Arbeitsmarkt

Ob eingewandert oder nicht – einen Beruf und eine Arbeit zu haben, ist eine wichtige Voraussetzung für die Teilhabe von Menschen an der Gesellschaft. Hier sind allerdings deutliche Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu erkennen.

Erwerbstätigkeit im Vergleich

Von den knapp 81 Millionen Einwohnern in Deutschland sind rund 42 Millionen "Erwerbspersonen", also Menschen, die für den Arbeitsmarkt in Betracht kommen. Dazu zählen Erwerbstätige und ArbeitsloseMenschen auf Arbeitsuche, unabhängig davon, ob sie bei der Agentur für Arbeit gemeldet sind oder nicht.

Von diesen Erwerbspersonen haben etwa acht Millionen einen MigrationshintergrundMit Migrationshintergrund werden statistisch alle Bürger erfasst, die nach 1949 in die heutige Bundesrepublik Deutschland eingewandert sind, sowie alle hier geborenen Ausländer. Auch Eingebürgerte gehören dazu, ebenso wie alle Deutschen mit mindestens einem zugewanderten oder ausländischen Elternteil. Quelle: NdM-Glossar und Statistisches Bundesamt
, darunter rund 4 Millionen AusländerPersonen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (nicht identisch mit "Migranten"). Quelle: BAMF. Will man die Integration in den Arbeitsmarkt vergleichen, sollte als Bezugsgruppe immer die Zahl der Erwerbspersonen der jeweiligen Gruppe genommen werden.

Trotz der verhältnismäßig hohen Arbeitslosigkeit unter Eingewanderten und ihren Nachkommen geht die überwiegende Mehrheit einer Arbeit nach: nämlich rund 92 Prozent der Erwerbspersonen mit Migrationshintergrund und rund 91 Prozent der ausländischen Erwerbsfähigen.QuelleStatistisches Bundesamt: Ergebnisse des Mikrozensus 2014, Fachserie 1 Reihe 2.2, S. 62, teilweise eigene Berechnung

Erwerbslosigkeit im Vergleich

Auch wenn meist die Rede von "Arbeitslosen" ist, wird in der Fachwelt von "Erwerbslosen" gesprochen: das sind alle Arbeitslosen – unabhängig davon, ob sie bei der Bundesagentur für Arbeit als arbeitslos gemeldet sind oder nicht. Die Erwerbslosenquoteder Anteil der Erwerbslosen an den Erwerbspersonen lag 2014 in der gesamten Bevölkerung bei rund 5 ProzentDie Zahl unterscheidet sich von der Arbeitslosenquote, die nur Personen erfasst, die bei den Arbeitsagenturen gemeldet sind.. Betrachtet man die Zahlen genauer, fallen deutliche Unterschiede für einzelne Gruppen auf. So liegt der Anteil der Erwerbslosen

  • bei Deutschen ohne Migrationshintergrund bei 4,3 Prozent (rund 1,5 Millionen Erwerbslose),
  • bei Menschen mit MigrationshintergrundMit Migrationshintergrund werden statistisch alle Bürger erfasst, die nach 1949 in die heutige Bundesrepublik Deutschland eingewandert sind, sowie alle hier geborenen Ausländer. Auch Eingebürgerte gehören dazu, ebenso wie alle Deutschen mit mindestens einem zugewanderten oder ausländischen Elternteil. Quelle: NdM-Glossar und Statistisches Bundesamt
    bei 8 Prozent (rund 642.000 Erwerbslose)
  • und unter AusländernPersonen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (nicht identisch mit "Migranten"). Quelle: BAMF bei 9,4 Prozent (rund 383.000 Erwerbslose).

Arbeitslosigkeit trifft also Menschen ohne deutschen Pass mehr als doppelt so oft wie Deutsche ohne Migrationshintergrund.QuelleStatistisches Bundesamt: Ergebnisse des Mikrozensus 2014, Fachserie 1 Reihe 2.2, S. 62; eigene Auswertung

Auch OECD-weit sind die Chancen auf einen Job für viele zugewanderte Gruppen deutlich geringer als für Personen ohne Migrationsgeschichte. Darauf weist der Migrationsausblick 2013 der OECD hin.

Warum schneiden Menschen aus Einwandererfamilien schlechter ab?

Es stellt sich die Frage, warum der Anteil der Arbeitslosen unter Einwanderern und ihren Nachkommen deutlich höher ist, als unter Deutschen ohne Migrationshintergrund. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze:

  1. Einwanderer wurden in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik als nichtqualifizierte Fachkräfte zum Beispiel für Industriearbeiten geholt. Ausländer sind daher bis heute im Durchschnitt (!) geringer qualifiziert als die Gesamtbevölkerung. Entsprechend schlechter sind ihre Arbeitsmarktchancen.
  2. Zu den Nachteilen am Arbeitsmarkt zählt auch, dass auch (hoch)qualifizierte Arbeitsuchende schlechtere Karten haben, weil Migranten in Deutschland der Ruf vorauseiltLaut Experten gibt es eine "statistische Diskriminierung": Schneiden bestimmte ethnische Gruppen zum Beispiel in der Bildungsstatistik schlecht ab, wird die niedrige Erwartung auf einzelne Bewerber aus dieser Gruppe übertragen., im Bildungs- und Ausbildungsbereich schlecht abzuschneiden (mehr dazu: siehe Diskriminierung).
  3. Hinzu kommt, dass Ausländer häufiger im sekundären Sektor wie Industrie und Handwerk arbeiten, der vom Strukturwandel und damit Stellenabbau stärker betroffen ist.

Unterschiede in Ost und West

Nach wie vor ist der Anteil an AusländernPersonen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (nicht identisch mit "Migranten"). Quelle: BAMF in WestdeutschlandDie Statistik fasst hier die alten Bundesländer mit Berlin zusammen mit 8,2 Prozent deutlich größer als in Ostdeutschland (2,2 Prozent). Auch Menschen mit Migrationshintergrund sind in den neuen Bundesländern (ohne Berlin) mit weniger als fünf Prozent deutlich unterdurchschnittlich vertreten.QuelleStatistisches Bundesamt: Ergebnisse des Mikrozensus 2014, Fachserie 1 Reihe 2.2, S. 148 und 153

Gleichzeitig weist die Statistik auf schlechtere Arbeitsmarktchancen für Migranten und ihre Nachkommen in Ostdeutschlandneue Bundesländer ohne Berlin hin: So betrug die Erwerbslosenquoteder Anteil der Erwerbslosen an den Erwerbspersonen bei Menschen mit Migrationshintergrund dort 2014 rund 16 Prozent, gegenüber 7,8 Prozent im Westen.QuelleStatistisches Bundesamt: Mikrozensus 2014, Auswertung von August 2015 auf Anfrage des Mediendienstes Integration

Sozialversicherungspflichtig beschäftigte Ausländer

Die Bundesagentur für Arbeit unterscheidet bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten lediglich nach Deutschen und Ausländern. Der Anteil der Ausländer belief sich Ende 2013 bundesweit auf 8,2 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr hat die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von Ausländern um knapp sieben Prozent zugenommen: Ende Dezember 2013 waren es 2,4 Millionen Personen. Insgesamt fällt auf: Immer mehr Ausländer arbeiten und leisten einen Beitrag in die Renten- und Gesundheitskassen. QuelleBundesagentur für Arbeit: Analyse des Arbeitsmarktes für Ausländer Juni 2014, S. 12

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Analyse des Arbeitsmarktes für Ausländer Juni 2014, S. 12

Selbstständige und Unternehmer mit Migrationshintergrund

Einwanderer schaffen zahlreiche Arbeitsplätze. Das belegen unter anderem die Zahlen zu Unternehmensgründungen. So wurde in den vergangenen Jahren laut KfW jede fünfte Firma von MigrantenDas Statistische Bundesamt definiert Migranten als Personen, die im Ausland geboren und nach Deutschland gezogen sind. Was viele nicht wissen: Rund die Hälfte aller Migranten sind inzwischen Deutsche (z.B. Spätaussiedler oder Eingebürgerte), die andere Hälfte besitzt eine ausländische Staatsangehörigkeit. Migranten sowie ihre Kinder und in bestimmten Fällen auch ihre Enkelkinder gelten als "Personen mit Migrationshintergrund". Quelle: Statistisches Bundesamt. Zahlen und Fakten: Mediendienst Integration gegründet.

Die Selbstständigenquote liegt bei Personen mit und ohne Migrationshintergrund auf gleichem Niveau. Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 710.000 Selbstständige aus Einwandererfamilien, die über zwei Millionen neue ArbeitsplätzeNach einem Schätzmodell stellen Migrantenunternehmen zwischen 2,2 und 2,7 Millionen Arbeitsplätze. Siehe Studie "Ökonomische Bedeutung und Leistungspotenziale von Migrantenunternehmen in Deutschland", 2014, S. 71. schaffen. Dabei haben die Bereiche Gastronomie und Handel abgenommen, während wissensbezogene Dienstleistungen wie Forschung, Beratung, Management und Organisation erheblich gestiegen sind.QuelleStatistisches Bundesamt: Ergebnisse des Mikrozensus 2014, Fachserie 1 Reihe 2.2, S. 68; "Ökonomische Bedeutung und Leistungspotenziale von Migrantenunternehmen in Deutschland", Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2014, S. 54, 71, 73.

Die Zahl der Selbstständigen ohne deutsche Staatsangehörigkeit ist viele Jahre deutlich gestiegen, ist allerdings seit Kurzem rückläufig:

Wie Einwanderer die Rente mitfinanzieren

Eine Statistik der Deutschen Rentenversicherung (RV) zeigt: Rund 4,7 Millionen Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit waren 2013 aktiv rentenversichert, zahlten also Beiträge in die Rentenkasse. Im Vergleich zu 2010 nahm ihre Zahl um mehr als eine dreiviertel Million zu. Dies hat nach Angaben der RVDeutsche Rentenversicherung: RVaktuell 5/2013, Seite 91f. bzw. 3f. vor allem zwei Gründe:

  • Am 1. Mai 2011 wurde die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit auf weitere acht EU-MitgliedstaatenEstland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechische Republik und Ungarn ausgeweitet. Gut die Hälfte (54,3 Prozent) der erstmals 2011 aktiv Versicherten kommt aus EU-Mitgliedstaaten, für die die Arbeitnehmerfreizügigkeit neu gilt.
  • Auch mehr Arbeitnehmer aus den europäischen Krisenländern, den sogenannten GIPS-StaatenGriechenland, Italien, Portugal, Spanien zahlen in die Rentenkasse ein, wie aus dem Beitrag des Fachmagazins RVaktuell hervorgeht.

Löhne im Vergleich

Ausländer verdienen deutlich weniger als Beschäftigte mit einem deutschen Pass. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts für Bildung und Berufsforschung (IAB), die die Löhne vollzeitbeschäftigter Männer von 2000 und 2008 miteinander verglichen hat. Beim Eintritt in den Arbeitsmarkt erreichen die ausländischen nur 64 Prozent des Durchschnittslohns der deutschen Arbeitnehmer. Acht Jahre später sind es immerhin 72 Prozent.

Die Lohnangleichung fällt jedoch je nach Herkunftsland sehr unterschiedlich aus. So können etwa Franzosen, die bereits beim Eintritt in den Arbeitsmarkt relativ viel verdienen, ihr Lohnniveau in den Folgejahren stärker steigern als Personen aus der Türkei, die überwiegend "am unteren Ende der Lohnverteilung starten". Einwanderer aus Industriestaaten wie Österreich, Großbritannien, den Niederlanden und USA hingegen verdienen oft von Anfang an mehr als den hiesigen Durchschnittslohn, da sie oft als Hochqualifizierte nach Deutschland kommen.

Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse

Rund 2,9 Millionen Menschen in Deutschland haben ihren Beruf im Ausland gelernt. In vielen Bereichen werden ausländische Qualifikationen jedoch nicht automatisch anerkannt und die Betroffenen können ihren Beruf nicht ausüben. Damit sich das ändert, gibt es seit dem 1. April 2012 das "Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen", kurz Anerkennungsgesetz. Zwar konnte man schon vorher einen Antrag auf Anerkennung stellen, doch oftmals lag es im Ermessen der Prüfstellen, ob der Antrag bearbeitet wurde. Mit dem Gesetz gibt es einen Anspruch auf Prüfung.

Zahlen 2014: Laut dem "Bericht zum Anerkennungsgesetz 2016" wurden 2014 rund 17.600 Anträge auf Anerkennung eines ausländischen Berufsabschlusses gestellt, das sind 2.200 mehr als im Vorjahr. 96 Prozent der Berufsabschlüsse wurden als ganz oder teilweise gleichwertig anerkannt. Darunter sind auch solche, die noch eine Prüfung oder einen Lehrgang absolvieren müssen, um die volle Anerkennung zu erreichen. Drei Viertel der Antragsteller hatten Abschlüsse aus europäischen Staaten, die meisten aus Polen, gefolgt von Rumänien und Bosnien-Herzegowina. 60 Prozent der Antragsteller wollen als Ärzte und Pflegepersonal in Deutschland arbeiten.QuelleBundesministerium für Bildung und Forschung, Bericht zum Anerkennungsgesetz 2016, Seiten 29, 31 und 34

Dazu, wie viele Flüchtlinge ihre Berufsabschlüsse anerkennen lassen möchten, finden Sie Zahlen und Fakten in unserer Rubrik "Flucht und Asyl".

Das Anerkennungsgesetz betrifft nur Berufe im Zuständigkeitsbereich des Bundes. Es gibt jedoch zahlreiche Berufe, deren Gleichstellung und Anerkennung über Ländergesetze geregelt werden – dazu gehören etwa Lehrer, Erzieher, Ingenieure, Architekten, Sozialpädagogen und berufsfachschulische Abschlüsse. Alle 16 Bundesländer haben inzwischen eigene Anerkennungsgesetze eingeführt. Die Regelungen weichen jedoch zum Teil stark voneinander ab.

Blaue Karte EU: Aufenthaltstitel für Hochqualifizierte

Die Blaue Karte EU trat am 1. August 2012 in Kraft und ist seither das Pendant zur US-amerikanischen "Green Card". Sie setzt die Hochqualifizierten-Richtlinie der EU um und ist der zentrale europäische Aufenthaltstitel für Arbeitsmigrationsiehe auch § 19a Aufenthaltsgesetz. Damit haben die EU-Länder erstmals einen gemeinsamen Aufenthaltstitel für Hochqualifizierte aus Ländern eingeführt, die außerhalb der Europäischen Union liegen.

Die sogenannte Blue Card wird nur an Personen mit abgeschlossenem Hochschulstudium erteilt, die einen Arbeitsvertrag oder ein verbindliches Arbeitsplatzangebot mit einem bestimmten Mindestgehalt vorlegen können. Sie ist auf maximal vier Jahre befristet und kann unter bestimmten Voraussetzungen in eine (unbefristete) Niederlassungserlaubnis münden.

Die Bilanz: Ende März 2015, fast drei Jahre nach Einführung der Blauen Karte, lebten insgesamt knapp 22.000 Ausländer mit diesem Aufenthaltstitel in Deutschland. Nicht alle sind neu eingewandert, ein großer Teil lebte bereits in Deutschland.QuelleWanderungsmonitoring: Jahresbericht 2014, BAMF, S. 27.

  • Die meisten davon sind Staatsangehörige aus Indien (22 Prozent), China (9 Prozent) und Russland (8 Prozent) und den USA (5 Prozent).
  • 16.000 aller Inhaber einer Blauen Karte sind Berufsanfänger, von denen 5.300 bereits in Deutschland lebten und hier ein Studium, eine Aus- oder Weiterbildung absolviert haben.
  • Rund die Häfte (47 Prozent) arbeitet in sogenannten Mangelberufen, wie etwa als Ingenieure oder Ärzte. QuelleWanderungsmonitoring: Jahresbericht 2014, BAMF, S. 28 und 29.
  • Auch Familienangehörige von Inhabern der Blauen Karte EU können einen Aufenthaltstitel erhalten: Im Juni 2015 lebten rund 5.200 Ehegatten sowie 4.800 Kinder von Inhabern der Blauen Karte EU in Deutschland.QuelleMigrationsbericht 2014 (erschienen 2016), S. 67.

    Ausländer in Leiharbeitsverhältnissen

    AusländerPersonen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (nicht identisch mit "Migranten"). Quelle: BAMF arbeiten in Deutschland überproportional häufig als Leiharbeiter: Ihr Anteil beträgt in der Leiharbeitsbranche 17,4 Prozent, während sie in allen anderen Sektoren 11,1 Prozent ausmachen. Zudem sind hier Männer und jüngere Arbeitnehmer überrepräsentiert. Das geht aus einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) von 2014 hervor.

    Die Untersuchung zeigt auch, dass ausländische Leiharbeiter im Vergleich zu ihren deutschen Kollegen kürzer beschäftigt sind. 2012 blieben Deutsche im Durchschnitt 3,5 Monate beschäftigt, während Ausländer durchschnittlich drei Monate in Leiharbeitsverhältnissen waren.QuelleIAB-Kurzbericht 13-2014

    Wie hoch ist der Fachkräftemangel?

    In den letzten Jahren wurde Migration häufig im Zusammenhang mit Fachkräftemangel diskutiert. Anlass gibt vor allem der demographische Wandel: Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) gibt es bis 2025 in Deutschland rund 6,5 Millionen weniger Erwerbspersonen, womit auch weniger FachkräftePersonen mit einer mindestens zweijährigen Berufsausbildung zur Verfügung stehen werden.

    Zwar ist der Fachkräftemangel ein Dauerthema, genaue Zahlen über das Ausmaß gibt es jedoch wenige. Laut der "Fachkräfteengpassanalyse" der BA liege zurzeit kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland vor, allerdings gebe es Engpässe in bestimmten Branchen und Regionen. So fehlten etwa Fachkräfte in 19 Berufsgruppen, vor allem in technischen BranchenMaschinen- und Metallbau, Elektro(nik)berufe, Klempnerei, Sanitär, Heizung und Klimatechnik sowie IT und Eisenbahnverkehr sowie im Bereich Gesundheit und PflegeÄrzte, Pflege- und Altenpflegekräfte, Meister in Orthopädie und Hörakustik. Eine interaktive Karte des Portals zur Fachkräfte-Offensive des Bundes zeigt, dass es derzeit vor allem in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen an Fachkräften fehlt.

    Laut BA würden in Zukunft auch nicht-akademische Fachkräfte benötigt. Wie viele Fachkräfte der deutschen Wirtschaft künftig fehlen, hängt von vielen Faktoren ab, wie zum Beispiel strukturellen Änderungen am Arbeitsmarkt oder der Konjunktur. Dazu gibt es verschiedene Vorausberechnungen:

    • Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung von 2015 würde das "Erwerbspersonenpotenzial" (ohne Wanderung und bei unveränderten Erwerbsquoten) bis 2050 um 16,2 Millionen Arbeitskräfte sinken. Mit anderen Worten: Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter würde um 36 Prozent schrumpfen. Das müsse dringend durch Zuwanderung aufgefangen werden, so die Forscher vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Pro Jahr würden zwischen 276 000 und 491 000 Einwanderer aus DrittstaatenJuristisch gelten alle Länder als Drittstaaten, die nicht Mitglied der Europäischen Union sind. Als Drittstaatsangehöriger gilt also, wer nicht die Staatsbürgerschaft eines EU-Landes hat. Der Begriff ist allerdings leicht zu verwechseln mit sicheren Drittstaaten, die damit nichts zu tun haben. Quelle: BAMF benötigt. Quelle"Zuwanderungsbedarf aus Drittstaaten in Deutschland bis 2050", Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, 2015
    • Laut einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) von 2014 müssten pro Jahr 100.000 Personen mehr als bisher zuwandern, um die Engpässe längerfristig abmildern zu können, wie eine interaktive Grafik veranschaulicht.
    • Ein Forschungsbericht der Europäischen Kommission und OECDOrganisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Co-operation and Development) vereinigt 34 Mitgliedsländer, "die sich zu Demokratie und Marktwirtschaft" bekennen. Quelle: OECD

      von 2014 hat für die Europäische Union errechnet, dass die Zahl der Erwerbspersonen in den kommenden 30 Jahren um 6,5 Prozent sinken wird – das entspricht 21,7 Millionen Personen.
    • Das Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos AG sagte 2012 voraus, dass bis zum Jahr 2020 rund 1,7 Millionen qualifizierte Arbeitnehmer fehlen werden und bis 2035 sogar vier Millionen. Solche Rechnungen sind allerdings umstritten, die Prognosen seien wenig belastbar, erklärte unter anderem das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW).

    Wie viele Hochqualifizierte kommen?

    Die Definition und Zählweise von hochqualifizierten Einwanderern ist unterschiedlich:

    • Aufschluss darüber geben unter anderem Niederlassungserlaubnisse nach § 19 AufenthG für DrittstaatsangehörigeMenschen, die nicht die Staatsangehörigkeit eines EU-Landes besitzen. Quelle: BAMF, die insbesondere für wissenschaftliches Personal ausgestellt werden. Danach sind im Jahr 2013 lediglich 27 Personen nach Deutschland gekommen. Zum Stichtag 31. Dezember 2013 besaßen insgesamt 3.182 Ausländer eine solche Niederlassungserlaubnis.QuelleMigrationsbericht 2013, BAMF (veröffentlicht 2015), S. 76
    • Zum anderen können Drittstaatsangehörige seit dem 1. August 2012 die Blaue Karte EU erhalten, um einer "hochqualifizierten Beschäftigung" nachzugehen. Mit diesem Aufenthaltstitel (§ 19a AufenthG) sind 4.651 Arbeitskräfte in 2013 nach Deutschland eingereist. Zum Stichtag 30. September 2014 hielten sich insgesamt 18.832 Drittstaatsangehörige mit einer Blauen Karte EU in Deutschland auf.QuelleMigrationsbericht 2013, BAMF (veröffentlicht 2015), S. 77-78; Wanderungsmonitoring: Migration nach Deutschland, 1. Halbjahr 2014, BAMF, S. 21
    • Zählt man auch Fachkräfte wie Manager oder leitende Angestellte hinzu, sind im Jahr 2013 insgesamt knapp 24.000 hochqualifizierte Drittstaatsangehörige nach Deutschland gekommen.QuelleMigrationsbericht 2013, BAMF (veröffentlicht 2015), S. 81

    Die Zuwanderung hochqualifizierter EU-Bürger kann aufgrund der Freizügigkeit nicht in dieser Weise erfasst werden. Aufschluss über den Akademikeranteil unter EU-Zuwanderern gibt jedoch unter anderem das Jahresgutachten 2013 des Sachverständigenrats Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) wurde 2008 von acht deutschen Stiftungen als unabhängiges, wissenschaftliches Expertengremium für die Bereiche Migration und Integration ins Leben gerufen. Seine Aufgaben: Bestandsaufnahmen und Entwicklungsanalysen, kritische Politikbegleitung und Öffentlichkeitsarbeit. . Die darin enthaltene Sonderauswertung des Mikrozensus zeigt: Bei allen Zuwanderergruppen aus der EU liegt der Akademikeranteil über dem der deutschen Mehrheitsbevölkerung (ca. 18 Prozent).QuelleSVR-Jahresgutachten 2013, S. 99ff; SVR-Jahresgutachten 2014, S. 50

    Hintergrund:
    Deutschland ist auf die Zuwanderung von Hochqualifizierten angewiesen, vor allem wegen der schrumpfenden und älter werdenden Bevölkerung und der Auswanderung von heimischen Fachkräften. Dennoch war es seit dem 1973 in Kraft getretenen Anwerbestopp für Arbeitnehmer aus DrittstaatenMenschen, die nicht die Staatsangehörigkeit eines EU-Landes besitzen. Quelle: BAMFAuch "Drittstaatler" oder "Drittstaater" genannt, sind Menschen, die nicht die Staatsangehörigkeit eines Mitgliedsstaats der Europäischen Union oder des Europäischen Wirtschaftsraums (mit Ausnahme der Schweiz) besitzen. kaum noch möglich, nach Deutschland einzuwandern. Das änderte sich erst durch eine Ausnahmeregelung im Jahr 2000, die sogenannte "Green Card". Infolge dieses "Sofortprogramms zur Deckung des IT-Fachkräftebedarfs" wanderten rund 18.000 Arbeitnehmer aus Nicht-EU-Staaten nach Deutschland.QuelleMigrationsbericht 2005, BAMF (veröffentlicht 2006), S. 78

    Die Green Card-Regelung lief aus und wurde 2005 durch ein neues Zuwanderungsgesetz ersetzt, das auch Möglichkeiten für die Zuwanderung von Fachkräften schuf. Im Jahr 2012 wurde zudem die "Blaue Karte EU" eingeführt. Diese Liberalisierungen sind laut Sachverständigenrat Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) wurde 2008 von acht deutschen Stiftungen als unabhängiges, wissenschaftliches Expertengremium für die Bereiche Migration und Integration ins Leben gerufen. Seine Aufgaben: Bestandsaufnahmen und Entwicklungsanalysen, kritische Politikbegleitung und Öffentlichkeitsarbeit. jedoch noch keine Garantie dafür, dass der Zuzug hochqualifizierter Zuwanderer nach Deutschland ansteigt. QuelleSVR-Jahresgutachten 2014, S. 77f.

    Einwanderung von Fachkräften aus Drittstaaten

    Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) nennt im "Fortschrittsbericht zum Fachkräftekonzept" unter anderem Einwanderung und Integration in den Arbeitsmarkt als wesentliche Faktoren, um den Fachkräftebedarf zu sichern:

    • Migranten und ihre Nachkommen können durch Weiter- und Ausbildung einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt finden.
    • Zudem müssten qualifizierte DrittstaatenangehörigeMenschen, die nicht die Staatsangehörigkeit eines EU-Landes besitzen. Quelle: BAMF bei der Einreise und Arbeitssuche unterstützt werden, zum Beispiel durch die Internetplattform "Make it in Germany".

    Einem Bericht der OECDOrganisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Co-operation and Development) vereinigt 34 Mitgliedsländer, "die sich zu Demokratie und Marktwirtschaft" bekennen. Quelle: OECD

    zufolge nutzen deutsche Unternehmen bisher die Möglichkeit zu wenig, Fachkräfte aus Drittstaaten zu rekrutieren. Dabei zähle die deutsche Zuwanderungspolitik für Hochqualifizierte zu den offensten in den OECD-Ländern. Für Migranten mit nicht-akademischen Qualifikationen sei es dagegen oftmals schwierig, ihre Abschlüsse anerkennen zu lassen.QuelleOECD/EU, Matching Economic Migration with Labour Market Needs, 2014