Studie zu Integration 04.06.2014

Manche Migranten besser integriert als Einheimische

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat anhand von Indikatoren untersucht, wie es um die Integration in Deutschland steht. Demnach hat sich die Situation von Einwanderern bei Bildung, Erwerbstätigkeit und Einkommen insgesamt leicht verbessert. Dennoch schneiden verschiedene Gruppen unterschiedlich gut ab: Seit 2009 wurden Deutsche ohne Migrationshintergrund sogar von einer Migrantengruppe überholt.



Ergebnisse der Integrations-Indikatoren. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: "Ungenutzte Potenziale", 2014.

Die gute Nachricht vorweg: Auch Deutsche ohne Migrationshintergrund haben sich in Sachen Integration verbessert. In der ersten Studie von 2009 hatte die Gruppe einen Durchschnittswert von 6,1 erreicht. In der aktuellen Studie "Neue Potenziale" vom Berlin-Institut erhalten einheimische Deutsche von den Forschern nun 6,3 Punkte. Doch anders als beim ersten Mal sind sie damit nicht an der Spitze: Die Gruppe "Sonstige Länder der EU-27" schneidet mit 6,4 Punkten noch besser ab. Dazu gehören Menschen aus Herkunftsländern im Norden und Westen der Europäischen Union sowie Polen. Neu hinzugekommen sind diesmal auch Rumänien und Bulgarien, deren Einwanderer beispielsweise mit ihrem Bildungsniveau weit über dem deutschen Durchschnitt liegen.

Erstmals hat das Berlin-Institut mit dem Indikatorensetaktuelle Ergebnisse zu finden auf Seite 41 bzw. 43 untersucht, wie sich verschiedene Migrantengruppen bundesweit entwickelt haben. Streitbar ist bei der Methode unter anderem die Zusammensetzung der Herkunftsgruppen: Menschen aus der Türkei werden dabei gesondert betrachtet und mit ganzen Regionen verglichen wie "Südeuropäer", "ehemaliges Jugoslawien", "Naher Osten" und schließlich dem Kontinent "Afrika". Aussiedler werden unabhängig vom Herkunftsland als eigene Gruppe betrachtet.

Auch sind die Indikatoren nicht immer nachvollziehbar: Als Nachweis für den Stand der Integration diente etwa "deutsche Staatsbürgerschaft" – bei "Einheimischen" und Aussiedlern gab es hier naturgemäß die volle Punktzahl von 100. Neben Bildungsgrad und Erwerbstätigkeit wird auch die "Hausfrauenquote" als Indikator gewertet. Wie diese Quote erfasst wird, also welche Frauen freiwillig oder unfreiwillig auf eine Erwerbsarbeit verzichten, wird in der Studie nicht erklärt.

Dennoch bietet die Studie eine ausführliche Analyse und grafische Aufbereitung der Zahlen aus dem Mikrozensus 2010, in dem detaillierte Angaben über Migrationshintergründler gemacht wurden. Daraus geht unter anderem hervor, dass Menschen aus der Türkei zwar den höchsten Anteil "ohne Schulabschluss" haben. Gleichzeitig ist in dieser Gruppe die Entwicklung zwischen den Eingewanderten und den hier Geborenen enorm: Während im Durchschnitt fast jeder dritte Einwanderer aus der Türkei noch ohne Schulabschluss kommt, sinkt der Wert bei den einheimischen Türkeistämmigen auf sechs Prozent (Deutsche ohne Migrationshintergrund: ein Prozent).

Insgesamt ergibt sich für alle Migranten ein Durchschnittswert von 4,6 Punkten (2009 lag der Wert bei 4,0). An zweiter Stelle nach den "Sonstigen EU-Ländern" kommen Aussiedler, die sich in vielen Bereichen dem deutschen Durchschnitt angenähert haben. Auch sonst sei fast überall ein leichter Anstieg zu verzeichnen. Das liege vor allem an der starken Wirtschaft und besseren Arbeitsmöglichkeiten, erklären die Forscher. Eine Integrationspolitik, die den stark unterschiedlichen Situationen in den einzelnen Gruppen aktiv entgegensteuert, sei nicht erkennbar, sagt Wissenschaftler Reiner Klingholz bei der Vorstellung der Studie.

Da die zahlreichen Ergebnisse und Erkenntnisse in mehrere Richtungen gedeutet werden können, haben die Autoren gleich zwei Pressemitteilungen verfasst:

  • Eine, in der es um Deutschlands Zukunft als Einwanderungsland geht: Hier betonen die Wissenschaftler Reiner Klingholz und Franziska Wollert, wie stark Deutschland auf die hochqualifizierten Migranten angewiesen ist und warum es sich noch mehr um Fachkräfte bemühen muss. "Wir brauchen die Einwanderer dauerhaft als Mitbürger", so Klingholz.
  • In der zweiten Pressemitteillung weisen sie auf verpasste Integrations-Chancen hin, wie etwa die, der zweiten und dritten Zuwanderergeneration besseren Zugang zu Bildung zu verschaffen. Wie zuvor der Sachverständigenrat für Integration und Migration kritisieren auch sie die mangelnde Anerkennung von Berufsabschlüssen, weshalb viele Einwanderer trotz guter Qualifikation keine adäquate Beschäftigung finden könnten.

Laut Mikrozensus 2012 haben von den knapp 82 Millionen Einwohnern Deutschlands etwa 16,3 Millionen Menschen einen MigrationshintergrundMit Migrationshintergrund werden statistisch alle Bürger erfasst, die nach 1949 in die heutige Bundesrepublik Deutschland eingewandert sind, sowie alle hier geborenen Ausländer. Auch Eingebürgerte gehören dazu, ebenso wie alle Deutschen mit mindestens einem zugewanderten oder ausländischen Elternteil. Quelle: NdM-Glossar und Statistisches Bundesamt
– das entspricht 20 Prozent der Bevölkerung. Mit knapp 9 Millionen hat der Großteil von ihnen einen deutschen Pass. Aus den nun veröffentlichten Auswertungen der Volksbefragung "Zensus 2011" geht außerdem hervor: Menschen aus Einwandererfamilien leben fast ausschließlich (knapp 97 Prozent) in den westlichen Bundesländern und Berlin, lediglich drei Prozent leben und arbeiten in den östlichen Bundesländern. (Die Grafik finden Sie beim Statistischen Bundesamt hier.)

Von Ferda Ataman, MDI