Demografische Entwicklung 04.12.2017

"Beim Wort 'Muslime' geht das Kopfkino an"

Die Zahl der Muslime in Deutschland könnte sich bis zum Jahr 2050 fast verdoppeln, hat das Pew Center in Washington errechnet – und bei anhaltend starker Zuwanderung sogar verdreifachen. Im Interview mit dem MEDIENDIENST erklärt die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus, was von diesen Prognosen zu halten ist, welche Reaktionen sie hervorrufen und worauf wir uns tatsächlich einstellen sollten.



Erwachsene von morgen: Krippenkinder in einer deutsch-türkischen Kita in Hamburg Foto: Christian Charisius / dpa

MEDIENDIENST: Das "Pew Research Center" in Washington sagt voraus, dass sich der Anteil der Muslime an der deutschen Bevölkerung aufgrund von Einwanderung und höherer Geburtenrate bis zum Jahr 2050 verdoppeln könnte – von heute 5,5 Prozent auf etwa 11 Prozent. Was sagen Sie zu dieser Prognose?

Riem Spielhaus: Es ist grundsätzlich schwierig, Prognosen für einen so langen Zeitraum zu erstellen. So weit in die Zukunft kann niemand vorausblicken. Aber ein Anstieg des Anteils der Muslime auf neun bis elf Prozent der Gesamtbevölkerung erscheint mir durchaus realistisch. Muslime blieben damit weiterhin eine Minderheit. Und diese Zahl sagt noch nichts über die Religiosität und die möglichen Entwicklungen dieser hier als "muslimisch" bezeichneten Minderheit aus. Die hängt auch davon ab, mit welchen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen sie konfrontiert sind. Darum ist es durchaus ratsam, die Ergebnisse dieser Studie mit Vorsicht zu behandeln.

Viele Medien haben ihre Berichte über die Pew-Studie mit Bildern von betenden Muslimen oder Moscheen illustriert. War das naheliegend?

Das zeigt, welche Bilder wir beim Thema "Muslime" sofort im Kopf haben. Die meisten Muslime in Deutschland sind nicht stark religiös, die Mehrheit der Muslime geht nie oder nur sehr selten in die Moschee, und unter muslimischen Frauen trägt auch nur eine Minderheit ein Kopftuch. Trotzdem werden diese Bilder immer wieder aufgerufen: Beim Wort "Muslime" geht automatisch das Kopfkino an. Damit wird die Religion dieser Menschen betont, auch dann wenn sie keine dominante Rolle in ihren Leben spielt. Diese Betonung der Religion hat übrigens Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Muslimen durch andere, aber auch auf ihre eigene Selbstwahrnehmung, und prägt die Entwicklung muslimischer Gemeinschaften im Land.

Prof. Dr. RIEM SPIELHAUS ist Islam-wissenschaftlerin am Georg-Eckert-Institut in Braunschweig. Sie war an der Deutschen Islam Konferenz und dem Nationalen Integrationsgipfel beteiligt. 2011 erschien von ihr das Buch "Wer ist hier Muslim? Die Entwicklung eines islamischen Bewusstseins in Deutschland zwischen Selbstidentifikation und Fremdzuschreibung (Ergon Verlag).

Die Pew-Forscher zeichnen drei verschiedene Szenarien. Würde es auf Dauer eine so hohe Zuwanderung wie in den Jahren von 2014 bis 2016 geben, könnten Muslime in Deutschland in 33 Jahren sogar fast 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen – mehr als in Frankreich und Großbritannien. Was meinen Sie dazu?

Ich halte diese Maximalprognose für nicht sehr verlässlich und verantwortungslos. Sie geht von den politischen Voraussetzungen des Jahres 2015 aus und vernachlässigt, welche Veränderungen es in der Flüchtlingspolitik in Deutschland und Schweden seitdem gegeben hat. Die Autoren der Studie schreiben selbst, dass dieses 20-Prozent-Szenario recht unwahrscheinlich ist. Sie erwähnen aber nicht, dass Deutschland seit 2015 eine erneute Kehrtwende in seiner Flüchtlingspolitik vollzogen hat: Es setzt wieder auf Abschottung, so wie die anderen europäischen Länder auch. Diese Prognose setzt also voraus, dass sich das wieder ändert. Sie ist insofern verantwortungslos, als damit islamfeindliche Diskurse angeheizt werden. Es mag ja wissenschaftlich reizvoll sein, sich auszumalen, was weitgehend offene Grenzen bedeuten würden. Aber die US-Wissenschaftler hätten wissen müssen, dass gerade ihre höchsten Zahlen Schlagzeilen machen würden, und welche Konsequenzen das hat. Ihre Aufgabe wäre aus meiner Sicht gewesen, deutlicher herauszustellen, unter welchen Voraussetzungen die unterschiedlichen Szenarien eintreten könnten. Von den eingewanderten Muslimen könnten ja einige auch wieder in ihr Heimatland zurückkehren oder weitermigrieren, und es könnten sich auch Menschen vom Islam verabschieden. All diese Faktoren scheinen in den Prognosen aber nicht berücksichtigt. Es würde mich sehr freuen, wenn jemand die Rezeption dieser Studie in den Medien, aber vor allem auch in rechtspopulistischen Kreisen nachvollziehen würde.

Rechtspopulisten sehen sich durch diese Zahlen in ihren Warnungen bestätigt und fordern, die Zuwanderung aus muslimischen Ländern zu stoppen. Gäbe es dann weniger Konflikte?

Ich fürchte nicht. Ob es Konflikte gibt, und wie sich die Muslime in Europa entwickeln werden, hängt auch davon ab, wie sich die Gesellschaft zu ihnen verhält. Und das können wir kaum voraussagen. Aber wir wissen, dass es in Ländern wie Polen und Ungarn und in Regionen wie Sachsen, in denen fast keine Muslime leben, die meisten Vorbehalte und die stärksten Abwehrreaktionen gegen sie gibt. Der amerikanische Ethnologe Arjun Appadurai schrieb in den 1990ern in seinem Buch "Fear of small numbers" (Deutsch: Angst for kleinen Zahlen), dass je kleiner eine als problematisch wahrgenommene Gruppe, die als Hindernis für die Homogenität eines Volkes angesehen wird, tatsächlich ist, desto größer sei die Wut auf diese.

Ist das Pew Research Center ein seriöses Forschungsinstitut?

Das Pew Research Center gilt ohne Zweifel und auch weiterhin zu den seriösesten Forschungsinstituten, die sich auf solche Befragungen und Hochrechnungen spezialisiert haben. Deshalb verwundert es mich auch, auf welche Art die Ergebnisse dieser Studie jetzt veröffentlicht wurden. Meine Kritik zielt auch nicht in erster Linie auf die Methodik – da kann man immer kritisieren und reflektieren – sondern auf das Forschungsdesign: das hier ausschließlich eine Prognose für die Zahl der Muslime und nicht für Angehörige anderer Religionsgemeinschaften erstellt wurde, leuchtet mir nicht ein. Besser wäre es, die gesamtgesellschaftliche Entwicklung – und in diesem Kontext die Muslime – zu untersuchen. Vor fünf Jahren etwa hat das Pew Research Center eine sehr spannende und in vielen Punkten überraschende Studie zu Migration und Religionszugehörigkeit vorgelegt. Daraus ging hervor, dass fast die Hälfte aller Migranten weltweit einer christlichen Konfession angehörten, und es sich nur bei 27 Prozent um Muslime handelt. Muslime stellen demnach keineswegs die Mehrheit aller Migranten – auch in Europa und Deutschland nicht. Es wäre nun interessant, die Hochrechnung von 2017 mit dieser früheren Erhebung in Beziehung zu setzen.

Kehren wir zu der Prognose zurück, die Sie selbst für realistisch halten: Was würde sich in Deutschland verändern, wenn hier in dreißig Jahren doppelt so viel Muslime leben würden wie heute?

Darauf sollten wir uns in der Tat einstellen. Für Politik und Verwaltungen kann das wichtig sein, etwa wenn es um Fragen geht wie: Haben wir in Großstädten wie Berlin, Köln oder Hamburg ausreichend Platz für Beerdigungen nach islamischem Ritus? Wie viele Lehrkräfte brauchen wir künftig für den islamischen Religionsunterricht? Und reichen die bisherigen Maßnahmen zur Stärkung des Zusammenhalts in unserer Gesellschaft aus? Da macht die Tatsache, dass bei der letzten Bundestagswahl 13 Prozent der Wähler eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag gewählt haben, und dass es in anderen europäischen Ländern noch deutlich mehr sind, vielen Menschen in Deutschland derzeit deutlich größere Sorgen als die Frage, wie viele Muslime in 30 Jahren hier leben werden.

Interview: Daniel Bax