Rechtsextreme Gewalt 09.02.2018

"Cottbus kann von anderen Städten lernen"

Nach Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und Geflüchteten kam es wiederholt zu rechtsextremer Gewalt in Cottbus. Was können Stadt und Zivilgesellschaft tun, um eine demokratische Konfliktkultur zu stärken? Heike Radvan, Professorin für Soziale Arbeit in Cottbus, sieht vor allem drei Ansätze: Politisch Verantwortliche müssen sich deutlich gegen Rassismus positionieren, Migranten müssen gestärkt und Projekte angestoßen werden, die sich mit der Geschichte der Stadt auseinandersetzen.



Geflüchtete und die Gruppe "Cottbus Nazifrei" haben unter dem Motto "Leben ohne Hass" demonstriert. Foto: dpa

MEDIENDIENST: Sie lehren und forschen in Cottbus. Wie nehmen Sie die Situation in der Stadt wahr?

Heike Radvan: Es ist eine angespannte Situation. Zum einen beobachte ich eine Generalisierung: Zugewanderte und geflüchtete Menschen oder solche, die dafür gehalten werden, werden für Gewalttaten von einzelnen geflüchteten Jugendlichen verantwortlich gemacht. Zum anderen erleben Geflüchtete Gewalt und Übergriffe durch Rechtsextreme, doch das wird im öffentlichen Diskurs kaum wahrgenommen. Stattdessen werden Schutzsuchende von großen Teilen der Bevölkerung als Problem gesehen. Rechtsextreme in Cottbus und in anderen Städten haben so das Gefühl, eine Mehrheitsmeinung zu vertreten. Doch bei genauerer Betrachtung ist das in Cottbus mitnichten so: Es gibt eine starke demokratische Zivilgesellschaft, viele Menschen engagieren sich und wollen keine Dominanz von Neonazis. Am vergangenen Sonnabend hat eine gut besuchte, friedliche Demonstration unter dem Motto "Leben ohne Hass" stattgefunden. Sie war initiiert von Geflüchteten und unterstützt von Engagierten der Gruppe "Cottbus Nazifrei". Hier war spürbar, dass viele Menschen für ein weltoffenes, solidarisches Cottbus einstehen.

Mit welcher Strategie gehen Rechtsextreme vor?

Einerseits versuchen sie, bürgerlich zu wirken und geben vor, berechtigte Sorgen aufzugreifen. Sie geben jedoch keine Lösungen für komplexe Probleme. Vielmehr liegt ihre Antwort oft darin, eine bestimmte Gruppe von Menschen als schuldig auszumachen. Gleichzeitig verbreiten sie eine Atmosphäre der Angst. Die Statistik des Vereins "Opferperspektive Brandenburg" zeigt, dass die Gewalt von Neonazis gegenüber Geflüchteten in den vergangenen zwei Jahren massiv zugenommen hat. Betroffen hiervon sind auch diejenigen, die sich gegen Rechtsextremismus stellen oder nicht ins Weltbild der Neonazis passen.

Zudem zielen Neonazis darauf ab, die demokratische Grundordnung abzuschaffen. Sie versuchen sehr strategisch, eine Distanz zur Demokratie aufzugreifen, die in einigen Teilen der Bevölkerung vorherrscht. Demokratie wird von vielen nicht als etwas Positives, Gestaltbares gesehen. Meines Erachtens besteht eine große Gefahr, wenn nicht gesehen und unterschieden wird, was die Vorteile und die Errungenschaften einer demokratischen Gesellschaft sind.

PROF. DR. HEIKE RADVAN lehrt Soziale Arbeit an der Branden-burgisch-Technischen Universität Cottbus-Senftenberg. Zuvor leitete sie die Fachstelle für Gender und Rechts-extremismus bei der Amadeu Antonio Stiftung. Zu ihren Forschungsschwer-punkten zählen: Rechtsextremismus-prävention, Antisemitismus in der DDR und Diversität in ländlichen Räumen der neuen Bundesländer.

In sehr vielen anderen Städten gibt es diese Konflikte in der Form nicht. Woran liegt das?

Die Situation in Cottbus lässt sich nur bedingt mit der in anderen Städten vergleichen. Dennoch kann die Stadt aus der Geschichte und von anderen Städten lernen. So existierte beispielsweise Anfang der 1990er Jahre in Eberswalde ein großes Problem mit Neonazi-Gewalt und Alltagsrassismus. Es gab dort das erste Opfer rechtsextremer Gewalt nach dem politischen Umbruch, Amadeu Antonio Kiowa. Obwohl es auch heute noch eine aktive Neonazi-Szene dort gibt: Die Atmosphäre in der Stadt hat sich verändert. Mehrere Dinge waren ausschlaggebend dafür, das zeigt eine Studie und die langjährigen Beobachtungen der Zivilgesellschaft und der "Amadeu Antonio Stiftung" vor Ort: Wichtig war, dass der Bürgermeister und andere politisch Verantwortliche wie zum Beispiel die Polizeipräsidentin, Schulleiter und Schulleiterinnen, Leute aus der Wirtschaft und der Kunst immer wieder gesagt haben, dass sie keine Rechtsextreme in ihrer Stadt haben wollen, keinen Rassismus und keine Gewalt. Sie haben sich positioniert, in Reden, Interviews, aber auch auf Demos. Die Presse hat kritisch über Neonazis berichtet, Übergriffe wurden nicht mehr als Jugendgewalt verharmlost und vor allem erhielten diejenigen, die hiervon betroffen waren, eine Stimme. Sie konnten über ihre Alltagssituation berichten und wurden unterstützt, sich selbst zu organisieren. So gründete sich zum Beispiel der Afrikanische Kulturverein Palanca. Die Stadt förderte, unterstützt durch den Bund, konsequent Demokratie-Projekte, das konnten Jugend- oder generationenübergreifende Projekte sein, die sich für ein vielfäliges Miteinander einsetzten – oder auch lokalhistorische Projekte.

Was ist mit "lokalhistorisch" gemeint?

In einigen Orten wird rechtes Gedankengut seit Jahrzehnten weitergegeben. Studien zeigen, dass es Kommunen gibt, in denen die NSDAP bereits vor 1933 überdurchschnittlich häufig gewählt wurde und im Nationalsozialismus sehr starken Rückhalt hatte. In vielen dieser Orte haben interessanterweise bereits in den 1990er Jahren rechtsextreme Gruppierungen und Parteien starke Resonanz erfahren. Das heißt, dass die politische, weltanschauliche Einstellung in den Familien und somit auch kulturell, innerhalb der Ortsgesellschaften tradiert wird. Dieses Erbe und diese Strukturen müssen also thematisiert werden. Dazu gehört auch, darüber zu diskutieren, welche Auswirkungen der Antifaschismus in der DDR hatte – welche Einstellungen hat er ermöglicht, welche Debatten verhindert? Wie wurde über die Zeit des Nationalsozialismus in der DDR geredet, was wurde öffentlich, was wurde in den Familien erinnert und erzählt? In Westdeutschland war die Situation zumindest ab den späten 60er Jahren eine andere. Zwar kann man über die Wirkung der 68er-Bewegung streiten. Dennoch wurde hier über Täter in der NS-Zeit geredet. Wenn auch in vielen Fällen sehr verkürzt, so wurde dies auch in den eigenen Familien thematisiert. Dieser lokalhistorische Diskurs über Opfer und Täterschaft ist wichtig, um potenziell eine demokratische Debattenkultur zu ermöglichen.

Wie kann die Soziale Arbeit dazu beitragen, die Konflikte in Cottbus aufzuarbeiten?

Soziale Arbeit kann im Gemeinwesen, zum Beispiel durch Projekte der Beteiligung, eine demokratische Kultur des Miteinanders unterstützen. Das betrifft aus meiner Sicht zum Beispiel die Arbeit im Feld von sogenannter Integration. Häufig wird sie als Bringschuld von neu Zugewanderten verstanden. Wenn Integration gelingen soll, muss sie jedoch anders gedacht und praktiziert werden: Wie erreichen wir, dass alle Menschen sich in die Stadtgesellschaft einbringen und etwas verändern können? Wie wollen wir zusammenleben und das Miteinander gestalten? Das hat viel mit Dialog, Debattenkultur zu tun, mit Neugierde, Zuhören und damit, neue Dinge lernen zu wollen – auf allen Seiten. Insofern geht es auch um Empowerment, Menschen dabei zu unterstützen, sich zu organisieren, sich für ihre Interessen einzusetzen – ein Ansatz des Community Organizing, der aus den USA kommt und gerade in Stadtteilen wirksam ist, die sich als "abgehängt", sozioökonomisch benachteiligt beschreiben lassen. Hier können wir viel lernen und sicher auch in Cottbus weiterhin gestalten, vieles passiert ja bereits seit Langem.

Interview: Mehmet Ata