Pilotstudie 11.03.2015

Warum kehren Deutsche ihrer Heimat den Rücken?

Statistiker sagen voraus, dass die deutsche Bevölkerung in Zukunft schrumpfen wird. Gleichzeitig wächst die Zahl der Deutschen, die im Ausland leben und arbeiten. Warum aber verlassen Deutsche ihre Heimat und warum kehren manche zurück? Darüber war bislang kaum etwas bekannt. Nun bietet eine Pilotstudie erste Hinweise und zeigt: Vor allem Akademiker und Führungskräfte gehen, um ihre Karrierechancen aufzubessern. Die Wissenschaftler sehen darin aber in erster Linie eine Chance für die Gesellschaft.



Seit Jahren verlassen mehr Deutsche ihr Land, als zurückkehren. Foto:dpa

Deutschland ist nicht nur ein Einwanderungsland, es ist auch ein Land der Auswanderer. Als abgewandert gilt, wer seinen Wohnsitz bei der zuständigen Behörde abmeldet, weil er oder sie im Ausland leben will. Für wie lange die Person Deutschland verlässt und warum, bleibt dabei unbekannt. Untersuchungen dazu gibt es kaum und diese sind meist nur punktuell. Nachdem jahrelang mehr Türken aus- als eingewandert sind, hatte beispielsweise das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) dieses Phänomen 2014 in einer Studie untersucht. Die Forscher stellten fest, dass der Trend womöglich gar keiner ist: Während die Abwanderungsquote unter Deutschen bei 0,2 Prozent liegt, liege sie bei Türkeistämmigen mit 0,5 Prozent nur unwesentlich höher. Obwohl viele eine hohe Abwanderungsbereitschaft äußerten, würden nur wenige das letztlich in die Tat umsetzen.

2013 haben insgesamt rund 800.000 Menschen die Bundesrepublik verlassen – darunter nicht nur ausländische Arbeitskräfte und Studierende, sondern auch 140.000 Deutsche. Seit 2005 verlassen jedes Jahr mehr deutsche Staatsangehörige ihre Heimat, als zurückkommen: Den seitdem rund 1,3 Millionen registrierten Fortzügen stehen nur etwa eine Million Zuzüge gegenüber. Seit 1990 haben laut Statistischem Bundesamt rund 3,1 Millionen Deutsche die Bundesrepublik verlassen.

Die Pilotstudie "International Mobil" bietet nun erstmals Einblicke in die Abwanderungsmotive von Deutschen. Rund 3.000 Auswanderer und 4.500 Rückwanderer wurden nach ihren Beweggründen und ihrer Sozialstruktur befragt. Die gemeinsame Untersuchung vom SVR-Forschungsbereich, dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) und der Universität Duisburg-Essen bringt ein wenig Licht ins Dunkel. So kommt die Studie zu folgenden Ergebnissen:

Anhaltspunkte für einen dauerhaften Braindrain, also Verlust von hochqualifizierten Fachkräften, gibt es nicht. Zwar fänden sich unter den Auswanderern besonders viele Akademiker und Führungskräfte, doch nur eine Minderheit plane, auf Dauer im Ausland zu bleiben. Unter denjenigen, die wiederkommen, seien 80 Prozent Hochqualifizierte oder Studenten. Das werten die Wissenschaftler positiv: "Auswanderung sollte nicht nur als Verlust, sondern auch als Chance wahrgenommen werden", sagt Cornelia Schu, Direktorin des SVR-Forschungsbereichs, bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Die mobilen Deutschen kehrten mit neuen Erfahrungen, Fähigkeiten und Netzwerken zurück.

Die Menschen hätten meist mehrere Beweggründe, Deutschland zu verlassen (siehe Grafiken). Die Auswanderung wirke sich für die meisten mobilen Deutschen positiv auf ihre Karriere aus, allerdings zu einem hohen Preis: "Auswanderer erzielen oft ein höheres Einkommen und haben einen höheren Berufsstatus, aber sie erleben oft eine Art soziale Desintegration durch den Verlust von Freunden und Bekannten", sagt Norbert Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

Deutsche mit Migrationshintergrund ziehen öfter ins Ausland, aber nur selten in das Herkunftsland der Eltern oder Großeltern. Während in der Bevölkerung nur 12 Prozent aller Deutschen einen sogenannten Migrationshintergrund haben, liegt ihr Anteil unter den "international Mobilen" doppelt so hoch. Ihre Motive unterscheiden sich jedoch von denen anderer Reisewilliger: Viele verlassen Deutschland aus familiären Gründen, aber auch Unzufriedenheit spielt eine Rolle. Während 41 Prozent aller Befragten als Motiv für die Auswanderung angaben, unzufrieden mit dem Leben in Deutschland zu sein, haben die Wissenschaftler bei Menschen aus Einwandererfamilien hier "leicht erhöhte Werte gemessen". Nur ein Viertel der Deutschen mit Migrationsbezügen zieht allerdings in das Herkunftsland beziehungsweise das der Eltern oder Großeltern: Die Mehrheit der Deutschen aus Einwandererfamilien im Ausland sei "ganz allgemein überdurchschnittlich mobil", so die Autoren der Studie.

Weitere Ergebnisse: Frauen, die auswandern, bleiben öfter dauerhaft im Ausland. Oft ziehen Frauen mit ihren Partnern mit, "der mitziehende Ehemann ist eher selten", sagt Schneider.

Die soziale Herkunft spielt offenbar noch eine große Rolle. Bei gleicher Qualifikation sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass jemand aus einem bildungsnahen Umfeld internationale Erfahrungen sammle. "Die Politik sollte darauf hinwirken, dass möglichst allen gesellschaftlichen Gruppen und sozialen Schichten die Chance zu internationaler Mobilität eröffnet wird", erklärt Marcel Erlinghagen von der Universität Duisburg-Essen und Mitautor der Studie. "Gerade für Personen, die nicht aus bildungsnahen oder gut situierten Elternhäusern kommen, können sich durch frühe Auslandserfahrungen die Ausgangsbedingungen für sozialen Aufstieg verbessern."

Weitere Handlungsempfehlungen

  • Die Forscher empfehlen, bei Demografiestrategien und Fachkräftekonzepten nicht nur Einwanderung als Faktor zu berücksichtigen, sondern auch Auswanderung und Rückkehr. Wichtig sei es, das Migrationsverhalten als Ganzes im Blick zu haben und Fachkräfte auch langfristig an Deutschland zu binden.
  • Auf Bundesbene gebe es bislang kein Programm, das eine Rückkehrförderung für Deutsche im Ausland betreibt und koordiniert. Hier sei eine "Diaspora-Engagement-Politik" denkbar, die von den Erfahrungen anderer Länder profitiert.
  • Die Auswanderungsmotive und die Folgen müssten genauer untersucht werden, als es bislang der Fall ist. "Es braucht weitere Befragungen über mehrere Jahre hinweg", sagt Norbert Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

Von Ferda Ataman, Almut Dieden und Jenny Lindner