Mehrsprachigkeit und Deutschkenntnisse

In der Integrationsdebatte hört man von Politikern und Bürgern oft die Forderung nach "besseren" Deutschkenntnissen bei Migranten und ihren Nachkommen. Allerdings wissen wir gar nicht, wie hoch der Sprachförderbedarf tatsächlich ist: Die Daten- und Forschungslage ist uneinheitlich und lückenhaft. So sind die Diskussionen eher von Annahmen geprägt als von Fakten. Hinzu kommt: Mehrsprachigkeit wird nur selten als das gewürdigt, was sie ist: eine zusätzliche Qualifikation.Der Genauigkeit halber muss unterschieden werden: Während Kenntnisse in Sprachen wie Englisch, Französisch oder Italienisch in der allgemeinen Wahrnehmung positiv besetzt sind und als Qualifikation betrachtet werden, werden die Sprachkenntnisse von Migranten und ihren Nachkommen etwa in Arabisch, Türkisch oder Rumänisch weit weniger anerkannt und gefördert; siehe hierzu auch Kommentar des Sprachwissenschaftlers Konrad Ehlich im Tagesspiegel vom 5. Januar 2015.

Wie gut sprechen Migranten Deutsch?

Diese Frage kann nicht einfach beantwortet werden. Über die Deutschkenntnisse von erwachsenen Migranten gibt es keine belastbaren Daten, die vorliegenden Untersuchungen beruhen zudem auf Selbsteinschätzungen.

Anhaltspunkte bietet unter anderem die IAB-SOEP-Migrationsstichprobe, für die 5.000 Menschen befragt wurden, die nach 1995 nach Deutschland gekommen oder als Nachkommen von Einwanderern in den Arbeitsmarkt eingetreten sind. Bei dieser Stichprobe gilt es zu berücksichtigen: Drei Viertel der Befragten sind im Ausland geboren.

  • Demnach gaben zum Zeitpunkt der Umfrage (2013) 12 Prozent der Teilnehmer an, dass sie bereits gut oder sehr gut Deutsch konnten, als sie nach Deutschland gezogen sind.
  • Von denjenigen, die bereits mehr als zehn Jahre in Deutschland leben, schätzten 63 Prozent ihre Deutschkenntnisse als gut oder sehr gut ein.
  • Insgesamt gaben 61 Prozent der Einwanderer an, aktiv Deutsch gelernt zu haben: rund 11 Prozent haben Deutschkurse in ihren Heimatländern besucht und 44 Prozent haben Kurse in Deutschland belegt. QuelleIAB-SOEP-Migrationsstichprobe, S. 13ff.

Welche Sprache sprechen Kinder mit Migrationshintergrund zu Hause?

46 Wissenschaftler haben in einer Erklärung klargestellt: "Zweisprachigkeit ist – auch schon im frühesten Kindesalter – unproblematisch und kann unter guten Bedingungen sogar positive Effekte auf die gesamte kognitive Entwicklung haben." Dennoch werden in vielen Debatten oft Studien zitiert, die untersucht haben, wie viele Kinder zu Hause nicht Deutsch sprechen.

Die Kinder- und Jugendhilfestatistik 2012 hat etwa für Kindertageseinrichtungen folgende Daten erhoben: 60,9 Prozent der drei- bis sechsjährigen Kinder mit MigrationshintergrundHier definiert als Kinder mit mindestens einem ausländischen Elternteil. sprächen in der Familie vorrangig nicht Deutsch. Verglichen mit den Daten von 2006 sei der Anteil um 9 Prozentpunkte gesunken.QuelleStatistisches Bundesamt, Statistik der Kinder- und Jugendhilfe, Kinder in Kindertageseinrichtungen, Veröffentlichung von 2012.

Anders sieht es aus für Kinder, die bereits eingeschult sind: Dem ersten Kinder-Migrationsreport des Deutschen Jugendinstituts von 2013 zufolge sprechen drei Viertel der Sechs- bis Achtjährigen aus Einwandererfamilien zu Hause überwiegend Deutsch mit ihren Eltern und Geschwistern.QuelleKinder-Migrationsreport des DJI 2013, S. 82.

Zu einem ähnlichen Befund kommt die internationale Grundschulvergleichsstudie IGLU, die im Dezember 2012 veröffentlicht wurde: der Anteil der befragten Viertklässler, die angaben, zu Hause nie Deutsch zu sprechen, ist in Deutschland mit 0,8 ProzentDas entspricht einem Anteil von rund 4 Prozent der befragten Schüler mit Migrationshintergrund. ähnlich gering wie in den meisten anderen Teilnehmerstaaten. 19 Prozent aller Befragten gaben an, in der Familie nur manchmal, knapp 80 Prozent dagegen immer oder fast immer Deutsch zu sprechen.QuelleSiehe Presseinformation zur Veröffentlichung der IGLU- und TIMMS-Studien von 2011, S. 51.

Einer Auswertung der Ergebnisse der PISA-Studie 2012 für Deutschland zufolge sprechen 72 Prozent der getesteten 15-jährigen Schüler mit MigrationshintergrundHier definiert als Schüler mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil. zu Hause Deutsch.QuellePISA 2012. Fortschritte und Herausforderungen für Deutschland, Manfred Prenzel (Hrsg.), Münster 2013, S. 304.

Wie hoch ist ihr Sprachförderbedarf?

Dass Kinder aus Einwandererfamilien, die mehrsprachig aufwachsen, ein erhöhtes Risiko für sprachliche Defizite haben, ist ein Mythos – erklären zum Beispiel Wissenschaftler vom Zentrum "Sprache, Variation und Migration" (SVM) in einem InterviewInterview mit Prof. Dr. Heike Wiese in der Süddeutschen Zeitung vom 9. Dezember 2014.

Die Ergebnisse der ersten PISA-Studie von 2001 stellten jedoch einen Zusammenhang zwischen Sprachproblemen in der Schule und einer mangelnden Sprachförderung im Vorschulalter her. In den Bundesländern wurden deshalb verstärkt Maßnahmen zur Sprachförderung in den Kindertageseinrichtungen eingeführt.

Sprachstandserhebung vor der Schule
Derzeit werden in 14 Bundesländern 17 verschiedene Testverfahren angewandt, um die Sprachkenntnisse und den Förderbedarf von Kindern im Vorschulalter festzustellen. Auch der Migrationshintergrund wird sehr unterschiedlich definiert. Demnach können über den Sprachstand und Förderbedarf keine bundesweiten Aussagen getroffen werden, wie beispielsweise das IntegrationsmonitoringSiehe Bericht, S. 40. der Länder feststellt. Seit Langem wird deshalb gefordert, die sogenannten Sprachstandstests bundesweit zu vereinheitlichen.QuelleDaten zur Befragung der Länderministerien durch das Deutsche Jugendinstitut, 2012

Sprachniveau in der Schule
Auch zu den Deutschkenntnissen und dem Förderbedarf von Schülern fehlen bundesweit vergleichbare Daten. Anhaltspunkte können die Ergebnisse einer ElternbefragungSiehe Erster Kinder-Migrationsreport des DJI, 2013, S. 177. des Deutschen Jugendinstituts (DJI) von 2009 bieten. Den Eltern zufolge hatten rund 39 Prozent der Drei- bis Siebenjährigen, die mit zwei Sprachen aufwachsen, einen Sprachförderbedarf. Bei den Kindern derselben Altersgruppe ohne Migrationshintergrund war er mit 21 Prozent ebenfalls hoch.

Wie wichtig ist frühkindliche Sprachförderung?

Seit Mitte der 90er Jahre befasst sich die Forschung intensiv mit der Bedeutung der frühkindlichen Sprachbildung. Dominant ist dabei die Auffassung, dass die Förderung sprachlicher Kompetenzen vor der Schule grundlegend für den Bildungserfolg sei. Auch politisch ist die vorherrschende Meinung, Kinder müssten bereits vor dem Schuleintritt gefördert werden, wenn in der Familie kaum Deutsch gesprochen wird.

Umgesetzt wird das bisher sehr unterschiedlich: Die Aus- und Fortbildung pädagogischer Fachkräfte, die Tests zur Feststellung der Sprachkompetenz und des Förderbedarfs sowie die Angebote zur Verbesserung der Deutschkenntnisse weichen je nach Bundesland stark voneinander ab. Zudem fehlt es in vielen dieser Bereiche an empirischen Daten und Untersuchungen – der Forschungsbedarf ist groß.Quelle9. Lagebericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland, Juni 2012, S. 107, 110-113.

Oft wird übersehen, dass der frühkindliche Ansatz umstritten ist: Wichtiger finden es einige Wissenschaftler, dass das System Schule in den Fokus rückt und verbessert wird. Demnach müssten institutionelle und strukturelle Diskriminierungen abgebaut werden.

Umgang mit Mehrsprachigkeit

Mehrsprachigkeit stellt nicht die Ausnahme, sondern den Normalfall dar. Wissenschaftler gehen davon aus, dass zwischen 50 und 75 Prozent der Menschen weltweit zwei- oder mehrsprachig sind.QuelleSiehe hierzu etwa Artikel "Vom Umgang mit Mehrsprachigkeiten" von Prof. Dr. Volker Hinnenkamp oder Gast-Kommentar von Wissenschaftlern des Zentrums für "Sprache, Variation und Migration" (SVM) beim MEDIENDIENST

Auch die Europäischen Union erklärt die Förderung von Mehrsprachigkeit in einer Rahmenstrategie zum Ziel: Alle Bürgerinnen und Bürger sollen "zusätzlich zu ihrer Muttersprache über praktische Kenntnisse in mindestens zwei weiteren Sprachen verfügen", denn in modernen Gesellschaften ist Mehrsprachigkeit eine wertvolle Ressource.

In Deutschland gewinnt Mehrsprachigkeit immer mehr an Bedeutung. Neben den vielen unterschiedlichen Sprachen, die Einwanderer in den vergangenen Jahrzehnten mitgebracht haben, gibt es sieben geschützte Minderheitensprachenu.a. Sorbisch, Nordfriesisch, Romani und Niederfränkisch. 1992 trat Deutschland der "Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen" bei, in der sich die Unterzeichner dazu verpflichten, "Praktiken entgegenzutreten, die den Gebrauch von Regional- oder Minderheitensprachen im Zusammenhang mit wirtschaftlichen oder sozialen Tätigkeiten behindern sollen", vgl. Art. 13-1c..

Kontrovers diskutiert wird darüber, wie mit der Zweisprachigkeit der Kinder von Einwanderern umgegangen werden soll. In der sogenannten Bilingualismus-Debatte stehen sich zwei Lager gegenüber: Das größere Lager hält die Zweisprachigkeit von Einwandererkindern für vorteilhaftSiehe hierzu etwa einen Gast-Kommentar von Sprachwissenschaftlern der Universität Potsdam beim MEDIENDIENST; Stellungnahme von Sprachwissenschaftlern zur Familiensprache und Stellungnahme von Sprachwissenschaftlern zur "Doppelten Halbsprachigkeit". Die Förderung der Muttersprache erweitere ihre kognitiven Fähigkeitenwie das Wahrnehmen, Lernen, Erinnern und Denken und helfe, besser Deutsch zu lernen. Das andere Lager widerspricht dieser These und plädiert dafür, vor allem die Deutschkenntnisse zu fördern.

Diskutiert wird auch, in welcher Reihenfolge die Sprachen erlernt werden sollten. Einige sind der Meinung, mehrsprachige Kinder sollten zunächst die Landessprache lernen. Organisationen wie der Deutsche Bundesverband für Logopädie (DBL) oder das Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) hingegen empfehlen, Eltern sollten in ihrer Muttersprache mit ihren Kindern sprechen.QuelleArtikel "Mehrsprachiger Spracherwerb" auf Website des DBL und Pressemitteilung des ZAS.

Weitestgehende EinigkeitSiehe etwa Kommentar des Sprachwissenschaftlers Konrad Ehlich im Tagesspiegel vom 5. Januar 2015; SVR Jahresgutachten 2010, S. 147ff; 9. Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Integration und Flüchtlinge über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschkand, Juni 2012, S. 108f. herrscht darüber, dass es Kinder nicht grundsätzlich überfordert, von Anfang an zwei oder sogar mehrere Sprachen zu lernen. Diese Auffassung setzt sich auch politisch immer stärker durch. So stellte die CSU im Dezember 2014 die Forderung auf, Migranten und ihre Kinder sollten zuhause Deutsch sprechen. Bundeskanzlerin Angela Merkel entgegnete dem, sie halte Mehrsprachigkeit insgesamt für einen Vorteil.

Wie viele Migranten nehmen an Integrationskursen teil?

Mit der Reform des Zuwanderungsrechts wurden 2005 sogenannte Integrationskurse eingeführt. Neben einem Orientierungskurs beinhalten sie einen SprachkursDer Sprachkurs umfasst 600 Unterrichtsstunden, der Orientierungskurs 60 Unterrichtsstunden., der "ausreichendeAusreichende Kenntnisse entsprechen dem Niveau B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) für Sprachen, siehe § 2, Abs. 10 AufenthG." Deutschkenntnisse vermitteln soll.

Das Aufenthaltsgesetz regelt, welche Drittstaatenangehörige zu den Kursen berechtigt (§ 44 AufenthG) oder verpflichtet sind (§ 44a AufenthG). EU-Bürger und deutsche Staatsangehörige haben zwar keinen Anspruch auf die Kurse, können aber eine freiwillige Teilnahme beantragen. Ausländer ohne Deutschkenntnisse sowie anerkannte Flüchtlinge und Asylberechtigte, die bestimmte Leistungen beziehen, sind dagegen verpflichtet. Asylbewerber mit einer guten BleibeperspektiveEine "gute Bleibeperspektive" ist laut BAMF gewährleistet, wenn ein Mensch aus einem Herkunftsland kommt, das eine Schutzquote von über 50 Prozent aufweist. Derzeit sind das Syrien, Irak, Eritrea, Iran und Somalia. dürfen seit Oktober 2015 ebenfalls an Integrationskursen teilnehmen.

Die Statistik zu Integrationskursen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zeigt:

  • Von 2005 bis einschließlich 2015 hatten Integrationskurse insgesamt rund 1,3 Millionen Teilnehmer.
  • 2015 waren es rund 180.000 Personen und damit 27 Prozent mehr als 2014 (142.500 Personen).
  • Davon nahmen rund 57 Prozent freiwillig teil, also ohne Verpflichtung durch Ausländerbehörde oder Jobcenter.
  • Etwa die Hälfte der neuen Kursteilnehmer waren EU-Bürger und "Altzuwanderer".
  • Die meisten Teilnehmenden kamen aus Syrien (19,2 Prozent), Polen (8,8 Prozent), Rumänien (8,6), Bulgarien (6,6), Italien (4,4) und der Türkei (4).
  • Die Zahl der Teilnahmeberechtigten für das Jahr 2015 liegt bei rund 284.000. Nicht alle haben einen Kurs begonnen.

Laut BAMF-Statistik haben 2015 rund 114.000 Personen den Integrationskurs mit dem "Deutsch-Test für ZuwandererSeit dem 01.07.2009 werden Integrationskurse mit der einheitlichen Sprachprüfung "Deutsch-Test für Zuwanderer" (DTZ) abgeschlossen." abgeschlossen.

  • 60 Prozent erreichte dabei das Niveau B1 ("ausreichende Deutschkenntnisse") des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER),
  • rund 32 Prozent das Niveau A2 ("hinreichende Deutschkenntnisse"),
  • rund acht Prozent lagen darunter.