Perspektivenwechsel 20.02.2015

Wie erleben Juden die Debatten über Antisemitismus?

Nachrichten über tödliche Angriffe auf Juden häufen sich und das Thema Antisemitismus rückt wieder in den Fokus. Viele Medien fallen dabei in altbekannte Muster zurück, erklären vier Juden, die sich zivilgesellschaftlich engagieren. Im Gespräch mit dem MEDIENDIENST wünschen sie sich eine offenere und ehrlichere Debatte über Judenfeindlichkeit, als sie derzeit stattfindet.



In Zeitungen, Hörfunk und TV: Das Thema Antisemitismus ist wieder präsent. Foto: picture alliance/Sven Simon

Die Nachrichtenlage ist beunruhigend – besonders für Juden: Vergangenes Jahr starben vier Menschen bei einem Anschlag im Jüdischen Museum in Brüssel, im Januar 2015 wurden vier weitere in Paris bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt erschossen und im Februar stirbt ein Wachmann in Kopenhagen bei einem Anschlagsversuch in einer Synagoge. Kurz darauf werden in Frankreich über 200 Gräber auf einem jüdischen Friedhof geschändet. Wie nehmen Juden in Deutschland die Berichterstattung wahr? Und was muss geschehen, damit Angriffe wie in Brüssel, Paris und Kopenhagen das Zusammenleben mit Muslimen nicht erschweren?

Der MEDIENDIENST sprach darüber mit vier Juden, die sich zivilgesellschaftlich engagieren:

  • Anetta Kahane ist Journalistin und Vorsitzende der "Amadeu Antonio Stiftung" (AAS) in Berlin. Sie engagiert sich seit vielen Jahren gegen Rassismus und Antisemitismus in Deutschland und koordiniert Projekte zur Stärkung der Zivilgesellschaft.
  • Armin Langer lebt seit eineinhalb Jahren als Rabbinerschüler in Deutschland und ist Initiator der "Salaam-Schalom Initiative" (SSI) in Berlin-Neukölln. Sie wurde von Muslimen, Juden und anderen gegründet, nachdem ein Rabbiner Neukölln als "No-go-Area" für Juden bezeichnet hatte.
  • Dr. Dmitrij Belkin ist Historiker, Kurator und Publizist und arbeitet als Referent im "Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk" (ELES), einem Begabtenförderungswerk für jüdische Studierende und Promovierende.
  • Marina Chernivsky ist Psychologin und Leiterin des Projekts "Perspektivwechsel Plus" der "Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland" (ZWST), das auf Rassismus- sowie Antisemitismusprävention ausgerichtet ist.

Einig sind sich die vier darin, dass die Debatten über Juden in Deutschland meist eindimensional verlaufen: "Juden sind vor allem dann Gegenstand der Berichterstattung, wenn es um antisemitische Vorfälle, den Holocaust oder um Israel geht", sagt Armin Langer. "Dabei ist Antisemitismus nicht ein Problem der Juden, sondern der gesamten Gesellschaft." Man könne eigentlich sagen, dass deutsche Juden und jüdisches Leben in der Berichterstattung so gut wie nicht vorkommen.

Dmitrij Belkin hat den Eindruck, dass sich viele schwer damit tun, über Juden zu reden. "Entweder sind die Menschen philosemitisch, also überschwenglich freundlich", so der Historiker, "oder aggressiv". Etwa dann, wenn Schlussstrich-Wünsche artikuliert würden, wie "wir haben nach dem Holocaust mehr als genug für Juden getan". Schon die Verwendung des Wortes "Jude" sei oft erkennbar mit seltsamen Gefühlen verbunden. "Ein offener Diskurs mit und über Juden fehlt in der Öffentlichkeit nach wie vor", sagt Belkin. Und: In den Medien seien Juden kaum noch vom Thema Israel zu trennen.

"Antisemitismus wird nicht offen genug diskutiert"

Die Gleichsetzung von Juden und Israel findet auch Anetta Kahane problematisch: "Sie ist für viele unerträglich – ganz gleich, wie man zu Israel steht", sagt sie. Symptomatisch für die thematische Verknüpfung sei die aktuelle Debatte über eine Auswanderungswelle nach Israel, die wenige Tage nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Kopenhagen begann. "Dabei wäre das jetzt eine gute Gelegenheit, um über Alltagsprobleme von Juden hierzulande zu sprechen", sagt Kahane, "über Ängste, die es nicht nur dann gibt, wenn Anschläge verübt wurden".

Marina Chernivsky sieht das ähnlich: "Das Thema Israelpolitik dient – bei aller notwendigen Kritik – oft als Ablenkung und bequeme Projektionsfläche, um sich der eigenen Beziehungen zu Juden zu vergewissern." Antisemitismus sieht sie als "eine diffuse Haltung mit bemerkenswerter Kontinuität in der Gesellschaft". Obwohl darüber relativ viel berichtet werde, würde das Thema kaum tiefergehend analysiert. Chernivsky hat den Eindruck, "dass viele Menschen sich scheuen, jüdische Themen anzufassen, da sie nach wie vor stark emotionsgeladen sind. Juden werden immer noch als die Anderen und Fremden wahrgenommen, völlig unabhängig davon, wie sie sich selbst einordnen." Dieses Phänomen müsse viel offener diskutiert werden, als es derzeit getan werde.

"Es ist wichtig, darüber zu reden, dass sich unter einigen Jugendlichen aus muslimischen Familien problematische Einstellungen finden – allerdings nicht in der Art, wie Sarrazin es tut", sagt Dmitrij Belkin. Antisemitismus sei in Deutschland kein explizites Problem der jungen Muslime, das Phänomen existiere auf sehr verschiedenen Ebenen. "Auch manche Vertreter der deutschen Mehrheitsgesellschaft, die nicht wissen wie sie auf antisemitische Äußerungen reagieren sollen, haben ein Problem", so Belkin. "Sie reproduzieren Vorurteile und denken dabei, sie würden diese bekämpfen."

Anetta Kahane sieht das ähnlich: "Viele wollen mit Nichtjuden nicht mehr über antisemitische Erlebnisse reden", sagt sie, "weil sie sich unter Rechtfertigungsdruck gesetzt fühlen". Den Satz "das ist doch nicht antisemitisch" müsse man sich oft anhören. Kahane kritisiert, dass es kaum Untersuchungen über Ausgrenzungserfahrungen unter Juden gibt.

Warum werden Anschläge auf Juden nur in einer Kurzmeldung untergebracht?

Die aktuellen Vorfälle haben die vier zum Nachdenken gebracht. "Bei den Solidaritätsbekundungen nach den Anschlägen in Paris waren zwar überall die Slogans Je suis Charlie und Je suis Juif zu lesen", sagt Belkin. "Doch nur wenige haben sich Gedanken darüber gemacht, dass die Karikaturisten wegen ihrer Bilder getötet wurden, während das für die Juden im Supermarkt nicht zutrifft." Natürlich sei auch Ersteres absolut inakzeptabel – man töte niemanden wegen seinen politischen Ansichten. "Aber es macht doch einen wesentlichen Unterschied, wenn Menschen lediglich aus einem Grund Ziel für Angriffe sind: Weil sie Juden sind."

Auch Marina Chernivsky hatte bei der Berichterstattung über Paris den Eindruck, dass die antisemitische Komponente dieser Anschläge nicht ausreichend thematisiert wurde. Anetta Kahane stellt hier fest: "Verglichen mit der breiten Berichterstattung über die Schießereien in der Redaktion von Charlie Hebdo fanden sich zu den Anschlägen im jüdischen Supermarkt in Paris und im Brüsseler Museum eher nur Kurzmeldungen – wie kann das sein?" Die Taten gegenüber Journalisten und jüdischen Einrichtungen könnten nicht voneinander losgelöst betrachtet werden, sagt sie: Die Tatsache, dass die Kopenhagener Anschläge gegen Karikaturisten und Juden zeitlich näher beieinander lagen, habe gezeigt, dass es sich um "antisemitische Anschläge gegen die Freiheit" handelt.

Viele hätten derzeit Angst vor Angriffen – "das sind die Schattenseiten der jüdischen Existenz in Deutschland und Europa", sagt Dmitrij Belkin. Aber es gibt auch positive Entwicklungen: "Wir haben es beim Studienwerk mit vielen Juden zu tun, die ihr Jüdischsein offener leben wollen", sagt Belkin. "Es wünschen sich immer mehr Menschen eine jüdische Gemeinschaft, die nicht zwingend mit jüdischen Gemeinden identisch ist." Nach den Attentaten in Paris sei es daher wichtig und beruhigend gewesen, viele Muslime hinter sich zu sehen – so wie es für Muslime offensichtlich wichtig ist, solidarische Stimmen aus der jüdischen Gemeinschaft zu vernehmen.

Wie umgehen mit der Angst?

Anetta Kahane wünscht sich eine stärkere öffentliche Solidarität, wenn es um die Bedrohungen und Anfeindungen geht. Die jüdische Gemeinde sei zu klein und deswegen auf Unterstützung dringend angewiesen. "Juden werden sich erst dann sicherer fühlen, wenn sie sich nicht mehr alleingelassen fühlen", sagt sie. Aus ihrer Sicht sei es gerade jetzt wichtig, dass sich die Minderheiten nicht auseinanderdividieren lassen.

Das teilt auch Armin Langer: "Wir müssen klar machen, dass Muslime und Juden keine Feinde sind und dass wir den Konflikt aus dem Nahen Osten nicht hierher importieren wollen." Der einzige Weg, um die Angst vor muslimischen Nachbarn abzubauen, seien Begegnungen. Diese müssten vom jüdischen und muslimischen Establishment stärker gefördert werden. Und von Medienschaffenden wünscht sich Langer: "Zwischen der Berichterstattung über Morde und Anschläge brauchen wir öfter Raum für diejenigen, die für versöhnliche Botschaften stehen."

Für die Pädagogin und Psychologin Marina Chernivsky ist Bildungsarbeit gegen Diskriminierung und Radikalisierung "eine der großen Herausforderungen unserer Zeit". Man müsse jede Form von Stigmatisierung, Diskriminierung und Gewalt ernst nehmen und pädagogisch bearbeiten. Auch hält sie es für sinnvoll, dass die durchaus vorhandene aktive Bewegung gegen Antisemitismus öfter zu Wort kommt. Wichtig sei dabei, dass auch Stimmen von jüdischen Experten in die Berichterstattung einbezogen werden. "Sonst haben wir die Situation, dass nur über Juden und nicht mit ihnen gesprochen wird."

Von Ferda Ataman