Trotzdem erfolgreich 12.02.2015

Warum manche Einwandererkinder Karriere machen

Nachkommen aus Migrantenfamilien haben im deutschen Bildungssystem meist schwierige Startbedingungen – das ist hinlänglich bekannt. Wie schaffen es manche trotzdem, erfolgreich zu sein? Eine europaweite Studie hat türkeistämmige Menschen zu ihren Wegen befragt. Sie zeigt: Während in Schweden, den Niederlanden und Frankreich eine "neue türkeistämmige Mittelschicht" entsteht, gelingt das in Deutschland nicht. Woran liegt das?



Aufsteigerin: Cemile Giousouf sitzt als Abgeordnete der CDU im Bundestag. Foto: Thomas Lobenwein

Ein Lehrer gibt seinem Schüler zu verstehen, dass er einem "deutschen Kind" den Schulplatz wegnimmt. Eine Anwaltskanzlei stellt einen Juristen nicht ein, weil sein Name für die Personaler nicht so klingt, als ob er Mandanten gut verteidigen könnte. Wissenschaftler vom "Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien" (IMIS) sind überzeugt: Bei solchen Erfahrungsberichten handelt es sich nicht um Einzelschicksale. Sie forschen seit vielen Jahren zu Bildungsverläufen von Menschen aus Einwandererfamilien.

Die TIES-Studie von 2008 hat exemplarisch die Entwicklung von türkeistämmigen Menschen in Deutschland, Frankreich, Schweden, Spanien, den Niederlanden und der Schweiz untersucht. Sie zeigt: Wenn es darum geht, Nachkommen von Einwanderern zum Erfolg zu verhelfen, ist Deutschland Schlusslicht. Konkret heißt das:

  • 33 Prozent der zweiten Generation von türkischen Einwanderern in Deutschland haben höchstens einen mittlerer Abschluss ("early school leavers"), einen Hochschulabschluss haben lediglich fünf Prozent.
  • Zum Vergleich: In Schweden haben 29 Prozent der Nachkommen aus türkischen Einwandererfamilien einen Hochschulabschluss und nur neun Prozent "maximal einen mittleren Schulabschluss". Auch die Niederlande schneiden besonders gut ab.

Was aber wurde in den Bildungssystemen in Schweden und den Niederlanden anders gemacht? Was sind die Wege zum Erfolg? Die Wissenschaftler rund um IMIS-Direktor Andreas Pott wollten das untersuchen und Erklärungen für die mauen Ergebnisse in Deutschland finden. Für die europäische Vergleichsstudie "Pathways to succes" wurden zwischen 2012 und 2014 in Berlin, Frankfurt am Main und im Ruhrgebiet ausführliche Interviews geführt: 70 Türkeistämmige wurden gefragt, wie sie es geschafft haben, Führungspositionen in Justiz, Wirtschaft und der öffentlichen Verwaltung einzunehmen oder Lehrer zu werden. Die Ergebnisse wurden Ende 2014 erstmals in Essen vorgestellt und im Februar 2015 in Berlin.

Untersucht wurde, wie viele der Nachkommen von Türkeistämmigen in Deutschland und den anderen Ländern Karriere gemacht haben. Die Studie zeigt: In Amsterdam, Stockholm und Paris entsteht inzwischen eine "nennenswerte neue türkeistämmige Mittelschicht" – in Zahlen: 21 bis 25 Prozent der zweiten Generation haben "erfolgreiche Jobs". In Berlin und Wien dagegen schreitet der Aufstiegsprozess nur langsam voran – hier finden sich lediglich acht Prozent, die Karriere machen konnten.

Empfehlungen: Was besser gemacht werden kann

Warum das so ist, geht aus den Pathways-Interviews und Erfahrungsberichten hervor: Die Befragten sind heute Richter, Referatsleiter oder Geschäftsführer, haben aber auf dem Weg dahin andere Schwierigkeiten gehabt als ihre Mitschüler. Die Erfolgreichen unter den Türkeistämmigen mussten zahlreichen Widerständen trotzen:

  • In der Schule, im Studium und beim Einstieg in den Beruf wurden sie immer wieder mit Stereotypen oder gar diskriminierenden Vorurteilen konfrontiert.
  • Sie hätten "so gut wie keine ihren Fähigkeiten entsprechende Förderung erhalten" und wurden meist in Richtung Berufsausbildung gedrängt.
  • Nicht das Talent, sondern der Zufall habe oftmals entschieden, ob jemand den Aufstieg schafft oder nicht. Zum Beispiel, wenn sich Lehrer oder andere fanden, die ein begabtes Kind unter ihre Fittiche nahmen.

Für viele haben die Diskriminierungen persönlich fatale Konsequenzen, sie kommen nicht weiter. Für eine Volkswirtschaft wirkt sich das ebenfalls negativ aus. Die Studie zeigt aber auch Chancen auf: Im Ruhrgebiet und in Frankfurt schafften es deutlich mehr Befragte auf indirektem Weg auf die Universität oder Fachhochschule als in Berlin. Die Autoren führen das auf das größere Angebot an Gesamtschulen und Aufbaugymnasien für Schüler mit Mittlerem Schulabschluss zurück. Bei allen Befragten spielen die Eltern oftmals eine positive entscheidende Rolle: Auch wenn manche inhaltlich nicht helfen konnten, haben sich die meisten bemüht, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen.

Auf der Homepage des europäischen Forschungsverbunds "Pathways to Success-ELITES" gibt es weiterführende Informationen. Hier findet sich unter anderem ein "Educational kit" mit fünf filmischen Kurzporträts zu Karriereverläufen in verschiedenen Ländern.

Die Studie zeigt, dass der Wille zum Aufstieg vorhanden ist. Doch erfolgreich zu sein ist für Türkeistämmige in Deutschland deutlich mühsamer als anderswo. Die Erkenntnisse für die Nachkommen von Einwanderern aus der Türkei sind laut den Wissenschaftlern beispielhaft und übertragbar. Sie ziehen daher Schlussfolgerungen zu den "Problemzonen" des deutschen Bildungssystems und machen Vorschläge, wie diese angegangen werden können:

  • Kinder aus nicht-akademischen Familien profitierten besonders von einem möglichst frühen Eintritt in eine Bildungsinstitution. Die Studie bestätige daher, dass flächendeckende Angebote für frühkindliche Bildung nötig sind.
  • Gymnasium, Real- oder Hauptschule? Dass diese Entscheidung bereits nach vier bis sechs Jahren entschieden werden muss, führe zu verfehlten Schulempfehlungen. Zwar wäre eine längere Grundschulzeit hilfreich, erklären die Autoren, sie sei jedoch "politisch in Deutschland zur Zeit nicht durchsetzbar". Um also nachträglich Fehler bei der Schulwahl korrigieren zu können, müsse der Wechsel zwischen verschiedenen Schulformen erleichtert werden.
  • Das Thema Diskriminierung werde in Schulen immer noch weitgehend ignoriert. Hier sei denkbar, mit unabhängigen Beratungsstellen zusammen zu arbeiten und Fachpersonal in den Aufsichtsbehörden und den Schulen weiterzubilden. Diskriminierungserfahrungen müssen angstfrei "ansprechbar" sein, so die Autoren.

Von Ferda Ataman