Integration 11.01.2018

Wie viele Flüchtlinge finden Arbeit?

Es gibt zahlreiche Statistiken, um die Situation von Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt zu beschreiben. Das kann problematisch sein. Und zwar dann, wenn einzelne Zahlen herausgegriffen werden, um den Erfolg oder Misserfolg bei der Integration zu zeigen. Welche Zahlen eignen sich, um die Lage am Arbeitsmarkt angemessen zu beschreiben? Wie viele Geflüchtete sind arbeitslos? Und wie viele von ihnen haben bereits einen Job gefunden? Der MEDIENDIENST erläutert die wichtigsten Zahlen.



In einer Lernwerkstatt in München lernen Flüchtlinge Handwerksberufe kennen. Foto: Picture Alliance / dpa

"Viele Flüchtlinge arbeiten als Fachkräfte" – diese Meldung schaffte es Ende Dezember 2017 in die Schlagzeilen zahlreicher Nachrichtenportale und Zeitungen. Die Meldung stimmte zwar. Doch sagten die Statistiken nur sehr wenig über Flüchtlinge aus, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind (siehe "Fachkräftequote").

Der MEDIENDIENST erläutert, welche Arbeitsmarkt-Zahlen wichtig sind, was sie sagen – und was nicht (dieser Text beruht auf Zahlen von Januar 2017. Die aktuellen Zahlen finden Sie in unserer Rubrik).

Arbeitslosenzahlen

Aktueller Stand: Nachdem die Zahl der arbeitslosen GeflüchtetenDie Bundesagentur für Arbeit (BA) erfasst seit Mitte 2016 spezielle Statistiken zur Gruppe der Geflüchteten. Zu den "Personen aus dem Kontext der Fluchtmigration" zählen demnach Asylbewerber, anerkannte Schutzberechtige und geduldete Ausländer. Nicht erfasst werden zum Beispiel Angehörige von Geflüchteten, die über den Familiennachzug nach Deutschland kommen.Quelle durch die Flüchtlingszuwanderung 2015 ein Jahr lang stark gestiegen war, wuchs sie 2017 zunächst nur langsam und ging im zweiten Halbjahr sogar zurück. Ende 2017 waren rund 170.000 Geflüchtete arbeitslos. QuelleBundesagentur für Arbeit: "Arbeitsmarkt kompakt: Fluchtmigration - Dezember 2017", Januar 2018, Seite 9

Das sagen die Zahle
n aus: Die Arbeitslosenzahlen sagen etwas darüber aus, wie viele Geflüchtete auf Jobsuche sind. Dass die Zahl im Moment kaum steigt, liegt vor allem daran, dass viele Geflüchtete noch nicht auf dem Arbeitsmarkt angekommen sind. Sie nehmen noch an Integrationskursen oder Arbeitsmarktprogrammen teil. Als "Geflüchtete" zählt die Bundesagentur für Arbeit sowohl Asylbewerber, anerkannte Schutzberechtige als auch geduldete Ausländer.

Das sagen die Zahlen nicht aus: Die Arbeitslosenzahlen sagen nicht aus, wie viele Arbeitsplätze insgesamt für Geflüchtete "fehlen". Zum Vergleich: Derzeit leben etwa 600.000 anerkannte Flüchtlinge im erwerbsfähigen Alter in Deutschland. Viele nehmen aber an Integrationskursen oder Arbeitsmarktprogrammen teil. Sie gelten nicht als arbeitslos, sondern als "unterbeschäftigt". QuelleZahlen für September 2017 der Bundesagentur für Arbeit: "Arbeitsmarkt kompakt: Fluchtmigration - Dezember 2017", Januar 2018, Seite 4


Unterbeschäftigung

Aktueller Stand: Seit 2015 steigt die Zahl der Unterbeschäftigen an, in den letzten Monaten etwas langsamer. Ende 2017 galten etwa 415.000 Geflüchtete als "unterbeschäftigt". QuelleBundesagentur für Arbeit: "Arbeitsmarkt kompakt: Fluchtmigration - Dezember 2017", Januar 2018, Seite 11

Das sagen die Zahlen:
Die Unterbeschäftigung zeigt, wie viele erwerbsfähige Geflüchtete keine Arbeit haben. Zusätzlich zu den Arbeitslosen erfasst sie auch solche Geflüchtete, die noch nicht auf dem Arbeitsmarkt angekommen sind, weil sie an Integrationskursen oder Arbeitsmarktprogrammen teilnehmen.

Das sagen die Zahlen nicht: Die "Unterbeschäftigung" sagt nichts darüber aus, wie viele Geflüchtete bereits eine Beschäftigung gefunden haben.


Beschäftigungszahlen

Aktueller Stand: Seit Mitte 2015 wächst die Zahl der Beschäftigten aus Ländern, aus denen besonders viele Asylsuchende kommen. Rund 200.000 von ihnen waren im Oktober 2017 sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Das sagen die Zahlen: Der Arbeitsmarkt nimmt verstärkt Menschen aus "Asylherkunftsländern" auf. Im Vergleich sind sie zwar immer noch seltener in Arbeit als Deutsche oder andere Ausländer ("Beschäftigungsquote", QuelleIfo-Institut: "Ifo-Migrationsmonitor: Aktuelles Zuwanderungsgeschehen und Arbeitsmarktpartizipation von Migranten", September 2017, Seite 38). Dennoch sind seit 2015 rund 130.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftige neu hinzugekommen. Darin enthalten sind auch Ausbildungen und bezahlte Praktika. QuelleEigene Berechnung auf Basis von: Bundesagentur für Arbeit: "Arbeitsmarkt kompakt: Fluchtmigration - Dezember 2017", Januar 2018, Seite 8

Das sagen die Zahlen nicht:
Beschäftigte werden nach Staatsbürgerschaft erfasst und nicht nach ihrem AufenthaltsstatusDie Bundesagentur für Arbeit (BA) benutzt für ihre Statistik zwei verschiedene Datengrundlagen: die Zahlen der Arbeitsagenturen selbst und die Beschäftigungsstatistiken, die auf Angaben der Arbeitgeber beruhen. In den Zahlen der BA selbst wird seit Juli 2016 auch der Aufenthaltsstatus erfasst. In den Beschäftigungsstatistiken werden nur Herkunftsländer erfasst.. Berücksichtigt werden also alle Menschen aus wichtigen Asylherkunftsländern – auch wenn sie schon lange in Deutschland leben. Die Zahlen sagen also nur bedingt etwas über aktuell Geflüchtete aus. Zu den wichtigen Asylherkunftsländer zählen: Syrien, Afghanistan, Irak, Iran, Nigeria, Somalia, Eritrea, Nigeria und Pakistan.


Fachkräftequote

Aktueller Stand: Im März 2017 arbeiteten rund 60 Prozent der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Menschen aus Asylherkunftsländern als Fachkräfte. Die übrigen 40 Prozent arbeiteten in sogenannten Helfertätigkeiten. QuelleInstitut der deutschen Wirtschaft Köln: IW-Kurzbericht 92-2017, Seite 2

Das sagen die Zahlen: "Viele Flüchtlinge arbeiten als Fachkräfte" – so oder ähnlich berichteten Ende 2017 viele Medien über die Ergebnisse eines Forschungsberichts. Das war zwar nicht falsch, ging aber über die eigentliche Bedeutung der Zahlen hinaus. Tatsächlich bezogen sich die Zahlen auf alle Menschen aus Asylherkunftsländern, die in Deutschland arbeiten – darunter sind auch neuzugewanderte Geflüchtete, aber auch solche, die schon jahrelang in Deutschland leben. Die Zahlen zeigten vor allem eines: Vergleichsweise gut qualifizierte Menschen finden schneller einen Job als andere. Ihr Anteil ist deshalb aktuell hoch. Als Fachkräfte arbeiten sie allerdings auch häufiger als Deutsche in Bereichen wie der Sicherheitsbranche, Gebäudeservices oder bei Zeitarbeitsfirmen. QuelleBundesagentur für Arbeit: "Methodische Hinweise zum Anforderungsniveau nach dem Zielberuf der auszuübenden Tätigkeit", Link

Das sagen die Zahlen nicht: Darüber, wie viele der aktuell Geflüchteten bereits als Fachkräfte arbeiten, sagen die Zahlen nicht aus. Vermutlich wird die Fachkräftequote sogar sinken, sobald die Geflüchteten der letzten beiden Jahre in Beschäftigung kommen. Denn sie waren im Schnitt geringer qualifiziert und suchten vor allem nach Helfertätigkeiten. QuelleBundesagentur für Arbeit: "Arbeitsmarkt kompakt - Fluchtmigration - Dezember 2017", erschienen im Januar 2018, Seite 13

Insgesamt ergibt sich ein gemischtes Bild: Es wird zunächst mehr arbeitslose Geflüchtete geben. Gleichzeitig steigt aber die Zahl der Beschäftigten unter ihnen an. Prognosen gehen davon aus, dass Geflüchtete erst nach 15 Jahren vergleichbar gut am Arbeitsmarkt integriert sein werden wie Deutsche oder andere Ausländer. Allerdings ist die Wirtschaftslage derzeit sehr gut und der Arbeitsmarkt ist heute offener für Geflüchtete als in der Vergangenheit. Über Helfertätigkeiten, besonders im Dienstleistungs- und Zeitarbeitsbereich, schaffen einige den Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt.

"Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist für Geflüchtete in den letzten Jahren deutlich liberalisiert worden", sagt Carola Burkert, Forscherin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). So kann der Eintritt in den Arbeitsmarkt früher erfolgen. Die Vorrangprüfung erfolgt nur noch in wenigen Arbeitsagenturbezirken. Außerdem seien die Integrationskurse weiter geöffnet und Arbeitsmaßnahmen ausgebaut worden. All das helfe Geflüchteten, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Doch es gebe weiterhin viele Schwierigkeiten, zum Beispiel beim Thema Ausbildung: "Für viele Arbeitgeber ist nicht erkennbar, welche Ausbildungsförderung bei welchem rechtlichen Status überhaupt in Frage kommt". Die Rechtslage bei der Gruppe der Geduldeten sei weiterhin unsicher. Das würde Ausbildungsbetriebe abschrecken, die eigentlich bereit wären, Geduldete auszubilden.

Laufend aktualisierte Zahlen zu diesem Thema finden Sie in unserer Rubrik.

Von Carsten Janke