25 Jahre Migrationsforschung am IMIS 01.06.2015

"Migration sollte als Normalität anerkannt werden"

Vor 25 Jahren wurde das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) an der Universität Osnabrück gegründet. Damals sprach man noch von "Ausländerforschung" und "Immigranten". Bis heute ist das Institut in Deutschland das einzige fest verankerte, an dem Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche zu Migration und Integration forschen. Im Interview mit dem MEDIENDIENST erläutert Institutsdirektor Andreas Pott, warum die Gründung des IMIS wichtig war und welche Herausforderungen sich für die Zukunft stellen.



Seit 25 Jahren wird am IMIS fächerübergreifend zu Migration und Integration geforscht. Foto: IMIS

MEDIENDIENST: Warum war es vor 25 Jahren wichtig, ein Institut zu gründen, das sich ausschließlich dem Thema Migration widmet?

Prof. Dr. ANDREAS POTT: Es bestand damals ein riesiger Forschungsbedarf. Er ist natürlich nicht kleiner geworden. Erst jetzt fängt man an, zu verstehen, wie vielschichtig dieses Thema ist. Mit dem IMIS gab es erstmals eine Institution, um systematisch über die Bedingungen, Formen und Folgen von Migration nachzudenken. Das war in der Zeit der Gründung keineswegs selbstverständlich. Der Gründer Klaus J. Bade hat schon früh erkannt, dass die deutsche Gesellschaft eine Migrationsforschung braucht.

Was hat das IMIS in diesen 25 Jahren in der Migrationsforschung verändert?

Am IMIS kommen Wissenschaftler zusammen, um interdisziplinär Migration zu erforschen. Sie stammen aus ganz verschiedenen Fachbereichen: von Rechtswissenschaft über Soziologie bis hin zu Erziehungswissenschaft oder Geographie. In den vergangenen 25 Jahren hat das IMIS durch seine umfangreichen Forschungen und Publikationen dazu beigetragen, dass Migration als Normalität stärker anerkannt wird. Es ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld entstanden, das es in Deutschland vorher so nicht gegeben hat.

Heute werden ja viele Studien zu Migrationsthemen durchgeführt...

Ja, es gibt sehr viel Projektforschung, vor allem viele kurzlebige und problemfokussierte Projekte. Aber eine langfristige Grundlagenforschung gibt es außerhalb des IMIS kaum. Dafür fehlt es an den Strukturen. Die Migrationsforschung müsste noch viel stärker werden, sowohl als interdisziplinäres Feld als auch in den einzelnen Fächern. Das dauert lange. Jetzt wächst erst eine Generation von Studierenden heran, die sich dafür interessiert. Außerdem haben wir zwar das Institut, aber es gibt zum Beispiel in Deutschland außer den "IMIS-Beiträgen" keine interdisziplinäre migrationswissenschaftliche Zeitschrift.

Migration ist ein emotional diskutiertes Thema, die Meinungen dazu spalten die Gesellschaft. Ist es überhaupt möglich, eine wissenschaftliche Neutralität dabei zu wahren?

Prof. Dr. ANDREAS POTT ist Professor für Sozial-geographie und seit 2009 Direktor des Instituts für Migrations-forschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. Er forscht zu Stadtentwicklung und Bildungsverläufen von Kindern aus Einwandererfamilien. Außerdem ist er Mitglied im "Rat für Migration" (RfM).

Das ist eine Frage, die wir auch von Studierenden häufig hören. Soll man distanziert-analytisch vorgehen oder doch eher politisch engagiert? Wir positionieren uns natürlich auch durch die Wahl der Themen. Aber ich denke, der beste Ratgeber bleibt die wissenschaftliche Reflexion. Wir müssen unsere Kategorien und Fragen aufmerksam betrachten und immer wieder prüfen. Das heißt: Das, was man sieht, hängt davon ab, wie man es sieht.

Hat die Forschung die gesellschaftliche Debatte über Migration beeinflusst?

Ja, das kann man zum Beispiel an Begriffen wie "Migrationshintergrund" oder "Arbeitsmigrant" ablesen: Sie kommen zu einem großen Teil direkt aus der Forschung und werden in der öffentlichen Debatte aufgegriffen. Dann entwickeln diese Begriffe ein Eigenleben.

Migration hat viel mit politischen Entscheidungen zu tun. Inwiefern kann die Forschung die Politik beeinflussen?

Wissenschaft und Politik sind zwei Systeme, die nach ihren eigenen Kriterien arbeiten. Man kann versuchen, Debatten zu initiieren, Begründungen einzufordern oder bestimmte Prozesse vielleicht vorantreiben. Aber eine direkte Beeinflussung ist nicht möglich. Im Rückblick kann man sehen, welche Stellungsnahmen aufgegriffen wurden. Und manchmal ist es auch frustrierend, Expertisen zu schreiben und zu sehen, was daraus gemacht wird – oder eben nicht.

Und welche Einflussmöglichkeiten gibt es in den Medien?

Über die geeigneten Formen, wissenschaftliches Wissen zu vermitteln, müssen wir viel stärker nachdenken. Als Forscher bekommen wir viele Presseanfragen. Manchmal stehen wir vor Fragen, bei denen man nicht weiß, was man sagen soll. Zum Beispiel: "Ist die Integration der Muslime gescheitert?" Wo soll man da anfangen, die Grundlagen zu erklären? Da fragen wir uns natürlich auch selbstkritisch, was mit dem Wissen passiert ist, das seit 25 Jahren in der Migrationsforschung erarbeitet wurde.

Migrationsthemen betreffen meist nicht nur ein Land, Stichwort "Mittelmeerflüchtlinge". Sehen Sie in der Zukunft ein zentrales Dachinstitut auf europäischer Ebene?

Wir haben schon eine ganz gute Struktur mit dem IMISCOE-Netzwerk. Das sind 36 Institute aus verschiedenen europäischen Ländern, die sich mit Migration befassen und eng kooperieren. Und das Netzwerk wächst weiter. Es entspricht der Komplexität des Themas viel besser als ein einziges Zentrum. Wir brauchen eine vielschichtige Forschungslandschaft, die dann auch auf aktuelle Entwicklungen reagieren kann.

Interview: Jenny Lindner und Fabio Ghelli