Gesundheit und Migration

Wie steht es um die Gesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund? Welchen Zugang haben Asylbewerber zum Gesundheitssystem? Und wie ist die Situation von irregulären Migranten? In dieser Rubrik finden Sie Zahlen und Fakten zum Thema.

Gesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund

Vergleicht man Menschen mit und ohne MigrationshintergrundWer die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt oder mindestens einen Elternteil hat, bei dem das der Fall ist, hat einen "Migrationshintergrund". Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus aus derselben sozialen Schicht, zeigt sich: Es gibt kaum Unterschiede bei ihrer Gesundheit. Ob jemand gesund ist, hängt weniger vom Migrationshintergrund als von der sozialen Stellung ab. Menschen mit Migrationshintergrund sind zwar jüngerStatistisches Bundesamt, Ergebnisse des Mikrozensus 2015, Fachserie 1 Reihe 2.2, S.7: Altersdurchschnitt 36,0 Jahre im Vergleich zu 47,7 Jahren bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund als der Bevölkerungsdurchschnitt, aber meistens in einer schlechterenStatistisches Bundesamt, Ergebnisse des Mikrozensus 2015, Fachserie 1 Reihe 2.2, S.346: Armutsgefährdungsquote: 30,5 im Vergleich zu 12,4 bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund sozialen Lage.QuelleGesundheitsberichterstattung des Bundes 2015, S.181

Insgesamt ist die Datenlage zur gesundheitlichen Situation von Menschen mit Migrationshintergrund unvollständigSiehe 11. Lagebericht der Beauftragten der Bundesrergierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, S. 339.. Nur für einzelne Bereiche können Aussagen getroffen werden. Laut Gesundheitsberichtserstattung des Bundes nehmen Menschen mit Migrationshintergrund beispielsweise Gesundheitsleistungen - wie Untersuchungen zur Früherkennung von Krankheiten - seltener in Anspruch. Das geschehe häufig aufgrund sprachlicher und kultureller Probleme oder infolge von Diskriminierung.QuelleGesundheitsberichterstattung des Bundes 2015, S.183

Bereits 2015 forderten Migrantenorganisationen deshalb im Rahmen des Integrationsgipfels, den Einsatz von Sprachmittlern im Gesundheitswesen rechtlich zu regeln.Quelle Gesundheit und Pflege in der Einwanderungsgesellschaft, S. 2

Migrationshintergrund und Pflege im Alter

Zwar ist der Bevölkerungsanteil mit "Migrationshintergrund" deutlich jünger als derjenige ohne. Doch auch bei Menschen mit Migrationshintergrund vollzieht sich ein demographischer Wandel. So wuchs die Zahl der über 65-Jährigen mit Einwanderungsgeschichte von 2010 bis 2016 um knapp 27 Prozent auf rund 1,86 Millionen. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund insgesamt nur um knapp 18 Prozent.QuelleStatistisches Bundesamt, Ergebnisse des Mikrozensus 2010, Fachserie 1 Reihe 2.2, S.62 und Statistisches Bundesamt, Ergebnisse des Mikrozensus 2016, eigene Berechnungen

Pflege im Alter wird somit auch für Menschen mit Migrationshintergrund relevanter. Die größten pflegebedürftigen Gruppen sind frühere "Gastarbeiter" und Aussiedler beziehungsweise Spätaussiedler. Studien zeigen, dass vor allem ehemalige "Gastarbeiter" vergleichsweise früh pflegebedürftig werden. Ein Grund: Sie haben häufig unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen gearbeitet.QuelleBundesamt für Migration und Flüchtlinge "Altenpflege für Muslime" 2017, S.8

Laut einer Untersuchung des Bundesgesundheitsministeriums haben rund zehn Prozent der Pflegebedürftigen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Sie sind laut der Untersuchung durchschnittlich 66 Jahre alt und damit fast sechs Jahre jünger als Pflegebedürftige ohne Migrationshintergrund. Der Studie liegt jedoch eine Definition des Migrationshintergrundes zugrunde, die von derjenigen des Statistischen Bundesamtes abweicht.In der Studie werden zu Menschen mit Migrationshintergrund alle gezählt, "die eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzen, die selber nicht in Deutschland geboren sind oder die mindestens einen Elternteil haben, der nicht in Deutschland geboren ist." QuelleAbschlussbericht zur Wirkung des Pflege-Neuausrichtungsgesetzes (ONG) und des ersten Pflegestärkungsgesetzes (PSG I), S. 161

Gesundheit von Asylbewerbern

Asylbewerber erhalten für die Dauer ihres Verfahrens laut Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) eine eingeschränkte medizinische Versorgung für:

  • akut behandlungsbedürftige Erkrankungen,
  • chronische Erkrankungen wie Diabetes, denn diese werden akut, wenn sie nicht behandelt werden,
  • Untersuchungen vor und nach einer Schwangerschaft,
  • die von den gesetzlichen Krankenkassen empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen sowie
  • im Einzelfall Zahnersatz.

Für die medizinische Versorgung müssen Behandlungsscheine vom Sozialamt ausgestellt werden. Nach 15 Monaten steht Asylbewerbern dieselbe medizinische Versorgung zu wie gesetzlich Versicherten.

Mehrere Bundesländer sind dazu übergegangen, Asylbewerbern eine elektronische Gesundheitskarte auszuhändigen, mit der sie direkt zum Arzt gehen können. Das soll den Zugang zum medizinischen System verbessern und Verwaltungskosten reduzieren. Eine Übersicht über die Regelungen in den Bundesländern gibt das "Informationsportal zur Gesundheit von Geflüchteten".

In Deutschland gibt es keine zentrale Erhebung der Gesundheit von Asylbewerbern und Flüchtlingen. Es fehlt auch an großen Studien zum Thema. Kleinere Studien legen jedoch nahe, dass psychische Krankheiten bei ihnen weit verbreitet sind – vor allem Fälle von Posttraumatischer Belastungsstörung und Depressionen. Hier wirken sich das Leben in Gemeinschaftsunterkünften, Perspektivlosigkeit, bürokratische Hürden und kulturspezifische Erwartungen negativ auf die psychische Gesundheit aus.QuelleBozorgmehr et al. "Systematische Übersicht und "Mapping" empirischer Studien des Gesundheitszustands und der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen und Asylsuchenden in Deutschland (1990–2014)" 2016, S.11

Wie ist die Situation von irregulären Migranten?

Irreguläre Migranten sind in Deutschland von der Krankenversicherung ausgeschlossen. Zwar steht ihnen laut Asylbewerberleistungsgesetz eine Gesundheitsversorgung zu, sie können sie jedoch meist nicht in Anspruch nehmen. Denn für "Sans Papier" gilt eine MeldepflichtMeldepflicht nach §87 AufenthG aller Behörden. Das heißt: Beantragt eine Person ohne legalen Aufenthaltsstatus beim Sozialamt eine medizinische Leistung, werden ihre Daten an die Ausländerbehörde weitergegeben.

Eine Ausnahme besteht bei Notfällen. In diesen Fällen meldet sich nicht der Patient beim Sozialamt, sondern das medizinische Personal beziehungsweise das Krankenhaus. Somit unterliegt das Sozialamt dem verlängerten GeheimnisschutzGilt nach §88 AufenthG. Das heißt, es darf die Daten nicht an die Ausländerbehörde weiterleiten.

Karitative Einrichtungen wie der Malteser Hilfsdienst bieten medizinische Versorgung für irreguläre Migranten und Menschen ohne Krankenversicherung an. Hier behandeln Ärzte unter Wahrung der Anonymität.

Menschenrechtsorganisationen fordern den sogenannten anonymen Krankenschein. Dabei werden Behandlungsscheine von einer unabhängigen medizinischen Stelle vergeben. In Niedersachsen und Thüringen laufen derzeit Pilotprojekte. Auch in Berlin plant die Regierung einen anonymen Krankenschein.QuelleBerliner Koalitionsvereinbarung 2016-2021, S.172

Zahlen

Statistiken zu Menschen ohne Papiere sind schwer zu erhebenZu den Schwierigkeiten der Erfassung von Menschen ohne Papiere: Migrationsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge 2015, S.152. Das gilt insbesondere für die gesundheitliche Situation. Es fehlen bundesweite Statistiken sowie Studien, die Ergebnisse einzelner lokaler Untersuchungen zusammentragen. Lokale Studien zeigen jedoch: Die subjektive Gesundheit sowie die Versorgungslage von Menschen ohne Papiere sind deutlich schlechter als im BevölkerungsdurchschnittZu diesem Schluss kommen z.B. Kühne et al. "Subjective health of undocumented migrants in Germany" 2015, BMC Public Health, S.10. Zudem bestünden häufig WissenslückenZu diesem Schluss kommt Maren Mylius "Die medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere in Deutschland" 2016. bei Krankenhäusern und Gesundheitsämtern.QuelleKühne et al. "Subjective health of undocumented migrants in Germany" 2015, BMC Public Health, S.10, Maren Mylius "Die medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere in Deutschland" 2016

Hat rassistische Diskriminierung Einfluss auf die Gesundheit von Migranten?

Werden Menschen rassistisch diskriminiert, kann das Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit haben. Laut einer Expertise des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) ergaben Untersuchungen von US-amerikanischen Wissenschaftlern: Wenn Menschen Diskriminierung erleben, dann geht das häufig einher mit

  • Stress, Depression und Ängstlichkeit,
  • sozialem Rückzug,
  • Bluthochdruck
  • und Erhöhung der psychischen Verletzbarkeit.

Auch eine Untersuchung aus Deutschland aus dem Jahr 2007 kam zum Ergebnis, dass Diskriminierung aufgrund der Herkunft dazu führt, dass Betroffene häufiger psychische und physische Beschwerden haben.Quelle Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung: Wechselwirkung von Diskriminierung und Integration - Analyse bestehender Forschungsstände