Antisemitismus

Feindliche Einstellungen gegenüber Juden treffen in Deutschland aufgrund des millionenfachen Mordens in der Zeit des Nationalsozialismus einen besonderen Nerv. Doch wie stark ist Antisemitismus heute noch verbreitet? Wo kommt der Begriff her? Und welche unterschiedlichen Erscheinungsformen gibt es?

Was ist Antisemitismus?

AntisemitismusDer Begriff Antisemitismus ist eine Wortneuschöpfung, die erst 1897 geprägt wurde. Heute werden damit i.d.R. aber alle historischen Erscheinungsformen der Feindschaft gegen Juden bezeichnet, die sich gegen sie als Volk, Nation oder Rasse und nicht mehr primär als Religionsgemeinschaft richten. A. ist eine gewisse Wort-Fehlbildung, weil unter die semitischen Sprachen auch Hebräisch, Arabisch oder Aramäisch fallen. Antisemitismus richtet sich aber ausschließlich gegen Juden. ist ein Sammelbegriff für alle Formen der Judenfeindschaft. Er richtet sich gegen Juden als Einzelpersonen, Gruppen oder Institutionen und kann historisch und ideologisch sehr unterschiedliche Züge aufweisen. Die genauere Definition von Antisemitismus ist jedoch sehr umstritten und sorgt immer wieder für hitzige DebattenEtwa über die Frage, wie künftig mit dem Holocaust umgegangen werden sollte. So löste der Schriftsteller Martin Walser eine breite Diskussion aus, als er 1998 in seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels die "Dauerrepräsentation unserer Schande" beklagte und forderte, das Erinnern an den Holocaust auf das Private zu beschränken und damit, einen Schlussstrich unter das öffentliche Gedenken zu ziehen. In jüngster Zeit hingegen sorgten ein Gedicht von Günter Grass und die Kolumnen des Journalisten Jakob Augstein für Debatten darüber, wo legitime Kritik an der israelischen Politik aufhört und Antisemitismus anfängt..

Angelehnt an die Definition des Historikers Wolfgang Benz kann man folgende vier Erscheinungsformen unterscheiden:

  • historischer, christlicher Antijudaismus (religiös motivierte Ressentiments wie etwa Vorwurf des "Gottes-" oder "Ritualmordes", die in sektiererischen christlichen Gruppierungen weiterhin existieren)
  • biologisch begründeter Rassen-Antisemitismus (alle Juden werden aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu angeblich biologischem Kollektiv, dem sie nicht entgehen können, negativ bewertet)
  • sekundärer Antisemitismus (psychologisch-moralische Erinnerungsabwehr nach dem Holocaust, wie etwa Versuch einer Täter-Opfer-Umkehr, Forderungen nach einem Schlussstrich, Behauptung, Erinnerung an Holocaust diene zur Erpressung finanzieller Mittel)
  • Antizionistischer oder israelbezogener Antisemitismus (dem Staat Israel werden "jüdische Eigenschaften" zugeschrieben und dabei antisemitische Stereotype bedient. Darauf aufbauende Infragestellung des Existenzrechts oder Forderung der Abschaffung des Staates Israel sowie Gleichsetzung der israelischen Politik gegenüber Palästinensern mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung)

Davon abgeleitet können die Motive heutzutage sozialSeit dem Mittelalter wurden Juden als ausbeuterische und unproduktive "Händler" und "Wucherer" diffarmiert. Später wurde dies mit dem Schlagwort vom "jüdischen Finanzkapital" verbunden. Heute dient etwa die Formulierung "Ostküste" als Synonym für angebliche Vorherrschaft jüdischer Bankiers in den USA., politischBeim politischen Antisemitismus wird "den Juden" eine Machtstellung zugeschrieben, deren Ziel die Erlangung der Macht im jeweiligen Land oder in der ganzen Welt ist und die durch eine Verschwörung erreicht werden soll., nationalistischDer nationalistische Antisemitismus sieht in den Juden eine ethnisch, kulturell oder sozial nicht zur jeweiligen Nation gehörende Minderheit, die als fremd und illoyal gegenüber der Nation wahrgenommen wird., rassistisch, kulturell oder antizionistisch sein. Diese UnterscheidungSiehe zu den Definitionen und unterschiedlichen Erscheinungsformen auch "Antisemitismus in Deutschland", Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, Bundesministerium des Inneren (Hrsg.), Stand August 2011, S. 10ff. dient jedoch nur der Einordnung, in der Realität treten meist Mischformen auf.

Antisemitismus kann demnach latent aufreten oder manifestiert. Manifest äußert er sich etwa in Übergriffen auf Juden, Sachbeschädigungen oder Propaganda. Als latent antisemitisch gelten Menschen, die judenfeindlich denken, aber (noch) keine Straftaten begehen. Die öffentliche antisemitische Hetze gegen Juden ist in Deutschland als Volksverhetzung strafbar. Dazu gehört auch die Leugnung des Holocausts.

Wie verbreitet ist Antisemitismus in der Gesellschaft?

Antisemitismus wird in Deutschland nicht zuletzt aufgrund des Nationalsozialismus gemeinhin geächtet. Seit den 60er Jahren dominieren daher sogenannte moderne Varianten, wie etwa der "sekundäre Antisemitismus" sowie Antizionismus. Diese Formen judenfeindlicher Ressentiments reichen aktuellen Studien zufolge bis weit in die Mitte der Gesellschaft.

Die "Mitte"-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2016 verzeichnet einen Rückgang von klassisch antisemitischen Einstellungen. Stimmten 2014 noch rund neun Prozent der Befragten judenfeindlichen Aussagen zu, weist die Erhebung von 2016 nur noch bei rund 6 Prozent Antisemitismus nach. Einen Anstieg gab es dagegen bei subtileren Formen der Abwertung von Juden. So gaben etwa 40 Prozent der Befragten an, dass sie es bei der Politik Israels "gut verstehen" könnten, "dass man etwas gegen Juden hat". 2014 waren es noch 28 Prozent.Quelle"Gespaltene Mitte – Feindselige Einstellungen", 2016, S. 50, 43 ff.

Aus einer Bertelsmann-Studie von 2015 geht hervor: 23 Prozent der Bevölkerung stimmen der Aussage zu, "Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss". Dies ist laut Autoren ein klassischer Indikator für traditionellen Antisemitismus, der "relativ konsistent, stabil und änderungsresistent" sei. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Zustimmungswerte allerdings leicht gesunken (2013: 28 Prozent). Die Ergebnisse legten nahe, dass diese Form des Antisemitismus besonders unter älteren Befragten verbreitet ist.QuelleStudie "Deutschland und Israel heute", Bertelsmann Stiftung, 2015, Seite 72

Ein von der Bundesregierung beauftragter unabhängiger Expertenkreis fasste Anfang 2012 den Forschungsstand zu Antisemitismus in einem Bericht zusammen. Ein Fazit: Rund 20 Prozent der Bevölkerung sind latentUnter latent sind judenfeindliche Denkmuster zu verstehen, die nicht zwingend öffentlich geäußert werden. antisemitisch eingestellt.

Die Betroffenen selbst geben hohe Diskriminierungs-Werte an: Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) hatte im Herbst 2012 Juden in der EU zu ihren Erfahrungen mit Antisemitismus befragt. In der Umfrage gaben 61 Prozent der jüdischen Deutschen an, dass Antisemitismus ein großes oder ziemlich großes Problem sei. 36 Prozent sagten, sie seien innerhalb der letzten fünf Jahre antisemitisch belästigt worden.

Die sogenannte Schlussstrich-Debatte

In der Bundesrepublik gibt es den VorsatzSiehe hierzu etwa Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) "Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus" oder Artikel zur "Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus" am 27. Januar 2015 im Deutschen Bundestag der Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur, wenn es um die Gräueltaten im Nationalsozialismus und Holocaust geht. Dennoch ist die Forderung, einen Schlussstrich unter die Debatte zu ziehen, fast so alt wie die Bundesrepublik selbst.QuelleGeschichte-Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung, "Schlussstrich statt Sühne", 2012

Zuletzt löste der Schriftsteller Martin Walser eine breite Diskussion aus, als er 1998 in seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels die "Dauerrepräsentation unserer Schande" beklagte. Er forderte, das Erinnern an den Holocaust auf das Private zu beschränken und damit, einen "Schlusstrich" unter das öffentliche Gedenken zu ziehen. Der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, warf ihm daraufhin "geistige Brandstiftung" vor.QuelleTobias Jaeger, "Die Walser-Bubis-Debatte: Erinnern oder Vergessen?", 2003

Wissenschaftler sehen einen "sekundären Antisemitismus" als einen möglichen Grund für die Forderung nach einem Schlussstrich. Zwar sei längst nicht jeder, der sich dafür ausspricht, antisemitisch eingestellt, umgekehrt gelte allerdings: Wer antisemitisch eingestellt ist, fordere fast immer auch einen "Schlussstrich".

Zuletzt zeigte eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung, wie dominant diese Forderung in der Bevölkerung ist: Eine Mehrheit von 58 Prozent der Befragten hält es für richtig, dass nicht mehr so viel über die Judenverfolgung geredet, sondern endlich ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen werden sollte. Lediglich 38 Prozent halten das für falsch. 2013 stimmten der Forderung nach einem Schlusstrich demnach "nur" 55 Prozent zu.QuelleStudie "Deutschland und Israel heute", Bertelsmann Stiftung, 2015, Seite 71

Studie: Welche Erfahrungen machen Juden in der EU?

Aufschluss über die Verbreitung antisemitischer Sichtweisen geben auch die Ergebnisse einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA). Diese befragte im Herbst 2012 rund 5.900 Juden aus acht LändernBelgien, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Italien, Lettland, Schweden und Großbritannien zu ihren Erfahrungen mit antisemitischen Diskriminierungen, Übergriffen und Einstellungen und lieferte damit eigenen Angaben zufolge erstmals einen Überblick über ihre Situation in der EU.

  • Rund drei Viertel der Befragten (76 Prozent) sagten, der Antisemitismus in ihrem Land habe in den letzten fünf Jahren zugenommen.
  • Zwei Drittel gaben an, Antisemitismus sei dort ein sehr großes oder ziemlich großes Problem (66 Prozent).
  • In Deutschland traf dies auf 61 Prozent der Befragten zu.
  • Noch schlechter wurde die Situation in Ungarn eingeschätzt (89 Prozent sagten, Antisemitismus sei hier ein Problem), gefolgt von Frankreich (84 Prozent) und Belgien (77 Prozent).
  • 36 Prozent der jüdischen Deutschen sagten, sie seien innerhalb der letzten fünf Jahre antisemitisch belästigt worden. Noch häufiger kam dies in Ungarn (43 Prozent) und Belgien (38 Prozent) vor.
  • Viele der Befragten fühlen sich demnach in ihrem Land nicht sicher und denken darüber nach, auszuwandern: in Ungarn traf das auf 48 Prozent der Befragten zu, in Frankreich auf 46, in Belgien auf 40 und in Deutschland auf 25 Prozent.

QuelleDiscrimination and hate crime against Jews in EU Member States: eperiences and perceptions of antisemitism, FRA, November 2013.

Wie viele antisemitische Straftaten werden in Deutschland verübt?

Mit Erstarken des Rechtsextremismus ist seit 1989 eine massive Zunahme antisemitischer Straftaten in Deutschland zu verzeichnen. Die fast alltägliche Gewalt reicht von verbaler Hetze über die Schändung jüdischer Friedhöfe und Einrichtungen bis hin zu körperlichen Attacken gegen Juden. Trauriger Höhepunkt waren 1.809 StraftatenQuelle: "Antisemitismus in Deutschland", Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus" (2011), S. 36 im Jahr 2006, ein Jahr später gab es mit 64 Fällen die meisten antisemitisch motivierten Gewalttaten. 2015 gab es einer Mitteilung des Bundesinnenministeriums (BMI) zufolge 1.366 antisemitische Straftaten, davon 36 antisemitische Gewalttaten. (2014: 1.596 insgesamt, 45 Gewalttaten).

Erst seit 2001 werden antisemitische Straftaten unter "Politisch motivierter Kriminalität" (PMK) gesondert erfasst und im Verfassungsschutzbericht veröffentlicht. Sie sind differenziert nach rechtsextremer, linksextremer und in ausländischen Ideologien begründeter Tätermotivation. Die Zahlen der Behörden unterscheiden sich allerdings deutlich von den Statistiken, die Opferverbände führen. Die Amadeu-Antonio-Stiftung orientiert sich an Presseberichten von NGOs und führt auf ihrer Homepage eine eigene Chronik antisemitischer Übergriffe.

Gibt es einen verstärkten Antisemitismus unter Muslimen?

Die große mediale Aufmerksamkeit für das Thema verstärkt die öffentliche Wahrnehmung, Antisemitismus würde gerade unter Jugendlichen mit arabischem und türkischem bzw. muslimischem Hintergrund stetig zunehmen. Bislang gibt es jedoch keine repräsentativenalso aufgrund der untersuchten Fallzahlen auf die Gesamtheit übertragbaren Forschungsergebnisse, die eine allgemeine Einschätzung zum Phänomen judenfeindlicher Einstellungen unter Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund ermöglichen.Quelle"Antisemitismus in Deutschland", Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Stand August 2011, S. 78ff.

In der bisher umfassendsten, jedoch nicht repräsentativen Untersuchung zum Thema kommen Forscher der Universität Bielefeld zu dem Ergebnis, dass es keine gravierenden Unterschiede zwischen den antisemitischen Vorurteilen von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gibt, sofern sie nicht extremistisch orientiert sind. Je nach Herkunft tun sie dies jedoch in unterschiedlicher Intensität. (Siehe auch Artikel von Prof. Andreas Zick, MEDIENDIENST 2014)

Die Wissenschaftler Jürgen Mansel und Viktoria Spaiser haben Jugendliche mit Migrationshintergrund in Bezug auf ihre gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit umfangreich befragt. Mit Blick auf muslimische Jugendliche zeigte sich dabei sehr deutlich: antisemitische Vorurteile haben weder mit Migrationserfahrungen noch mit der familiären Erziehung zu tun.

Zwar kommen sie zu dem Ergebnis, dass bei Jugendlichen "aus muslimisch geprägten Sozialisationskontexten" Antisemitismus insgesamt häufiger anzutreffen ist. Ist dies der Fall, sei damit jedoch meist das Gefühl von Benachteiligung verbunden, bei dem die eigenen Erfahrungen von Diskriminierung und Abwertung mit dem Leid der Muslime weltweit verknüpft werden. Daraus entsteht das Gefühl einer weltweit gedemütigten Schicksalsgemeinschaft.QuelleJürgen Mansel/Viktoria Spaiser, "Antisemitische Einstellungen bei Jugendlichen aus muslimisch geprägten Sozialisationskontexten. Eigene Diskriminierungserfahrungen und transnationale Einflüsse als Hintergrundfaktoren". In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 10, Berlin, S. 220–244. Vgl. KIGA-Newsletter 2012

Weitestgehend einig sind sich die Wissenschaftlern darüber, dass der Zusammenhang zwischen ethnischer oder religiöser Herkunft keinen alleinigen Erklärungsansatz für Ausmaß und Ausprägung antisemitischer Denkmuster bietet.QuelleJürgen Mansel/Viktoria Spaiser: Abschlussbericht des Forschungsprojektes "Soziale Beziehnungen, Konfliktpotentiale und Vorurteile im Kontext von Erfahrungen verweigerter Teilhabe und Anerkennung bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund", 2010, S. 68.

Gibt es einen "importierten" Antisemitimus?

Bis vor zehn Jahren waren antisemitische Einstellungen von Migranten und ihren Nachkommen kaum ein Thema in Deutschland. In jüngster Zeit fokussiert sich die öffentliche Diskussion über antisemitische Haltungen und Übergriffe jedoch häufig auf Muslime (mit Migrationshintergrund).Quelle"Antisemitismus in Deutschland", Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, Bundesministerium des Inneren (Hrsg.), Stand August 2011, S. 78ff.

Auslöser dafür waren unter anderem der erneut eskalierende Israel-Palästina-Konflikt mit der "Zweiten Intifada" und die Terroranschläge des 11. September 2001 – beides rückte den Nahen Osten stärker in das europäische Bewusstsein. Gleichzeitig kam es zu einem Anstieg antijüdischer beziehungsweise antisemitischer Vorfälle und Übergriffe in Europa und Deutschland, bei denen auch Täter mit "muslimischem Hintergrund" in Erscheinung traten.QuelleAnne Goldenbogen, "Zwischen Diversität und Stigmatisierung – Antisemitismus und Bildungsarbeit in der Migrationsgesellschaft", in: Widerspruchstoleranz. Ein Theorie-Praxis-Handbuch zu Antisemitismuskritik und Bildungsarbeit, Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA e.V.) (Hrsgb.), September 2013, S. 19-22.

Dieselben Effekte wiederholten sich infolge des Gaza-Konflikts von 2014: Auf anti-israelischen und pro-palästinensischen Demonstrationen kam es zu harschen judenfeindlichen Äußerungen. Wieder entbrannte eine Debatte darüber, ob es einen "neuen" und vor allem spezifisch "muslimischen Antisemitismus" gäbe, der durch "Migranten" quasi nach Deutschland importiert worden sei.QuelleVgl. hierzu Äußerungen von Bundespräsident Joachim Gauck auf Spiegel Online.

In der WissenschaftSiehe hierzu etwa Artikel von Konfliktforscher Prof. Dr. Andreas Zick "'Importierter' oder 'integrierter' Antisemitismus" für Mediendienst Integration von 2014 oder Interview mit Antisemitismusforscher Prof. Dr. Detlev Claussen "Ventil der Gefühle" von Juli 2014. herrscht weitestgehende Einigkeit darüber, dass beides nicht zutrifft: Der Antisemitismus passe sich zwar immer wieder neuen gesellschaftlichen Zusammenhängen und Diskursen an. Die Stereotype, die dabei bedient werden, blieben jedoch weitestgehend unverändertWie etwa das Bild von der "jüdischen Weltverschwörung", von "Juden als Zersetzern" oder "Kindermördern".. Dies gelte auch für den Antisemitismus unter MuslimenSo wird etwa die Reformierung des Islams dahingehend gedeutet, dass "die Juden" hinter den Reformdiskussionen stecken würden, um Muslime zu beherrschen und "den Islam" von seinem wahren Charakter zu entfernen; die "Ritualmordlegende" taucht im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt wieder auf, wenn auf pro-palästinensischen Demonstrationen vom "Kindermörder Israel" die Rede ist..

Wie viele Straftaten werden von "Migrationshintergründlern" verübt?

Wie häufig antisemitische Straftaten von Muslimen oder "Tätern mit Migrationshintergrund" verübt werden, ist unbekannt, denn statistisch wird das nicht erfasst. Zwar werden antisemitische Straftaten in den Daten zur Politisch motivierten Kriminalität (PMK) neben dem rechten und dem linken Milieu auch der Kategorie "Ausländer" zugeordnet. Gemeint ist damit aber nicht etwa die Staatsangehörigkeit der Täter. Auch deutsche Staatsangehörige können unter die PMK-"Ausländer" fallen. Vielmehr geht es um Straftaten, bei denen "der Tatbegehung eine im Ausland begründete Ideologie zugrunde liegt", so das Bundesinnenministerium (BMI) auf Nachfrage des Mediendienstes. Hierzu würde etwa der Bereich des islamistisch begründeten Terrorismus zählen.

Zwar sind die Zahlen kaum aussagekräftig, was antisemitische Straftaten angeht, die von "Muslimen", "Migranten" oder Tätern mit "Migrationshintergrund" verübt werden. Allerdings lässt sich festhalten, dass die überwiegende Mehrheit der Gewalt- und Straftaten nach wie vor vom rechten Spektrum ausgeht:

Von den 1.366 antisemitischen StraftatenDazu zählen sowohl Sachbeschädigungen von Friedhöfen oder Gedenkstätten und Beleidigungen gegen Juden als auch Gewalttaten wie Körperverletzung, Brandanschläge und Tötungsdelikte., die 2015 registriert wurden, entfielen 91 Prozent (1.246 Straftaten) auf das rechte Spektrum und nur knapp sechs Prozent (78 Straftaten) auf die Kategorie "Ausländer".

Gleichsetzung von Juden und Israelis

Eine Schwierigkeit in der Debatte über Antisemitismus ist die oft synonyme Verwendung von "Juden" und "Israelis". Sie wird unter anderem in Debatten über den Nahost-Konflikt deutlich oder wenn israelische Politiker und Diplomaten interviewt werden, obwohl es um Antisemitismus in Deutschland geht.

Israelbezogener Antisemitismus ist in der Bevölkerung weitverbreitet, wie aus einer Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervorgeht. Ein Indikator dafür sei die Zustimmung zur Aussage "Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben." Dem stimmten 34 Prozent der Befragten zu (2013 waren es noch 41 Prozent). Die Autoren weisen auch auf eine "deutliche Zunahme antisemitischer Äußerungen im Rahmen des Gaza-Konflikts" hin.QuelleStudie "Deutschland und Israel heute", Bertelsmann Stiftung, 2015, Seite 73