Medien in der Einwanderungsgesellschaft

Medien prägen die Wahrnehmung von Minderheiten. Sie spielen somit eine zentrale Rolle im Einwanderungsland. Wie aber werden Migranten hier dargestellt? Welche Medien konsumieren sie? Und wie viel Vielfalt findet sich in den Redaktionen der Medienhäuser? Hier finden Sie Antworten und weiterführende Publikationen in den Quellenangaben.

Anteil der Journalisten mit Migrationshintergrund

Mit rund 17 Millionen Menschen hat jeder fünfte Einwohner in Deutschland einen Migrationshintergrund. Die Vielfalt der deutschen Einwanderungsgesellschaft findet sich jedoch in den Redaktionsräumen kaum wieder: Schätzungen gehen von vier bis fünf Prozent aus, wobei Print- und Online-Medien offenbar weniger Menschen aus Einwandererfamilien beschäftigen als Rundfunksender. QuellePöttker/Kiesewetter/Lofink: Migranten als Journalisten? Eine Studie zu Berufsperspektiven in der Einwanderungsgesellschaft, Springer, 2015, S.15

Konkrete Untersuchungen zum Anteil der Journalisten mit Migrationshintergrund in Deutschland gibt es kaum. Allerdings gibt es immer wieder Hinweise darauf, dass sie unterrepräsentiert sind. Eine Studie zur Vielfalt in Printmedien kam 2009 zu dem Schluss, dass einheimische Journalisten in 84 Prozent der Tageszeitungen sogar ganz unter sich sind. Auch in den einschlägigen Ausbildungsgängen zum Journalismus waren Nachwuchskräfte mit Migrationshintergrund auffallend unterrepräsentiert. Dies könnte sich inzwischen geändert haben.QuelleRainer Geißler: Zur Rolle der Medien in der Einwanderungsgesellschaft, Beitrag von 2010, Seite 8

Medienbetriebe wollen offenbar die ethnische Vielfalt steigern. In der Umsetzung scheitern sie aber bislang eher, wie die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zeigen, das im "Zentrum für mediale Integration" (ZFMI) an der TU Dortmund durchgeführt wird. Befragungen in Nordrhein-Westfalen ergaben demnach, dass fast die Hälfte (45 Prozent) der Medienverantwortlichen der Meinung ist, der Anteil von Migranten im Journalismus sei noch "unzureichend". Gleichzeitig sprachen sich 43 Prozent der Medienverantwortlichen dagegen aus, Journalisten mit Migrationshintergrund gezielt zu fördern – nur 13 Prozent waren dafür.QuellePöttker/Kiesewetter/Lofink: Migranten als Journalisten? Eine Studie zu Berufsperspektiven in der Einwanderungsgesellschaft, Springer, 2015, S.53-82

Migranten und ihre Nachkommen in der Berichterstattung

Zur Darstellung von Migranten in den Medien gibt es zahlreiche Untersuchungen. Sie zeigen: Es geht eher selten um die Belange von Migranten in Deutschland, häufiger tauchen sie als Gegenstand der Berichterstattung und hier in negativen Kontexten auf. Und emotional aufgeladene Debatten nehmen den Platz von sachlichen, pragmatisch-zielorientierten Fragestellungen ein.Quelle Rainer Geißler: Zur Rolle der Medien in der Einwanderungsgesellschaft, WISO-Diskurs, 2010; "Migranten und Medien", Analyse der Universität Jena im Auftrag der CIVIS-Medienstiftung

Frauen aus Einwandererfamilien werden besonders oft stereotyp dargestellt, wie Margreth Lüneborg in 2011 in der Publikation "Migrantinnen in den Medien" beschreibt. Sie finden sich in häufig wiederholten Rollen wieder: als Opfer, "Integrationsbedürftige", Nachbarin oder erfolgreiche Prominente.

Darstellung von Muslimen in Medien

Islam und Muslime sind ein Dauerthema in Medien. In den vergangenen Jahren wurden mehrere Untersuchungen veröffentlicht, die sich mit der Darstellung der religiösen Minderheit befassen:

  • 2014 ist das negative Islambild in den Medien auf einem neuen Tiefpunkt angelangt – das besagt eine Analyse von 2,6 Millionen TV-Sendungen in Deutschland, Großbritannien und den USA, die vom Schweizer Auswertungsdienst "Media Tenor" vorgenommen wurde. Eine Ursache dafür sehen die Autoren darin, dass muslimische Organisationen kaum präsent seien, während die Berichterstattung über islamistische Terrorgruppen dominiere.Quelle "Annual Dialog Report", Media Tenor, Januar 2015
  • Der Forschungsbereich des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration notierte etwa in einer 2013 erschienenen Studie: Medien bedienen verstärkt ein Bild vom Islam, das um Terrorismus und gescheiterte Integration kreist. Rund 71 Prozent der im Rahmen der Studie Befragten ohne und 74 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund empfanden das in den Medien vermittelte Bild von "Arabern" oder "Muslimen" als negativ.
  • Auch eine international vergleichende Studie der Vodafone Stiftung von 2012 stützt dieses Ergebnis: Rund 82 Prozent der Befragten in Deutschland waren der Meinung, Muslime würden in den Medien "stereotyp" dargestellt. Mehrheitlich (79 Prozent) erinnerten sie sich an Berichte über Muslime, die mit einem negativen Bild verknüpft waren. Beispiele waren die Sarrazin-Debatte, die Berichterstattung über den Arabischen Frühling und das Minarettverbot in der Schweiz.
  • In einer Expertise im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung zieht die Soziologin Naika Foroutan 2012 den Schluss: Das öffentliche Bild über Muslime in Deutschland ist stark geprägt von Klischees, die von der Wissenschaft regelmäßig widerlegt würden. So bestehe beispielsweise eine "drastische Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der tatsächlich empirisch nachweisbaren Zahl der Kopftuchtragenden". Bei einer Befragung im Auftrag des Bundes-Innenministeriums gaben knapp 70 Prozent der Befragten tragen nie ein Kopftuch. QuelleMuslimisches Leben in Deutschland, Studie im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz, 2009, S. 199.
  • Im Buch "Migrantinnen in den Medien" von 2011 heißt es: Die mediale Darstellung von Musliminnen greift auf ein enges Repertoire der Rollenzuweisung zurück, dominiert von Bildern als "Opfer" und "Integrationsbedürftige". Die verschleierte Frau werde gar zur "Verkörperung religiöser und kultureller Fremdheit und Bedrohung".

Antiziganismus in deutschen Medien

Sie klauen, entführen Kinder oder sind Bettler auf Durchreise: Vorurteile gegenüber Sinti und Roma sind in den Medien weit verbreitet. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "AntiziganismusAntiziganismus steht für Vorurteile und stereotype Klischees, die auf Sinti, Roma und andere Betroffene projiziert werden. Sie müssen nicht negativ sein: Auch Zuschreibungen wie "bettelarm" oder "musikalisch" sind pauschalisierend und problematisch, weil sie auf eine Gruppe angewendet werden, die es so nicht gibt. Quelle: Studie "Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit", 2014 in der deutschen Öffentlichkeit". Demnach werden in Berichten über "Armutszuwanderung" oder "Einbrecher-Banden" uralte Klischees reproduziert, die von Journalisten oft nicht erkannt und hinterfragt werden. Mit der Medienanalyse von 2014 hat Politikwissenschaftler Markus End erstmals umfassend untersucht, inwiefern Journalisten negative Stereotype gegenüber Sinti und Roma (re-)produzieren. Zusammengefasst lauten die Ergebnisse:

  • Antiziganismus ist weit verbreitet. Vorurteile gegenüber Sinti und Roma sind in vielen Redaktionen nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
  • Bestehende Vorurteile und negative "Zigeuner"-Bilder wurden und werden – häufig unbewusst und ungewollt – in der Berichterstattung immer wieder bestätigt oder reproduziert.
  • Öffentlich-rechtliche und andere "seriöse Medien" bilden dabei keine Ausnahme.
  • In der deutschen Medienlandschaft herrscht kaum Sensibilität für antiziganistische Aussagen und Darstellungen.

Negative Zerrbilder könnten laut End als Legitimation für Diskriminierung oder sogar Gewalt dienen. Es bedürfe einer bewussten Entscheidung in Medienhäusern, Klischees nicht zu wiederholen.

Wie stark Vorurteile gegenüber Sinti und Roma in der Gesellschaft verbreitet sind, belegen auch einige Umfragen, die der Mediendienst in der Rubrik "Rassismus" vorstellt.

Welche Medien nutzen Einwanderer?

Anders als lange angenommen, zeigen Untersuchungen der letzten Jahre, dass die Mehrheit aller Einwanderergruppen regelmäßig deutsche Medien nutzt.

Das bedeutet zum Einen, Menschen mit Migrationshintergrund sind (potenzielle) Kunden und werden durch ihre steigende Zahl in der Gesellschaft an Bedeutung gewinnen. Zum Anderen belegt diese Tatsache, dass sie bereits medial integriert sind.Quelleunter anderem: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, Schriftenreihe Medienforschung 2010; "Mediennutzung von Migranten in Deutschland", Working-Paper BAMF 2010; "Migranten und Medien", Analyse der Universität Jena im Auftrag der CIVIS-Medienstiftung

"Muttersprachliche Medien" in Deutschland

Die Zahl der Medien, die sich speziell an bestimmte Migrantengruppen richten, ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Während in Deutschland meist von "muttersprachlichen Medienangeboten" die Rede ist, wird in Ländern wie den USA häufiger der Begriff "Ethnomedien" verwendet.

  • Rund 2.000 nicht-deutschsprachige Printprodukte hat der Verband "Internationale Medienhilfe" (IMH) ermittelt und in einem Verzeichnis veröffentlicht. Die meisten fremdsprachigen Zeitungen, Zeitschriften und Anzeigenblätter sind demnach auf Englisch, Russisch, Türkisch, Polnisch und Italienisch. Darunter finden sich Zeitungen wie die "German Times", "Russkaja Germanija" oder "Arab Forum".
  • Nach wie vor gibt es bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auch muttersprachliche Radiosendungen, wie etwa im WDR-Sender "Funkhaus Europa". Während sie früher vor allem dazu dienten, ausländischen Arbeitskräften Nachrichten aus ihrer Heimat zukommen zu lassen, werden sie heute von zahlreichen Hörern auch als Lernmittel für eine Fremdsprache genutzt.
  • Vereinzelt gibt es TV-Angebote in Fremdsprachen, wie den Sender "Türkshow", der von Deutschland aus produziert wird und via Satellit empfangen werden kann. Inzwischen bieten allerdings auch Anbieter für Kabel- und Internetfernsehen ausländische Kanäle an, sodass deutsche und fremdsprachige Fernsehangebote im Paket bezogen werden können.

Erfassung von TV-Einschaltquoten

Auftraggeber der kontinuierlichen Fernsehforschung in Deutschland ist seit 1988 die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF), ein Zusammenschluss der Senderfamilien ARD, ProSiebenSat.1, Mediengruppe RTL Deutschland und ZDF. Erhoben wird die Einschaltquote von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK).

Insgesamt gibt es 5.000 Haushalte mit Messgeräten, in denen 11.000 Personen leben und deren Fernsehverhalten täglich erfasst wird. Die Ergebnisse werden auf die Gesamtbevölkerung von 80,5 Millionen hochgerechnet. Die Gruppe der Erfassten setzt sich überwiegend aus Deutschen zusammen, aber auch Ausländer aus unterschiedlichen EU-Ländern sind repräsentativ vertreten.

Lediglich sogenannte Drittstaatenausländer, die nicht aus einem EU-Land stammen, kommen zu kurz: Sie werden zwar mit 58 Teilnehmern in der TV-Quotenmessung berücksichtigt, wie das AGF erläutert. Bei insgesamt 11.000 Teilnehmern entspricht das jedoch lediglich 0,5 Prozent. Ihr Anteil an der Bevölkerung liegt mit rund 4,4 MillionenQuelle: Statistisches Bundesamt, 2012, Seite 116. zehn Mal so hoch. Das bedeutet: Die Fernsehvorlieben von Ausländern aus Drittstaaten spielen bei Einschaltquoten und damit bei der Programmplanung kaum eine Rolle.

Warum ein Teil der Bevölkerung nicht erfasst wird, hat der Mediendienst in einem Bericht veröffentlicht.