Interview 20.01.2017

"Doppelte Staatsbürgerschaft fördert Integration"

In Debatten um die doppelte Staatsangehörigkeit stehen sich zwei Gruppen gegenüber: Die einen sehen den Doppelpass als Hindernis für die Integration, die anderen als Motor. Im Interview mit dem MEDIENDIENST erklärt der Migrationsforscher Thomas Faist, warum doppelte Staatsbürgerschaft Vorteile mit sich bringt – und weshalb das Thema immer wieder in der politischen Debatte auftaucht.



Die doppelte Staatsbürgerschaft sorgt immer wieder für kontroverse Diskussionen. Foto: dpa

MEDIENDIENST: Wie wirkt sich der Doppelpass auf die Integration von Einwanderern und ihren Nachkommen aus? Welche Erkenntnisse gibt es hierzu in der Migrationsforschung?

Thomas Faist: Empirische Studien zeigen eindeutig, dass sich die doppelte Staatsangehörigkeit positiv auf die Integration auswirkt. Das wird deutlich, wenn man sich die sogenannte Einbürgerungsquote in verschiedenen Einwanderungsländern anschaut – also den Anteil der Migranten, die sich einbürgern lassen. In Staaten, die den Doppelpass tolerieren, lassen sich Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft deutlich häufiger einbürgern als in Ländern mit restriktiven Regelungen.

Gibt es auch psychologische Faktoren, die für den Doppelpass sprechen?

Ja. In der Debatte ist oft zu hören, doppelte Staatsbürgerschaft führe zu Loyalitätskonflikten und halte Einwanderer und ihre Nachkommen davon ab, sich eindeutig zu Deutschland zu bekennen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen jedoch, dass sich der Besitz von zwei Pässen positiv auf das Zugehörigkeitsgefühl im Aufnahmeland auswirkt. Zudem fühlen sich Doppelstaater stärker politisch repräsentiert. Mehrstaatigkeit fördert also nicht nur die Integration, sondern auch die demokratische Teilhabe.

Teile der CDU haben jüngst eine Debatte über die doppelte Staatsbürgerschaft angestoßen. Bei einem Parteitag im Dezember sprach sich die Mehrheit der Delegierten dafür aus, das Staatsangehörigkeitsrecht zu verschärfen. Worum geht es genau?

Die Debatte dreht sich um die sogenannte Optionspflicht. Diese sieht vor, dass Kinder von zwei ausländischen Eltern mit der Geburt die deutsche und ausländische Staatsangehörigkeit erhalten, sich aber als Erwachsene für einen der beiden Pässe entscheiden müssen. Diese Regelung wurde 2014 gelockert: CDU und SPD einigten sich darauf, dass Kinder von der Optionspflicht ausgenommen sind, die "in Deutschland geboren und aufgewachsen" sind. Das betrifft insbesondere Nachkommen aus türkeistämmigen Familien. Teile der CDU wollen diesen Kompromiss nun wieder aufkündigen. Dabei hat Deutschland schon jetzt vergleichsweise restriktive Regelungen: Doppelte Staatsbürgerschaft wird nur in Ausnahmefällen toleriert.

THOMAS FAIST ist Professor für die Soziologie der Transnationalität, Entwicklung und Migration an der Universität Bielefeld. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die Themen internationale Migration, doppelte Staatsbürgerschaft und Sozialpolitik. Herr Faist ist Mitglied im "Rat für Migration" (RfM) und hat zahlreiche Artikel und Bücher zum Thema Migration verfasst und herausgegeben.

Wie sehen die Regelungen in anderen Einwanderungsländern aus?

Die Zahl der Länder, die doppelter Staatsbürgerschaft offen gegenüberstehen, ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen. Anfang der 50er Jahre gab es kaum Staaten, die den Doppelpass toleriert haben. Heute ist es fast die Hälfte aller Länder weltweit.

Gibt es Staaten, von denen Deutschland lernen kann?

Als Vorbild könnte Schweden dienen, das den Doppelpass explizit akzeptiert. Zwei Pässe zu haben wird nicht als Problem, sondern vielmehr als Beitrag zur Integration gesehen. Dann gibt es Staaten, die sich gar nicht dafür interessieren, wer welche Staatsbürgerschaft mitbringt. In Großbritannien etwa wird bei der Einbürgerung nicht abgefragt, ob jemand einen zweiten Pass hat. In den USA muss man zwar schwören, dass man keine zweite Staatsangehörigkeit besitzt. Überprüft wird das aber nicht. Ähnlich ist es in Frankreich geregelt.

In Deutschland stand das Thema doppelte Staatsbürgerschaft lange nicht mehr auf der politischen Tagesordnung. Warum ist es gerade jetzt wieder aufgetaucht?

Doppelte Staatsbürgerschaft wird in regelmäßigen Abständen aus der politischen Mottenkiste geholt – und zwar vor allem dann, wenn es um Probleme geht, die nur schwer zu lösen sind. Aktuell etwa steht die Frage im Mittelpunkt, wie Sicherheit in Zeiten des Terrors gewährleistet werden kann. Politiker haben auf diese Frage bislang kaum zufriedenstellende Antworten gefunden. Dennoch möchten sie schnelle Lösungen präsentieren. Hier kommt die doppelte Staatsbürgerschaft ins Spiel. In öffentlichen Debatten wird häufig suggeriert, dass Gefahren von außen kommen, also zum Beispiel durch Migration. Es scheint daher naheliegend, wenn Politiker Einwanderung begrenzen oder Migranten zum exklusiven Bekenntnis zu Deutschland auffordern wollen – also den Besitz einer zweiten Staatsbürgerschaft verbieten wollen. Solche simplen Antworten sind derzeit hoch im Kurs. Sie sind aber auch gefährlich.

Warum?

Zum einen grenzen sie Einwanderer und ihre Nachkommen aus. Zum anderen ist zu befürchten, dass solch vereinfachte Debatten über das Thema rechtspopulistischen Parteien Wählerstimmen verschaffen werden.

Interview: Jennifer Pross