Islam

Während sich der öffentliche und mediale Diskurs um Integration bis in die 1990er Jahre meist um "Ausländer", "Türken" oder Asylbewerber drehte, sind seit 2000 "die Muslime" in den Fokus gerückt. In der Wissenschaft ist deshalb von einem "Paradigmenwechsel" in der Integrationsdebatte die Rede.

Wie viele Muslime leben in Deutschland?

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat dazu 2016 eine Schätzung veröffentlicht. Demnach lebten zum Stichtag 31.12.2015 rund 4,4 bis 4,7 Millionen Muslime in Deutschland. Das entspräche einem Anteil von 5,4 bis 5,7 Prozent an der Gesamtbevölkerung.QuelleBAMF: Wie viele Muslime leben in Deutschland 2016

Zum Vergleich: Rund 58 Prozent der Menschen in Deutschland gehören einer christlichen Kirche an. Mehr als ein Drittel ist konfessionslos.QuelleEKD: Zahlen und Fakten zum kirchlichen Leben in Deutschland 2017

Das BAMF geht davon aus, dass sich die Zahl der Muslime in Deutschland seit dem Jahr 2011 um etwa 1,2 Millionen erhöht hat. Gut jeder vierte Muslim wäre damit erst zwischen 2011 und 2016 nach Deutschland gekommen. Die genaue Anzahl der Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland lässt sich aber nur schwer bestimmen. Die Religionszugehörigkeit wird in Deutschland nur in Ausnahmefällen erfasst. Und weder gibt es im Islam eine Kirche, aus der man austreten kann, noch führen Moscheegemeinden so etwas wie ein Taufregister. Fest steht aber, dass nur eine Minderheit regelmäßig eine Moschee besucht oder Mitglied in einer muslimischen Gemeinde oder einem muslimischen Verband Mitglied ist. Mehr als zwei Drittel aller muslimischen Frauen trägt auch kein Kopftuch.

Die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus hat 2013 in einer Expertise für den MEDIENDIENST erklärt, warum die statistische Erfassung der in Deutschland lebenden Muslime schwierig ist und auf die methodischen Schwächen der BAMF-Studie hingewiesen.

Wie steht Deutschland im europäischen Vergleich da?

Deutschland steht, mit rund 4,7 Millionen Muslimen, im europäischen Vergleich an zweiter Stelle. Nur in Frankreich leben, mit rund 5,7 Millionen, nominell noch mehr Muslime. Das geht aus Erhebungen der Pew Research Center in Washington, D.C. hervor. Was den Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung betrifft, liegt Deutschland im europäischen Vergleich nur im oberen Mittelfeld. An der Spitze liegen in dieser Hinsicht Länder wie Bosnien und Albanien, die mehrheitlich muslimisch geprägt sind. Auch Staaten wie Zypern, Bulgarien und Griechenland verfügen traditionell über große muslimische Minderheiten, die dort schon sehr lange verwurzelt sind. Aber auch in westeuropäischen Einwanderungsländern wie Frankreich, Schweden, Belgien, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz liegt der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung etwas höher als in Deutschland.

In Umfragen wird die Zahl und der Anteil der Muslime an der Bevölkerung oft weitaus höher eingeschätzt als er tatsächlich ist. Das hat das Meinungsforschungsinstitut Ipsos 2016 in einer vergleichenden Umfrage in über 40 Ländern ermittelt. Auch bei der Einschätzung, wie sich der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung ihrer Länder in Zukunft entwickeln wird, greifen die Bürgerinnen und Bürger in vielen europäischen Staaten oft viel zu hoch.

Wie stark wird die Zahl der Muslime in Deutschland zunehmen?

Das Pew Research Center in Washington geht davon aus, dass die Zahl der Muslime in Europa in den kommenden Jahren leicht zunehmen wird. In einer Studie aus dem Jahr 2017 hat es errechnet, dass sich die Zahl der Muslime in Deutschland durch weitere Einwanderung und eine - im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen - etwas höhere Geburtenrate von Muslimen bis zum Jahr 2050 auf sechs bis 8,5 Millionen erhöhen könnte. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung würde dann 8,7 Prozent bis 10,8 Prozent betragen. Deutsche Experten halten diese Prognosen für realistisch.

Das Pew Forum schätzt die Zahl der Muslime in Deutschland allerdings bereits für das Jahr 2016 auf 4,95 Millionen (6,1 Prozent), was leicht über den Schätzungen des BAMF liegt. Durch die Einwanderung von Geflüchteten aus Ländern wie Syrien und dem Irak hat die Zahl der Muslime in Deutschland zugenommen. Daraus Prognosen für die Zukunft abzuleiten ist aber generell schwierig, warnen Wissenschaftler, die sich mit Zukunftsprognosen beschäftigt haben

Welchen Glaubensgemeinschaften gehören sie an?

Für die repräsentative Untersuchung "Muslimisches Leben in Deutschland" (2009) wurden Muslime auch danach gefragt, welcher islamischen Glaubensrichtung sie sich zurechnen würden. Demnach zählen sich fast drei Viertel selbst zu den sunnitischen Muslimen (s. Grafik). Das entspricht der Dominanz der Sunniten in der Türkei, aber auch weltweit. Einschränkend muss gesagt werden, dass die Unterteilung in Sunniten, Schiiten, Aleviten o.a. nicht von allen Muslimen geteilt wird. Hinzu kommt, dass sich Gruppen überschneiden können. So kann man beispielsweise einer Sufigemeinschaft angehören, die zugleich sunnitisch und schiitisch ist.

Quelle: Muslimisches Leben in Deutschland, BAMF 2009, Seite 97. © Mediendienst Integration

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, weil es im Islam keinen Papst oder eine vergleichbare, von allen Muslimen gleichermaßen anerkannte religiöse Autorität gibt. Auch die Muslime in Deutschland besitzen keinen Repräsentanten, auf den sich alle einigen könnten. Die repräsentative Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" von 2009 ging deshalb auch der Frage nach, durch wen sich die Muslime in Deutschland vertreten fühlen. Demnach

  • kennen rund zwei Drittel der befragten Muslime mindestens einen der großen Islamischen Dachverbände, die in der Deutschen Islam Konferenz des Bundesinnnenministeriums vertreten sind.
  • fühlen sich etwa 25 Prozent der Muslime von ihnen vertreten. Anders gesagt, fühlen sich demnach drei Viertel der Muslime in Deutschland durch keinen der großen Islamischen Dachverbände vertreten.QuelleMuslimisches Leben in Deutschland, BAMF, 2009, S. 179

Die Moscheenlandschaft in Deutschland ist von unten gewachsen und unübersichtlich. Aktuell sind etwa 70 Prozent der islamischen Gebetsräume und Moscheen in Dach- und Spitzenverbänden auf Bundesebene oder in Moscheezusammenschlüssen auf Landesebene organisiert.

Vier große, überwiegend türkisch-sunnitisch geprägte muslimische Dachverbände haben sich 2007 im "Koordinationsrat der Muslime" (KRM) zusammen geschlossen. Dazu gehören:

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB)

Ditib vertritt bundesweit rund 900 lokale Moscheevereine und ist eng mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet in Ankara verbunden. In den Ditib-Moscheen predigen Imame, die in der Regel an türkischen Universitäten ausgebildet und vom türkischen Staat wie Beamte für eine befristete Zeit nach Deutschland entsandt werden. Der Verband wurde 1984 gegründet. Aktueller Vorsitzender ist seit 2014 der Theologe Dr. Nevzat Yasar Asikoglu.

Anschrift: Venloer Str. 160, 50823 Köln. Tel: 0221 50 80 00. Pressekontakt: presse[αt]ditib.de

Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IRD)

Der Islamrat vertritt bundesweit 448 Moscheevereine. Vorsitzender des Islamrats ist Burhan Kesici. Mitgliederstärkster Verband im Islamrat ist die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), die bundesweit 406 Moscheegemeinden vertritt. Die IGMG ist aus der türkischen Milli-Görüs-Bewegung ("Nationale Sicht") heraus entstanden und wird von einigen Landesbehörden und dem Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet. Vorsitzender der IGMG ist Kemal Ergün, Generalsekretär ist Bekir Altas.

Anschrift: Colonia Allee 3, 51067 Köln. Tel: 0221 942 240 250. Pressekontakt: presse[αt]igmg.org

Der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ)

Der VIKZ vertritt bundesweit 300 Moschee- und Bildungsvereine. Er wurde 1973 in Deutschland gegründet und ist aus der von dem türkischen Prediger und Gelehrten Süleyman Hilmi Tunahan (1888-1959) inspirierten Bewegung hervor gegangen. Als Präsident des VIKZ amtiert seit 2014 Mehmet Duran.

Anschrift: Vogelsanger Str. 290, 50825 Köln. Tel: 0221 95 44 10 68. Pressekontakt: presse[αt]vikz.de

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD)

Der Zentralrat vertritt bundesweit etwa 300 Moschevereine, die in 35 Dachverbänden zusammen geschlossen sind. Er vereint sunnitisch wie schiitisch geprägte Dachorganisationen und Einzelmitglieder unterschiedlicher Nationalitäten. Vorsitzender ist seit 2010 Aiman Mazyek.

Anschrift: Sachsenring 20, 50677 Köln. Tel: 0221 139 44 50. Pressekontakt: presse[αt]zentralrat.de.

Diese vier Dachverbände vertreten zusammen nach eigenen Angaben die Mehrheit der Moscheegemeinden in Deutschland. Daneben gibt es aber noch weitere islamische Verbände, die ebenfalls Mitglied der Deutschen Islam Konferenz (DIK) sind, dem zentralen Dialogforum des Bundesinnenministeriums.

Die Islam. Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS)

Die IGS wurde 2009 gegründet und vertritt die meisten der etwa 180 schiitischen Gemeinden in Deutschland. Ihre Mitglieder stammen vorwiegend aus Iran, Irak, Libanon, Pakistan und Afghanistan. Vorsitzender ist Scheikh Mahmood Khalilzadeh, Leiter des Islamischen Zentrums in Frankfurt am Main.

Anschrift: Harzer Str. 51-52, 12059 Berlin. Tel: 030 311 71 307. Pressekontakt: info@igs-deutschland.org

Die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD)

Die IGBD wurde 1994 gegründet und unterhält enge Beziehungen zur Islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina. Ihre Mitglieder betrachten den Reis-I-Ulema (Vorsitzender der Gelehrten bzw. Großmufti) in Sarajewo als ihr geistliches Oberhaupt. Vorsitzender der IGBD ist Paso Fetic.

Anschrift: Rheinstr. 64, 65185 Wiesbaden. Tel: 0611 360 298 95. Pressekontakt: sekretariat@igbd.org

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland (AMJ)

Die AMJ vertritt eine der beiden Strömungen der 1889 in Südasien entstandenen Ahmadiyya-Bewegung. Sie ist seit 1923 in Deutschland aktiv und seit 2013 in Hamburg und Hessen als erste islamische Gemeinschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) anerkannt. Sie unterhält nach eigenen Angaben bundesweit 52 repräsentative Moscheebauten, 105 weitere Gebetsräume und 225 lokale Gemeinden. Ihre Mitglieder betrachten ihren in London lebenden Kalifen Mirza Masroor Ahmad als ihr geistliches Oberhaupt. Als Vorsitzender ("Emir") in Deutschland amtiert seit 1984 Abdullah Uwe Wagishauser.

Anschrift: Genfer Str. 11, 60437 Frankfurt a.M. Tel: 069 506 88 641. Pressekontakt: presse@ahmadiyya. Dr. Mohammad Dawood Majoka. Tel: 0163 302 74 73

Der Zentralrat der Marokkaner in Deutschland (ZRMD)

Der ZMRD vertritt nach eigenen Angaben rund 100 Moscheegemeinden, von denen 47 Gemeinden eingetragene Mitglieder sind. Der Verband wurde 2008 gegründet und wird vom marokkanischen Staat unterstützt. Seine Imame werden in Kooperation mit dem marokkanischen Ministerium für religiöse Angelegenheiten und Stiftungen ausgewählt und bleiben in der Regel auf Dauer in Deutschland. Vorsitzender ist Ahmed Hammouti.

Anschrift: Strahlenberg Str. 105 - 107, 63067 Offenbach. Tel: 069 24 44 97 20. Pressekontakt: hammoutiahmed@yahoo.de

Die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF)

Die Alevitische Gemeinde ist seit 2006 Mitglied der Deutschen Islam Konferenz (DIK). Sie vertritt über 150 lokale Gemeinden und erhebt den Anspruch, die Interessen der etwa 500.000 Aleviten in Deutschland zu vertreten. In mehreren Bundesländern ist die Alevitische Gemeinde als Religionsgemeinschaft anerkannt und darf dort z.B. einen eigenständigen Religionsunterricht anbieten. Viele Aleviten betrachten sich selbst aber nicht als Muslime, sondern als eine eigenständige Glaubensgemeinschaft, weil sie viele islamische Grundüberzeugungen nicht teilen und eigene Rituale haben. Sie beten zum Beispiel nicht in Moscheen, sondern treffen sich in Cem-Häusern. Die AABF wurde 1989 gegründet, ihr aktueller Vorsitzender ist Hüseyin Mat.

Anschrift: Stolberger Str. 137, 50933 Köln. Tel: 0221 949 85 60. Pressekontakt: info[αt]alevi.com. Melek Yildiz, melek.yildiz@alevi.com

All diese Verbände sind Ansprechpartner, wenn es in Bund und Ländern um einen staatlichen Dialog mit Muslimen in Deutschland geht.

Wo wird islamischer Religionsunterricht als Schulfach angeboten?

Derzeit bieten mehrere Bundesländer einen islamischen Religionsunterricht an, oder sie erproben ihn noch in Modellprojekten. In Bremen und Hamburg gibt es einen interkonfessionellen Religionsunterricht. In Bayern und Schleswig-Holstein wird ein Fach "Islamkunde" in staatlicher Verantwortung angeboten. In den fünf östlichen Bundesländern gibt es kein Angebot für muslimische Schüler.

Dem Grundgesetz nach ist Religionsunterricht als versetzungsrelevantes Fach in Übereinstimmung mit den Religionsgemeinschaften zu erteilen. Das bedeutet, die Bundesländer müssen die Religionsgemeinschaften bei der Erstellung der Lehrinhalte und der Auswahl der Lehrkräfte einbinden.

Laut der Untersuchung "Muslimisches Leben in Deutschland" von 2009 wünschen sich 76 Prozent der Muslime in Deutschland an öffentlichen Schulen einen islamischen Religionsunterricht.

Hessen

Hessen war das erste Bundesland, das einen islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen eingeführt hat. Dem hessischen DİTİB-Landesverband und der Ahmadiyya Muslim Jamaat wurde das Recht auf Erteilung von bekenntnisorientiertem Religionsunterricht gewährt.

Niedersachsen

Niedersachsen hat im Schuljahr 2013/14 ebenfalls einen regulären islamischen Religionsunterricht eingeführt. Derzeit nehmen daran rund 3.000 Kinder an landesweit 62 Schulen teil.

Nordrhein-Westfalen

Nordrhein-Westfalen hat 2012 einen provisorischen Islamunterricht eingeführt. Er wird derzeit landesweit an 234 Schulen angeboten wird. 19.400 Schülerinnen und Schüler nehmen daran teil – so viele wie in keinem anderen Bundesland. Das liegt auch an dem hohen Anteil von Muslimen an der Gesamtbevölkerung. Der Modellversuch ist bis 2019 befristet und unterscheidet sich von einem Religionsunterricht im Sinne des Grundgesetzes dadurch, dass ein achtköpfiger Beirat seine Lehrinhalte bestimmt und das Lehrpersonal auswählt. Dieser Beirat besteht zur Hälfte aus Vertretern, die das Schulministerium in NRW ernennt, zur anderen Hälfte aus Vertretern muslimischer Verbände. Zwei Verbände scheiterten 2017 mit einer Klage gegen dieses Modell. Das Oberverwaltungsgericht in Münster entschied, die Verbände hätten keinen Anspruch auf Erteilung eines eigenständigen Religionsunterrichts, weil sie keine anerkannten Religionsgemeinschaften seien.

Bayern

Bayern bietet derzeit an über 300 Schulen einen Islamunterricht in staatlicher Verantwortung an. Der Modellversuch wurde 2009 gestartet und seitdem zwei Mal verlängert. 2019 läuft er ein weiteres Mal aus.

Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Saarland

Auch in Rheinland-Pfalz (seit 2004), Baden-Württemberg (seit 2006/2007) und dem Saarland (seit 2015/2016) gibt es islamischen Religionsunterricht bislang nur im Rahmen von Modellversuchen. Um daraus einen Regelunterricht zu machen, müsste es anerkannte Religionsgemeinschaften auf muslimischer Seite als Partner geben.

Hamburg

In Hamburg gibt es einen "Religionsunterricht für alle", der von der evangelischen Kirche verantwortet und von anderen ReligionsgemeinschaftenSeit 2012 islamische Gemeinden, Evangelische Kirche und jüdische Gemeinde unterstützt wird. Dieser "dialogische Unterricht" ist auch als "Hamburger Weg" bekannt. Dabei erhalten Schüler eine Einführung in unterschiedliche Religionen. Der Islam wird von muslimischen Pädagogen unterrichtet.

Bremen

Bremen erlaubt eine Ausnahme vom bekenntnisorientierten Religionsunterricht, wie ihn das Grundgesetz vorsieht ("Bremer Klausel"). Dort wurde 2014 das Fach "Biblische Geschichte" durch das neue Fach "Religion" abgelöst. In den "Beirat der Religionsgemeinschaften" wurden Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche, der islamischen Verbände und der jüdischen Gemeinde berufen.

Berlin

In Berlin ist Religionsunterricht kein Pflichtfach. Schülerinnen und Schüler können dort aber einen bekenntnisorientierten Unterricht als freiwilliges, nicht versetzungsrelevantes Fach besuchen. Bereits seit 2001 wird islamischer Religionsunterricht in Berlin von der "Islamischen Föderation" erteilt, die sich dieses Recht vor Gericht erstritten hat. Derzeit wird er an 33 Berliner Grundschulen angeboten, rund 5.400 Schülerinnen und Schüler nehmen daran teil. Die "Islamische Föderation" vertritt ein gutes Dutzend Moscheegemeinden und gilt als Landesverband der "Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs" (IGMG), die im Islamrat vertraten ist. Auch die Alevitische Gemeinde bietet an einigen Berliner Schulen einen eigenen Religionsunterricht an.

Brandenburg

In Brandenburg gibt es ebenfalls keinen bekenntnisorientierten Religionsunterricht als Pflichtfach. Der Islam wird nur im Fach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde berücksichtigt.

Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt

Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt bieten keinen eigenen islamischen Religionsunterricht an, weil es zu wenig Schüler muslimischen Glaubens gibt. Auch Mecklenburg-Vorpommern hat keinen Islamunterricht, eine Einführung ist derzeit auch nicht geplant.

Schleswig-Holstein

Schleswig-Holstein bietet an derzeit an 18 Grundschulen einen "islamkundlichen Unterricht" an. Islamische Religionsgemeinschaften sind daran nicht beteiligt. Derzeit nehmen etwa 1.400 Kinder daran teil.

An welchen Universitäten wird islamische Theologie gelehrt?

Auf Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) wurden 2011 bundesweit fünf Zentren für Islamische Theologie an sechs staatlichen Universitäten eingerichtet.

  • Das Institut für Islamische Theologie (IIT) an der Universität Osnabrück,
  • Das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster
  • Das Zentrum für Islamische Theologie (ZITh) an der Eberhard Karls-Universität in Tübingen,
  • Das Zentrum für Islamische Studien (ZEFIS) an der Goethe-Universität in Frankfurt und der Justus-Liebig-Universität in Gießen
  • Das Department Islamisch-Religiöse Studien (DIRS) an der Friedrich-Alexander Universität in Erlangen-Nürnberg

An diesen Standorten werden Lehrer für den islamischen Religionsunterricht ausgebildet, aber auch Sozialarbeiter und Theologen für die Arbeit in Moscheen und islamischen Organisationen. An einigen Zentren entstehen außerdem Schulbücher für den islamischen Religionsunterricht. Seit dem Wintersemester 2016/17 sind mehr als 2.000 Studierende in Bachelor- und Master-Studiengängen sowie in Lehramts-Studiengängen eingeschrieben. Nach einer positiven Evaluierung Ende 2015 wurde das BMBF-Programm bis 2020 verlängert.

Neben diesen Zentren entstanden weitere islamische Lehrstühle an der Akademie der Weltreligionen (AWR) der Universität Hamburg und am Zentrum für Komperative Theologie und Kulturwissenschaften (ZeKK) der Universität Paderborn. Der Berliner Senat hat ebenfalls beschlossen, ein Institut für Islamische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin einzurichten, und stellt für die Gründungsphase 500.000 Euro zur Verfügung.

In Baden-Württemberg wurden zudem an drei pädagogischen Hochschulen - in Karlsruhe, Ludwigsburg und Freiburg – neue Studiengänge für islamische Theologie und Religionspädagogik ins Leben gerufen. Sie dienen der Ausbildung des Lehrpersonals für den Islamischen Religionsunterricht.

Außerdem entsteht seit 2017 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main eine "Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft" (AIWG). Sie soll die überregionale und interdisziplinäre Forschung ermöglichen und die wissenschaftliche Konsolidierung der islamisch-theologischen Studien fördern. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert die Akademie bis 2022 mit rund 8,5 Millionen Euro. Die Stiftung Mercator gibt weitere 2,8 Millionen Euro dazu.

Die meisten Zentren für Islamische Theologie arbeiten mit Beiräten islamischer Religionsgemeinschaften zusammen. Sie stimmen mit ihnen die Besetzung von Lehrstühlen oder die Erstellung von Studien- und Prüfungsordnungen ab. Die Besetzung dieser Beiräte war aber an mehreren Standorten umstritten.

Wie viele muslimische Frauen tragen ein Kopftuch?

Das Kopftuch ist in öffentlichen Debatten zu einem Symbol für den Islam in Deutschland geworden. Dabei ist es nicht repräsentativ für muslimische Frauen in Deutschland, wie Untersuchungen zum Thema zeigen:

  • Im Rahmen der Untersuchung "Muslimisches Leben in Deutschland" gaben 2009 nur 23 Prozent der befragten Musliminnen an, immer ein Kopftuch zu tragen.
  • Rund acht Prozent antwortete mit "manchmal" oder "meistens".
  • Die überwiegende Mehrheit (rund 70 Prozent) der muslimischen Frauen dagegen trägt demnach nie ein Kopftuch.QuelleMuslimisches Leben in Deutschland, Studie im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz, 2009, S. 199.

Nichtsdestrotz sind Frauen mit Kopftuch ein populäres MotivBesonders beliebt ist das Symbolfoto einer Frau, die "Integration" an eine Tafel schreibt., wenn es in Medienbeiträgen oder Publikationen um Muslime oder ganz allgemein um Integrationsthemen geht. Sinnvoll wäre es, bei der Bildauswahl stärker darauf zu achten, ob es um Integrationsthemen, um Muslime insgesamt oder um Kopftuchträgerinnen im Besonderen geht. (Vgl. Bildkonzept vom MEDIENDIENST.)

Wo ist das muslimische Kopftuch verboten?

In einem Grundsatzurteil hat das Bundesverfassungsgericht 2015 ein generelles Kopftuchverbot für Lehrerinnen an öffentlichen Schulen für unzulässig erklärt, weil es dem Grundrecht auf Glaubensfreiheit widerspreche. Nur bei einer konkreten Gefährdung des Schulfriedens seien Einschränkungen erlaubt. Mehrere Bundesländer haben daraufhin ihre bestehenden Verbote für Lehrerinnen und andere Staatsbeamte aufgehoben. Dennoch bleibt das Kopftuch mancherorts und in manchen Berufen verboten.

Das Bundesland Berlin etwa hält an seinem 2005 erlassenen "Neutralitätsgesetz" fest. Es legt fest, dass Lehrkräfte keine "sichtbaren religiösen und weltanschaulichen Symbole" wie das Kopftuch tragen dürfen. Dieses Verbot gilt nicht für den Religions- und Ethikunterricht sowie für private Schulen und Berufsschulen. Es gilt aber auch für Beamtinnen und Beamten in der Rechtspflege, dem Justizvollzug und der Polizei in Berlin.

In manchen Bundesländern sind in den letzten Jahren neue Kopftuch-Verbote erlassen worden. Baden-Württemberg etwa hat im Jahr 2017 das Tragen "religiöser Symbole" im Gerichtssaal untersagt. Richterinnen und Richter, Staatsanwälte und Rechtsrefrendare dürfen seitdem weder Kopftuch noch Kippa tragen. Schöffen und ehrenamtliche Richter sind von dem Gesetz ausgenommen.

Nordrhein-Westfalen will ebenfalls seinen Richtern, Staatsanwälten, Rechtsreferendaren, Schöffen und Justizmitarbeitern vor Gericht das Tragen "religiös oder weltanschaulich anmutender Kleidung" untersagen. Das sehen die Pläne für ein "Neutralitätsgesetz" vor, welches das Justizministerium im März 2018 dem Kabinett vorlegte.

Auch in Bayern dürfen Richter und Staatsanwälte "keine sichtbaren religiös oder weltanschaulich geprägten Symbole oder Kleidungsstücke" tragen. Das schreibt das Richtergesetz vor, das im Februar 2018 vom Landtag verabschiedet wurde. Christliche Kreuze dürfen in bayrischen Gerichtssälen aber weiterhin hängen.

Was weiß man über Konvertiten in Deutschland?

Wie viele Menschen in Deutschland zum Islam übertreten wurde bisher nicht umfassend untersucht. Es ist auch nicht bekannt, wie viele Muslime sich vom Islam abwenden oder zum Christentum konvertieren. Tatsächlich ist das kaum überprüfbar, da die Religionszugehörigkeit hierzulande statistisch nicht erfasst wird. Jeder Religionswechsel ist eine persönliche Entscheidung. Im Islam gibt es zudem nicht so etwas wie eine offizielle Taufe, und nicht jeder Konvertit lässt sich seinen Schritt schriftlich von einer Religionsgemeinschaft seiner Wahl bestätigen.

Die Politikwissenschaftlerin Nilden Vardar hat für ihre Promotion das Selbstverständnis deutscher Konvertiten untersucht. Ihr Fazit: "Konvertiten sind genauso vielfältig und heterogen wie die restliche muslimische Community". Ob Akademiker oder spirituell interessierter Teenager – gemein sei den meisten, dass sie schon vorher bereits gläubige Menschen waren. Laut der Untersuchung "Konversion zum Islam in Deutschland und den USA" (1999) dient der Glaubensübertritt bei Vielen vor allem dazu, persönliche Krisen oder Verunsicherungen im Leben zu kompensieren.

Wenn Menschen Muslime werden wollen, hat das nur selten mit Radikalisierung zu tun. Selbst Verfassungsschützer, die regelmäßig auf die Bedrohung durch extremistische Konvertiten hinweisen, stellen fest, dass der überwiegende Teil der Übertritte "nicht islamistisch motiviert ist".QuelleVerfassungsschutz NRW: Bericht "Konvertiten - im Fokus des Verfassungsschutzes?", 2011