Islam

In der Wissenschaft ist von einem "Paradigmenwechsel" die Rede: Während sich der öffentliche und mediale Diskurs um Integration bis in die 90er Jahre meist um "Ausländer", "Türken" oder "Asylanten" drehte, sind seit 2000 vor allem "die Muslime" in den Fokus der Debatten gerückt.

Wie viele Muslime leben in Deutschland?

Eine Hochrechnung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) kommt auf 4,4 bis 4,7 Millionen Muslime (Stichtag: 31.12.2015). Das entspricht einem Anteil von 5,4 bis 5,7 Prozent an der Gesamtbevölkerung von 82,2 Millionen Menschen in Deutschland. Die genaue Anzahl der Muslime lässt sich nur schwer bestimmen, da in Deutschland die Religionszugehörigkeit der Einwohner nur in Ausnahmefällen erfasst wird.

Die Schätzung beruht auf der Untersuchung "Muslimisches Leben in Deutschland" von 2009, mit deren Hilfe der Anteil der Muslime in Deutschland für das Jahr 2011 annähernd berechnet werden konnte. Hinzu kommen Muslime, die seit 2011 eingewandert sind.

Berechnung

  • 2008 waren rund 6.000 Menschen mit Migrationshintergrund aus LändernAfghanistan, Ägypten, Albanien, Algerien, Aserbaidschan, Äthiopien, Bangladesch, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Elfenbeinküste, Eritrea, Gambia, Ghana, Guinea, Indien, Indonesien, Irak, Iran, Israel, Jemen, Jordanien, Kamerun, Kasachstan, Kirgisistan, Kosovo, Libanon, Liberia, Libyen, Malaysia, Marokko, Mazedonien, Montenegro, Mosambik, Nigeria, Pakistan, Russische Föderation, Saudi-Arabien, Senegal, Serbien, Sierra Leone, Somalia, Sudan, Syrien, Togo, Tunesien, Türkei, Turkmenistan, Usbekistan und "ehemaliges Jugoslawien" mit "signifikant muslimischem Anteil" nach ihrer Religionszugehörigkeit gefragt worden.
  • Dann wurde der Anteil derer, die sich als Muslime bezeichnen, auf alle Einwanderer aus dem jeweiligen Land hochgerechnet. Grundlage dafür sind die Daten des Zensus 2011.
  • Im dritten Schritt wurden alle Muslime hinzugerechnet, die zwischen 2011 und 2015 eingewandert sind. Laut Daten zu Asylbewerbern und aus dem Ausländerzentralregister sind das rund 1,2 Millionen Menschen.
  • Muslime ohne Migrationshintergrund (z.B. Konvertiten) oder mit anderem Migrationshintergrund kommen in der Rechnung nicht vor. Kinder von Muslimen, die zwischen 2011 und 2015 in Deutschland geboren wurden, werden ebenfalls nicht mitgerechnet.

Die Wissenschaftler haben diese Methode der Selbstbefragung gewählt, weil sie davon ausgehen, dass nicht alle Einwanderer und ihre Nachkommen aus einem muslimisch geprägten Land auch tatsächlich selbst Muslime sind. Beispielsweise bezeichnet nur die Hälfte der Menschen mit iranischem Migrationshintergrund sich als muslimisch (siehe auch MEDIENDIENST-Expertise von 2013 zur Datenlage über Muslime).

Welchen Glaubensgemeinschaften gehören sie an?

Bei der Untersuchung "Muslimisches Leben in Deutschland" (2009) wurde nach einzelnen Religionsrichtungen gefragt. Die Ergebnisse finden Sie in der untenstehenden Grafik. Dabei muss betont werden, dass die Unterteilung in Schiitisch, Sunnitisch, Alevitisch etc. von Muslimen nicht durchweg bejaht wird. Hinzu kommt, dass die Studie die Befragten dazu zwingt, sich für eine Gruppe zu entscheiden, obwohl einige der Gruppen sich überschneiden können. So kann man beispielsweise einer sunnitischen und schiitischen Sufigemeinschaft angehören.

Quelle: Muslimisches Leben in Deutschland, BAMF 2009, Seite 97. © Mediendienst Integration

Organisationen und Interessensvertretungen

Wer ist der richtige Ansprechpartner, wenn es um einen staatlichen Dialog mit Muslimen in Deutschland geht? Diese Frage ist für Muslime nicht eindeutig geklärt, denn hier gibt es keine Strukturen wie bei den christlichen Kirchen.

Mit dem Anspruch, die Mehrheit der Muslime in Deutschland besser zu vertreten, haben sich 2007 folgende vier muslimischen Verbände im "Koordinationsrat der Muslime" (KRM) zusammengetan:

  • Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD)
  • Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IRD)
  • Türkisch-Islamische Union (DITIB)
  • Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ)

Nach eigenen Angaben vertritt der Koordinationsrat rund 85 Prozent der Moscheegemeinden in Deutschland. Nicht dabei ist die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF), die als einziger großer Verband in einigen Bundesländern als Religionsgemeinschaft anerkannt ist. Einige ihrer Funktionäre tun sich schwer damit, sich in die Kategorie "Muslime" einzuordnen. Dennoch sind sie seit 2006 Mitglied der Deutschen Islam Konferenz (DIK), dem zentralen Dialogforum des Bundesinnenministeriums.

Die umfassende Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" sollte auch Antwort auf die Frage nach dem Vertretungsanspruch der Verbände geben. Demnach

  • kennen rund zwei Drittel der befragten Muslime mindestens einen der in der Deutschen Islam Konferenz vertretenen Dachverbände.
  • fühlen sich etwa 25 Prozent der Muslime tatsächlich von ihnen vertreten.QuelleMuslimisches Leben in Deutschland, BAMF, 2009, S. 179

Islamischer Religionsunterricht

76 Prozent der Muslime wünschen sich einen islamischen Religionsunterricht, so die Befragungsergebnisse im Rahmen der Untersuchung "Muslimisches Leben in Deutschland". Laut Grundgesetz ist islamischer Religionsunterricht als versetzungsrelevantes Fach in Übereinstimmung mit den Religionsgemeinschaften zu erteilen. Das bedeutet, die Bundesländer müssen sie bei der Erstellung der Lehrinhalte und der Auswahl der Lehrkräfte einbinden.

Aktuell bieten acht Bundesländer islamischen Religionsunterricht an oder erproben diesen in Modellprojekten:

  • Nordrhein-Westfalen hat 2011 ein Gesetz erlassen, um bis 2019 islamischen Religionsunterricht schrittweise als Schulfach einzuführen.
  • Hessen und Niedersachsen haben das Fach im Schuljahr 2013/14 regulär eingeführt.
  • Im Hamburg haben sich alle Religionsgemeinschaftenislamische Gemeinden, Evangelische Kirche und jüdische Gemeinde entschieden, einen "Religionsunterricht für alle" anzubieten. Dabei erhalten Schüler eine Einführung in unterschiedliche Religionen, der Islam wird von muslimischen Pädagogen unterrichtet.
  • In Berlin, wo Religionsunterricht grundsätzlich kein Pflichtfach ist, können Schüler einen bekenntnisorientierten Unterricht als freiwilliges, nicht versetzungsrelevantes Fach besuchen, der seit 2001 von der Islamischen Föderation erteilt wird.
  • Schleswig-Holstein bietet das Fach "Islamunterricht" ohne Beteiligung islamischer Religionsgemeinschaften an.
  • In Bremen und Brandenburg werden nicht-bekenntnisorientierte Lehrkonzepte unterrichtet.
  • Zudem gibt es in einigen Bundesländern Schulversuche, wie etwa in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland und Bayern.

Lehrstühle für islamische Theologie

Anfang 2010 empfahl der Wissenschaftsrat, Hochschulzentren für islamisch-theologische Forschung einzurichten. Deutschland brauche eine "fundierte Ausbildung von Religionsgelehrten" an staatlichen Hochschulen. Hintergrund war die steigende Zahl von Schulversuchen mit Islamkunde oder bekenntnisorientiertem Religionsunterricht für Muslime.

Für eine flächendeckende Einführung islamischen Religionsunterrichtes in Deutschland werden rund 2.000 Lehrkräfte benötigt, so das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Das Ministerium hat rund 20 Millionen Euro für fünf Jahre zur Verfügung gestellt, um an vier Standorten Zentren für islamische Theologie einzurichten. Dabei handelt es sich um (gemeinsame) Einrichtungen der Universitäten

Was weiß man über Konvertiten in Deutschland?

Wie viele Menschen in Deutschland zum Islam übertreten, wurde bisher nicht umfassend untersucht. In öffentlichen Debatten wird die Zahl der Konvertiten zwischen 10.000 und 100.000 geschätzt. Tatsächlich ist sie jedoch kaum ermittelbar, da die Zugehörigkeit zum Islam hierzulande statistisch nicht erfasst wird. Zudem kann man sehr unbürokratisch Moslem werden: Es gibt keine offizielle Taufe und nicht jeder Konvertit lässt sich seine persönliche Entscheidung schriftlich von einer Religionsgemeinschaft bestätigen.

Dennoch ist in der Presse immer wieder von einem dramatischen Anstieg der Konversionen die RedeSo berichtete etwa der Spiegel 2007 über eine Vervierfachung der Übertritte innerhalb eines Jahres.. Grundlage sind dabei meist Schätzungen des Islam-Archivs in Soest. Diese Zahlen werden jedoch weder vom Zentralrat der Muslime (ZMD) noch der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) bestätigtsiehe hierzu MDI-Artikel von 2013.

Auch über die Beweggründe von Konvertiten weiß die Forschung noch sehr wenig. Aus den vorliegenden Studien ist lediglich erkennbar: Mit Radikalisierung hat es nur in den seltensten Fällen zu tun, wenn Menschen Muslime werden wollen. Selbst Verfassungsschützer, die regelmäßig auf die Bedrohung durch extremistische Konvertiten hinweisen, stellen fest, dass der überwiegende Teil der Übertritte "nicht islamistisch motiviert ist".QuelleVerfassungsschutz NRW: Bericht "Konvertiten - im Fokus des Verfassungsschutzes?", 2011

Die Politikwissenschaftlerin Nilden Vardar hat für ihre Promotion die politischen Selbstverständnisse untersucht. Ihr Fazit: "Konvertiten sind genauso vielfältig und heterogen wie die restliche muslimische Community". Ob Akademiker oder spirituell interessierter Teenager – gemein sei den meisten, dass sie auch vorher bereits gläubige Menschen waren. Laut der Untersuchung "Konversion zum Islam in Deutschland und den USA" (1999) dient der Glaubensübertritt vor allem dazu, persönliche Krisen oder Verunsicherungen im Leben zu kompensieren.

Unterschied zwischen Islam und Islamismus

Der Begriff "Islamismus" bezieht sich auf die VerknüpfungVgl. Glossar der "Neuen Deutsche Medienmacher": Neue Begriffe für die Einwanderungsgesellschaft, 2013 Seite 12. von Islam und Politik. Ein Islamist ist eine Person, deren politische Einstellung stark von religiösen Vorstellungen geprägt ist.

Die UrsprüngeSiehe dazu Christine Schirrmacher: Geistesgeschichtliche Ursprünge des politischen Islams, Friedrich Ebert Stiftung 2011. des modernen Islamismus liegen im sogenannten "Reformislam" der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Islamistische Parteien und Bewegungen sind in fast allen muslimischen Ländern aktiv.

Politik- und Islamwissenschaftler unterscheiden zwischen einem "politischen bzw. institutionellen" und einem "militanten bzw. dschihadistischen" Islamismus. Zur ersten Strömung zählen unter anderem die marokkanische Regierungspartei PJD und die ehemalige Regierungspartei Tunesiens, Ennahda, ebenso wie die türkische "Millî Görüş"-Bewegung – die unter dem Kürzel IGMG die größte islamistische Organisation in Deutschland darstellt. Sie alle streben die Umsetzung ihrer religiösen Vorstellungen auf staatlicher Ebene an.

Zum "militanten" Islamismus gehören Organisationen, die ihre politischen Ziele durch militärische beziehungsweise terroristische Mittel verfolgen, wie die libanesische Partei Hezbollah oder die Terrororganisationen Islamischer Staat (IS) und Al-Qaida.

Was ist Salafismus?

Salafismus ist eine Strömung des sunnitischen Islams, die eine Rückkehr zu einer idealisierten Frühzeit des Glaubens predigt. Das Wort "Salaf" heißt auf Arabisch "Ahnen" oder "Vorfahren". Salafisten behaupten, ihren Lebensstil streng nach den Lehren des Korans und den Geboten der "Sunna", der Handlungsweisen des Propheten, zu gestalten. Auch die ersten Prophetengefährten, die Salaf, dienen als Vorbild.QuelleBundeszentrale für Politische Bildung, Salafismus 2012

Nach Angaben des deutschen Innenministeriums handelt es sich dabei um die derzeit "dynamischste islamistische Bewegung" in Deutschland. Vor allem für Jugendliche soll die salafistische Ideologie eine starke Anziehungskaft haben. Der VerfassungsschutzVerfassungsschutzbericht 2015, Seite 155 schätzt, dass es sich um 8.350 Anhänger handelt. Da sich jedoch ein wesentlicher Teil der Aktivitäten im Internet und sozialen Netzwerken abspielt, ist die Größe schwer zu fassen. Der Islamwissenschaftler Jörn Thielmann hat 2014 in einem ArtikelJörn Thielmann "Schweigen? — Die deutschen islamischen Verbände und die Salafisten" in Frank Peter, Rafael Ortega (hrsg.) "Islamic Movements of Europe" 2014 die Beziehung zwischen Salafismus und islamischen Verbänden in Deutschland analysiert.

Das Bundesinneministerium unterscheidet zwischen einem "politischen" und einem "dschihadistischen" Salafismus. Während die Mehrheit der deutschen Salafisten sich auf Propaganda-Tätigkeiten stützt, um ihre politischen Ziele zu erreichen, ist nur eine Minderheit tatsächlich gewaltbereit. Auffällig ist allerdings, dass nach Angaben des Verfassungschutzes "fast alle in Deutschland bisher identifizierten terroristischen Netzwerkstrukturen und Einzelpersonen" salafistisch geprägt sind.QuelleBundesinnenministerium: Islamismus und Salafismus 2014. Verfassungsschutz: Jahresbericht 2013, Seite 222

In einer Studie, die 2011 vom Innenministerium in Auftrag gegeben wurde, wird jedoch vor Pauschalisierungen gewarnt: "Die meisten fundamentalistisch-religiösen Muslime lehnen religiös motivierte Gewalt ab. Wirft man nun derartigen Gruppierungen vor, Hass zu predigen, oder wirft man sie mit islamistischen Extremisten in einen Topf, verstärkt man nur das diese Gruppierungen einigende Gefühl, Opfer einer kollektiven Diskriminierung zu sein."QuelleLebenswelten junger Muslime in Deutschland 2011, Seite 649