Kriminalität in der Einwanderungsgesellschaft

Kriminalität und Herkunft werden in politischen Debatten häufig in Zusammenhang gebracht: Das Stereotyp vom kriminellen Migranten als "jung, männlich, delinquent" ist weit verbreitet. In jüngster Zeit laufen Debatten jedoch auch um die sogenannte Ausländerkriminalität, die durch Flüchtlinge gestiegen sei. In den meisten Fällen entsprechen die Vorurteile nicht dem Stand der Daten und Forschung.

Was ist "Ausländerkriminalität"?

Der Begriff der "Ausländerkriminalität" ist mehrdeutig und es ist wichtig, zu wissen, wer damit gemeint ist:

  • In den Medien wird der Begriff oft für alle Straftaten verwendet, die von Einwanderern begangen wurden – wobei meist unklar ist, ob damit nur Ausländer oder auch Deutsche mit Migrationshintergrund gemeint sind.
  • Polizei und Sicherheitsbehörden sprechen in den letzten Monaten auch von "Ausländerkriminalität" bei Straftaten von Neuzuwanderern, die erst seit Kurzem in Deutschland leben, wie zum Beispiel Flüchtlinge.
  • Der Verfassungsschutz erfasst damit "Politisch Motivierte Kriminalität" (PMK) mit Auslandsbezug, so zum Beispiel Anschläge von Terrorgruppen mit ausländischen Wurzeln, egal ob sie von Ausländern oder Deutschen verübt wurden.

Für Außenstehende erschließt sich oft nicht, auf welche Gruppe sich die genannte Statistik bezieht. Denn zur "Ausländerkriminalität" zählen mitunter auch Straftaten, die von Urlaubern, Geschäftsreisenden oder Tatverdächtigen der international "Organisierten Kriminalität" begangen werden.

Wie häufig werden Menschen mit Migrationshintergrund straffällig?

Das lässt sich nicht ohne Weiteres sagen, denn die Kriminalitätsstatistiken unterscheiden nur zwischen deutschen Staatsangehörigen und Ausländern – Menschen mit Migrationshintergrund werden nicht separat erfasst.

2017 lag der Anteil der "Nichtdeutschen" Auch Ausländer, die nur nach Deutschland einreisen, um eine Straftat zu begehen, werden hier mitgezählt an allen Tatverdächtigen bei 30,4 Prozent (ohne ausländerrechtliche VerstößeAusländerrechtliche Verstöße sind Vergehen, die nur "Nichtdeutsche" begehen können, wie z.B. unerlaubte Einreise oder illegaler Aufenthalt). In absoluten Zahlen: Knapp 600.000 Tatverdächtige ohne deutsche Staatsangehörigkeit wurden gezählt, das waren 2,7 Prozent weniger als im Vorjahr.Quelle Bundesministerium des Innern: "Bericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2017" (PKS), S. 10

Die Erfassung von "Ausländerkriminalität" ist im Allgemeinen mit Vorsicht zu genießen, denn sie führt zu Verzerrungen:

  • Die Zahl der Tatverdächtigen besagt nicht, wie viele von ihnen tatsächlich verurteilt wurden.
  • Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zählt zu ausländischen Tatverdächtigen auch Personen, die sich nur vorübergehend in Deutschland aufhalten – zum Beispiel Menschen, die nur eingereist sind, um Straftaten zu begehen (grenzüberschreitende Kriminalität).
  • Die besondere soziale Lage und der Altersdurchschnitt der Bevölkerungsgruppe "Ausländer" werden statistisch nicht berücksichtigt. Junge Männer werden häufiger straffällig als andere Bevölkerungsgruppen, auch schwierige Lebensbedingungen, wie ein erschwerter Zugang zum Arbeits- und Wohnungsmarkt, erhöhen das statistische Risiko, Straftaten zu begehen.

"Einen übergreifenden, einfachen Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität gibt es nicht", sagt etwa der Kriminologe Christian Walburg 2016 in einer Expertise zum Thema für den MEDIENDIENST.

"Politisch motivierte Kriminalität – Ausländische Ideologie"
Das Bundesinnenministerium erfasst außerdem Fallzahlen zum Bereich "Politisch Motivierte Kriminalität - ausländische Ideologie". Damit sind Straftaten gemeint, denen "eine im Ausland begründete Ideologie zugrunde liegt". Das bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass die Tatverdächtigen Ausländer sind – auch Deutsche können "Ausländerkriminalität" begehen. Dem Bericht "Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2017" zufolge ist die Zahl dieser Straftaten von 2016 auf 2017 um rund 39 Prozent auf 1.617 Delikte gesunken. Die Zahl der Gewalttaten im Bereich "Politisch Motivierte Kriminalität – ausländische Ideologie" sei von 550 auf 233 gesunken. Wie viele davon von nichtdeutschen Tatverdächtigen begangen wurden, wird nicht aufgeschlüsselt. Deutlich gestiegen sei jedoch die Zahl der "Politisch Motivierten Kriminalität – religiöse Ideologie"; darunter fällt laut Angaben des Bundesinnenministeriums vor allem islamistisch begründete Kriminalität.Quelle Bundesministerium des Innern: "Politisch Motivierte Kriminalität im Jahr 2017" (PMK), Seite 2 f.

Was wissen wir über Kriminalität von Flüchtlingen?

In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erfasst das Bundeskriminalamt (BKA) die Zahl der tatverdächtigen "Zuwanderer". Als "Zuwanderer" bezeichnet das BKA Asylbewerber, Schutzberechtigte und Asylberechtigte, Geduldete, Kontingent- und Bürgerkriegsflüchtlinge sowie Menschen, die sich unerlaubt in Deutschland aufhalten. Zur Kategorie "Zuwanderer" zählt das BKA damit auch Menschen, die möglicherweise gezielt einreisen, um eine Straftat zu begehen. In der Kriminalitätsstatistik für 2016 gehörten anerkannte Flüchtlinge nicht zur Kategorie der "Zuwanderer". Deshalb ist ein Vergleich der Zahlen für 2017 und 2016 nur eingeschränkt möglich.

Die Zahlen

2017 lag die Zahl der tatverdächtigen "Zuwanderer" nach dieser Definition bei etwa 167.000 Menschen (ohne aufenthaltsrechtliche Straftaten wie etwa "illegale" Einwanderung). Das sei ein tendenzieller Rückgang der Zahlen, so das Bundesinnenministerium.Quelle Bundesministerium des Innern: "Bericht zur polizeilichen Kriminalstatistik 2017" (PKS), S. 10

Straftaten, bei denen "Zuwanderer" häufig verdächtigt wurden, sind Diebstahl, Körperverletzung und Vermögens- und Fälschungsdelikte (bei fast der Hälfte der Taten handelte es sich um Fahren ohne Ticket).QuelleBundeskriminalamt (2018): Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2017 – Bundeslagebild, S. 19

Wer sind die Tatverdächtigen?

Unabhängig von der Staatsangehörigkeit gilt: Bei jungen Männern ist das Risiko, straffällig zu werden, besonders hoch. Das spiegelt sich auch in der Kriminalstatistik wider: 66 Prozent der tatverdächtigen "Zuwanderer" waren unter 30 Jahre alt.QuelleBundeskriminalamt (2018): Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2017 – Bundeslagebild, S. 14

Wie häufig werden Asylbewerber zum Opfer von Straftaten?

2017 waren rund 46.000 Asylbewerber/Flüchtlinge von einer Straftat betroffen. Sie stellten damit 4,6 Prozent aller Opfer – das waren 0,3 Prozentpunkte mehr als 2016.Quelle Bundeskriminalamt (2018): Kriminalität im Kontext von Zuwanderung - Bundeslagebild, S. 50

6 Prozent der Opfer waren laut Statistik Kinder, 13 Prozent Jugendliche, 18 Prozent Heranwachsende und 64 Prozent Erwachsene. 80 Prozent der Opfer waren männlich, 20 Prozent weiblich. Aus den Zahlen des Bundeskriminalamtes geht auch hervor: In 82 Prozent der Fälle ging es um Körperverletzungen. Bei Straftaten gegen Flüchtlinge oder Asylbewerber wurden in Zweidrittel der Fälle "Zuwanderer"Dazu zählen laut Bundeskriminalamt Asylbewerber, anerkannte Flüchtlinge, Geduldete, Kontingent- und Bürgerkriegsflüchtlinge sowie Menschen, die sich unerlaubt in Deutschland aufhalten. verdächtigt.QuelleBundeskriminalamt (2018): "Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2017 - Bundeslagebild", S. 50 ff.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Herkunft?

Für einen kausalen Zusammenhang von Migrationshintergrund und delinquentem Verhalten gibt es keine wissenschaftlichen Belege, erklärt Rechtswissenschaftler Christian Walburg in einem Gutachten für den MEDIENDIENST. Auch zeigen Studien keine grundsätzlichen Unterschiede im kriminellen Verhalten zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund auf.

Jugendliche aus Einwandererfamilien berichten in einigen Befragungsstudien allerdings häufiger von Gewaltdelikten und finden sich vermehrt unter Mehrfachgewalttätern wieder, wie etwa eine BefragungDer Anteil von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund, die ein Gewaltdelikt verüben, liegt bei rund 12 Prozent. Für Jugendliche mit Migrationshintergrund aus der Türkei, Südamerika und Italien liegt er dagegen bei 20 Prozent, bei denjenigen aus dem ehemaligen Jugoslawien/Albanien bei 22 Prozent, usw. Zur Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) zeigt. Da dies jedoch auf alle größeren Herkunftsgruppen zutrifft, dient das nicht als Beleg für den Zusammenhang mit einer bestimmten ethnischen Herkunft oder Religionszugehörigkeit.

Die erhöhten Gewalttaten scheinen eher mit Lebenslagen zusammenzuhängen, die oft mit Migration verbunden sind. So verschwinden beispielsweise die Unterschiede bei der Gewalttätigkeit zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund nahezu, wenn sie die gleichen Bildungschancen haben.QuelleGutachten von Christian Walburg zu Jugenddelinquenz und Migration, 2014, S. 18

Dabei spielt auch das jeweilige Umfeld eine wichtige Rolle. Dies zeigt unter anderem die Langzeitstudie "Kriminalität in der modernen Stadt", die seit 2002 in Duisburg durchgeführt wird. Hier liegt der Anteil an türkischstämmigen Schülern allein bei rund 20 Prozent. Bei der regelmäßigen Befragung von Jugendlichen im selben Sozialraum zeigte sich: Im gesamten Jugend- und Heranwachsendenalter ließen sich kaum Unterschiede bei den "Gewalttäteranteilen" unter männlichen Befragten türkischer und deutscher Herkunft feststellen (s. Abbildung).

Welche Ergebnisse liefern Befragungen bei Jugendlichen?

Befragungsstudien ("Dunkelfeld"-Untersuchungen) haben gegenüber offiziellen Kriminalstatistiken den Vorteil, dass sogenannte Kriminalisierungsrisikenwie zum Beispiel ein höheres Risiko, angezeigt zu werden keinen Einfluss haben. Zudem können hier Migrationsbezüge und andere individuelle und soziale Merkmale erfasst werden, die Aufschluss geben. Aus diesen Untersuchungen geht hervor:

  • Es gibt keine grundsätzlichen Unterschiede im Delinquenzverhalten zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund.
  • Unterscheidet man nach Deliktbereichen, fällt auf: Migrantenjugendliche berichten in Befragungen insgesamt ähnlich häufig wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund von "Bagatelldelinquenz" wie Sachbeschädigungen oder Diebstahl.
  • Jugendliche mit Migrationshintergrund berichten nach der Mehrzahl der Studienzum Beispiel "Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt", KFN-Forschungsbericht 2009, Dirk Baier / Christian Pfeiffer u.a. häufiger von Gewaltdelikten und tauchen öfter unter Mehrfachgewalttätern auf.
  • Ein Zusammenhang zwischen erhöhter Gewaltbereitschaft und einer bestimmten ethnischen Herkunft oder Religionszugehörigkeit wird durch StudienZum Beispiel Langzeitstudie "Kriminalität in der modernen Stadt" jedoch nicht belegt. Wenn die Befragungen höhere Anteile von Gewalttätern ergeben haben, traf dies meist auf alle größeren Herkunftsgruppen zu.
  • Eine stärkere Zustimmung zu Gewalt hat offenbar mit einer größeren sozialen Randständigkeit (Marginalisierung) zu tun. Bei gleichen Bildungschancen verschwinden die Unterschiede zwischen den Gruppen nahezu.
  • Speziell für die Nachkommen der sogenannten Gastarbeiter finden sich Hinweise darauf, dass Unterschiede zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund geringer werden oder verschwinden.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Kriminelles Handeln kann nicht herkunftsspezifisch erklärt werden. QuelleGutachten von Christian Walburg zu Jugenddelinquenz und Migration, 2014

Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Gewaltbereitschaft

Ob junge Menschen zu Gewalt neigen oder nicht, hängt zunächst von ihrer grundsätzlichen Einstellung dazu ab, heißt es im Gutachten zu "Migration und Jugenddelinquenz". Für die mitunter erkennbare höhere Gewaltbereitschaft Jugendlicher mit Migrationshintergrund finden sich sowohl in der Wissenschaft als auch in der öffentlichen Debatte verschiedene Erklärungsansätze, die umstritten sind und sich zum Teil widersprechen:

Innerer Kulturkonflikt:
Die Anhänger dieser TheseSo zum Beispiel der Honorardozent für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Hakan Aslan in einer Rede beim Forum über Gewaltprävention in Berlin (2006) betrachten Gewalt und Delinquenz als Begleiterscheinung der Phase, in der Jugendliche ihren Platz in der deutschen Gesellschaft suchen. Dabei entstehen Spannungen und Identitätsprobleme, die zu negativen Selbstbildern führen können. Das Bild des "entwurzelten Migrantenkindes" ist in der Wissenschaft allerdings nicht hinreichend belegt. Einige Forscher weisen darauf hin, dass Multikulturalität für das Wohlbefinden von Jugendlichen auch von Vorteil sein kann.

Äußerer Kulturkonflikt:
In diesem Ansatz wird Gewaltbereitschaft als Folge einer fehlgeschlagenen Integration gesehen und mitunter ein fragwürdiger Gegensatz konstruiert: Zum einen die moderne, gewaltfreie deutsche Gesellschaft und zum anderen die "vormoderne" Herkunftskultur, in der Gewalt zum Alltag gehört. Nach diesem Muster ist Gewalt die Folge einer mangelnden kulturellen Anpassung an die vermeintlich gewaltfreie Aufnahmegesellschaft. Dieser Ansatz fand sich zum Beispiel häufig in der "Ehrenmorde"-Debatte wieder.

Marginalisierung:
Nach dieser TheseSiehe zum Beispiel Dietrich Oberwittler "Geschlecht, Ethnizität und sozialräumliche Benachteiligung" ist Gewalt in erster Linie das Ergebnis einer sozialen Benachteiligung von Migranten. Vor allem jungen Männern fehle es demnach an sozialer Anerkennung. Delinquentes Verhalten diene dann dazu, Stärke und Macht zu demonstrieren. QuelleGutachten von Christian Walburg zu Jugenddelinquenz und Migration, 2014, S. 14-18

Zusammenhang zwischen Religiosität und Gewaltbereitschaft

In der Berichterstattungzum Beispiel die Berichterstattung über eine Studie des Forschungsinstituts Niedersachsen aus dem Jahr 2010 auf Spiegel Online, Zeit Online und Bild Online zu Jugendkriminalität und Gewalt kommt es immer wieder vor, dass ein Zusammenhang zwischen Islam und Gewalttätigkeit hergestellt wird. Doch Religiosität hat bei jungen Muslimen keinen Einfluss auf Delinquenz. Das belegt übrigens auch die oft zitierte Studie des Forschungsinstituts Niedersachsen "Kinder und Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum".

Darüber hinaus zeigen manche Untersuchungenvgl. Christian Walburg: "Wenn Integration gelingt. Delinquenzmindernde Faktoren bei jungen Migranten", in Täter, Taten, Opfer Seite 53, dass ihr Glaube bei jungen Muslimen eher soziale Bindungen und Kontrolle fördert. Die Forscher richten ihren Blick dabei unter anderem auf das Freizeitverhalten: Weniger Alkoholkonsum und weniger Nachtleben verringern demnach "die Delinquenzrisiken" in manchen Migrantengruppen deutlich.QuelleGutachten von Christian Walburg zu Jugenddelinquenz und Migration, 2014, S. 16 f.

Was sind "Ehrenmorde" und wie viele gibt es?

Für die umstrittene Bezeichnung "Ehrenmord" gibt es bis heute keine allgemein gültige Definition, auf die sich die Richter beziehen können. Zwei Juristen vom "Max Planck Institut für ausländisches und internationales Strafrecht" haben jedoch 2011 eine Studie im Auftrag des Bundeskriminalamts verfasst und den Tatbestand folgendermaßen definiert:

"Ehrenmorde sind vorsätzlich begangene, versuchte oder vollendete Tötungsdelikte, die im Kontext patriarchalisch geprägter Familienverbände oder Gesellschaften vorrangig von Männern an Frauen verübt werden, um die aus Tätersicht verletzte Ehre der Familie oder des Mannes wiederherzustellen. Die Verletzung der Ehre erfolgt durch einen wahrgenommenen Verstoß einer Frau gegen auf die weibliche Sexualität bezogene Verhaltensnormen."QuelleJulia Kasselt, Dietrich Oberwittler: "Ehrenmorde in Deutschland 1996-2005", erschienen 2011, Seite 13 und ff.

Bundesweit debattiert wurden "Ehrenmorde" immer wieder, unter anderem 2005 mit dem Fall SürücüDie 23-jährige Hatun Sürücü wurde am 7. Februar 2005 in Berlin-Tempelhof von ihrem jüngeren Bruder ermordet. Anlass für den Mord soll die Missbilligung der Familie gegenüber dem Lebensstil der jungen Frau gewesen sein.. Wenn man jedoch von der oben genannten Definition ausgeht, ist ihre Zahl in Deutschland relativ gering: Die Juristen vom Max Planck Institut haben zwischen 1996 und 2005 rund 30 Fälle analysiert, bei denen diese Umstände gegeben waren. Bei etwa 100 weiteren Fällen handelt es sich um Grenzfälle zur sogenannten "Blutrache" oder "Partnertötung".QuelleJulia Kasselt, Dietrich Oberwittler "Ehrenmorde in Deutschland 1996-2005" 2011, Seite 7

Dass es eine Art "Kultur-Rabatt" vor Gericht gebe, ist ein Mythos, wie Julia Kasselt, Mitautorin der Studie, in einem MEDIENDIENST-Interview erklärt. Deutsche Gerichte sehen in der Verteidigung der Ehre einen "niedrigen BeweggrundBeweggründe zu einem Tötungsverbrechen sind "niedrig”, wenn sie nach allgemeiner sittlicher Wertung auf tiefster Stufe stehen und deutlich verwerflicher und verachtenswerter erscheinen als bei einem Totschlag, siehe Strafgesetzbuch § 211." – "Ehrenmorde" werden also in der Regel härter bestraft als vergleichbare Delikte.QuelleJulia Kasselt "The Judicial Interpretation of Honour Killings in Germany" 2014 – Pressemitteilung

Der "Ehrenmord" gilt als kulturelles Phänomen, das seinen Ursprung in archaischen, Stamm-basierten Gesellschaftsmodellen hat, in denen die Ehre als kollektives Gut von den Familienmitgliedern gemeinsam verteidigt werden muss. Ehrenmorde wurden von Ethnologen im vorderasiatischen sowie im Mittelmeer-Raum (Italien, Spanien, Griechenland, Albanien) erforscht.QuelleJulia Kasselt, Interview mit dem MEDIENDIENST INTEGRATION