Ehrenamt

Das freiwillige und bürgerschaftliche Engagement gilt als ein "Motor" für die Integration. Wie können Ehrenamtliche bei der Integration von Flüchtlingen helfen? Und welche Rolle spielt das ehrenamtliche Engagement in der Einwanderungsgesellschaft?

Ehrenamtliche Flüchtlingshilfe

Die Zahl der Menschen, die in der Flüchtlingshilfe engagiert sind, ist 2015 stark gestiegen. Seitdem die Zahl der ankommenden Flüchtlinge im Frühjahr 2016 zurückgegangen ist, hat auch das entsprechende Engagement abgenommen.QuelleEngagement in der Flüchtlingshilfe – Ergebnisbericht einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Familienministeriums, Februar 2018, Seite 6

Nach einer repräsentativen UmfrageEngagement in der Flüchtlingshilfe – Ergebnisbericht einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Familienministeriums, Februar 2018, Seite 11, die im April 2017 durchgeführt wurde, haben sich in den vorangegangenen drei Jahren 55 Prozent der Bürger zumindest zeitweise an der Flüchtlingshilfe beteiligt. Etwa die Hälfte von ihnen tat das durch Sach- oder Geldspenden. "Aktive Hilfe" leisteten ein Viertel aller Unterstützer. 15 Prozent setzten sich durch "öffentliche Fürsprache für Flüchtlinge" ein. Neun Prozent der Befragten sind durch ihr Engagement für Flüchtlinge zum ersten mal ehrenamtlich tätig geworden.

Zum Zeitpunkt der Umfrage waren 19 Prozent der Befragten weiterhin in der Flüchtlingshilfe aktiv. Die meisten von ihnen planten, sich weiterhin für Flüchtlinge zu engagieren.

Projekte

Eine umfangreiche Liste mit Projekten im Bereich Flüchtlingshilfe finden Sie auf der Website der Initiative "Deutschland kann das". Einen Überblick über lokale Initiativen bundesweit bieten zudem:

  • Die Website Wie kann ich helfen? der Journalistin Birte Vogel
  • Die Karte zum ehrenamtlichen Engagement in der Flüchtlingshilfe von PRO ASYL

Auch Migrantenorganisationen engagieren sich. Ein Beispiel: Das Modellprojekt Samo.fa vom Bundesnetzwerk von Migrantenorganisationen (Nemo) koordiniert und vernetzt etwa 600 Flüchtlingshelfer, die in 30 verschiedenen lokalen Initiativen von Migrantenorganisationen tätig sind. Für das Projekt "So schaffen wir das" hat ein Forschungsteam um den Ethnologen Werner Schiffauer 90 Initiativen untersucht. Entscheidend für den Erfolg von ehrenamtlichen Initiativen sind demnach unter anderem: eine gute Zusammenarbeit mit Behörden und die Herstellung von "Win-win-Situationen", von der ganze Gemeinden profitieren. Zu den größten Problemen von Ehrenamtlern gehört laut der Untersuchung eine fehlende finanzielle Förderung.

Wer engagiert sich in der Flüchtlingshilfe?

Aus einer repräsentativen UmfrageEngagement in der Flüchtlingshilfe – Ergebnisbericht einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Familienministeriums, Februar 2018, Seiten 20 und ff. im Auftrag des Bundesfamilienministeriums geht hervor, dass Flüchtlingshelfer fast gleichmäßig in allen Regionen, Schichten und Altersgruppen verteilt sind. Verglichen zur Gesamtbevölkerung seien sie jedoch tendenziell besser gebildet und würden im Schnitt besser verdienen. Auch hätten im Durchschnitt mehr Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe einen Migrationshintergrund (25 Prozent) als in anderen Bereichen des sozialen Engagements (15 Prozent).

Das bestätigen auch zwei nicht-repräsentative BefragungenSerhat Karakayali, Olaf Kleist, EFA 2 – Stukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit, 2016 und EFA 1 – Stukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit, 2015 des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) aus den Jahren 2015 und 2016.

Eine SonderauswertungAlexander K. Nagel und Yasemin El-Menouar, Engagement für Geflüchtete – eine Sache des Glaubens? 2017 des Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung zum Thema Ehrenamt aus dem Jahr 2016 ergab: Während 17 Prozent der Konfessionslosen als Flüchtlingshelfer tätig sind, sind es bei den Christen 21 Prozent und bei den Muslimen sogar 44 Prozent.

Wie engagieren sich ehrenamtliche Flüchtlingshelfer?

Während 2015 die meisten Ehrenamtlichen in der Erstaufnahme tätig waren, arbeiten sie seit 2016 zunehmend im Bereich Integration: 66 Prozent der "aktiven Helfer" unterstützen laut einer UmfrageEngagement in der Flüchtlingshilfe – Ergebnisbericht einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Familienministeriums, Februar 2018, Seiten 16 und ff. des Familienministeriums Neuankömmlinge bei der Eingewöhnung in ihrem neuen Wohnort. Das bedeutet: Sie verbringen mit ihnen ihre Freizeit (58 Prozent), helfen ihnen bei Behördengängen (50 Prozent) beziehungsweise bei der Wohnungssuche (39 Prozent) oder geben Sprachunterricht (55 Prozent). Etwa ein Drittel aller Ehrenamtliche engagiert sich laut der Umfrage des Familienministeriums außerhalb von eingetragenen Vereinen und Verbänden.

Eine StudieBIM, Fördermittel in der Flüchtlingshilfe: Was gebraucht wird – was ankommt, Februar 2017, Seite 9 des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung zur Finanzierung in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe zeigt: Die Hälfte der Projekte und Initiativen verfügte jährlich über weniger als 5.000 Euro. Initiativen, Vereine und kirchliche Organisationen bestreiten den allergrößten Teil ihrer finanziellen Mittel aus privaten Spenden. 63 Prozent der Befragten haben in den vergangenen fünf Jahren Fördermittel beantragt.

Ansichten der Flüchtlingshelfer

Die überwiegende Mehrheit der Flüchtlingshelfer sagten in der UntersuchungEngagement in der Flüchtlingshilfe – Ergebnisbericht einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Familienministeriums, Februar 2018, Seite 40 des Familienministeriums, dass sie ein gutes Verhältnis mit den Geflüchteten haben (88 Prozent). Etwa 40 Prozent der Helfer stehen aber gleichzeitig den Integrationschancen der Geflüchteten skeptisch gegenüber.

Knapp die Hälfte der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer haben das Gefühl, die zuständigen Behörden würden Aufgaben der Flüchtlingshilfe auf sie abwälzen, zeigt die UmfrageEngagement in der Flüchtlingshilfe – Ergebnisbericht einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Familienministeriums, Februar 2018, Seite 37 des Familienministeriums. Mehr als die Hälfte beklagt bürokratische Hürden. Auch seien Ehrenamtliche oftmals mit Ablehnung konfrontiert: Knapp ein Drittel der Befragten hätten schon mal offene Ablehnung oder sogar Aggressionen gegenüber Flüchtlingen beobachtet.

Flüchtlingshilfe in Kirchen, Moscheen und Synagogen

Von den rund 31 Millionen Ehrenamtlichen in Deutschland waren laut dem Freiwilligen-Survey 2014 rund 12 Prozent in kirchlichen oder religiösen Aktivitäten tätig. Viele von ihnen haben sich in den vergangenen Jahren in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Dem ReligionsmonitorAlexander K. Nagel und Yasemin El-Menouar, Engagement für Geflüchtete – eine Sache des Glaubens? Die Rolle der Religion für die Flüchtlingshilfe, Seite 25 der Bertelsmann-Stiftung zufolge sind Muslime diejenigen, die sich am meisten in der Flüchtlingshilfe engagieren: Insgesamt wurden 2.000 Personen befragt. Von den Muslimen sagten 44 Prozent, sie seien in der Flüchtlingshilfe tätig. Unter den Christen waren es 21 Prozent, unter den Konfessionlosen lediglich 17 Prozent.

Der Anstieg der ehrenamtlichen Initiativen für Flüchtlinge hat nach Angaben der Glaubensgemeinschaften auf Anfrage des MEDIENDIENSTES dazu geführt, dass mehr Gläubige in den Gemeinden aktiv geworden sind.

Kirchen

Christliche Organisationen waren schon in der Vergangenheit sehr aktiv im Bereich Flüchtlingshilfe. Neben dem Engagement von Wohlfahrtsorganisationen wie Caritas und der Diakonie gibt es zahlreiche Initiativen von lokalen Kirchengemeinden. Daten zu diesen Initiativen wurden bislang nicht erhoben. Es gibt jedoch Schätzungen bezüglich der Zahl der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in der evangelischen und katholischen Kirche: Laut einer StudieHilfe für Flüchtlinge – Evangelische Kirche und Diakonie engagieren sich, Februar 2016, Seite 3 der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Diakonie vom Februar 2016 waren rund 120.000 evangelische Kirchenmitglieder in der Flüchtlingshilfe tätig. Bei den Katholiken waren es schätzungsweise rund 100.000 – berichtet die katholische Deutsche Bischofskonferenz (DBK) auf Anfrage des MEDIENDIENSTES. Sowohl die DBK als auch die EKD haben spezielle Themenportale zur Flüchtlingshilfe eingerichtet.

Moscheen

Auch die muslimischen Gemeinschaften sind aktiv in der Flüchtlingshilfe. Im Rahmen der Initiative "Moscheen fördern Flüchtlinge" bilden zum Beispiel einige muslimische DachverbändeVerband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD), Zentralrat der Marokkaner in Deutschland (ZRMD), Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland (AMJD) in Kooperation mit dem Innen- und dem Familienministerium Koordinatoren für die ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit aus. Derzeit zählt das Projekt rund 500 Teilnehmer. Drei weitere islamische OrganisationenIslamrat für die Bundesrepublik Deutschland, Zentralrat der Muslimen in Deutschland, Islamische Gemeinschaft der Schiitischen Gemeinden haben 2016 den "Verband Muslimische Flüchtlingshilfe" gegründet. Die Aktivität der Verbände hat sich im vergangenen Jahr zunehmend professionalisiert und reicht derzeit von der Aushilfe in Flüchtlingsheimen über Hilfe bei Behördengängen und Übersetzungen bis hin zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Es gibt zudem Patenschaften-Programme,Siehe u.a. die Projekte "Wir sind Paten" und "Muslimische Gemeinden bilden Patenschaften" die Patinnen und Paten für mehrere Tausend Kinder und Jugendliche suchen.QuelleThomas Küppner, Moscheegemeinden als Akteure der karitativen Flüchtlingshilfe in MEDIENDIENST INTEGRATION, Journalistenhandbuch zum Thema Islam, November 2016, Seite 98

Synagogen

Nach Angaben des Zentralrats der Juden in Deutschland auf Anfrage des MEDIENDIENSTES sind viele Gemeindemitglieder insbesondere seit Herbst 2015 in der Flüchtlingshilfe aktiv. So stand zum Beispiel der "Mitzvah Day", der jüdische "Tag der guten Tat", 2015 unter dem Zeichen der Flüchtlingshilfe. Die jüdischen Gemeinden haben sich daran mit Spenden- und Kleidersammlungen sowie Initiativen für Flüchtlingskinder beteiligt. Die zwei größten jüdischen Gemeindeverbände Deutschlands, Berlin und Bayern, sagten auf Anfrage des MEDIENDIENSTES, dass mehrere Hundert Gemeindemitglieder in der Flüchtlingshilfe aktiv sind. Die Synagoge Oranienburger Straße in Berlin organisiert zum Beispiel eine Fortbildung im Bereich Flüchtlingshilfe in Kooperation mit der israelischen Hilfsorganisation Israaid.

Interreligiöse Projekte

Mit dem Projekt "Weißt Du, Wer Ich Bin?" unterstützen muslimische, jüdische und christliche Organisationen interreligiöse Projekte im Bereich der Flüchtlingshilfe. Projektträger sind die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, der Zentralrat der Juden in Deutschland, der Zentralrat der Muslime in Deutschland, die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion DITIB, der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland und der Verband Islamischer Kulturzentren. Derzeit werden durch das Projekt 37 Initiativen gefördert.

Flüchtlinge als Ehrenamtliche

Asylbewerber und Flüchtlinge sind nicht nur Empfänger von Hilfe. Sie sind auch selbst ehrenamtlich aktiv. Dafür gibt es auf lokaler Ebene viele BeispieleEinige Medienberichte: Rundfunk Berlin-Brandenburg, Südkurier, Allgemeine Zeitung, Osthessen News und SHZ.de. Auf Bundesebene gibt es zudem Programme, die das ehrenamtliche Engagement von Flüchtlingen fördern sollen:

  • Bundesfreiwilligendienst: Nach einer Ergänzung des BFD-Gesetzes stehen seit Dezember 2015 befristet bis Ende 2018 etwa 10.000 zusätzliche Stellen im Freiwilligendienst für den Bereich Flüchtlingshilfe zur Verfügung. Das Sonderprogramm "Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug" richtet sich sowohl an Menschen ohne Fluchterfahrung, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren wollen, als auch an Asylbewerber und Flüchtlinge, die etwa in Pflegeheimen, Kindergärten oder Willkommensklassen arbeiten möchten. Aktuell engagieren sich im Sonderkontingent knapp 6.000 Freiwillige, davon rund 2.000 Asylbewerber beziehungsweise asylberechtigte Personen (Stand: 14.12.2016).
  • bagfa-Modellprojekt: Mithilfe des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge hat die Bundesarbeitsgemeinschaft für Freiwilligenagenturen (bagfa) zudem im Juni 2016 das Modellprojekt "Das Engagement von und mit Flüchtlingen stärken" eingerichtet. Ziel des Projektes ist es, lokale Initiativen für das gemeinsame Engagement von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung zu unterstützen.

Ehrenamt in der Einwanderungsgesellschaft

Insgesamt engagieren sich immer mehr Menschen in Deutschland ehrenamtlich. Dem jüngsten Freiwilligen-Survey zufolge ist der Bevölkerungsanteil, der sich an ehrenamtlichen Aktivitäten beteiligt, in 15 Jahren um etwa zehn Prozentpunkte auf 44 Prozent gestiegen. Ehrenamtlich aktiv waren im Jahr 2014 fast 31 Millionen Menschen. Vor allem in Folge der Flüchtlingsmigration ist diese Zahl zwischen 2015 und 2016 weiter gestiegen. Die meisten Ehrenamtlichen sind in den Bereichen Sport und Kultur tätig.

Ehrenamt und Migration

Einwanderer und ihre Nachkommen engagieren sich laut dem Freiwilligen-Survey etwas weniger als Menschen ohne Migrationshintergrund bei ehrenamtlichen Aktivitäten (31,5 Prozent im Vergleich zu 46,8 Prozent). Bei Nachfahren von Einwanderern, die die deutsche Staatsangehörigkeit haben, ist der Abstand zu Menschen ohne Migrationshintergrund jedoch gering (43,2 Prozent im Vergleich zu 46,8 Prozent).QuelleBundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Frewilliges Engagement in Deutschland, 2016, Seite 17

Im Lagebericht11. Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2016, Seiten 284 und ff. der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung heißt es, Menschen aus Einwandererfamilien seien in verschiedenen Bereichen aktiv, ein deutlicher Schwerpunkt liege bei religiös-kulturellen Aktivitäten und im Sport. Anteilig haben sie aber seltener eine Leitungsfunktion als Freiwillige ohne Migrationshintergrund. Außerdem engagierten sie sich häufig in "informellen sozialen Netzwerken", wie etwa Nachbarschaftshilfe und Kinderbetreuung. In diesen Bereichen sei die Hilfsbereitschaft von Menschen mit Migrationshintergrund höher als die von Menschen ohne Migrationsgeschichte.