Medien-Tour 12.05.2017

Vielfältiges jüdisches Leben in Berlin

Wo verorten sich russischsprachige Juden in Deutschland? Warum kommen Israelis nach Berlin? Welche Erfahrungen gibt es im Umgang mit Antisemitismus? Bei einer Medien-Tour des MEDIENDIENSTES in der Hauptstadt haben Journalisten mit Experten und Mitgliedern der jüdischen Communitys gesprochen.



Nir Ivenitzki und Doron Eisenberg betreiben ein Café in Berlin-Neukölln. Foto: Thomas Lobenwein

Das jüdische Leben in Deutschland ist sehr heterogen: Die größten Gruppen sind "alteingesessene" Juden aus Deutschland, zugewanderte russischsprachige Juden aus der ehemaligen Sowjetunion und Israelis. Zum Teil sind diese Gruppen nicht klar voneinander zu trennen: Viele Einwanderer aus Russland oder Israel haben deutsche Vorfahren. Und wer eine jüdische Großmutter oder einen jüdischen Großvater hat und keine andere Religion ausübt, kann einen israelischen Pass nach dem "Law of Return" beantragen.

Von den rund 250.000 Juden in Deutschland sind rund 40 Prozent Mitglied einer jüdischen Gemeinde. Die Zahl der Gemeindemitglieder geht zurück. Grund dafür ist zum einen der demographische Wandel. Zum anderen hätten viele aus der jüngeren Generation wenig Interesse am Gemeindeleben, erklärt der Rabbiner Daniel Alter bei der Medien-Tour. Ein großer Teil des spirituellen Lebens könne auch außerhalb der Synagogen stattfinden, zum Beispiel im eigenen Zuhause.

Die große Mehrheit: Juden aus der ehemaligen Sowjetunion

Russischsprachige Juden bilden mit 80 bis 90 Prozent die Mehrheit der jüdischen Community in Deutschland. Die meisten kamen in den 90er Jahren als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion. Durch sie erhielten viele Gemeinden neue Mitglieder. Teilweise waren sie überfordert mit der Integration der "Neuankömmlinge", berichtet die Migrationsforscherin Karen Körber. Viele Zugewanderte hätten nicht dem entsprochen, was die "alteingesessenen" Juden erwartet hätten: Sie waren mehrheitlich nicht religiös, denn in der Sowjetunion war das "Jüdisch-Sein" in erster Linie eine Frage der Ethnizität.

Wie sieht jüdische Identität in Deutschland für russischsprache Juden heute aus? Ella Nilova sagt, sie vermisse ein positives jüdisches Selbstbewusstsein in ihrer Generation. Es sei durch Erfahrungen von Antisemitismus in der Sowjetunion verloren gegangen. Nilova ist in den 90er Jahren aus der Ukraine eingewandert und leitet heute die Bildungsstätte "Janusz Korczak Haus" in Berlin. Sie möchte das Selbstbewusstsein bei Jugendlichen aus russischen Familien fördern – zum Beispiel bei Esther Tchakichvili, die im "Janusz Korczak Haus" mit anderen jungen Erwachsenen den Audio-Guide "Jewish Spaces Berlin" entwickelt. "Zuhause war immer klar, man ist jüdisch, auch wenn man nicht viel Jüdisches macht", erzählt Tchakichvili. Sie sei es gewesen, die die jüdische Kultur aus den Bildungsprojekten nach Hause getragen habe.

"Der größte gemeinsame Nenner der Israelis ist das Hebräische"

Eine weitere jüdische Gruppe in Berlin sind Israelis. Seit Ende der 1990er Jahre entscheiden sich immer mehr junge Israelis, nach Deutschland einzuwandern. Nicht die Religion sei der größte gemeinsame Nenner unter ihnen, sondern die gemeinsame Muttersprache Hebräisch, sagt Tal Alon, Chefredakteurin des hebräischen Magazins "Spitz". Mit der jüdischen Gemeinde hätten sie daher kaum Berührungspunkte.

Die Gründe von Israelis, nach Berlin zu ziehen, sind divers: Die Musikproduzenten Doron Eisenberg und Nir Ivenitzki sind wegen der Techno-Szene gekommen. Ihr Café "Gordon" in Berlin-Neukölln ist ein Treffpunkt für Israelis und Musik-Fans. Yaron Valler hingegen kam als Geschäftsmann. Ein kleines Land wie Israel sei auf andere Länder und Märkte ausgerichtet, sagt er. Berlin sei für ihn nicht die deutsche, sondern die europäische Hauptstadt.

Welche Rolle spielt Antisemitismus?

Müssen Juden in Deutschland vor antisemitischen Übergriffen Angst haben? Die Antwort darauf fällt im Laufe der Medien-Tour unterschiedlich aus. Der Rabbiner Daniel Alter sagt, dass es Orte gebe, an denen er sich auf der Straße nicht als Jude zeigen würde, wegen des aggressiven Judenhasses, der in manchen migrantischen Communitys sehr weit verbreitet sei. Die Ethnologin Alina Gromova von den Akademieprogrammen des Jüdischen Museums in Berlin betonte, es sei wichtig zu differenzieren: Man müsse an konkreten Beispielen diskutieren, was nicht gut laufe.

Für Benjamin Steinitz von der "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus" (RIAS) ist vor allem der Umgang mit antisemitischen Übergriffen wichtig. RIAS dokumentiert antisemitische Vorfälle in Berlin. Dabei stehen für RIAS die Bedürfnisse der Betroffenen im Mittelpunkt: Nimmt ein Jude einen Angriff als antsemitisch wahr, ist er das nach dieser Definition auch. Es gehe bei RIAS aber nicht nur darum, eine Statistik zu führen, sondern auch Beratung und Hilfe bereitzustellen, so Steinitz. Bei einem Projekt mit dem jüdischen Fußball-Verein TuS Makkabi habe das gut funktioniert. Nachdem die Fußballer bei einigen Spielen antisemitisch beleidigt worden waren, wandten sie sich an RIAS: Zusammen mit anderen Sportvereinen organisiert RIAS nun Fan-Support und Fotografen, um bei brisanten Spielen Öffentlichkeit zu schaffen. Seitdem habe es keine weiteren Vorfälle gegeben, so Steinitz.

Von Jenny Lindner