ausmaß und Ausprägung antisemitischer Denkmuster bietet.QuelleJürgen Mansel/Viktoria Spaiser: Abschlussbericht des Forschungsprojektes "Soziale Beziehungen, Konfliktpotentiale und Vorurteile im Kontext von Erfahrungen verweigerter Teilhabe und Anerkennung bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund", 2010, S. 68.

Chaban Salih (empati gGmbH) hat im Auftrag des "Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus" (UEA) eine Expertise zum Themenfeld Antisemitismus und muslimische Moscheegemeinden erstellt. Dazu befragte er 18 Imame zu ihren Einstellungen gegenüber Juden und der Situation in ihren Gemeinden. Die 2017 veröffentlichte Expertise zeigt:

  • Die befragten Imame kritisierten, dass es unter den Gläubigen antisemitische Einstellungen gebe. Viele gingen jedoch davon aus, dass hinter dem Antisemitismus keine geschlossenen Ideologien, sondern unreflektierte antisemitische Stereotype stünden.
  • Einige Imame versuchten, antisemitischen Ressentiments durch Begegnungen mit Juden entgegenzuwirken.
  • Die meisten Befragten sahen den Nahost-Konflikt als politischen und nicht als religiösen Konflikt.
  • Die große Mehrheit der Befragten lehnte eine judenfeindliche Deutung des Islams ab. "Judenfeindlichkeit dürfte islamisch theologisch gesehen nicht sein", so ein Befragter.
  • In den Interviews haben sich keine radikalen antisemitischen Stereotype gezeigt. Teilweise wurde jedoch die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung deutscher und europäischer Juden mit der Situation der Palästinenser heute gleichgesetzt.QuelleBericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus (2017), S. 201ff.

Gibt es einen "importierten" Antisemitismus?

Bis vor zehn Jahren waren antisemitische Einstellungen von Migranten und ihren Nachkommen kaum ein Thema in Deutschland. In jüngster Zeit fokussiert sich die öffentliche Diskussion über antisemitische Haltungen und Übergriffe jedoch häufig auf Muslime (mit Migrationshintergrund).Quelle"Antisemitismus in Deutschland", Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, Bundesministerium des Inneren (Hrsg.), Stand August 2011, S. 78ff.

Ende 2017 haben Demonstrationen in Berlin, auf denen Israel-Fahnen verbrannt wurden, für erneute Debatten gesorgt. Wieder entbrannte eine Debatte darüber, ob es einen "neuen" und vor allem spezifisch "muslimischen Antisemitismus" gäbe, der durch "Migranten" quasi nach Deutschland importiert worden sei.

In der WissenschaftSiehe hierzu etwa Artikel von Konfliktforscher Prof. Dr. Andreas Zick "'Importierter' oder 'integrierter' Antisemitismus" für Mediendienst Integration von 2014 oder Interview mit Antisemitismusforscher Prof. Dr. Detlev Claussen "Ventil der Gefühle" von Juli 2014. herrscht weitestgehende Einigkeit darüber, dass beides nicht zutrifft: Der Antisemitismus passe sich zwar immer wieder neuen gesellschaftlichen Zusammenhängen und Diskursen an. Die Stereotype, die dabei bedient werden, blieben jedoch weitestgehend unverändertWie etwa das Bild von der "jüdischen Weltverschwörung", von "Juden als Zersetzern" oder "Kindermördern".. Dies gelte auch für den Antisemitismus unter MuslimenSo wird etwa die Reformierung des Islams dahingehend gedeutet, dass "die Juden" hinter den Reformdiskussionen stecken würden, um Muslime zu beherrschen und "den Islam" von seinem wahren Charakter zu entfernen; die "Ritualmordlegende" taucht im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt wieder auf, wenn auf pro-palästinensischen Demonstrationen vom "Kindermörder Israel" die Rede ist..

Wie viele Straftaten werden von "Migrationshintergründlern" verübt?

Wie häufig antisemitische Straftaten von Muslimen oder "Tätern mit Migrationshintergrund" verübt werden, ist unbekannt, denn statistisch wird das nicht erfasst. Zwischen 2001 und 2016 wurden antisemitische Straftaten in den Daten zur "politisch motivierten Kriminalität" zwar neben dem rechten und dem linken Milieu auch der Kategorie "Ausländer" zugeordnet. Gemeint war damit aber nicht etwa die Staatsangehörigkeit der Täter. Auch deutsche Staatsangehörige können unter die PMK-"Ausländer" fallen. Vielmehr ging es um Straftaten, bei denen "der Tatbegehung eine im Ausland begründete Ideologie zugrunde liegt", so das Bundesinnenministerium auf Nachfrage des MEDIENDIENSTES.

Seit 2017 gibt es in der polizeilichen Kriminalstatistik eine neue Unterscheidung: Statt der Kategorie "Ausländer" gibt es die Kategorien "ausländische Ideologien" und "religiöse Ideologien". Mit "ausländischen Ideologien" seien nicht-religiöse ausländische Ideologien gemeint, teilt das Bundesinnenministerium (BMI) auf Anfrage des MEDIENDIENSTES mit. "Religiöse Ideologie" meint laut BMI im Wesentlichen den Themenbereich "Islamismus".

Die Statistik zeigt, dass die Mehrheit der antisemitischen Gewalt- und Straftaten nach wie vor vom rechten Spektrum ausgeht:

Von den 1.504 antisemitischen StraftatenDazu zählen sowohl Sachbeschädigungen von Friedhöfen oder Gedenkstätten und Beleidigungen gegen Juden als auch Gewalttaten wie Körperverletzung, Brandanschläge und Tötungsdelikte., die 2017 registriert wurden, entfielen rund 94 Prozent (1.412 Straftaten) auf das rechte Spektrum, nur rund drei Prozent (41 Straftaten) auf die Kategorie "ausländische Ideologien" und rund zwei Prozent (30 Straftaten) auf "religiöse Ideologien".QuelleBundesinnenministerium (2018): "Straf- und Gewalttaten im Bereich Hasskriminalität 2016 und 2017".