Islam

Während sich der öffentliche und mediale Diskurs um Integration bis in die 1990er Jahre meist um "Ausländer", "Türken" oder Asylbewerber drehte, sind seit 2000 "die Muslime" in den Fokus gerückt. In der Wissenschaft ist deshalb von einem "Paradigmenwechsel" in der Integrationsdebatte die Rede.

Wie viele Muslime leben in Deutschland?

Die genaue Anzahl der Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland lässt sich nur schwer bestimmen, da die Religionszugehörigkeit der Einwohner nur in Ausnahmefällen erfasst wird. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) kommt in einer Hochrechnung auf 4,4 bis 4,7 Millionen Muslime, die derzeit in Deutschland leben (Stichtag: 31.12.2015). Das entspricht einem Anteil von 5,4 bis 5,7 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Zum Vergleich: Rund 58 Prozent der 82,2 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, gehören einer christlichen Kirche an. Mehr als ein Drittel ist ohne Konfession.

Wie kommt das BAMF zu seinen Zahlen?

Die Schätzung des BAMF beruht auf der Untersuchung "Muslimisches Leben in Deutschland" von 2009. Dafür wurden rund 6.000 Menschen mit Migrationshintergrund aus LändernAfghanistan, Ägypten, Albanien, Algerien, Aserbaidschan, Äthiopien, Bangladesch, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Elfenbeinküste, Eritrea, Gambia, Ghana, Guinea, Indien, Indonesien, Irak, Iran, Israel, Jemen, Jordanien, Kamerun, Kasachstan, Kirgisistan, Kosovo, Libanon, Liberia, Libyen, Malaysia, Marokko, Mazedonien, Montenegro, Mosambik, Nigeria, Pakistan, Russische Föderation, Saudi-Arabien, Senegal, Serbien, Sierra Leone, Somalia, Sudan, Syrien, Togo, Tunesien, Türkei, Turkmenistan, Usbekistan und "ehemaliges Jugoslawien" mit "signifikant muslimischem Anteil" nach ihrer Religionszugehörigkeit gefragt. Die Wissenschaftler haben die Methode der Befragung gewählt, weil sie davon ausgehen, dass nicht alle Einwanderer und deren Nachkommen aus einem muslimisch geprägten Land automatisch selbst Muslime sind. Beispielsweise bezeichnet sich nur die Hälfte der Menschen mit iranischem Migrationshintergrund als muslimisch.

Der Anteil derjenigen, die sich in der Umfrage als Muslime bezeichneten, wurde dann auf alle Einwanderer aus dem jeweiligen Land hochgerechnet. Grundlage dafür bildeten die Daten des Zensus 2011. Hinzu wurden Muslime gezählt, die zwischen 2011 und 2015 nach Deutschland eingewandert sind. Laut Daten zu Asylbewerbern und aus dem Ausländerzentralregister sind das rund 1,2 Millionen Menschen. Konvertiten oder Muslime, die aus einem nicht muslimisch geprägten Land stammen, kommen in der Rechnung nicht vor. Kinder von Muslimen, die zwischen 2011 und 2015 in Deutschland geboren wurden, werden ebenfalls nicht mitgerechnet. Über die Schwächen der statistischen Erfassung der in Deutschland lebenden Muslime hat die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus 2013 eine Expertise für den MEDIENDIENST verfasst.

Wie steht Deutschland im europäischen Vergleich da?

Rein zahlenmäßig weist Deutschland, nach Frankreich mit rund 5,7 Millionen Muslimen, die größte muslimische Bevölkerung in Europa auf. Was den Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung betrifft, liegt es im europäischen Vergleich aber nur im oberen Mittelfeld. Denn Länder wie Bosnien und Albanien sind schon traditionell mehrheitlich muslimisch geprägt. In Zypern, Bulgarien und Griechenland sind aus historischen Gründen größere muslimische Minderheiten zu Hause. Und in Frankreich, Schweden, Belgien, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz liegt der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung nach Erhebungen der Pew Research Center in Washington, D.C. höher als in Deutschland.

Der Anteil der Muslime an der Bevölkerung wird in vielen europäischen Ländern in Umfragen oft weitaus höher eingeschätzt als er tatsächlich ist. Das hat das Meinungsforschungsinstitut Ipsos 2016 in einer vergleichenden Umfrage in über 40 Ländern ermittelt. Auch bei der Einschätzung, wie sich der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung ihrer Länder in Zukunft entwickeln wird, greifen die Bürgerinnen und Bürger in vielen europäischen Staaten oft viel zu hoch.

Wie stark wird die Zahl der Muslime in Deutschland zunehmen?

Durch die Einwanderung von Geflüchteten aus Ländern wie Syrien und dem Irak leben heute mehr Muslime in Deutschland als vor dem Jahr 2015. Daraus Prognosen abzuleiten ist aber schwierig. Das Pew Research Center in Washington geht davon aus, dass sich der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung in den kommenden Jahren in den meisten europäischen Ländern erhöhen wird. In einer Studie aus dem Jahr 2017 hat es errechnet, dass sich die Zahl der Muslime in Deutschland bis zum Jahr 2050 durch Einwanderung und eine etwas höhere Geburtenrate als andere Bevölkerungsgruppen auf sechs Millionen (das entspräche einem Anteil von 8,7 Prozent an der Gesamtbevölkerung) bzw. 8,5 Millionen (10,8 Prozent der Gesamtbevölkerung) erhöhen könnte. Bei einer außergewöhnlich starken Zuwanderung könnte ihre Zahl sogar auf 17,5 Millionen steigen. Dann läge ihr Anteil bei 19,7 Prozent. Die letztgenannte Entwicklung ist aber sehr unwahrscheinlich. Das Pew Forum schätzt die Zahl der Muslime in Deutschland außerdem bereits für das Jahr 2016 auf 4,95 Millionen (6,1 Prozent), was leicht über den offiziellen Schätzungen des BAMF liegt.

Welchen Glaubensgemeinschaften gehören sie an?

Für die repräsentative Untersuchung "Muslimisches Leben in Deutschland" (2009) wurden Muslime auch danach gefragt, welcher islamischen Glaubensrichtung sie sich zurechnen würden. Demnach zählen sich fast drei Viertel selbst zu den sunnitischen Muslimen (s. Grafik). Das entspricht der Dominanz der Sunniten in der Türkei, aber auch weltweit. Einschränkend muss gesagt werden, dass die Unterteilung in Sunniten, Schiiten, Aleviten o.a. nicht von allen Muslimen geteilt wird. Hinzu kommt, dass sich Gruppen überschneiden können. So kann man beispielsweise einer Sufigemeinschaft angehören, die zugleich sunnitisch und schiitisch ist.

Quelle: Muslimisches Leben in Deutschland, BAMF 2009, Seite 97. © Mediendienst Integration

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Die Moscheenlandschaft in Deutschland ist von unten gewachsen und unübersichtlich. Aktuell sind etwa 70 Prozent der islamischen Gebetsräume und Moscheen in Dach- und Spitzenverbänden auf Bundesebene oder in Moscheezusammenschlüssen auf Landesebene organisiert.

Die repräsentative Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" (2009) ging auch der Frage nach, wie viele Muslime sich durch die großen Islamischen Verbände in Deutschland vertreten fühlen. Demnach

  • kennen rund zwei Drittel der befragten Muslime mindestens einen der Islamischen Dachverbände, die in der Deutschen Islam Konferenz vertreten sind.
  • fühlen sich etwa 25 Prozent der Muslime von ihnen vertreten. Anders gesagt: drei Viertel der Muslime in Deutschland fühlen sich durch keinen der großen Islamischen Dachverbände vertreten.QuelleMuslimisches Leben in Deutschland, BAMF, 2009, S. 179

Vier große, überwiegend türkisch-sunnitisch geprägte muslimische Dachverbände haben sich 2007 im "Koordinationsrat der Muslime" (KRM) zusammen geschlossen. Dazu gehören:

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB)

Ditib vertritt bundesweit rund 900 lokale Moscheevereine und ist eng mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet in Ankara verbunden. In den Ditib-Moscheen predigen Imame, die in der Regel an türkischen Universitäten ausgebildet und vom türkischen Staat wie Beamte für eine befristete Zeit nach Deutschland entsandt werden. Ditib-Vorsitzender ist seit 2014 der Theologe und Religionspädagoge Dr. Nevzat Yasar Asikoglu.

Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland e.V. (IRD)

Der Islamrat vertritt bundesweit insgesamt 448 Moscheevereine. Vorsitzender des Islamrats ist seit 2013 Burhan Kesici. Mitgliederstärkster Verband im Islamrat ist die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), die bundesweit 406 Moscheegemeinden vertritt. Die IGMG ist aus der türkischen Milli-Görüs-Bewegung ("Nationale Sicht") heraus entstanden und wird von einigen Landesbehörden und dem Bundesamt vom Verfassungsschutz beobachtet. Vorsitzender der IGMG ist seit 2011 Kemal Ergün, Generalsekretär ist Bekir Altas.

Der Verband der Islamischen Kulturzentren e.V. (VIKZ)

Der VIKZ vertritt bundesweit 300 Moschee- und Bildungsvereine. Er wurde 1973 in Deutschland gegründet und ist aus der von dem türkischen Prediger und Gelehrten Süleyman Hilmi Tunahan (1888-1959) inspirierten Bewegung hervor gegangen. Als Präsident des VIKZ amtiert seit 2014 Mehmet Duran.

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD)

Der Zentralrat vertritt bundesweit etwa 300 Moschevereine, die in 35 Dachverbänden zusammen geschlossen sind. Er vereint sunnitisch wie schiitisch geprägte Dachorganisationen und Einzelmitglieder unterschiedlicher Nationalitäten. Vorsitzender ist seit 2010 Aiman Mazyek.

Diese vier Dachverbände vertreten zusammen nach eigenen Angaben die Mehrheit der Moscheegemeinden in Deutschland. Sie sind wichtige Ansprechpartner, wenn es in Bund und Ländern um einen staatlichen Dialog mit Muslimen in Deutschland geht. Daneben gibt es aber noch weitere islamische Verbände, die ebenfalls Mitglied der Deutschen Islam Konferenz (DIK) sind, dem zentralen Dialogforum des Bundesinnenministeriums.

Islam. Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands e.V. (IGS)

Die IGS wurde 2009 gegründet und vertritt die meisten der etwa 180 schiitischen Gemeinden in Deutschland. Ihre Mitglieder stammen vorwiegend aus Iran, Irak, Libanon, Pakistan und Afghanistan. Vorsitzender ist Scheikh Mahmood Khalilzadeh, Leiter des Islamischen Zentrums in Frankfurt am Main.

Die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland e.V. (IGBD)

Die IGBD wurde 1994 gegründet und unterhält enge Beziehungen zur Islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina. Ihre Mitglieder betrachten den Reis-I-Ulema (Vorsitzender der Gelehrten bzw. Großmufti) in Sarajewo als ihr geistliches Oberhaupt. Vorsitzender der IGBD ist Paso Fetic.

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland (AMJ)

Die AMJ vertritt eine der beiden Strömungen der 1889 in Südasien entstandenen Ahmadiyya-Bewegung. Sie ist seit 1923 in Deutschland aktiv und seit 2013 in Hamburg und Hessen als erste islamische Gemeinschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) anerkannt. Sie unterhält nach eigenen Angaben bundesweit 52 repräsentative Moscheebauten, 105 weitere Gebetsräume und 225 lokale Gemeinden. Ihre Mitglieder betrachten ihren in London lebenden Kalifen Mirza Masroor Ahmad als ihr geistliches Oberhaupt. Als Vorsitzender ("Emir") in Deutschland amtiert seit 1984 Abdullah Wagishauser.

Der Zentralrat der Marokkaner in Deutschland e.V. (ZRMD)

Der ZMRD vertritt nach eigenen Angaben rund 100 Moscheegemeinden, von denen 47 Gemeinden eingetragene Mitglieder sind. Der Verband wurde 2008 gegründet und wird vom marokkanischen Staat unterstützt. Seine Imame werden in Kooperation mit dem marokkanischen Ministerium für religiöse Angelegenheiten und Stiftungen ausgewählt und bleiben in der Regel auf Dauer in Deutschland. Vorsitzender ist Ahmed Hammouti.

Auch die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. (AABF)

Die Alevitische Gemeinde ist seit 2006 Mitglied der Deutschen Islam Konferenz (DIK). Sie vertritt über 150 lokale Gemeinden und erhebt den Anspruch, die Interessen der etwa 500.000 Aleviten in Deutschland zu vertreten. In mehreren Bundesländern ist die Alevitische Gemeinde als Religionsgemeinschaft anerkannt und darf dort z.B. einen eigenständigen Religionsunterricht anbieten. Viele Aleviten betrachten sich selbst aber nicht als Muslime, sondern als eine eigenständige Glaubensgemeinschaft, weil sie viele islamische Grundüberzeugungen nicht teilen und eigene Rituale haben. Sie beten zum Beispiel nicht in Moscheen, sondern treffen sich in Cem-Häusern.

Wie integriert sind Muslime in Deutschland?

Eine Studie"Muslime in Europa - integriert aber nicht akzeptiert?" Bertelsmann-Stiftung 2017 der Bertelsmann-Stiftung hat 2017 festgestellt, dass die Integration von Muslimen in Deutschland besser ist als ihr Ruf.

Demnach gaben 78 Prozent der befragten Muslime in Deutschland an, in ihrer Freizeit regelmäßigen Kontakt mit Nichtmuslimen zu haben. Nur zwei Prozent pflegten gar keinen Kontakt. Bei 64 Prozent der Muslime bestand der Freundeskreis mindestens zur Hälfte aus Nichtmuslimen. 96 Prozent gaben an, sich mit Deutschland verbunden zu fühlen. Insgesamt zeigten sich die befragten Muslime stärker religiös als Gläubige anderer Religionen. 41 Prozent der befragten Muslime wurden als "stark religiös" eingestuft, aber nur 16 Prozent der befragten Nichtmuslime.QuelleBertelsmann-Stiftung 2017: Religionsmonitor 2017, S. 32, S. 38, S.33 und S. 34

Die Studie fragte auch danach, wie viele Muslime bereits im Kindesalter Deutsch als erste Sprache gelernt haben. Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den Generationen. Unter denjenigen, die selbst eingewandert sind, hatten 23 Prozent Deutsch als erste Sprache gelernt. In der Generation ihrer Kinder lag der Anteil bei 73 Prozent.QuelleBertelsmann-Stiftung 2017: Religionsmonitor 2017, S. 28

Die Integration von Muslimen werde durch die Ablehnung von Muslimen erschwert, heißt es in der Studie. Etwa 19 Prozent der Nichtmuslime gaben an, Muslime nicht gerne als Nachbarn zu haben. Zudem liege Deutschland bei der Anerkennung des Islams als gleichberechtigte Glaubensgemeinschaft sowie der interkulturellen Öffnung des Schulsystems hinter anderen untersuchten Ländern zurück.QuelleBertelsmann-Stiftung 2017: Religionsmonitor 2017, S. 18f.

Für die repräsentativen Untersuchung wurden Muslime und Nichtmuslime in fünfDie Untersuchung wurde in Deutschland, Österreich, Frankreich, Großbritannien und der Schweiz durchgeführt. europäischen Ländern befragt. Muslime, die in den letzten Jahren als Flüchtlinge nach Europa gelangt sind, wurden in dieser Studie nicht berücksichtigt.QuelleBertelsmann-Stiftung 2017: Religionsmonitor 2017, S. 14

Wo wird islamischer Religionsunterricht als Schulfach angeboten?

Laut der Untersuchung "Muslimisches Leben in Deutschland" von 2009 wünschen sich 76 Prozent der Muslime in Deutschland an öffentlichen Schulen einen islamischen Religionsunterricht.

Dem Grundgesetz nach ist Religionsunterricht als versetzungsrelevantes Fach in Übereinstimmung mit den Religionsgemeinschaften zu erteilen. Das bedeutet, die Bundesländer müssen die Religionsgemeinschaften bei der Erstellung der Lehrinhalte und der Auswahl der Lehrkräfte einbinden.

Aktuell bieten mehrere Bundesländer einen islamischen Religionsunterricht an oder erproben diesen zumindest in Modellprojekten. In Bremen und Hamburg gibt es einen interkonfessionellen Religionsunterricht. In Bayern und Schleswig-Holstein wird ein Fach "Islamkunde" in staatlicher Verwantwortung angeboten. In den fünf östlichen Bundesländern gibt es kein Angebot für muslimische Schüler.

  • Hessen war das erste Bundesland, das einen islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen eingeführt hat. Dem hessischen DİTİB-Landesverband und der Ahmadiyya Muslim Jamaat wurde das Recht auf Erteilung von bekenntnisorientiertem Religionsunterricht gewährt. Rund 2050 Kinder an landesweit 46 Schulen nehmen bislang daran teil.
  • Niedersachsen hat im Schuljahr 2013/14 ebenfalls einen regulären islamischen Religionsunterricht eingeführt. Bislang nehmen daran 1 800 Kinder an landesweit 37 Schulen teil.
  • Nordrhein-Westfalen hat 2012 einen provisorischen Islamunterricht eingeführt, der landesweit an 230 Schulen angeboten wird. Etwa 20.000 Schüler nehmen daran teil - so viele wie in keinem anderen Bundesland. Das liegt auch an dem hohen Anteil von Muslimen an der Gesamtbevölkerung. Der Modellversuch ist bis 2019 befristet und unterscheidet sich von einem Religionsunterricht im Sinne des Grundgesetzes dadurch, dass ein achtköpfiger Beirat seine Lehrinhalte bestimmt und das Lehrpersonal auswählt. Dieser Beirat besteht zur Hälfte aus Vertretern, die das Schulministerium in NRW ernennt, zur anderen Hälfte aus Vertretern muslimischer Verbände. Zwei Verbände scheiterten 2017 mit einer Klage gegen dieses Modell. Das Oberverwaltungsgericht in Münster entschied, die Verbände hätten keinen Anspruch auf Erteilung eines eigenständigen Religionsunterrichts, weil sie keine anerkannten Religionsgemeinschaften seinen.
  • Bayern bietet an derzeit über 300 Schulen einen Islamunterricht in staatlicher Verwantwortung an. Der Modellversuch wurde 2009 gestartet und seitdem zwei Mal verlängert. 2019 läuft er aus.
  • Auch in Rheinland-Pfalz (seit 2004), Baden-Württemberg (seit 2006/2007) und dem Saarland (seit 2015/2016) gibt es islamischen Religionsunterricht bislang nur im Rahmen von Modellversuchen. Um daraus einen Regelunterricht zu machen, müsste es anerkannte Religionsgemeinschaften auf muslimischer Seite als Partner geben.
  • Schleswig-Holstein bietet an derzeit an 18 Grundschulen das Fach "Islamunterricht" ohne Beteiligung islamischer Religionsgemeinschaften an.
  • In Hamburg gibt es einen "Religionsunterricht für alle", der von der evangelischen Kirche verantwortet und von anderen ReligionsgemeinschaftenSeit 2012 islamische Gemeinden, Evangelische Kirche und jüdische Gemeinde unterstützt wird. Dieser "dialogische Unterricht" ist auch als "Hamburger Weg" bekannt. Dabei erhalten Schüler eine Einführung in unterschiedliche Religionen. Der Islam wird von muslimischen Pädagogen unterrichtet.
  • Bremen erlaubt eine Ausnahme vom bekenntnisorientierten Religionsunterricht, wie ihn das Grundgesetz vorsieht ("Bremer Klausel"). Dort wurde 2014 das Fach "Biblische Geschichte" durch das neue Fach "Religion" abgelöst. In den "Beirat der Religionsgemeinschaften" wurden Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche, der islamischen Verbände und der jüdischen Gemeinde berufen.
  • In Berlin ist Religionsunterricht kein Pflichtfach. Schülerinnen und Schüler können dort aber einen bekenntnisorientierten Unterricht als freiwilliges, nicht versetzungsrelevantes Fach besuchen. Bereits seit 2001 wird islamischer Religionsunterricht in Berlin an rund 15 Schulen von der "Islamischen Föderation" erteilt, die sich dieses Recht erstritten hat. Rund 5000 Schülerinnen und Schüler nehmen daran teil. Die "Islamische Föderation" vertritt ein gutes Dutzend Moscheegemeinden und gilt als Landesverband der "Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs" (IGMG), die im Islamrat vertraten ist. Auch die Alevitische Gemeinde bietet an einigen Berliner Schulen einen eigenen Religionsunterricht an.
  • In Brandenburg gibt es ebenfalls keinen bekenntnisorientierten Religionsunterricht als Pflichtfach. Der Islam wird nur im Fach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde berücksichtigt.
  • Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt bieten keinen eigenen islamischen Religionsunterricht an, weil es zu wenig Schüler muslimischen Glaubens gibt. Auch Mecklenburg-Vorpommern hat keinen Islamunterricht, eine Einführung ist derzeit auch nicht geplant.

An welchen Universitäten wird islamische Theologie gelehrt?

Auf Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) wurden 2011 bundesweit fünf Zentren für Islamische Theologie an sechs staatlichen Universitäten eingerichtet.

  • Das Institut für Islamische Theologie (IIT) an der Universität Osnabrück,
  • Das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster
  • Das Zentrum für Islamische Theologie an der Eberhard Karls-Universität in Tübingen,
  • Das Zentrum für Islamische Studien (ZEFIS) an der Goethe-Universität in Frankfurt und der Justus-Liebig-Universität in Gießen
  • Das Department Islamisch-Religiöse Studien (DIRS) an der Friedrich-Alexander Universität in Erlangen-Nürnberg

An diesen Standorten werden Lehrer für den islamischen Religionsunterricht ausgebildet, aber auch Sozialarbeiter und Theologen für die Arbeit in Moscheen und islamischen Organisationen. An einigen Zentren entstehen außerdem Schulbücher für den islamischen Religionsunterricht.

Zunächst wurden diesen Einrichtungen rund 20 Millionen Euro für fünf Jahre zur Verfügung gestellt. Nach einer positiven Evaluierung Ende 2015 wurde das BMBF-Programm bis 2020 verlängert. Dadurch können jeweils vier Forschungsprofessuren sowie die Qualifizierung von Nachwuchswissenschaftlern finanziert werden.

Neben diesen Zentren entstanden weitere islamische Lehrstühle an der Akademie der Weltreligionen (AWR) der Universität Hamburg und am Zentrum für Komperative Theologie und Kulturwissenschaften (ZeKK) der Universität Paderborn. Der Berliner Senat hat beschlossen, ein Institut für Islamische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin einzurichten, und stellt für die Gründungsphase 500 000 Euro zur Verfügung.

Neben diesen Zentren und Lehrstühlen entstanden in Baden-Württemberg an drei pädagogischen Hochschulen Studiengänge für islamische Theologie und Religionspädagogik. Dort dienen sie der Ausbildung des Lehrpersonals für den Islamischen Religionsunterricht.

Die meisten Zentren für Islamische Theologie arbeiten mit Beiräten islamischer Religionsgemeinschaften zusammen, und stimmen mit ihnen die Besetzung von Lehrstühlen oder die Erstellung von Studien- und Prüfungsordnungen ab. Die Besetzung dieser Beiräte war aber an mehreren Standorten umstritten.

Wie viele muslimische Frauen tragen ein Kopftuch?

Das Kopftuch ist in öffentlichen Debatten zu einem Symbol für den Islam in Deutschland geworden. Dabei ist es nicht repräsentativ, wie Untersuchungen zum Thema zeigen:

  • Im Rahmen der Untersuchung "Muslimisches Leben in Deutschland" gaben 2009 lediglich 23 Prozent der befragten Musliminnen an, immer ein Kopftuch zu tragen.
  • Rund acht Prozent antwortete mit "manchmal" oder "meistens".
  • Die überwiegende Mehrheit (rund 70 Prozent) der muslimischen Frauen dagegen trägt demnach nie ein Kopftuch.QuelleMuslimisches Leben in Deutschland, Studie im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz, 2009, S. 199.

Nichtsdestrotz sind Frauen mit Kopftuch ein populäres MotivBesonders beliebt ist das Symbolfoto einer Frau, die "Integration" an eine Tafel schreibt., wenn es in Medienbeiträgen oder Publikationen um Muslime oder ganz allgemein um Integrationsthemen geht. Dabei wäre es sinnvoll, bei der Bildauswahl stärker darauf zu achten, ob es um Integrationsthemen, um Muslime insgesamt oder um Kopftuchträgerinnen im Besonderen geht. (Vgl. Bildkonzept vom MEDIENDIENST.)

Auch politisch ist das Kopftuch in Deutschland umstritten. Das Bundesverfassungsgericht hat 2015 in einem Grundsatzurteil ein generelles Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen für unzulässig erklärt, weil es dem Grundrecht auf Glaubensfreiheit widerspreche. Lediglich bei einer konkreten Gefährdung des Schulfriedens seien Einschränkungen erlaubt. Mehrere Bundesländer haben daraufhin zuvor bestehende Verbote für Lehrerinnen und andere Staatsbeamte revidiert.

Was weiß man über Konvertiten in Deutschland?

Wie viele Menschen in Deutschland zum Islam übertreten wurde bisher nicht umfassend untersucht. Es ist auch nicht bekannt, wie viele Muslime sich vom Islam abwenden oder zum Christentum konvertieren. Tatsächlich ist das kaum überprüfbar, da die Religionszugehörigkeit hierzulande statistisch nicht erfasst wird. Jeder Religionswechsel ist eine persönliche Entscheidung. Im Islam gibt es zudem nicht so etwas wie eine offizielle Taufe, und nicht jeder Konvertit lässt sich seinen Schritt schriftlich von einer Religionsgemeinschaft seiner Wahl bestätigen.

Zuweilen wird die Zahl der Konvertiten zum Islam auf zwischen 10.000 und 100.000 geschätzt, oder es ist von einem starken Anstieg die Rede. So berichtete etwa der Spiegel 2007 über eine Vervierfachung der Übertritte innerhalb eines Jahres. Diese Zahlen gehen meist auf Schätzungen des Islam-Archivs in SoestDas 1972 gegründete Islam-Archiv war die älteste islamische Dokumentationsstelle in Deutschland und hatte seinen Sitz seit 1981 in Soest. Nach dem Tod seines Betreibers Muhammad Salih Abdullah ging der Bestand an die Universität Münster zurück. Diese Zahlen wurden jedoch weder vom Zentralrat der Muslime (ZMD) noch der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) bestätigtsiehe hierzu MDI-Artikel von 2013.

Die Politikwissenschaftlerin Nilden Vardar hat für ihre Promotion das Selbstverständnis deutscher Konvertiten untersucht. Ihr Fazit: "Konvertiten sind genauso vielfältig und heterogen wie die restliche muslimische Community". Ob Akademiker oder spirituell interessierter Teenager – gemein sei den meisten, dass sie schon vorher bereits gläubige Menschen waren. Laut der Untersuchung "Konversion zum Islam in Deutschland und den USA" (1999) dient der Glaubensübertritt bei Vielen vor allem dazu, persönliche Krisen oder Verunsicherungen im Leben zu kompensieren.

Wenn Menschen Muslime werden wollen, hat das nur selten mit Radikalisierung zu tun. Selbst Verfassungsschützer, die regelmäßig auf die Bedrohung durch extremistische Konvertiten hinweisen, stellen fest, dass der überwiegende Teil der Übertritte "nicht islamistisch motiviert ist".QuelleVerfassungsschutz NRW: Bericht "Konvertiten - im Fokus des Verfassungsschutzes?", 2011