Tagung des MEDIENDIENSTES 03.05.2018

Vernetzung europäischer Projekte zu Migration und Medien

Wie werden die Debatten über Flucht, Migration und Integration in anderen europäischen Ländern geführt? Vor welchen Herausforderungen stehen Projekte, die sich für eine ausgewogene Berichterstattung in den Medien einsetzen? Und wie kann man länderübergreifend zusammenarbeiten? Darüber diskutierten Projekte aus elf europäischen Ländern erstmals auf einer Tagung des MEDIENDIENSTES.



Teilnehmer auf der MDI-Tagung "Media and Migration in Europe". Foto: Thomas Lobenwein

Seit dem "langen Sommer der Migration" von 2015 beherrschen Migrations- und Integrationsthemen europaweit die Schlagzeilen und politischen Debatten. Internationale Studien zeigen: Häufig gibt es eine starke FokussierungSiehe hierzu etwa "World Migration Report” 2018 der Internationalen Organisation für Migration, S. 15 ff. und Ethical Journalism Network 2017, "How does the media on both sides of the Mediterranean report on migration?". auf Negativ-Themen wie gestiegene Kriminalitätsraten, Gewalt unter Flüchtlingen oder die Bedrohung durch "den Islam". Das trifft auch auf Länder zu, die vergleichsweise wenige Flüchtlinge und Migranten aufgenommen haben.

Wie entstehen diese Debatten? Und wie kann man Fakten, Experten und Hintergrundwissen in die Diskussionen und die Berichterstattung einbringen? Dies waren einige der Fragen, die die Teilnehmer auf der Tagung "Media and Migration in Europe" einbrachten. Die vom MEDIENDIENST organisierte Tagung fand am 19. und 20. April 2018 in Berlin statt. Erstmals kamen dabei 18 ausgewählte Projekte und Organisationen aus elf europäischen LändernBelgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Norwegen, Polen, die Schweiz, Tschechische Republik, Ungarn zusammen, die sich für eine ausgewogene und sachliche Berichterstattung zu Migrations- und Integrationsthemen einsetzen.

Ziel der Konferenz war es, den gegenseitigen Austausch zu fördern und Ideen der Zusammenarbeit zu entwickeln. Zu den Teilnehmern gehörten Projekte wie "Diversity Media” aus den Niederlanden, das "Media Diversity Institute” aus Großbritannien und die "Neuen deutschen Medienmacher". Sie setzen sich für Vielfalt in den Medien ein, wollen über Vorurteile und Falschmeldungen aufklären und diesen aktiv entgegenwirken. Andere, wie das "Oxford Migration Observatory”, die tschechische Organisation "People in Need/Člověk v tísni” und das italienische Projekt "Open Migration” setzen wie der MEDIENDIENST vor allem auf die Vermittlung von Fakten und Hintergrundwissen. Wiederum andere wie das britische "Ethical Journalism Network” und das Projekt "Media Against Hate" von der "European Federation of Journalists” agieren international, stellen Best-Practice-Beispiele vor, prangern aber auch problematische Berichte an. Viele Organisationen bieten zudem Fortbildungen für Journalisten an.

Unterschiedliche Ausgangspositionen, viele Gemeinsamkeiten

Zwar ist die politische und mediale Landschaft in den Ländern sehr unterschiedlich. Doch fast alle Teilnehmer berichteten davon, dass sich das Klima hinsichtlich Migrations- und Integrationsthemen in den letzten Jahren verschlechtert hat. Besonders dramatisch ist die Lage in Ungarn: Hier werden Projekte, die sich für eine humane und ausgewogene Berichterstattung über Migration einsetzen, als "Staatsfeinde” diffamiert, wie die Leiterin der Medien-Abteilung vom "Hungarian Helsinki Committe", Anikó Bakonyi, im Interview mit dem MEDIENDIENST sagte.

Interview mit Aniko Bakonyi (Hungarian Helsinki Committee)

Insgesamt konnten die Teilnehmenden viele gemeinsame Herausforderungen identifizieren:

  • Der Ton in der Berichterstattung über Migration und Flüchtlinge ist in den vergangenen drei Jahren rauer geworden.
  • Rechtskonservative und -populistische Parteien haben in fast allen Ländern den politischen und medialen Diskurs über diese Themen beeinflusst.
  • Soziale Medien, Falschmeldungen und Hate Speech beeinflussen zunehmend die Debatten.
  • Die direkt Betroffenen (Einwanderer, Flüchtlinge, Vertreter von Minderheiten) kommen nur sehr selten zu Wort.
  • Das Thema Migration nimmt oft eine zentrale Rolle in der Medienberichterstattung ein und wird auf ähnliche Weiste diskutiert – unabhängig davon, wie viele und welche Flüchtlinge und Migranten in dem Land aufgenommen wurden.
  • Migration und Flucht scheinen häufig stellvertretend für andere Themen wie Abstiegs- oder Zukunftsängste debattiert zu werden. Soziale Fragen wie Armut, Arbeitslosigkeit oder Frauenrechte werden in Bezug auf die eigene Gesellschaft jedoch vernachlässigt.

Die Tagungsgäste waren sich einig, dass eine verstärkte Zusammenarbeit sinnvoll wäre. Dazu wurden Ideen entwickelt, die der MEDIENDIENST begleiten möchte. Dazu gehören der Austausch von Daten und Studien, länderübergreifende und vergleichende Recherchen, Projektbesuche und Recherchereisen, Fortbildungen zu strategischen Fragen und die Vermittlung von Experten aus anderen Ländern.

Teilnehmende Projekte

Associazione Carta di Roma
Diversity Media
Ethical Journalism Network
Institut neue Schweiz
La Cimade
Media Against Hate
Media Diversity Institute
Migration Online
Migration Policy Group
Neue deutsche Medienmacher
Norsensus Mediaforum
Open Migration
Oxford Migration Observatory
People in Need
The Hungarian Helsinki Committee
Uchodzcy.info

Von Fabio Ghelli und Rana Göroğlu