Rassismus 02.12.2016

"Erlebte Diskriminierung kann gutes Zeichen sein"

Von Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani

Im Gastkommentar für den MEDIENDIENST weist der Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani auf einen paradoxen Befund hin: Wer besonders stark benachteiligt wird, fühle sich am seltensten diskriminiert. Wie lässt sich das erklären? Und welche Folgen hat das für den Umgang mit Diskriminierung? El-Mafaalani vertritt die These: Wenn Menschen häufiger über Diskriminierungserfahrungen berichten, kann das ein gutes Zeichen sein.



Schüler in Völkingen demonstrieren im März 2013 gegen Rassismus. Foto: picture alliance

Eine schwarze IT-Spezialistin in den USA, die nicht zur Abteilungsleiterin befördert wird, fühlt sich mit größerer Wahrscheinlichkeit diskriminiert als ein prekär beschäftigter Hilfsarbeiter. Eine Studie zur amerikanischen Latino-Einwanderern zeigte, dass sie rassistische Diskriminierung umso öfter wahrnehmen, je länger sie in den USA leben. Im internationalen Vergleich lässt sich Ähnliches beobachten: In Skandinavien wird häufiger als in Osteuropa über Diskriminierung geklagt, obwohl messbare Benachteiligung in Skandinavien weniger stark ausgeprägt ist.

Diese Beispiele zeigen: Tatsächliche und erlebte Diskriminierung klaffen auseinander. Wie ist das zu erklären? Mehrere Personen können ein und dieselbe Situation unterschiedlich wahrnehmen – entweder als diskriminierend und damit als illegitim oder als legitime Ungleichbehandlung, weil Menschen unterschiedlich qualifiziert und leistungsbereit sind. Betroffene wissen oft nicht, wie sie eine Situation deuten sollen, denn offene Formen der Diskriminierung sind gesellschaftlich weitgehend geächtet. Diskriminierung geschieht häufig subtil, ambivalent und teilweise auch unbewusst. Es kommt daher auf die Wahrnehmung des "Opfers" an. Und die ist maßgeblich von biographischen Erfahrungen beeinflusst.

Foto: Wilfried Gerharz

PROF. DR. ALADIN EL-MAFAALANI lehrt und forscht im Fachbereich Sozialwesen der FH Münster. Im "Handbuch Diskriminierung" hat er zusammen mit Julian Waleciak und Gerrit Weitzel einen Aufsatz über das "Diskriminierungsparadox" veröffentlicht. Demnächst erscheint sein Buch "Migrationssensibilität. Zum Umgang mit Globalität vor Ort."

Wer Erfolge in Bildung und Beruf erlebt, hat höhere Ansprüche an Teilhabe und Zugehörigkeit in der Gesellschaft. Benachteiligungen und Zurückweisung schmerzen diese Menschen besonders. Sie sind sensibler für Diskriminierung. Wahrgenommene Diskriminierung lässt sich also als Missverhältnis zwischen Erwartungen und Realität beschreiben. Da sich Erwartungen deutlich schneller verändern können als die gesellschaftlichen Verhältnisse, ist es durchaus wahrscheinlich, dass die wahrgenommene Diskriminierung steigt, während die messbare Diskriminierung rückläufig ist. Berichten Menschen häufiger von Diskriminierungserfahrungen, kann das ein Hinweis auf verbesserte Teilhabechancen in der Gesellschaft sein. Oder anders ausgedrückt: Je besser Integration gelingt, desto stärker wird über Diskriminierung diskutiert.

Auch situative Faktoren spielen eine Rolle

Diese Befunde werden vor allem unter nordamerikanischen Wissenschaftlern diskutiert. Bislang ist man aber eher davon ausgegangen, dass beruflich erfolgreiche Minderheitenangehörige häufiger in Situationen kommen, in denen es zu diskriminierenden Handlungen kommen kann. Andere haben die Vermutung geäußert, dass Hochqualifizierte eine höhere Sensibilität für Diskriminierung haben, weil sie sich besser in deren subtile Formen hineindenken können.

Ob etwas als diskriminierend empfunden wird, kommt auch auf die konkrete Situation an. Sozialpsychologische Experimente haben gezeigt, dass der soziale Status der diskriminierenden Person eine wichtige Rolle spielt. Steht diese Person in der Hierarchie über der diskriminierten Person, wird die Situation eher als Diskriminierung wahrgenommen. Auch die Hautfarbe der handelnden Person spielt eine Rolle. Entspricht diese nicht der eigenen, wird eine Ungleichbehandlung häufiger als Diskriminierung empfunden. Weil es den Menschen um einen sozialen Aufstieg geht, wird die Ausgrenzung von statushöheren Personen als viel problematischer empfunden als von statusniedrigen Personen.

Was bedeutet das für Wissenschaft und Praxis?

Noch ist unklar, ob ähnliche Mechanismen auch in anderen Kontexten wirken. Ein Beispiel: In Deutschland fühlen sich Jugendliche mit Behinderung kaum diskriminiert. Möglicherweise kann das bedeuten, dass die Jugendlichen seit ihrer Kindheit benachteiligt werden und deswegen nur geringe Ansprüche an gesellschaftliche Teilhabe und Zugehörigkeit entwickeln. Noch gibt es keine Forschungsergebnisse, die präzise Aussagen dazu erlauben.

Ein ähnlicher Effekt ist aber in anderen Zusammenhängen beschrieben worden, etwa in Debatten um Geschlechtergerechtigkeit oder soziale Ungleichheit: Je erfolgreicher ein Problem bekämpft wird, desto stärker wird das verbliebene Restproblem wahrgenommen und diskutiert. Deswegen kann eine hitziger geführte Debatte über Diskriminierung durchaus als ein positives Zeichen gedeutet werden.

Aber auch für die pädagogische Arbeit haben diese Befunde eine weitreichende Bedeutung: Junge Menschen, die sich diskriminiert fühlen, sagen eigentlich: "Ich will mehr als das, was ich derzeit erlebe." Im Prinzip ideale Rahmenbedingungen für Pädagogen, wenn sie dies konstruktiv aufgreifen. Wenn aber die Antwort lautet: "Jetzt übertreib mal nicht" oder "sei nicht so empfindlich", dann bremst man die Motivation dieser Menschen. Denn übersetzt heißt das: "Senk' deine Erwartungen."