Islam

Während sich der öffentliche und mediale Diskurs um Integration bis in die 1990er Jahre meist um "Ausländer", "Türken" oder Asylbewerber drehte, sind seit 2000 "die Muslime" in den Fokus gerückt. In der Wissenschaft ist deshalb von einem "Paradigmenwechsel" in der Integrationsdebatte die Rede.

Wie viele Muslime leben in Deutschland?

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat dazu 2016 eine Schätzung veröffentlicht. Demnach lebten rund 4,4 bis 4,7 Millionen Muslime in Deutschland (Stichtag 31.12.2015). Das entspricht einem Anteil von 5,4 bis 5,7 Prozent an der Gesamtbevölkerung.QuelleBAMF: Wie viele Muslime leben in Deutschland 2016

Das BAMF geht davon aus, dass sich die Zahl der Muslime in Deutschland seit dem Jahr 2011 um etwa 1,2 Millionen erhöht hat. Gut jeder vierte der 4,4 bis 4,7 Millionen Muslime wäre damit erst zwischen 2011 und 2016 nach Deutschland gekommen. Zum Vergleich: Knapp 48 Millionen Menschen in Deutschland (58 Prozent der Bevölkerung) gehören einer christlichen Kirche an. Mehr als ein Drittel ist konfessionslos.QuelleEKD: Zahlen und Fakten zum kirchlichen Leben in Deutschland 2017

Die genaue Anzahl der Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland lässt sich aber nur schwer bestimmen. Die Religionszugehörigkeit wird in Deutschland nur in Ausnahmefällen erfasst. Und weder gibt es im Islam eine Kirche, aus der man austreten kann, noch führen Moscheegemeinden so etwas wie ein "Taufregister" oder ein Mitgliederverzeichnis. Die meisten Muslime in Deutschland gehören auch keiner Moscheegemeinde und keinem islamischen Verband an.

Die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus hat 2013 in einer Expertise für den MEDIENDIENST erklärt, warum die statistische Erfassung der in Deutschland lebenden Muslime schwierig ist und auf die methodischen Schwächen der BAMF-Studie hingewiesen.

Wo steht Deutschland im europäischen Vergleich?

Deutschland steht mit rund 4,7 Millionen Muslimen im europäischen Vergleich an zweiter Stelle, was die Zahl seiner muslimischen Bürger angeht. Nur in Frankreich leben, mit rund 5,7 Millionen, noch mehr Muslime als in Deutschland. Das geht aus Erhebungen der Pew Research Center in Washington, D.C. hervor. Weil Deutschland das mit Abstand bevölkerungsreichste Land in Europa ist, liegt es, was den prozentualen Anteil von Muslimen an seiner Gesamtbevölkerung betrifft, aber nur im europäischen Mittelfeld. An der Spitze liegen in dieser Hinsicht Länder wie Bosnien und Albanien, die mehrheitlich muslimisch geprägt sind. Staaten wie Zypern, Bulgarien und Griechenland verfügen traditionell über große muslimische Minderheiten. Auch in Ländern wie Frankreich (8,8 %), Schweden (8,1%), Belgien (7,6 %), den Niederlanden (7,1 %), Österreich (6,9 %) und Großbritannien (6.3%) liegt der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung höher als in Deutschland.

In Umfragen wird die Zahl und der Anteil der Muslime an der Bevölkerung oft weitaus höher eingeschätzt als er tatsächlich ist. Das hat das Meinungsforschungsinstitut Ipsos 2016 in einer vergleichenden Umfrage in über 40 Ländern ermittelt. Auch bei der Einschätzung, wie sich der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung ihrer Länder in Zukunft entwickeln wird, greifen die Bürgerinnen und Bürger in vielen europäischen Staaten oft viel zu hoch.

Wie stark wird die Zahl der Muslime in Deutschland zunehmen?

Das Pew Research Center in Washington geht davon aus, dass die Zahl der Muslime in Europa in den kommenden Jahren zunehmen wird. In einer Studie aus dem Jahr 2017 hat es errechnet, dass sich die Zahl der Muslime in Deutschland durch weitere Einwanderung und eine - im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen - etwas höhere Geburtenrate bis zum Jahr 2050 auf sechs bis 8,5 Millionen erhöhen könnte. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung würde dann 8,7 Prozent bis 10,8 Prozent betragen. Deutsche Experten halten diese Prognosen für realistisch.

Das Pew Forum schätzt die Zahl der Muslime in Deutschland allerdings bereits für das Jahr 2016 auf 4,95 Millionen (6,1 Prozent), was leicht über den Schätzungen des BAMF liegt. Durch die Einwanderung von Geflüchteten aus Ländern wie Syrien und dem Irak hat die Zahl der Muslime in Deutschland zugenommen. Daraus Prognosen für die Zukunft abzuleiten ist aber generell schwierig, warnen Wissenschaftler, die sich mit Zukunftsprognosen beschäftigt haben

Welchen Glaubensgemeinschaften gehören sie an?

Für die repräsentative Untersuchung "Muslimisches Leben in Deutschland" (2009) wurden Muslime auch danach gefragt, welcher islamischen Glaubensrichtung sie sich zurechnen würden. Demnach bezeichnen sich fast drei Viertel als sunnitische Muslime (siehe Grafik). Das entspricht der Dominanz der Sunniten in der Türkei und weltweit. Einschränkend muss gesagt werden, dass die Unterteilung in Sunniten, Schiiten oder Aleviten nicht von allen Muslimen geteilt wird. Hinzu kommt, dass sich Gruppen überschneiden können. So kann man beispielsweise einer Sufigemeinschaft angehören, die zugleich sunnitisch und schiitisch ist.

Quelle: Muslimisches Leben in Deutschland, BAMF 2009, Seite 97. © Mediendienst Integration

Wer vertritt die Muslime in Deutschland?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, weil es im Islam keine von allen Muslimen gleichermaßen anerkannte religiöse Autorität gibt. Auch die Muslime in Deutschland besitzen keinen Repräsentanten, auf den sich alle einigen könnten. Die Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" von 2009 ging deshalb der Frage nach, durch wen sich die Muslime in Deutschland vertreten fühlen. Demnach

  • kennen rund zwei Drittel der befragten Muslime mindestens einen der großen Islamischen Dachverbände, die in der Deutschen Islam Konferenz des Bundesinnnenministeriums vertreten sind.
  • fühlen sich etwa 25 Prozent der Muslime von ihnen vertreten.QuelleMuslimisches Leben in Deutschland, BAMF, 2009, S. 179

Die Moscheenlandschaft in Deutschland ist von unten gewachsen und unübersichtlich. Aktuell sind etwa 70 Prozent der islamischen Gebetsräume und Moscheen in Dach- und Spitzenverbänden auf Bundesebene oder in Moscheezusammenschlüssen auf Landesebene organisiert.

Vier große Dachverbände haben sich 2007 im "Koordinationsrat der Muslime" (KRM) zusammen geschlossen. Dazu gehören:

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB)

Ditib vertritt bundesweit rund 900 lokale Moscheevereine und ist eng mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet in Ankara verbunden. Die enge Anbindung an den türkischen Staat sorgt vestärkt für Kritik, seit die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei einen zunehmend autokratischen Kurs verfolgt. In den Ditib-Moscheen predigen Imame, die in der Regel an türkischen Universitäten ausgebildet und vom türkischen Staat wie Beamte für eine befristete Zeit nach Deutschland entsandt werden. Der Verband wurde 1984 gegründet. Aktueller Vorsitzender ist seit 2014 der Theologe Dr. Nevzat Yaşar Aşıkoğlu.

Anschrift: Venloer Str. 160, 50823 Köln. Tel: 0221 50 80 00. Pressekontakt: presse[αt]ditib.de

Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IRD)

Der Islamrat vertritt bundesweit 448 Moscheevereine. Vorsitzender des Islamrats ist Burhan Kesici. Mitgliederstärkster Verband im Islamrat ist die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), die bundesweit 406 Moscheegemeinden vertritt. Die IGMG ist aus der türkischen Milli-Görüş-Bewegung ("Nationale Sicht") heraus entstanden und wird von einigen Landesbehörden und dem Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet. Vorsitzender der IGMG ist Kemal Ergün, Generalsekretär ist Bekir Altaş.

Anschrift: Colonia Allee 3, 51067 Köln. Tel: 0221 942 240 250. Pressekontakt: presse[αt]igmg.org

Der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ)

Der VIKZ vertritt bundesweit 300 Moschee- und Bildungsvereine. Er wurde 1973 in Deutschland gegründet. Sein Islamverständnis ist von dem konservativen türkischen Prediger und Gelehrten Süleyman Hilmi Tunahan (1888-1959) inspiriert. Als Präsident des VIKZ amtiert seit 2014 Mehmet Duran.

Anschrift: Vogelsanger Str. 290, 50825 Köln. Tel: 0221 95 44 10 68. Pressekontakt: presse[αt]vikz.de

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD)

Der Zentralrat vertritt bundesweit etwa 300 Moschevereine, die in 35 Dachverbänden zusammen geschlossen sind. Er vereint sunnitisch wie schiitisch geprägte Dachorganisationen und Einzelmitglieder unterschiedlicher Nationalitäten. Als einziger der vier großen Verbände ist er nicht ausschließlich türkisch geprägt. Vorsitzender ist seit 2010 Aiman Mazyek.

Anschrift: Sachsenring 20, 50677 Köln. Tel: 0221 139 44 50. Pressekontakt: presse[αt]zentralrat.de.

Diese vier Dachverbände vertreten zusammen nach eigenen Angaben die Mehrheit der Moscheegemeinden in Deutschland.

Daneben gibt es weitere islamische Verbände, die ebenfalls Mitglied der Deutschen Islam Konferenz (DIK) sind, dem zentralen Dialogforum des Bundesinnenministeriums.

Die Islam. Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS)

Die IGS wurde 2009 gegründet und vertritt die meisten der etwa 180 schiitischen Gemeinden in Deutschland. Ihre Mitglieder stammen vorwiegend aus Iran, Irak, Libanon, Pakistan und Afghanistan. Vorsitzender ist Scheikh Mahmood Khalilzadeh, Leiter des Islamischen Zentrums in Frankfurt am Main.

Anschrift: Harzer Str. 51-52, 12059 Berlin. Tel: 030 311 71 307. Pressekontakt: info@igs-deutschland.org

Die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD)

Die IGBD wurde 1994 gegründet und unterhält enge Beziehungen zur Islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina. Ihre Mitglieder betrachten den Reis-I-Ulema (Vorsitzender der Gelehrten bzw. Großmufti) in Sarajewo als ihr geistliches Oberhaupt. Vorsitzender der IGBD ist Paso Fetic.

Anschrift: Rheinstr. 64, 65185 Wiesbaden. Tel: 0611 360 298 95. Pressekontakt: sekretariat@igbd.org

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland (AMJ)

Die AMJ vertritt eine der beiden Strömungen der 1889 in Südasien entstandenen Ahmadiyya-Bewegung. Sie ist seit 1923 in Deutschland aktiv und seit 2013 in Hamburg und Hessen als erste islamische Gemeinschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) anerkannt. Sie unterhält nach eigenen Angaben bundesweit 52 repräsentative Moscheebauten, 105 weitere Gebetsräume und 225 lokale Gemeinden. Ihre Mitglieder betrachten ihren in London lebenden Kalifen Mirza Masroor Ahmad als ihr geistliches Oberhaupt. Als Vorsitzender ("Emir") in Deutschland amtiert seit 1984 Abdullah Uwe Wagishauser.

Anschrift: Genfer Str. 11, 60437 Frankfurt a.M. Tel: 069 506 88 641. Pressekontakt: presse@ahmadiyya. Dr. Mohammad Dawood Majoka. Tel: 0163 302 74 73

Der Zentralrat der Marokkaner in Deutschland (ZRMD)

Der ZMRD vertritt nach eigenen Angaben rund 100 Moscheegemeinden, von denen 47 Gemeinden eingetragene Mitglieder sind. Der Verband wurde 2008 gegründet und wird vom marokkanischen Staat unterstützt. Seine Imame werden in Kooperation mit dem marokkanischen Ministerium für religiöse Angelegenheiten und Stiftungen ausgewählt und bleiben in der Regel auf Dauer in Deutschland. Vorsitzender ist Ahmed Hammouti.

Anschrift: Strahlenberg Str. 105 - 107, 63067 Offenbach. Tel: 069 24 44 97 20. Pressekontakt: hammoutiahmed@yahoo.de

Die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF)

Die Alevitische Gemeinde ist seit 2006 Mitglied der Deutschen Islam Konferenz (DIK). Sie vertritt über 150 lokale Gemeinden und erhebt den Anspruch, die Interessen der etwa 500.000 Aleviten in Deutschland zu vertreten. In mehreren Bundesländern ist die Alevitische Gemeinde als Religionsgemeinschaft anerkannt und darf dort zum Beispiel einen eigenständigen Religionsunterricht anbieten. Viele Aleviten betrachten sich selbst aber nicht als Muslime, sondern als eine eigenständige Glaubensgemeinschaft, weil sie viele islamische Grundüberzeugungen nicht teilen und eigene Rituale haben. Sie beten zum Beispiel nicht in Moscheen, sondern treffen sich in Cem-Häusern. Die AABF wurde 1989 gegründet, ihr aktueller Vorsitzender ist Hüseyin Mat.

Anschrift: Stolberger Str. 137, 50933 Köln. Tel: 0221 949 85 60. Pressekontakt: info[αt]alevi.com. Melek Yildiz, melek.yildiz@alevi.com

All diese Verbände sind Ansprechpartner, wenn es in Bund und Ländern um einen staatlichen Dialog mit Muslimen in Deutschland geht.

Wo wird islamischer Religionsunterricht als Schulfach angeboten?

In neun Bundesländern gibt es derzeit an öffentlichen Schulen einen islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache, der in der Regel als Wahlpflichtfach angeboten wird. Das geht aus einer Recherche des MEDIENDIENSTES hervor. Dabei gibt es unterschiedliche Modelle:

  • In Hessen und Niedersachsen wird islamischer Religionsunterricht in Zusammenarbeit mit und in Verantwortung von muslimischen Verbänden erteilt. Die religiösen Grundsätze legen die ReligionsgemeinschaftenIn Hessen sind das der hessische Ditib-Landesverband und die Ahmadiyya-Gemeinde. In Niedersachsen Ditib Nord und die Schura Niedersachsen. fest.
  • In Berlin wird islamischer Religionsunterricht in alleiniger Verantwortung eines muslimischen LandesverbandsDie "Islamische Föderation" hat sich 2001 dieses Recht vor Gericht erstritten. Sie gilt als Berliner Landesverband des Islamverbands "Milli Görüs" (IGMG), die im Islamrat vertreten ist. als freiwilliger Zusatzunterricht erteilt.
  • Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland erproben islamischen Religionsunterricht in Modellprojekten. Muslimische Verbände oder lokale Moscheegemeinden werden dabei auf unterschiedliche Weise einbezogenNordrhein-Westfalen hat einen Beirat, in dem die großen Islam-Verbände vertreten sind. Baden-Württemberg setzt auf Elterngemeinschaften, die mit örtlichen Moscheegemeinden kooperieren. Rheinland-Pfalz und das Saarland arbeiten mit lokalen islamischen Verbänden und Vereinen ..
  • In Bayern und Schleswig-Holstein gibt es "islamkundlichen" Unterricht in staatlicher Verantwortung. Die Religionsgemeinschaften sind daran nicht beteiligt. In Bayern wird er als Modellprojekt erprobt.

In Hamburg und Bremen gibt es einen interkonfessionellen Religionsunterricht, an dem Schüler aller Glaubensrichtungen teilnehmen. In Hamburg verantwortet ihn die evangelische Nordkirche. Jüdische, alevitische und muslimische Gemeinden sollen aber einbezogen werden. So wie in Bremen: dort sitzen Vertreter der Landeskirchen sowie islamischer Verbände und der jüdischen Gemeinde in einem "Beirat der Religionsgemeinschaften".

In den fünf östlichen Bundesländern Thüringen, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gibt es kein Angebot für muslimische Schüler. Als Alternative zum christlichen Religionsunterricht stehen dort Fächer wie Ethik, Lebenskunde oder Philosophie zur Auswahl.

Wie viele Schüler nehmen am islamischen Religionsunterricht teil?

Über 54.000 Schüler nehmen im Schuljahr 2017/18 an einer Form von islamischem Religionsunterricht teil, wie eine Umfrage des MEDIENDIENSTES bei den Kultusministerien aller 16 Bundesländer ergab. Vor zwei Jahren waren es nach einer Auswertung der Kultusministerkonferenz noch rund 42.000 Schüler. Zudem besuchen aktuell rund 800 Schüler den alevitischen Religionsunterricht.

Die Nachfrage nach islamischem Religionsunterricht dürfte damit bei weitem nicht gedeckt sein: Die Deutsche Islam Konferenz (DIK) kam bereits 2011 zu dem Ergebnis, dass etwa 580.000 Schüler im Alter von 6 bis 18 Jahren einen islamischen und etwa 70.000 Schüler einen alevitischen Religionsunterricht besuchen würden.

--> die folgende Karte (bitte klicken) bietet Informationen für jedes Bundesland (Art des Unterrichts, Kooperationspartner, Anzahl der Schüler Schuljahr 2017/18)

Weitere Informationen bietet ein Informationspapier, dass der MEDIENDIENST im Mai 2018 zusammen gestellt hat. Darin finden Sie Informationen zu den einzelnen Kooperationspartnern, zur Zukunft der befristeten Modellprojekte in verschiedenen Bundesländern und Zahlen zum Religionsunterricht insgesamt.

An welchen Universitäten wird islamische Theologie gelehrt?

Bundesweit wurden 2011 auf Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) fünf Zentren für Islamische Theologie an sechs staatlichen Universitäten eingerichtet.

  • Das Institut für Islamische Theologie (IIT) an der Universität Osnabrück.
  • Das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.
  • Das Zentrum für Islamische Theologie (ZITh) an der Eberhard Karls Universität in Tübingen.
  • Das Zentrum für Islamische Studien (ZEFIS) an der Goethe-Universität in Frankfurt und der Justus-Liebig-Universität in Gießen.
  • Das Department Islamisch-Religiöse Studien (DIRS) an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg.

An diesen Standorten werden Lehrer für den islamischen Religionsunterricht ausgebildet, aber auch Sozialarbeiter und Theologen für die Arbeit in Moscheen und islamischen Organisationen. An einigen Zentren entstehen außerdem Schulbücher für den islamischen Religionsunterricht. Seit dem Wintersemester 2016/17 sind mehr als 2.000 Studierende in Bachelor- und Master-Studiengängen sowie in Lehramts-Studiengängen eingeschrieben. Nach einer positiven Evaluierung Ende 2015 wurde das BMBF-Programm bis 2020 verlängert.

Neben diesen Zentren entstanden weitere islamische Lehrstühle an der Akademie der Weltreligionen (AWR) der Universität Hamburg und am Zentrum für Komperative Theologie und Kulturwissenschaften (ZeKK) der Universität Paderborn. Der Berliner Senat hat ebenfalls beschlossen, an der Humboldt-Universität zu Berlin ein Institut für Islamische Theologie einzurichten, und stellt für die Gründungsphase 500.000 Euro zur Verfügung.

In Baden-Württemberg wurden zudem an drei pädagogischen Hochschulen (Karlsruhe, Ludwigsburg und Freiburg) neue Studiengänge für islamische Theologie und Religionspädagogik ins Leben gerufen. Sie dienen der Ausbildung des Lehrpersonals für den Islamischen Religionsunterricht.

Seit 2017 entsteht an der Goethe-Universität Frankfurt am Main eine "Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft" (AIWG). Sie soll die fächerübergreifende Zusammenarbeit fördern und zur Etablierung der islamisch-theologischen Studien beitragen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert die Akademie bis 2022 mit rund 8,5 Millionen Euro. Die Stiftung Mercator gibt weitere 2,8 Millionen Euro dazu.

Die meisten Zentren für Islamische Theologie arbeiten mit Beiräten islamischer Religionsgemeinschaften zusammen. Sie stimmen mit ihnen die Besetzung von Lehrstühlen oder die Erstellung von Studien- und Prüfungsordnungen ab. Die Besetzung dieser Beiräte war an mehreren Standorten umstritten.

Wie viele muslimische Frauen tragen ein Kopftuch?

Das Kopftuch ist in öffentlichen Debatten zu einem Symbol für den Islam in Deutschland geworden. Dabei trägt es nur eine Minderheit aller muslimischen Frauen in Deutschland, wie Untersuchungen zum Thema zeigen:

  • Im Rahmen der Untersuchung "Muslimisches Leben in Deutschland", die 2009 veröffentlicht wurde, gaben nur 23 Prozent der befragten Musliminnen an, immer ein Kopftuch zu tragen.
  • Rund acht Prozent antwortete mit "manchmal" oder "meistens".
  • Die überwiegende Mehrheit (rund 70 Prozent) trägt demnach nie ein Kopftuch.QuelleMuslimisches Leben in Deutschland, Studie im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz, 2009, S. 199.

Nichtsdestrotz sind Frauen mit Kopftuch ein populäres MotivBesonders beliebt ist das Symbolfoto einer Frau, die "Integration" an eine Tafel schreibt., wenn es in Medienbeiträgen oder Publikationen um Muslime oder ganz allgemein um Integrationsthemen geht. (Vgl. Bildkonzept vom MEDIENDIENST.)

Wo ist das muslimische Kopftuch verboten?

Das Bundesverfassungsgericht hat 2015 ein generelles Kopftuchverbot für Lehrerinnen an öffentlichen Schulen für unzulässig erklärt, weil es dem Grundrecht auf Glaubensfreiheit widerspreche. Nur bei einer konkreten Gefährdung des Schulfriedens seien Einschränkungen erlaubt.

Mehrere Bundesländer haben daraufhin ihre Verbote für Lehrerinnen und andere Staatsbeamte aufgehoben. Dennoch bleibt das Kopftuch mancherorts im Staatsdienst und anderswo verboten.

Das Bundesland Berlin hält an seinem 2005 erlassenen "Neutralitätsgesetz" fest. Demnach dürfen Lehrkräfte keine "sichtbaren religiösen und weltanschaulichen Symbole" wie das Kopftuch tragen. Dieses Verbot gilt nicht für den Religions- und Ethikunterricht sowie für private Schulen und Berufsschulen. Es gilt auch für Beamtinnen und Beamten in der Rechtspflege, dem Justizvollzug und der Polizei in Berlin.

In Hessen dürfen angehende Richterinnen kein Kopftuch tragen. Eine entsprechende Vorschrift haben die Richter des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs 2017 bestätigt.

In anderen Bundesländern sind Kopftuch-Verbote hinzu gekommen. Baden-Württemberg hat im Jahr 2017 das Tragen "religiöser Symbole" im Gerichtssaal untersagt. Richterinnen und Richter, Staatsanwälte und Rechtsrefrendare dürfen seitdem weder Kopftuch noch Kippa tragen. Schöffen und ehrenamtliche Richter sind von dem Gesetz ausgenommen.

Auch in Bayern dürfen Richterinnen und weibliche Staatsanwälte "keine sichtbaren religiös oder weltanschaulich geprägten Symbole oder Kleidungsstücke" tragen. Das schreibt das Richtergesetz vor, das im Februar 2018 vom Landtag verabschiedet wurde. Christliche Kreuze dürfen in bayrischen Gerichtssälen aber weiterhin hängen.

Auch in den meisten bayrischen Klassenzimmern hängen Kreuze. Auf Wunsch von Lehrern, Schülern oder deren Eltern können sie abgenommen werden. Das passiert aber kaum. Ab 1. Juni 2018 muss auch in jeder bayrischen Behörde ein Kreuz hängen, hat die Landesregierung im April 2018 verfügt.

Mit Blick auf das Kopftuch bei Lehrerinnen heißt es im bayrischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz, religiöse Symbole seien unzulässig, wenn sie bei Schülern oder Eltern "auch als Ausdruck einer Haltung verstanden werden können, die mit den verfassungsrechtlichen Grundwerten und Bildungszielen der Verfassung einschließlich den christlich-abendländischen Bildungs- und Kulturwerten nicht vereinbar ist". Der Bayerische Verfassungsgerichtshof hat diese Formulierung 2007 für rechtens erklärt. Auch nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2015 hält der Freistaat daran fest. Ob eine Lehrerin ein Kopftuch tragen darf, muss deshalb im Einzelfall geprüft werden, hat die Landesregierung beschlossen.

Nordrhein-Westfalen will seinen Richtern, Staatsanwälten, Rechtsreferendaren, Schöffinnen und Justizmitarbeitern ebenfalls das Tragen "religiös oder weltanschaulich anmutender Kleidung" vor Gericht untersagen. Das sehen die Pläne für ein "Neutralitätsgesetz" vor, welches das Justizministerium im März 2018 dem Kabinett vorlegte. Pläne, Kindern an öffentlichen Schulen das Tragen eines Kopftuchs zu verbieten, hat die Landesregierung 2018 wieder ad acta gelegt. Wie viele Mädchen ein Kopftuch tragen ist ihr nicht bekannt.

Kirchliche Einrichtungen dürfen ihren Mitarbeiterinnen das Tragen eines Kopftuchs untersagen. Das hat das Bundesarbeitsgericht 2014 entschieden. Im konkreten Fall ging es um eine 36-jährige Frau aus Bochum, die an einem Krankenhaus in evangelischer Trägerschaft als Krankenschwester mit Kopftuch arbeiten wollte. Das Arbeitsrecht für Mitarbeiter der Kirche und kirchlicher Einrichtungen enthält erhebliche Ausnahmen von den Regelungen, die sonst für Arbeitnehmer gelten. Das betrifft konfessionslose, geschiedene und wiederverheiratete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Angehörige anderer Religionsgemeinschaften sowie Menschen, die aus ihrer Kirche ausgetreten sind.

Was weiß man über Konvertiten in Deutschland?

Wie viele Menschen in Deutschland zum Islam übertreten wurde bisher nicht umfassend untersucht. Es ist auch nicht bekannt, wie viele Muslime sich vom Islam abwenden oder zum Christentum konvertieren. Tatsächlich ist das kaum überprüfbar, da die Religionszugehörigkeit hierzulande statistisch nicht erfasst wird. Jeder Religionswechsel ist eine persönliche Entscheidung. Im Islam gibt es zudem nicht so etwas wie eine offizielle Taufe, und nicht jeder Konvertit lässt sich seinen Schritt schriftlich von einer Religionsgemeinschaft seiner Wahl bestätigen.

Die Politikwissenschaftlerin Nilden Vardar hat für ihre Promotion das Selbstverständnis deutscher Konvertiten untersucht. Ihr Fazit: "Konvertiten sind genauso vielfältig und heterogen wie die restliche muslimische Community". Ob Akademiker oder spirituell interessierter Teenager – gemein sei den meisten, dass sie schon vorher bereits gläubige Menschen waren. Laut der Untersuchung "Konversion zum Islam in Deutschland und den USA" (1999) der Leipziger Kulturwissenschaftlerin Monika Wohlrab-Sahr dient der Glaubensübertritt bei Vielen vor allem dazu, persönliche Krisen oder Verunsicherungen im Leben zu kompensieren.

Eine Konversion, der Übertritt zum Islam, ist kein Anzeichen einer Radikalisierung. Selbst Verfassungsschützer, die regelmäßig auf die Bedrohung durch extremistische Konvertiten hinweisen, stellen fest, dass der überwiegende Teil der Übertritte "nicht islamistisch motiviert ist". QuelleVerfassungsschutz NRW: Bericht "Konvertiten - im Fokus des Verfassungsschutzes?", 2011