10 Jahre OEZ-Attentat

Der verkannte Anschlag

Der rechtsextreme OEZ-Anschlag in München am 22. Juli 2016 galt jahrelang als Amoklauf. Politische Konsequenzen gab es kaum. Unser Factsheet mit den wichtigsten Informationen zehn Jahre danach.

Jahrelang wurde das OEZ-Attentat als unpolitischer Amoklauf eingestuft. Foto: Picture Alliance

Dieser Artikel wurde im Juli 2026 umfassend aktualisiert. Eine ursprüngliche Fassung erschien im Juli 2021.

  1. Einführung
  2. Folgen des Anschlags
  3. Zehn Jahre nach dem Attentat
  4. Der Ablauf des Anschlags
  5. Die Namen der Opfer
  6. Einstufung der Tat: Amoklauf oder rassistisches Attentat?
  7. Wichtige Quellen

1. Einführung

Am 22. Juli 2016 tötete ein Attentäter in München neun Menschen und verletzte fünf weitere. Alle Todesopfer hatten Migrationsbiografien oder gehörten zur Minderheit der Sinti und Roma. Matthias Quent, IDZ Jena (10/2017): „Ist die Mehrfachtötung am OEZ München ein Hassverbrechen?”, Seite 2 und Seite 6

Lange wurde der Anschlag als "Amoklauf" eingestuft. Erst drei Jahre nach der Tat, im Oktober 2019, stuften die bayerischen Behörden die Tat als rechtsextremes Attentat ein. Bis heute ist das OEZ-Attentat im öffentlichen Gedenken nicht so präsent wie andere rechtsextrem motivierte Attentate, zum Beispiel von Halle, Hanau oder dem NSU. Matthias Quent, IDZ Jena (10/2017): „Ist die Mehrfachtötung am OEZ München ein Hassverbrechen?”, Seite 2 und Seite 6 ; Bayerische Staatsregierung (2019): Herrmann zum Abschluss der Ermittlungen zum OEZ-Attentat, Link ; Zeit (2021): Es geht ums richtige Erinnern, Link

2. Folgen des Anschlags

Der Täter konnte nicht vor Gericht gestellt werden, weil er sich nach der Tat erschoss. Bestraft wurde der Waffenhändler, von dem der Attentäter seine Waffe über das Darknet gekauft hatte. Er wurde im Januar 2019 rechtskräftig zu sieben Jahren Haft verurteilt. Im Verfahren gab es Hinweise auf eine rechtsextreme Gesinnung des Waffenhändlers. Abschließend verurteilt wurde er wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Verstößen gegen das Waffengesetz. Ein Folge-Prozess wegen Falschaussagen im Waffenhändler-Prozess ist bisher nicht abgeschlossen. Süddeutsche Zeitung (01/2019): Urteil gegen Waffenhändler des OEZ-Attentäters rechtskräftig, Link ; Bundesgerichtshof (2019): Pressemitteilungen 06/2019, Link ; Die Zeit (2026): Prozess um Falschaussagen zum OEZ-Anschlag vertagt, Link

Die frühe Einstufung der Tat als Amoklauf führte dazu, dass kaum politische Konsequenzen gezogen wurden. Anders als bei den Anschlägen in Hanau oder Halle gab es nur wenig öffentliche Debatten. Ein Untersuchungsausschuss, wie ihn zum Beispiel die Initiative „München OEZ erinnern!" zum zehnten Jahrestag des Attentats fordert, wurde nicht eingerichtet. Die bayerische Landesregierung verstärkte ihre Präventionsarbeit gegen Amokläufe.  Bayerische Landesregierung (04/2018): Antwort auf Landtags-Anfrage der Freien Wähler, Drucksache 17/18, Seite 1 ; Iniative „Münschen OEZ gedenken!” (2026): Zehn Jahre Anschlag am OEZ, zehn Jahre offen Fragen, Link

3. Zehn Jahre nach dem Attentat

  • Zum zehnten Jahrestag, am 22. Juli 2026, des Attentats wird in München eine zentrale Gedenkveranstaltung stattfinden, an der auch Bundespräsident Steinmeier teilnehmen wird. Außerdem gibt es weitere Veranstaltungen in der Stadt. Süddeutsche Zeitung (2026): Zum Gedenken kommt erstmals der Bundespräsident, Link

     

  • Seit dem siebten Jahrestag 2023 wird die jährliche Gedenkveranstaltung der Stadt München in enger Absprache mit Angehörigen gestaltet. Am achten Jahrestag erschien eine Broschüre des NS-Dokumentationszentrums München und seitdem gibt es regelmäßige Kulturveranstaltungen

Website „Selbstbestimmt erinnern”, "Selçuk Kılıç / Formen des Gedenkens", Link ; Broschüre „Tell their Stories” (2023): Link ; Veranstaltung „We shine for these nine” (2024), Link

  • 2022 gründeten Angehörige, Überlebende und ihre Unterstützer*innen die Initiative „München OEZ erinnern!", um an die Ermorderten zu erinnern. Die Münchener Initiative ist seit 2022 auch Teil des bundesweiten Netzwerks von Betroffenen rechtsextremer und antisemitischer Gewalt, unter anderem mit Betroffenen der Anschläge von Hanau, Halle und Solingen. Unterstützend wurde eine Website zum Erinnern eingerichtet. Die Stadt München stellt der Initiative seit 2025 einen Gedenkraum unentgeltlich zur Verfügung. Initiative „München OEZ erinnern!" (2025): Über uns, Link ; Website „Selbstbestimmt erinnern”, Link

     

  • Kurz vor dem fünften Jahrestag änderte die Stadt die Inschrift am Mahnmal für den Anschlag. Seitdem steht dort: "In Erinnerung an alle Opfer des rassistischen Attentats vom 22.7.2016". Zuvor lautetete die Inschrift: "In Erinnerung an alle Opfer des Amoklaufs vom 22.7.2016". Abendzeitung (06/2020): OEZ-Attentat: Stadt lässt Inschrift an Opfer-Denkmal ändern, Link

4. Der Ablauf des Anschlags

22. Juli 2016

  • Der spätere Attentäter fordert auf Facebook andere Nutzer dazu auf, in die McDonald‘s-Filiale am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) zu kommen. Er hält sich dort ab 17 Uhr auf. Bayerische Landesregierung (09/2017): Antwort auf eine Landtags-Anfrage der Grünen, Drucksache 17/17957, ab Seite 3 sowie Bayerisches Staatsministerium des Innern (2017): OEZ-Einsatzbericht im Innenausschuss, Seite 5

17.51 bis 17.59 Uhr

  • Der Attentäter beginnt im Restaurant auf Menschen zu schießen, tötet fünf Jugendliche und verletzt einen weiteren schwer. Dann verlässt er das Restaurant.
  • Auf der Straße schießt er auf Fußgänger*innen und vorbeifahrende Autos. In der Nähe einer Tiefgarage erschießt er zwei Menschen und verletzt drei weitere Personen schwer.
  • Ein weiteres Opfer tötet der Attentäter in der Nähe des U-Bahnhofs „Olympia-Einkaufszentrum”.
  • Sein letztes Opfer tötet er im Einkaufszentrum. Bayerische Landesregierung (09/2017): Antwort auf eine Landtags-Anfrage der Grünen, Drucksache 17/17957, ab Seite 3 sowie Bayerisches Staatsministerium des Innern (2017): OEZ-Einsatzbericht im Innenausschuss, Seite 5

18.04 Uhr

  • Danach läuft der Attentäter auf das Parkdeck eines angrenzenden Parkhauses und schießt auf Anwohner*innen. Später versteckt er sich im Fahrradraum eines Wohnhauses. Bayerische Landesregierung (09/2017): Antwort auf eine Landtags-Anfrage der Grünen, Drucksache 17/17957, ab Seite 3 sowie Bayerisches Staatsministerium des Innern (2017): OEZ-Einsatzbericht im Innenausschuss, Seite 5

ab 19.00 Uhr

  • Wegen der unklaren Situationen und Gerüchten auf Social Media kommt es an verschiedenen Orten in der Stadt zu Panik. Zahlreiche Personen werden dabei verletzt. Insgesamt erhält die Polizei 71 Meldungen wegen vermeintlicher Schüsse. Bayerische Landesregierung (09/2017): Antwort auf eine Landtags-Anfrage der Grünen, Drucksache 17/17957, ab Seite 3 sowie Bayerisches Staatsministerium des Innern (2017): OEZ-Einsatzbericht im Innenausschuss, Seite 5

20.26 Uhr

  • Der Attentäter verlässt sein Versteck. Er trifft auf Polizist*innen, die ihn auffordern, seine Waffe niederzulegen. Der Attentäter erschießt sich. Bayerische Landesregierung (09/2017): Antwort auf eine Landtags-Anfrage der Grünen, Drucksache 17/17957, ab Seite 3 sowie Bayerisches Staatsministerium des Innern (2017): OEZ-Einsatzbericht im Innenausschuss, Seite 5

5. Die Namen der Opfer

  • Armela Segashi
  • Can Leyla
  • Dijamant Zabërgja
  • Guiliano Kollmann
  • Hüseyin Dayıcık
  • Roberto Rafael
  • Sabine S.
  • Selçuk Kılıç
  • Sevda Dağ Initiative „München OEZ erinnern!” (2025) , Link

6. Einstufung der Tat: Amoklauf oder rassistisches Attentat?

Bereits kurz nach der Tat ließen die bayerischen Sicherheitsbehörden verlauten, dass Mobbing-Erfahrungen des Täters "tatauslösend" gewesen seien und nicht eine politische Motivation. Damit galt die Tat lange als Amoklauf und nicht politisch motiviert. Aus Sicht der Behörden gab es dafür mehrere Hinweise:

  • dass er von der 5. bis zur 8. Klasse Mobbing durch Mitschüler erlebt hatte,
  • dass der Täter zeitweise in psychiatrischer Behandlung war und
  • dass er sich mit dem Thema "Amoklauf" beschäftigt hatte. Bayerische Landesregierung (09/2017): Antwort auf eine Landtags-Anfrage der Grünen, Drucksache 17/17957, ab Seite 2

An dieser Einschätzung gab es schon früh Kritik. Denn es gab zahlreiche Anhaltspunkte dafür, dass die Tat rassistisch motiviert war. Einige Beispiele:

  • Das Datum des Anschlags: Es war der fünfte Jahrestag des rechtsextremen Anschlags in Oslo und Utøya am 22.7.2011. Auch die Tatwaffe war vom selben Modell.
  • Gefundene Beweisstücke, darunter ein „Manifest”, in dem der Attentäter von „ausländischen Untermenschen” spricht sowie ein weiteres am Tattag erstelltes Dokument mit dem Titel „Ich werde jetzt jeden Deutschen Türken auslöschen egal wer.docx". Bayerische Landesregierung (09/2017): Antwort auf eine Landtags-Anfrage der G, Drucksache 17/17957, ab Seite 4

  • Der Attentäter wählte seine Opfer nach rassistischen Zuschreibungen aus. Er hatte keine persönlichen Verbindungen zu den Opfern. Matthias Quent, IDZ Jena (10/2017): „Ist die Mehrfachtötung am OEZ München ein Hassverbrechen?”, Seite 18

  • Die Gesinnung des Täters: Er äußerte sich mehrfach rassistisch. Bayerische Landesregierung (09/2017): Antwort auf eine Landtags-Anfrage der Grünen, Drucksache 17/17957, ab Seite 4

  • Online-Verhalten: Der Attentäter vernetzte sich unter anderem über Gaming Plattformen mit anderen Rassist*innen und Rechtsextremen. So war er laut Medienberichten auf der Plattform "Steam" u.a. im "Anti-Refugee Club" aktiv und hatte dort auch Kontakt mit einem Mann, der später im US-amerikanischen New Mexico ein rassistisches Attentat beging. Belltower News (2018): Das OEZ-Attentat und der virtuell verrnetzte Rechtsextremismus, Link

Wegen der anhaltenden Diskussion um die Einstufung der Tat gab es mehrere Gutachten: Ein Gutachten im Auftrag der Polizei kam 2018 zu dem Schluss, dass es sich um einen Amoklauf gehandelt habe, bei dem die „typischen breiten Hass- und Gewaltphantasien eines Amoktäters" vorlagen ( Bannenberg ). Die Stadt München gab insgesamt drei Gutachten in Auftrag ( Hartleb , Quent , Kopke ). Alle drei Gutachter kamen 2017 unabhängig voneinander zu dem Schluss, dass der Täter rassistische Motive gehabt habe und es sich um eine politisch motivierte Tat gehandelt habe. Insbesondere wurde darauf hingewiesen, dass sich eine psychische Erkrankung und eine politische Tatmotivation nicht ausschließen müssen.

Nach einer langen öffentlichen Debatte stuften die bayerischen Sicherheitsbehörden im Oktober 2019 die Tat als politisch motiviert ein. Die frühe Einstufung der Tat als Amoklauf führte dazu, dass kaum politische Konsequenzen gezogen wurden. Die Staatsregierung verstärkte ihre Präventionsarbeit gegen Amokläufe. Bayerische Landesregierung (04/2018): Antwort auf Landtags-Anfrage der Freien Wähler, Drucksache 17/18, Seite 1 ; Die Welt (10/2019): Bayern stuft OEZ-Attentat nun als rechtsradikal motiviert ein, Link

Im Juni 2020, knapp fünf Jahre nach der Ermordung von neun Münchnern, änderte die Stadt die Inschrift am Mahnmal ab. Seitdem steht dort: "In Erinnerung an alle Opfer des rassistischen Attentats vom 22.7.2016". Zuvor war von den Opfern eines "Amoklaufs" die Rede. Abendzeitung (06/2020): OEZ-Attentat: Stadt lässt Inschrift an Opfer-Denkmal ändern, Link

7. Wichtige Quellen

  • Hier finden Sie Einschätzungen von Fachleuten
  • Kontakte zu wichtigen Ansprechpartnern:
    • Initiative „München OEZ erinnern!” ( Mail / Instagram )
    • Fachstelle Demokratie der Stadt München ( Mail )
    • Kontaktanfrage zu Forschenden über den Mediendienst ( Mail )
       
  • Experten-Gutachten zum Attentat (2016. 2017): Bannenberg , Hartleb , Quent , Kopke
  • Bayerische Landesregierung (2017): Antwort auf Landtags-Anfrage der Grünen
  • Bayerisches Staatsministerium des Innern (2017): OEZ- Einsatzbericht im Innenausschuss