Kommentar 08.08.2014

"Der Islam gehört zu Deutschland"

Von Dr. Riem Spielhaus

In Umfragen erklärt die Mehrheit der Deutschen, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Das ist nicht überraschend. Schließlich steht "Islam" längst als Sinnbild für Einwanderer oder Fremde. Ein Beleg dafür ist die Bildsprache beim Thema Integration: Die Frau mit Kopftuch wurde zum Prototyp der Migrantin mit Integrationsbedarf. Dabei ist die Religionszugehörigkeit keine sinnvolle Kategorie, um zu beschreiben, ob jemand eingewandert ist oder nicht.



Die Bildbeschreibung "Studie zur Integration von Türken in Deutschland" bedarf offenbar keiner weiteren Erklärung. Foto: dpa

"Würden Sie sagen, dass der Islam zu Deutschland gehört, oder ist der Islam nicht Teil der deutschen Gesellschaft?" Diese Frage, gestellt vom Umfrageinstitut forsa im Auftrag des "Stern", beantworteten 52 Prozent der Befragten mit "nicht Teil der deutschen Gesellschaft". Auch andere, deutlich größere Untersuchungen haben gezeigt, dass sich die Mehrheit in Deutschland schwer damit tut, "den Islam" oder "die Muslime" als Teil ihrer Gesellschaft – geschweige denn als Deutsche – anzusehen. Das ist eigentlich nicht überraschend.

Noch vor einem Jahrzehnt wurden dem Thema "Muslime in Deutschland" keine Umfragen, Bücher oder ganze Fernsehsendungen gewidmet – und zwar nicht, weil es keine Muslime in Deutschland gab, sondern weil sie nicht als solche wahrgenommen wurden. Gegenstand kontroverser Debatten über das Einwanderungsland waren eher die Kategorien "Ausländer" oder "Türken".

Während also früher die Ursachen für Konflikte in der Zugehörigkeit zu bestimmten Nationalitäten gesucht wurden, richtet sich die Aufmerksamkeit heute eher auf den muslimischen Glauben. Wurde 1994 Cem Özdemir nach der Bundestagswahl in einem Spiegel-Artikel noch als "der erste gebürtige Türke im Deutschen Bundestag" bezeichnet, lernten wir Cemile Giousouf 2013 in der Berichterstattung als "erste Muslimin in der CDU-Bundestagsfraktion" kennen.

Bei der medialen Wahrnehmungsverschiebung findet oft eine Verknüpfung von Religion und Migration statt und damit auch eine Gleichsetzung der islamischen Glaubenszugehörigkeit mit Fremdheit. Diese Verknüpfung wird häufig subtil transportiert, als hätten Muslime notwendigerweise einen Migrationshintergrund. Dies geschieht beispielsweise dann, wenn Beiträge zu Integrationsthemen mit Fotos von Kopftuchträgerinnen bebildert werden – obwohl die Religionszugehörigkeit gar keine Rolle darin spielt. In der Bebilderung von Zeitungsartikeln, Fernsehbeiträgen oder Fachliteratur zum Themenfeld Integration hat sich eine Ikonographie etabliert, die Frauen mit Kopftuch pauschal im Migrationsbereich verortet.

Zwei Beispiele dazu:

  • Die Meldung "40 Prozent aller Migranten von Altersarmut bedroht" bebilderte "Die Welt" mit einer Rückenaufnahme von drei Frauen mit Kopftuch und der Bildunterschrift "Menschen mit Migrationshintergrund sind stärker armutsgefährdet" (siehe Foto oben).
  • Eine Studie zu den Bildungschancen von Töchtern und Enkelinnen aus Migrantenfamilien wird beim Tagesspiegel mit der Rückseite von vier erwachsenen Kopftuchträgerinnen bebildert. Überschrift: "Mädchen sind Integrationsgewinner".

Die Botschaft: Muslime sind unsere Problemmigranten

Der Zusammenhang zwischen Muslimen, Kopftuchträgerinnnen und Migranten ist offenbar so fest etabliert, dass er aus Sicht der Bildredaktionen keiner Erklärung bedarf. Wissenschaftlich betrachtet geschieht hier Folgendes: Wenn nicht zusammenhängende Bilder und Inhalte immer wieder gemeinsam präsentiert werden, wird ein Zusammenhang nahegelegt. Zum Beispiel gilt das für Bilder von betenden Muslimen in Berichten über Terroranschläge, oder eben die Kopftuchträgerin und das Thema Integration. Menschen verknüpfen auf Dauer zwei Sachverhalte (Beten bzw. Religion und Terror), wenn sie oft genug nebeneinander stehen. Die Häufigkeit der Reizkombination spielt dabei eine wichtige Rolle, gemäß dem Prinzip: Wiederholen ist Überzeugen.

Frauen mit Kopftuch wurden zum Prototyp der (vermeintlichen) Migrantin mit Integrationsbedarf. Sie werden in diesen Bildern zu einem entindividualisierten Typ, haben meistens kein Gesicht und werden von hinten gezeigt. Das Kopftuch als schiefes Symbol beschränkt sich allerdings nicht auf die Medien, sondern ist auch in der Bebilderung von akademischen Veröffentlichungen zu Integration zu finden ebenso wie in Publikationen von Parteien, Behörden, usw.

"Wo ist das Problem?", mögen manche fragen. Musliminnen sind doch Migrantinnen.

Hier gilt es zwei Probleme zu benennen: Zum Einen sind keineswegs alle Muslime Migranten und auch nicht alle Migranten sind Muslime. Nur ein Fünftel der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland sind Muslime – und nur eine MinderheitVgl. BAMF-Studie "Muslimisches Leben in Deutschland, Seite 194 der muslimischen Frauen trägt ein Kopftuch. Hinzu kommt: Kopftücher werden keineswegs nur von Migrantinnen und deren Nachkommen getragen. Auch Konvertitinnen und deren Töchter tragen mitunter Kopftücher. In den Medien und öffentlichen Debatten kommen sie kaum vor und ihre Zahl kann nur auf unsicherer Basis geschätzt werden.

Zum Anderen überbringen die Bilder eine wichtige Botschaft: Muslime, vor allem kopftuchtragende und damit erkennbar "praktizierende" Musliminnen, sind unsere Problemmigranten. Selbst in den positivsten Artikeln, die von Integrationserfolgen berichten, wird noch diese Aussage vermittelt.

Das Problematische daran hat der Soziologe Levent Tezcan auf den Punkt gebracht: Mit der pauschalen Zuschreibung "integrationsbedürftig" wird eine Gruppe vor allem ausgegrenzt und als nicht-zugehörig definiert. In dieser Logik stehen auch die Ergebnisse von Umfragen, in denen die Mehrheit den Islam außerhalb der deutschen Gesellschaft verortet.

Dr. Riem Spielhaus ist Islamwissenschaftlerin am Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE). 2011 hat sie das Buch "Wer ist hier Muslim?" veröffentlicht, das sich damit beschäftigt, wie aus Migranten in der öffentlichen Wahrnehmung Muslime wurden.