OECD-Integrationsindikatoren 2015 03.07.2015

Migrantenkinder haben es in Deutschland besonders schwer

Zwar macht die Integrationspolitik in Deutschland Fortschritte, doch Nachkommen von Einwanderern stoßen nach wie vor auf große Hindernisse. Zu diesem Ergebnis kommt eine Vergleichsstudie der OECD und der Europäischen Kommission. Im Bildungswesen und beim Zugang zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt müsse die Bundesrepublik noch viel aufholen, wenn sie den OECD-Durchschnitt erreichen will.



Die "Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung" (OECD) und die Europäische Kommission haben eine umfassende Analyse von Studien und Statistiken aus zahlreichen Ländern herausgegeben: Die Studie "Indikatoren für die Integration von Migranten 2015" bietet erstmals einen Überblick zur Situation von Migranten und ihren Nachkommen in allen Ländern der OECD und der Europäischen Union. Im Fokus der Untersuchung steht die Situation der Einwohner zwischen 15 und 34 Jahren: "Die Ergebnisse dieser Bevölkerungsgruppe werden häufig als 'Benchmark' für den Erfolg oder Misserfolg der Integrationspolitik betrachtet", heißt es in der Studie.

Die OECD hat dafür Daten von 2013 und früheren Jahren ausgewertet. Eine Besonderheit: Sie unterscheidet nicht nach Personen mit und ohne Migrationshintergrund im Sinne des Statistischen BundesamtsMit Migrationshintergrund werden statistisch alle Bürger erfasst, die nach 1949 in die heutige Bundesrepublik Deutschland eingewandert sind, sowie alle hier geborenen Ausländer. Auch Eingebürgerte gehören dazu, ebenso wie alle Deutschen mit mindestens einem zugewanderten oder ausländischen Elternteil. Quelle: NdM-Glossar und Statistisches Bundesamt
, sondern nach "im Ausland geboren" (Einwanderer), "im Inland geboren" (Einheimische) und Nachkommen von diesen beiden Gruppen.

Für die Vergleichsstudie wurden die Bereiche Bildung, Gesundheit, Wohnverhältnisse, Einkommen und Arbeitsmarkt im Hinblick daraufhin analysiert, wie die Lebenssituation von Menschen aus Einwandererfamilien ist. Damit unterscheidet sich die Studie zum Beispiel vom "Migrant Integration Policy Index" (MIPEX), der vor Kurzem erschienen ist: Der MIPEX hat untersucht, wie die Gesetzeslage für Zuwanderer ist und Deutschland unter den zehn fortschrittlichsten Einwanderungsländern eingruppiert. Besonders gut schnitt die Bundesrepublik in Sachen Arbeitsmarkt ab. Im Hinblick auf die Lebenswirklichkeit der Menschen fallen die Ergebnisse der OECD-Studie für Deutschland weniger vorteilhaft aus.

So seien die Nachkommen von Einwanderern in Deutschland in vielen Bereichen benachteiligt:

  • Jugendliche öfter vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen: Zwar sei es gelungen, Einwanderer immer besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren – doch bei der zweiten Generation bestehe in Deutschland weiterhin Nachholbedarf. So sei hier der Anteil von Arbeitslosen mit 15 Prozent mehr als doppelt so hoch wie der Anteil arbeitsloser Jugendlicher, deren Eltern im Inland geboren sind. OECD-weit lag dieser Abstand nur bei zwei Prozent.
  • Vom Wirtschaftsaufschwung ausgeschlossen: Während Nachkommen von Einheimischen in Deutschland heute deutlich öfter einen Arbeitsplatz haben als zu Beginn der Wirtschaftskrise 2008, ging die Beschäftigungsquote für Nachkommen von Einwanderern um sechs Prozentpunkte zurück.
  • Abgehängt im Bildungssystem: Nur jeder sechste Nachkomme von Einwanderern verfügt über einen Hochschulabschluss oder Meisterbrief, bei den Einheimischen sind es doppelt so viele. "Trotz zahlreicher Fortschritte, die zum Beispiel die PISA-Studien gezeigt haben, ist der Abstand zwischen den Gruppen in Deutschland nach wie vor sehr groß", erklärt OECD-Experte Thomas Liebieg bei der Vorstellung der Studie. Zum Vergleich: OECD-weit schneiden Kinder von Einwanderern sogar besser ab als ihre Vergleichsgruppe, sie sind öfter "hochgebildet" als Kinder von Einheimischen.
  • Trotz Qualifikation außen vor: "Selbst wenn es Jugendliche aus Einwandererfamilien in Deutschland schaffen, einen höheren Bildungsabschluss zu erlangen, haben sie größere Probleme am Arbeitsmarkt als die anderen", heißt es in der deutschen Pressemitteilung.

"Wenn Menschen trotz besserer Bildungsabschlüsse schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, kommen wir nicht drum herum, über Diskriminierung zu sprechen", sagt Liebig. Auch die MIPEX-Studie wies darauf hin, dass die Gesetzeslage im Bereich Antidiskriminierung eine der schwächsten im internationalen Vergleich sei. Allerdings sei Diskriminierung nicht die einzige Erklärung für den Abstand, so Thomas Liebig: Auch fehlende private und berufliche Netzwerke oder Hilfestellungen bei Bewerbungen könnten den Abstand verstärken. Wichtig sei hier, dass mehr Menschen aus Einwandererfamilien im "öffentlichen Sektor" tätig und sichtbar werden. Noch immer seien zu wenige im Öffentlichen Dienst angestellt.

EU-weite Tendenzen in Sachen Einwanderung und Integration

Innerhalb der EU-Länder lassen sich folgende Entwicklungen erkennen:

  • In Ländern, in denen viele Einwanderer leben, funktioniert Integration tendenziell besser.
  • Je länger eine Einwandererfamilie in einem Land lebt, desto höher ist das Bildungsniveau der Kinder.
  • Derzeit hat jeder vierte Einwanderer aus einem DrittstaatJuristisch gelten alle Länder als Drittstaaten, die nicht Mitglied der Europäischen Union sind. Als Drittstaatsangehöriger gilt also, wer nicht die Staatsbürgerschaft eines EU-Landes hat. Der Begriff ist allerdings leicht zu verwechseln mit sicheren Drittstaaten, die damit nichts zu tun haben. Quelle: BAMF in der Europäischen Union einen Hochschulabschluss, zwei Drittel davon haben einen Job – ähnlich viele wie unter Einheimischen.

Dennoch sind Einwanderer und ihre Nachkommen – selbst wenn sie einem Beruf nachgehen und über passende Qualifikationen verfügen – oftmals stark benachteiligt.

  • Ihr Durchschnittseinkommen liegt in der Regel deutlich unter dem Niveau der Einheimischen und deren Nachkommen.
  • Der Anteil der Einwanderer, die einer Beschäftigung nachgehen und dennoch in Armut leben, ist doppelt so hoch wie unter Einheimischen.
  • Qualifizierte Einwanderer haben deutlich mehr Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden, als Einheimische.
  • Selbst wenn sie das schaffen, arbeitet ein Drittel von ihnen (zehn Prozentpunkte mehr als bei Einheimischen) unter ihrem Qualifikationsniveau.

Insgesamt ist die Situation besonders schwierig für Menschen, die aus Drittstaaten (außerhalb der EU) kommen. Sie sind zum Beispiel doppelt so oft arbeitslos wie Einheimische und EU-Bürger. Die Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre hat dazu geführt, dass ihre Lebensbedingungen – vor allem in den Krisenländern – deutlich schlechter geworden sind.

Mit Blick auf die Ergebnisse erklärte Aydan Özoğuz (SPD), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, wie wichtig es sei, die Themen "europäisch zu denken". Sie sprach von "wichtigen Erkenntnissen", die nun auch im Hinblick auf die aktuell verstärkte Einwanderung von Flüchtlingen genutzt werden müssten. Deutschland brauche einerseits "nachholende Integration" und andererseits flexible Angebote für Neuzuwanderer.

Von Ferda Ataman und Fabio Ghelli