Situation auf dem Ausbildungsmarkt

Ein Berufsabschluss ist eine wichtige Voraussetzung für die späteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt und die berufliche Integration. Junge Erwachsene mit Migrationshintergrund erlangen nach wie vor seltener einen beruflichen AbschlussAuch "beruflicher Bildungsabschluss" genannt. Gemeint ist damit der Abschluss einer berufsqualifizierenden Ausbildung oder einer Ausbildung an einer Fachhochschule oder Hochschule. als diejenigen ohne. Statistiken und Studien belegen, dass sie im Vergleich zu ihren Mitbewerbern auf dem Ausbildungsmarkt benachteiligt sind und bei gleicher Qualifikation deutlich schlechtere Chancen haben.

Wie viele Jugendliche mit Migrationshintergrund fangen eine Ausbildung an?

Die sogenannte "Ausbildungsanfängerquote" gibt an, wie viele junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahren in einem bestimmten Jahr eine Ausbildung angefangen haben. Die Quote liegt für 2014 vor: Bei Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit betrug sie rund 31 Prozent. Bei denjenigen mit deutschem Pass lag sie mit rund 56 Prozent deutlich höher.QuelleBIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2016, Tab. A4.5-5, S. 157

Die "AusbildungsabsolventenquoteDie Zahl der Absolventen einer dualen Berufsausbildung pro Altersjahrgang in Relation zur Wohnbevölkerung im jeweiligen Alter" zeigt, wie viele junge Menschen zwischen 19 und 27 Jahren eine Ausbildung abgeschlossen haben. Auch hier zeigt sich eine deutlich geringere Teilhabe von Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit: Im Jahr 2014 betrug die Quote bei deutschen Staatsbürgern 48 Prozent und nur 16 Prozent bei ausländischen Staatsbürgern.QuelleBIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2016, Tabelle A4.5-6, S. 158

Junge Erwachsene mit ausländischer Staatsangehörigkeit schlagen sich deutlich öfter ohne Berufsabschluss durch das Leben als ihre Altersgenossen mit deutschem Pass. Das geht aus dem Datenreport des Bundesinstituts für Berufsbildung zum Berufsbildungsbericht 2016 geht hervor. Während 2014 von den 20- bis 34-Jährigen mit ausländischer Staatsangehörigkeiteingerechnet sind hier auch Menschen mit mehreren Staatsangehörigkeiten rund 31 Prozent keinen Berufsabschluss hatten, traf dies unter deutschen Staatsangehörigen nur auf zehn Prozent zu.QuelleBIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2016, Tab A8.2-4, S. 289

Von den 20- bis 34-Jährigen mit türkischem Pass (inklusive Doppelstaater) waren sogar rund 47 Prozent ohne Berufsabschluss. In der Gesamtgruppe der türkeistämmigen 20- bis 34-Jährigen ohne eigene Migrationserfahrung (inklusive denjenigen mit deutschem Pass) hatten knapp 27 Prozent keinen Abschluss.QuelleBIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2016, Tab. A8.2-4, S.289

Wie viele Auszubildende haben einen Migrationshintergrund?

Angaben zur Teilhabe von Jugendlichen am Ausbildungsmarkt sind oft nicht miteinander vergleichbar: In den Statistiken und Studien wird manchmal nach Staatsangehörigkeit, manchmal nach "Migrationshintergrund" unterschieden – dessen Definition wiederum teilweise von der statistischen Definition abweicht.

Dem Mikrozensus zufolge hatte 2015 mehr als ein Viertel (28,5 Prozent) der 15- bis 20-Jährigen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Das entspricht 1,15 Millionen aller Jugendlichen in dieser Altersgruppe.Quelleeigene Berechnung, Datengrundlage: Statistisches Bundesamt: Bevölkerung nach Migrationsstatus und Altersgruppen 2015, auf Grundlage des Mikrozensus 2015, S. 62

  • 27 Prozent aller Auszubildenden haben einen Migrationshintergrund. Das geht aus dem Ausbildungsreport 2015 des DGB hervor. Für die Studie wurde das Merkmal Migrationshintergrund erstmals nach der Definition des Mikrozensus erhoben. Demnach besitzen mehr als 60 Prozent der Azubis ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit, mehr als 18 Prozent die deutsche und eine andere und mehr als 21 Prozent ausschließlich eine andere Staatsbürgerschaft.QuelleDeutscher Gewerkschaftsbund, Jugend und Politik, Ausbildungsreport 2015, S. 52 ff.
  • Ähnliches hatte auch eine Bewerber-Befragung der Bundesagentur für Arbeit (BA) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zum Anteil der Auszubildenden mit MigrationshintergrundAbweichend von der Definition des Statistischen Bundesamtes wurden im Rahmen der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2012 Bewerber, die in Deutschland geboren wurden, alleine die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen und ausschließlich Deutsch als Muttersprache gelernt hatten, als Deutsche ohne Migrationshintergrund eingeordnet; für alle anderen wurde von einem Migrationshintergrund ausgegangen, siehe BIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014. S. 80. ergeben. Demnach waren im Vermittlungsjahr 2013/2014 rund 478.000 Ausbildungssuchende bei der BA gemeldet, 28 Prozent von ihnen hatten einen Migrationshintergrund.QuelleBIBB-Datenreport 2015. Tab. A.3.1.1-1, S. 81

Wie viele Betriebe in Deutschland bilden Migrantenkinder aus?

Eine repräsentative Studie der Bertelsmann Stiftung von 2015, für die rund 1.000 Unternehmen befragt wurden, kommt zu folgenden Ergebnissen:

  • Rund 15 Prozent aller befragten Ausbildungsbetriebe bilden einen oder mehrere Jugendliche mit Migrationshintergrund aus. Auf ganz Deutschland umgerechnet entspricht das rund 70.000 Unternehmen. 60 Prozent der Betriebe hingegen erklärten, noch nie einen solchen Azubi gehabt zu haben.
  • Als Gründe hierfür gaben drei Viertel aller befragten Unternehmen an, keine Bewerbungen von Menschen aus Einwandererfamilien zu erhalten. Das steht den Autoren der Studie zufolge im Widerspruch zu einer Bewerber-Befragung von 2012, der zufolge Bewerber mit Migrationshintergrund deutlich häufiger nach Ausbildungsplätzen anfragten als diejenigen ohne.QuelleBertelsmann Stiftung, Berufsausbildung junger Menschen mit Migrationshintergrund, 2015, S. 27f und S. 31

Wie sind ihre Chancen auf dem Ausbildungsmarkt?

Jugendliche mit Migrationsbezügen haben im Vergleich zu ihren Altersgenossen ökonomisch und sozial meist schwierigere Ausgangsbedingungen. Entsprechend schneiden sie in der Schule oft schlechter ab. Das erschwert die erfolgreiche Suche nach einem Ausbildungsplatz: Auch wenn Jugendliche aus Einwandererfamilien sich bei mehr Betrieben nach einem Ausbildungsplatz erkundigen, mehr Bewerbungen verschicken und mehr Berufe in Erwägung ziehen als Bewerber ohne Migrationshintergrund, werden sie erheblich seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen.Quelle"10. Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration zur Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland", 2014, S. 111-117; Autorengruppe Bildungsberichterstattung "Bildung in Deutschland 2014", S. 100 sowie Abbildung E1-4A, S. 276; BIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014. S. 83f, 91; siehe hierzu auch Testing-Studie des SVR von 2014 zur Bewerbung um einen Ausbildungsplatz; BIBB-Datenreport zum Ausbildungsbericht 2016, S. 81

Diskriminierung bei der Ausbildungssuche

Dem Ausbildungsreport 2015 des Deutschen Gewekschaftsbunds (DGB) zufolge erfahren Bewerber mit Migrationshintergrund Benachteiligungen. So empfinden rund 14 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund es als schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden. Das traf nur bei rund neun Prozent ihrer Mitbewerber ohne Migrationshintergrund zu. Rund zwölf Prozent gaben an, bei der Suche aufgrund ihrer Herkunft oder Staatsangehörigkeit diskriminiert worden zu sein. Bei Befragten ohne deutsche Staatsangehörigkeit gab dies sogar ein Fünftel an.

Auch eine unter über 13.000 Bewerbern des Ausbildungsjahrgangs 2011/2012 durchgeführte BefragungBIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014. S. 80ff der Bundesagentur für Arbeit (BA) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigte klare Erfolgsunterschiede bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz – selbst bei gleichem Schulabschluss:

  • Hatten bis Anfang 2013 von den Jugendlichen ohne Migrationshintergrund rund 44 Prozent einen Ausbildungsplatz gefunden, traf dies nur auf 29 Prozent derjenigen mit Migrationshintergrund zu.
  • Es gibt aber offenbar auch Unterschiede bei einzelnen Herkunftsgruppen: Während die Chance auf einen Ausbildungsplatz bei Bewerbern mit Fachhochschulreife oder Abitur und einem türkischen oder arabischen Hintergrund lediglich bei 24 Prozent lag, war sie bei Ausbildungswilligen mit osteuropäischer (38 Prozent) oder südeuropäischer Herkunft (46 Prozent) deutlich höher. Wohlgemerkt: Bei gleicher Qualifikation.
  • Jugendliche türkischer oder arabischer Herkunft mit Fachhochschulreife oder Abitur bekamen sogar seltener einen Ausbildungsplatz (24 Prozent) als solche mit einem mittleren Schulabschluss (29 Prozent). Ein höherer Schulabschlusses wirkte sich hier – im Unterschied zu allen anderen Herkunftsgruppen – also nicht positiv aus.Quelle"10. Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration zur Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland", 2014, S. 115f; BIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014. S. 85

Anhaltspunkte für die Ungleichbehandlung von Bewerbern aus Einwandererfamilien lieferte 2015 auch eine repräsentative Befragung der Bertelsmann Stiftung bei rund 1.000 Ausbildungsbetrieben. So gaben 38 Prozent der Ausbildungsbetriebe an, sie befürchteten bei Bewerbern aus Einwandererfamilien mangelnde Deutschkenntnisse, 15 Prozent befürchteten kulturelle Unterschiede.QuelleBertelsmann Stiftung, Berufsausbildung junger Menschen mit Migrationshintergrund, 2015, S. 27f und S. 31