Arbeit und Bildung

Ein Arbeitsplatz, Bildung und Deutschkenntnisse werden immer wieder als "Schlüssel zur Integration" genannt. Unter welchen Bedingungen aber dürfen Geflüchtete einem Beruf nachgehen? Welche Qualifizierungsangebote gibt es? Und wann können Flüchtlinge an Integrationskursen teilnehmen? In unserer Rubrik haben wir aktuelle Zahlen und Fakten zum Thema zusammengefasst.

Erwerbstätige und arbeitslose Flüchtlinge

Experten können noch nicht abschätzen, wie viele der neu angekommenen Flüchtlinge in Deutschland Arbeit finden werden. Laut einem "Aktuellen BerichtInstitut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Aktueller Bericht 14/2015, ab Seite 9" des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) konnten in der Vergangenheit weniger als acht Prozent der Flüchtlinge eine Beschäftigung im ersten Jahr nach der Einreise finden. Das hatte zum Teil mit den bisherigen Einschränkungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt zu tun. In den folgenden fünf Jahren stieg dieser Anteil auf knapp 50 Prozent. Nach 15 Jahren war kein Unterschied mehr zu anderen Einwanderergruppen festzustellen (siehe IAB-Kurzbericht 21.3/2014).

Die Zahlen

Bis Ende 2015 hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) den Aufenthaltsstatus der "Klienten" nicht erfasst. Die Zahlen der erwerbstätigen und arbeitslosen Flüchtlinge ließ sich nur anhand der Herkunftsstaaten schätzen. Erst seit Juni 2016 liegen der Agentur Angaben zur Zahl der Geflüchteten vor, die sich seit Anfang des Jahres arbeitssuchend oder arbeitslos gemeldet haben. Um auch ältere Fälle zu berücksichtigen, benutzt die BA also zwei getrennte Datengrundlagen für ihre Statistiken:

  • Die Zahl der Asylbewerber, anerkannten Flüchtlinge und Geduldeten, die seit 2016 bei der Bundesagentur für Arbeit registriert sind
  • und die Zahl der Menschen aus den nicht-europäischen TOP-8 Syrien, Afghanistan, Irak, Iran, Eritrea, Somalia, Pakistan und Nigeria "Asylherkunftsstaaten", die als arbeitssuchend gelten – unabhängig davon, wann sie bei der BA registriert wurden.

Geflüchtete

Im Mai 2018 waren etwa 487.000 geflüchtete Menschen bei der Bundesagentur für Arbeit oder einem Jobcenter als arbeitsuchend gemeldet. Die Mehrheit von ihnen befand sich in Integrations- oder Ausbildungsmaßnahmen und stand somit dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. 180.000 Geflüchtete waren als arbeitslos registriert – etwa so viele wie im Vorjahresmonat Mai. Das heißt: Sie standen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. 595.000 Geflüchtete im erwerbsfähigen Alter haben im Februar 2018 Leistungen nach SGB II bezogen – 21 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.QuelleBundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarkt in Kürze: Fluchtmigration, Mai 2018, Seiten 4, 8 und 11

Erwerbspersonen aus den TOP-8-"Asylherkunftsstaaten"

223.000 Menschen aus Asylherkunftsländern waren im März 2018 sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Damit ist die Zahl der Beschäftigten im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent gestiegen (QuelleBundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarkt in Kürze: Fluchtmigration, Mai 2018, Seite 12 ). Die ArbeitslosenquoteBei Personen aus Asylherkunftsländern fehlen einige Daten zur Berechnung der Arbeitslosenquote. Die Quoten werden deshalb "mit eingeschränkter Bezugsgröße" berechnet. Aufgrund dieser Berechnung fallen sie bei der Nachkommastelle immer etwas höher aus und müssen mit den Arbeitslosenquoten im Rahmen der Migrationsberichterstattung verglichen werden (die ebenfalls immer etwas höher liegt als die "gängige" Arbeitslosenquote) (vgl. BA-Methodenbericht, März 2016, Seite 8) betrug im März 2018 rund 40,5 Prozent und war somit deutlich höher als bei der Gruppe der Ausländer insgesamt (13,8 Prozent).QuelleInstitut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB): Zuwanderungsmonitor, Mai 2018, Seite 6

Was sagen die Arbeitsmarkt-Zahlen aus? Und was nicht? Die Bedeutung der einzelnen Statistiken haben wir in einem Artikel hier erklärt.

Der Ausblick

Langfristig kann der wachsende Bedarf an Arbeitskräften in Deutschland durch die Flüchtlingszuwanderung teilweise ausgeglichen werden, so der "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung". Dazu müssten die Flüchtlinge allerdings zügiger in die Arbeit kommen. Je nachdem wie gut das gelingt, rechnenSachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2015/2016, Seite 248 die Experten mit 250.000 bis 500.000 neu erwerbstätigen Flüchtlingen bis 2020. Gleichzeitig wären rund 325.000 Flüchtlinge arbeitslos. Deutsche Arbeitnehmer werden laut Expertenprognosen dadurch nicht verdrängt, da viele Flüchtlinge in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft im Niedriglohnsektor arbeiteten.QuellenInstitut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Aktueller Bericht 14/2015, Seite 8; Institut für Wirtschaftsforschung: Konjunkturprognose 2015-2017, Seite 42

Flüchtlinge in Ausbildung

Für Betriebe in Deutschland wird es immer schwieriger, neue Auszubildende zu finden. Das hat der Deutsche Industrie- und Handelskammmertag in seiner "Ausbildungsumfrage 2017" festgestellt. Flüchtlinge haben dadurch bessere Chancen auf einen Ausbildungsplatz.QuelleDeutscher Industrie- und Handelskammerrag (2017): "Ausbildungsumfrage", S. 5.

Wie viele Flüchtlinge machen eine Ausbildung?

Im September 2017 befanden sich knapp 27.800 Menschen aus den acht häufigsten "AsylherkunftsländernAktuell sind die häufigsten acht Asylherkunftsstaaten: Syrien, Afghanistan, Irak, Iran, Eritrea, Somalia, Pakistan und Nigeria" in einer dualen Berufsausbildung, wie eine Auswertung der Bundesagentur für Arbeit zeigt. Im Jahr 2015 waren es noch 6.600 Auszubildende in diesem Bereich. Die Statistik erfasst zwar nur die Herkunftsländer und nicht den Flüchtlingsstatus der Auszubildenden. Jedoch deutet der starke Anstieg der letzten Jahre darauf hin, dass mehr Flüchtlinge eine Ausbildung beginnen.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) registrierte laut Datenreport 2017 des Berufsbildungsinstituts (BIBB) im Zeitraum Oktober 2015 bis September 2016 rund 10.300 Bewerber mit Flüchtlingshintergrund, die als "ausbildungsreifDas heißt, sie verfügen über die notwendigen schulischen und psychologischen Fähigkeit, um eine Ausbildung zu machen. Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung." anerkannt waren. Rund 3.500 von ihnen konnten einen Ausbildungsvertrag abschließen, also ein gutes Drittel der gemeldeten Bewerber. Zum Vergleich: Unter "ausbildungsreifen" Bewerbern, die keine Flüchtlinge sind, liegt diese Quote bei rund 49 Prozent. Warum die Quote bei den Geflüchteten niedriger ausfällt, wird zur Zeit vom BIBB erforscht.QuelleBerufsbildungsinstitut (2017): Datenreport S. 436f. und 451.

Wer darf eine Ausbildung machen?

Wann Flüchtlinge eine Ausbildung anfangen dürfen, hängt von ihrem Aufenthaltsstatus ab und ist ähnlich wie bei der Arbeitsaufnahme geregelt:

  • Anerkannte Flüchtlinge dürfen ohne Einschränkung in Deutschland eine Ausbildung beginnen.
  • Asylbewerber können nach drei Monaten eine schulische Ausbildung beginnen. Das gilt jedoch nicht für Asylbewerber aus "sicheren Herkunftsländern": Sie dürfen während des gesamten Verfahrens weder eine Arbeit aufnehmen noch eine Ausbildung beginnen.
  • Für Geduldete gilt: Seit dem Inkrafttreten des Integrationsgesetzes im August 2016 haben sie einen Anspruch darauf, für die Zeit einer dreijährigen Ausbildung in Deutschland zu bleiben. Finden sie nach erfolgreichem Abschluss Arbeit, die ihrer Qualifikation entspricht, können sie weitere zwei Jahre bleiben ("3+2-Regelung"). Die Bundesländer sind für die Umsetzung verantwortlich. Bewerber aus "sicheren Herkunftsländern" dürfen auch mit einer Duldung unter Umständen keine Ausbildung beginnen und sind grundsätzlich von der 3+2-Regelung ausgenommen.

Flüchtlinge an Hochschulen

Flüchtlinge gelten für deutsche Hochschulen als ausländische StudienbewerberSiehe Webseite "Studieren als Flüchtling" des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Wie diese müssen sie eine Hochschulzugangsberechtigung und ausreichende Deutschkenntnisse vorweisen. Um sich einzuschreiben ist kein bestimmter Aufenthaltsstatus erforderlich. Laut einer Studie der Universität Hildesheim stehen Geflüchtete jedoch vor besonderen Schwierigkeiten, wenn ihr Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist oder sie geduldet werden: Die Wohnsitzauflage für Asylbewerber und Geduldete schränkt die Wahl des Studienorts ein. Zudem sind sie in den ersten 15 Monaten in Deutschland nicht gesetzlich krankenversichert, die Hochschulen verlangen jedoch den Nachweis einer Krankenversicherung.

Zeugnisse, die belegen, dass sie die Hochschulzugangsberechtigung in ihrem Herkunftsland bereits erworben haben, können Flüchtlinge häufig nicht vorlegen. Für diesen Fall hat sich die Kultusministerkonferenz im Dezember 2015 auf ein dreistufiges Verfahren zu Anerkennung geeinigt. Wie dieses in der Praxis umgesetzt wird, bestimmen die Bundesländer selbst.

Die Zahlen

Mehr als 2.900 "Studierende mit Fluchthintergrund" haben sich laut einer Umfrage im Wintersemester 2017/2018 neu an deutschen Hochschulen immatrikuliert – besonders in den Ingenieurwissenschaften. Seit 2015 sind damit mehr als 5.200 "Studierende mit Fluchthintergrund" neu hinzugekommen. Knapp 6.600 absolvierten im vergangenen Semester studienvorbereitende Maßnahmen. Etwa 25.000 nahmen an einer Studienberatung teil. Nach einer längeren Phase der Vorbereitung gelingt es Menschen aus Asylherkunftsländern inzwischen zunehmend, ins eigentliche Studium einzutreten.QuelleHochschulrektorenkonferenz: "Studieninteressierte und Studierende mit Fluchthintergrund an deutschen Hochschulen", Befragung unter den Mitgliedshochschulen, eigene Berechnung, März 2018, Seiten 5, 6 und 8

Das Interesse von Geflüchteten am Studium wird wohl auch in Zukunft groß sein, so das Ergebnis einer Auswertung des DAAD. Demnach ließen sich im Jahr 2016 mehr als 45.000 Personen an einer Hochschule beraten. Außerdem absolvierten mehr als 6.800 Geflüchtete einen studienvorbereitenden Kurs, der vom DAAD-Programm "Integra" gefördert wurde. Besonders häufig geht es dabei um Deutschkurse, die auf ein Fachstudium vorbereiten. Ein Großteil der Kursteilnehmer kommt aus Syrien. QuelleDAAD: "Integration von Flüchtlingen an deutschen Hochschulen", 2017, Seite 16 , Seite 21 und Seite 29

Unter welchen Bedingungen dürfen Flüchtlinge arbeiten?

Für anerkannte Flüchtlinge und Asylberechtigte gilt: Sie können uneingeschränkt arbeiten. Asylbewerber hingegen, die sich noch im Asylverfahren befinden, dürfen laut Asylverfahrensgesetz frühestens nach drei Monaten Aufenthalt in Deutschland arbeiten. Das Gleiche gilt für Menschen, die in Deutschland geduldet werden.

In den ersten 15 Monaten ist der Zugang zum Arbeitsmarkt jedoch in einigen RegionenLaut dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gehören dazu alle Regionen in Mecklenburg-Vorpommern sowie einige Regionen in Bayern (Aschaffenburg, Bayreuth-Hof, Bamberg-Coburg, Fürth, Nürnberg, Schweinfurt, Weiden, Augsburg, München, Passau, Traunstein) und Nordrhein-Westfalen (Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Oberhausen, Recklinghausen) mit hoher Arbeitslosigkeit nach dem Integrationsgesetz noch eingeschränkt: Asylsuchende und Geduldete können sich um eine Arbeit bemühen, allerdings haben nach dem "Vorrangprinzip§ 39 AufenthG" alle deutschen Arbeitnehmer, EU-Bürger und bestimmte andere AusländerBürger aus einem EWR-Staat, der Schweiz sowie Ausländer mit Arbeitsberechtigung, unbefristeter Aufenthaltserlaubnis oder Aufenthaltsberechtigung in Deutschland zuerst Anrecht auf die Stelle. Geprüft wird das von der Bundesagentur für Arbeit. Bei Fachkräften für ausgewiesene MangelberufeDie Bundesagentur für Arbeit hat die "Positivliste" mit allen Mangelberufen veröffentlicht. entfällt die "Vorrangprüfung".

Eine Ausnahme beim Arbeitsmarktzugang gilt für Asylsuchende aus "sicheren HerkunftsstaatenDas sind Staaten, die als "sicher" erklärt wurden, weil die Behörden annehmen, dass den Menschen dort keine Gefahr droht. Asylanträge aus diesen Staaten werden schneller bearbeitet. Siehe Asylverfahrensgesetz § 29a": Sie dürfen für die gesamte Zeit des Asylverfahrens nicht arbeiten. Auch für Geduldete aus diesen Ländern gibt es keine Arbeitserlaubnis. In einem Artikel hat der MEDIENDIENST die Bestimmungen für Asylbewerber aus "sicheren Herkunftsländern" zusammengefasst.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat eine Übersicht zum Thema Arbeitsmarktzugang veröffentlicht.

Welche Qualifikationen bringen Flüchtlinge mit?

Eine repräsentative Studie gibt Auskunft über die Bildungsqualifikationen von Flüchtlingen. Dafür haben das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sowie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) knapp 5.000 Erwachsene befragt, die seit 2013 Asyl beantragt haben. Die Untersuchung zeigt: 64 Prozent der Befragten haben einen mittleren oder weiterführenden Schulabschluss. 40 Prozent haben eine weiterführende Schule besucht, die zwölf Schuljahre umfasst, und mehr als ein Drittel waren auf einer Mittelschule, die über zehn Jahre geht. Doch: Jeder fünfte Geflüchtete hat lediglich die Grundschule oder keine Schule besucht (siehe Grafik).QuelleIAB-BAMF-SOEP, Befragung von Geflüchteten 2016, Seite 26

Die Forscher stellten fest: Aus Bürgerkriegsländern und Konfliktregionen wie Afghanistan, Somalia, Sudan und auch aus Teilen Pakistans kommen besonders viele Menschen, die den Schulbesuch abbrechen oder gar nicht erst beginnen konnten. Häufig gebe es dort kein funktionierendes Schulsystem. Zugleich stellt die Studie fest, dass diskriminierte Minderheiten oft ein eher geringes Bildungsniveau aufweisen, vermutlich weil sie einen schlechteren Zugang zu Bildung hätten.

Einen Berufsabschluss kann nur jeder Fünfte nachweisen. Nur ein Drittel derjenigen, die eine berufliche Qualifikation mitbringen, haben dessen Anerkennung in Deutschland beantragt. Eine Mehrheit von 66 Prozent der Flüchtlinge strebt einen beruflichen Abschluss an. Viele planen jedoch, zuerst zu arbeiten und sich später weiterzubilden. Und knapp die Hälfte der Befragten wollen einen Schulabschluss in Deutschland erlangen.QuelleIAB-BAMF-SOEP, Befragung von Geflüchteten 2016, Seiten 54 und 63

Für eine andere Untersuchung befragte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Asylbewerber auf freiwilliger Basis, ob sie in ihrem Herkunftsland gearbeitet haben. Die aktuellsten ErgebnisseMatthias Neske, Volljährige Asylantragsteller in Deutschland im Jahr 2016. Sozialstruktur, Qualifikationsniveau und Berufstätigkeit, Ausgabe 2/2016 beziehen sich auf Flüchtlinge, die 2016 Asyl beantragt haben.

  • Hier gaben 65,6 Prozent der Befragten an, dass sie im Herkunftsland einem bezahlten Beruf nachgegangen waren. 6,5 Prozent hatten keine Arbeit und 27,9 Prozent fielen in die Kategorie "Hausfrau, Rentner, Schüler, Student".
  • 9,7 Prozent haben im handwerklichen Bereich und sechs Prozent im Dienstleistungssektor gearbeitet. Jeweils 6,1 und fünf Prozent gingen Hilfstätigkeiten nach oder waren im Baugewerbe beschäftigt.
  • Unter den Frauen, die beruftstätig waren, stellen Lehrerinnen die größte Berufsgruppe (5,7 Prozent)QuelleMatthias Neske, Volljährige Asylantragsteller in Deutschland im Jahr 2016. Sozialstruktur, Qualifikationsniveau und Berufstätigkeit, Ausgabe 2/2016

Wie viele Flüchtlinge lassen ihre Abschlüsse anerkennen?

Der Aufenthaltsstatus von Antragstellern ist in der Statistik zur Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen nicht erfasst. Deswegen kann man nicht genau sagen, wie viele Flüchtlinge einen Antrag auf Anerkennung gestellt haben. Einen Anhaltspunkt bietet laut dem "Bericht zum Anerkennungsgesetz 2016" die Staatsangehörigkeit: Zwischen 2012 und 2014 stellten 1.362 Syrer, 573 Iraner und 393 Kosovaren einen Antrag auf Anerkennung. Insgesamt gab es in diesem Zeitraum 44.000 Anträge.QuelleBundesministerium für Bildung und Forschung, Bericht zum Anerkennungsgesetz 2016, Seiten 71 und 4

Sicher ist: Immer mehr Flüchtlinge informieren sich über die Möglichkeit, ihre Berufsabschlüsse anerkennen zu lassen. Die Beratungsstelle des Förderprogramms "Integration durch Qualifizierung" teilte dem MEDIENDIENST auf Anfrage mit: Im ersten Quartal 2016 suchten rund 2.600 Asylbewerber, anerkannte Flüchtlinge und Geduldete Beratung. Für 2015 liegen im "Bericht zum AnerkennungsgesetzBundesministerium für Bildung und Forschung, Bericht zum Anerkennungsgesetz 2016, Seiten 67 und 68" lediglich Zahlen für das zweite Halbjahr vor: Zwischen Juni und Dezember 2015 suchten 2.869 Flüchtlinge Beratungsbüros auf. Rund 61 Prozent von ihnen waren Syrer, gefolgt von Iranern (acht Prozent) und Afghanen (vier Prozent). Die meisten von ihnen möchten als Ingenieure, Ärzte oder Lehrer arbeiten.

Wenn jemand als Flüchtling unter schwierigen Umständen nach Deutschland kommt, kann er häufig keine schriftlichen Nachweise über Abschlüsse oder Arbeitserfahrung vorlegen. Um die Anerkennung dennoch zu ermöglichen, können Arbeitsproben oder Fachgespräche als Nachweislaut § 14 des Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG) und § 50b der Handwerksordnung (HwO) dienen. Das Projekt "Prototyping Transfer" unterstützt Handwerkskammern und andere Stellen dabei.

Für welche Berufsgruppen ist die Anerkennung wichtig?
Die Anerkennung eines ausländischen Berufsabschlusses ist vor allem dann wichtig, wenn der angestrebte Beruf "reglementiert" ist. Dann darf der Beruf ohne ein staatliches Zulassungsverfahren und ohne eine Anerkennung der Berufsqualifikation nicht ausgeübt werden. Das betrifft beispielsweise Ärzte, Krankenpfleger, Erzieher oder, unter bestimmten Umständen, Selbstständige. Ist der Beruf "nicht-reglementiert", dann ist die Anerkennung nicht zwingend erforderlich, aber kann dennoch sinnvoll sein, damit Arbeitgeber die Qualifikationen besser einschätzen können.QuelleBundesamt für Migration und Flüchtlinge, Hintergrundinformationen zur Anerkennung

Kinder aus Flüchtlingsfamilien an Schulen

Die Schulpflicht in Deutschland gilt auch für geflüchtete Kinder und Jugendliche. In einigen Bundesländern (Berlin, Bremen, Hamburg, Saarland und Schleswig-Holstein) setzt die Schulpflicht schon mit dem Asylantrag ein. In anderen dagegen beginnt sie nach drei (wie in Bayern und Thüringen) oder sechs Monaten (wie in Baden-Württemberg). Unabhängig davon gilt das Recht auf einen Schulbesuch.

Wie viele Flüchtlingskinder in Deutschland zu Schule gehen werden, lässt sich bisher nur schätzenGrundlage dafür sind die 1,1 Millionen Registrierte im EASY-System 2015. Das System erfasst nicht das Alter der Schutzsuchenden. Deswegen wird Altersstruktur der Asylbewerber von 2015 auf die EASY-Zahlen hochgerechnet. Bei den EASY-Zahlen sind Fehl- und Doppelerfassungen nicht ausgeschlossen.. Der im Auftrag des Bundesbildungsministeriums (BMBF) erstellte Bericht "Bildung in Deutschland 2016", geht von 90.000 bis 120.000Siehe hierzu "Bildung in Deutschland 2016, S. 200 Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 16 Jahren mit Fluchterfahrung aus, die 2015 angekommen sind. Das entspräche einem Anteil zwischen 0,8 bis 1,1 ProzentIm Schuljahr 2015/2016 besuchten rund elf Millionen Schülerinnen und Schüler eine allgemeinbildende Schule, siehe Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom 11.03.2016 an allen Schülern in Deutschland.

Einer Studie des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache zufolge sind im Jahr 2015 knapp 56.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren aus Syrien nach Deutschland zugewandert. Aus Afghanistan kamen 23.500, aus dem Irak 11.000. Die Studie hat Daten des Statischen Bundesamtes und des Ausländerzentralregisters ausgewertet. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 wanderten knapp 13.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren aus Syrien und 4.000 aus Afghanistan ein.QuelleMercator-Institut, "Neu zugewanderte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Entwicklungen im Jahr 2015", 2016, S.19

Wie viele Lehrer für die neuen Schüler gebraucht werden, kann zur Zeit ebenfalls nur geschätzt werden. Das BMBF rechnet mit dem Bedarf von 10.500 bis 14.000 Lehrkräften sowie 600 bis 800 Sozialarbeitern. Das würde zwischen 837 Millionen Euro und 1,1 Milliarden kosten.QuelleBMBF, Bildung in Deutschland 2016, S. 201

Je nach Bundesland nehmen geflüchtete Kinder und Jugendliche entweder von Anfang am regulären Unterricht teil oder sie werden eine Zeitlang in gesonderten Klassen unterrichtet. Die "Robert Bosch Expertenkommission zur Neuausrichtung der Flüchtlingspolitik" hat eine Übersicht für die Willkommensklassen, Sprachlernklassen, Auffangklassen und Vorlaufklassen aller Bundesländer erstellt.

In einer Expertise für den MEDIENDIENST schreiben die Bildungswissenschaftlerinnen Juliane Karakayali und Birgit zur Nieden zu Berliner "Willkommensklassen": Die separierte Beschulung produziert eine Reihe von organisatorischen Problemen – etwa durch eine hohe Fluktuation in den Klassen. Die Forscherinnen empfehlen, geflüchtete Kinder möglichst schnell in Regelklassen zu integrieren und separaten Deutschunterricht anzubieten.

Integrationskurse für Flüchtlinge

Mit der Reform des Zuwanderungsrechts wurden 2005 sogenannte Integrationskurse eingeführt, von denen auch Flüchtlinge profitieren. Neben einem Orientierungskurs beinhalten sie einen SprachkursDer Sprachkurs umfasst 600 Unterrichtsstunden, der Orientierungskurs 100 Unterrichtsstunden., der "ausreichendeAusreichende Kenntnisse entsprechen dem Niveau B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) für Sprachen" Deutschkenntnisse vermitteln soll. Verpflichtend ist die Teilnahme an einem Integrationskurs für Flüchtlinge nur dann, wenn ihr Asylantrag bewilligt wurde und die Ausländerbehörde eine solche Teilnahme anordnet.

Asylbewerber, die sich noch im laufenden Asylverfahren befinden, durften bis Oktober 2015 nicht an den Integrationskursen teilnehmen. Um auch ihre Integration zu beschleunigen, hat die Bundesregierung eine entsprechende Reform im AsylverfahrensbeschleunigungsgesetzSiehe Artikel der Bundesregierung vom 26.10.2015 beschlossen, wonach auch "Asylbewerber und Geduldete mit guter BleibeperspektiveEine "gute Bleibeperspektive" ist laut BAMF gewährleistet, wenn ein Mensch aus einem Herkunftsland kommt, das eine Schutzquote von über 50 Prozent aufweist. Derzeit sind das Syrien, Irak, Eritrea, Iran und Somalia." einen Integrationskurs besuchen können. Menschen aus bestimmten Herkunftsländern dürfen seither an den Kursen teilnehmen, sobald sie einen Asylantrag gestellt und eine Aufenthaltsgestattung erhalten haben (das BAMF hat dazu ein FAQ-Papier veröffentlicht). Mit dem Integrationsgesetz können Asylbewerber auch zu Integrationskursen verpflichten werden.

Aktuelle Zahlen zu Menschen aus Asyl-Herkunftsländern, die an Integrationskursen teilnehmen, finden Sie in unserer Rubrik "Sprache".

Welche Qualifizierungsangebote gibt es für Flüchtlinge?

Sprachkurse

Für Asylbewerber ohne "gute Bleibeperspektive" bietet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sogenannte Erstorientierungskurse an. Menschen aus "sicheren Herkunftsstaaten" dürfen daran jedoch nicht teilnehmen. Die Kurse umfassen 300 Stunden. Sie sollen laut Angaben des BAMF Wissen über Themen wie "Gesundheit, Mobilität, Einkauf oder Sitten und Gebräuche sowie Regeln des Zusammenlebens in Deutschland" sowie Deutschkenntnisse vermitteln.QuelleBAMF: Pressemitteilung vom 8. August 2017

Zudem haben mehrere Bundesländer eigene AngeboteEinen guten Überblick bietet das Themendossier "Sprachvermittlung und Spracherwerb für Flüchtlinge der Robert Bosch Expertenkommission, ab Seite 10 für Sprachkurse. Daneben organisieren bundesweit Ehrenamtliche Sprachkurse in Vereinen oder Kirchengemeinden.

Junge Flüchtlinge, die in Deutschland ein Studium beginnen oder weiterführen wollen, können vom Bundesprogramm "Garantiefonds Hochschule" unterstützt werden. Es bietet Stipendien und Sprachkurse sowie Hilfe bei der Anerkennung von Leistungen, der Studienwahl und der Qualifizierung. Das Familienministerium (BMFSFJ) fördert das Programm.

Berufsvorbereitende (Sprach-)Kurse

Für 2017 sind laut einer Pressemitteilung des Bundesarbeitsministeriums jährlich 200.000 Plätze vorgesehen. Flüchtlinge können damit an die Integrationskurse anschließen, wenn sie ein gutes Sprachniveaunach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen ist das Niveau B1 vorweisen. Wer teilnehmen darf, entscheiden Arbeitsagenturen und Jobcenter. Die Umsetzung erfolgt durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Diese Kurse sollen die derzeitigen ESF-BAMF-Kurse nach und nach ersetzen.

Die sechs- bis achtwöchige Maßnahme "Perspektiven für Flüchtlinge" (PerF) der Bundesagentur für Arbeit wendet sich an Asylbewerber, anerkannte Flüchtlinge und Asylberechtigte sowie Geduldete mit Arbeitsmarktzugang. Sie erhalten Informationen über den deutschen Arbeitsmarkt, die Anerkennung von Abschlüssen in Deutschland sowie Hilfe bei Bewerbungen, der Arbeitsplatzsuche und der Weiterentwicklung berufsbezogener Sprachkenntnisse.