Ehrenamt

Das freiwillige und bürgerschaftliche Engagement gilt als ein "Motor" für die Integration. Wie können Ehrenamtliche bei der Integration von Flüchtlingen helfen? Und welche Rolle spielt das ehrenamtliche Engagement in der Einwanderungsgesellschaft?

Ehrenamtliche Flüchtlingshilfe

Die Zahl der ehrenamtlichen Initiativen und Projekte, die sich spezifisch an Flüchtlinge richten, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Nach einer Umfrage des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche ist der Anteil der Deutschen, die in der Flüchtlingshilfe tätig sind, von November 2015 bis Mai 2016 um einen Prozentpunkt auf knapp zwölf Prozent gestiegen. Eine umfangreiche Liste mit Projekten finden Sie auf der Website der Initiative "Deutschland kann das". Einen Überblick über lokale Initiativen bundesweit bieten zudem:

  • Die Website Wie kann ich helfen? der Journalistin Birte Vogel
  • Die Karte zum ehrenamtlichen Engagement in der Flüchtlingshilfe von PRO ASYL

Auch Migrantenorganisationen engagieren sich. Ein Beispiel: Das Modellprojekt Samo.fa vom Bundesnetzwerk von Migrantenorganisationen (Nemo) koordiniert und vernetzt etwa 600 Flüchtlingshelfer, die in 30 verschiedenen lokalen Initiativen von Migrantenorganisationen tätig sind.

Wer engagiert sich in der Flüchtlingshilfe?

Für zwei nicht-repräsentative Studien zum Thema ehrenamtliche Flüchtlingshelfer haben Forscher des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) 2014 und 2015 rund 460 beziehungsweise 2.300 Ehrenamtliche befragt. Aus der Umfrage von 2015 geht hervor:

  • Drei Viertel der befragten ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer sind Frauen.
  • Etwa die Hälfte der Befragten ist berufstätig.
  • Mit rund 24 Prozent ist der Anteil der Flüchtlingshelfer mit Migrationshintergrund etwas höher als der Anteil von Menschen aus Einwandererfamilien in der Gesamtbevölkerung (circa 21 Prozent).

2015 hat sich der BIM-Studie zufolge die Flüchtlingshilfe "normalisiert". Das heißt: Die Gruppe der Flüchlingshelfer nähert sich der Demographie der Gesamtbevölkerung an:

  • Das Durchschnittsalter der befragten Flüchtlingshelfer ist 2015 deutlich gestiegen: 2014 war lediglich ein Viertel aller Ehrenamtlichen zwischen 40 und 60 Jahren alt. 2015 waren es 40 Prozent. Gleichzeitig sank der Anteil der unter 30-Jährigen: Von fast 35 Prozent im Jahr 2014 auf knapp 15 Prozent im vergangenen Jahr.
  • Auch ist die Flüchtlingshilfe in ländlichen Gebieten angekommen: Zwar leben die meisten Flüchtlingshelfer nach wie vor in Städten; der Anteil der Ehrenamtlichen in ländlichen Gebieten ist zwischen 2014 und 2015 jedoch stark gestiegen: von 15 auf 35 Prozent.QuelleSerhat Karakayali, Olaf Kleist, EFA 2 – Stukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit, 2016 und EFA 1 – Stukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit, 2015

Wie engagieren sie sich?

Der BIM-Umfrage zufolge engagierte sich ein großer Teil der Befragten im Jahr 2015 nicht in Organisationen mit festen Strukturen: Viele Helfer brachten sich spontan in selbstorganisierten Gruppen (27 Prozent) oder informellen Initiativen (19 Prozent) ein oder arbeiteten sogar alleine (zehn Prozent). Nur 12 Prozent waren in Vereinen organisiert (2014 waren es noch 35 Prozent).QuelleSerhat Karakayali, Olaf Kleist, EFA 2 – Stukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit, 2016, Seiten 22 und ff.

Im Vergleich zum Vorjahr halfen mehr Befragte den Flüchtlingen bei Alltagsproblemen. Mehr als 60 Prozent leisteten Spenden oder sortierten diese. Fast 30 Prozent der Helfer nahmen Geflüchtete zu Amtsgängen und Arztterminen in ihren Autos mit. Beinahe die Hälfte der Flüchtlingshelfer gab Deutschunterricht.QuelleSerhat Karakayali, Olaf Kleist, EFA 2 – Stukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit, 2016, Seite 24

Flüchtlingshilfe in Kirchen, Moscheen und Synagogen

Von den rund 31 Millionen Ehrenamtlichen in Deutschland waren laut dem Freiwilligen-Survey 2014 rund 12 Prozent in kirchlichen oder religiösen Aktivitäten tätig. Viele von ihnen haben sich in den vergangenen Jahren in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Der Anstieg der ehrenamtlichen Initiativen für Flüchtlinge hat nach Angaben der Glaubensgemeinschaften auf Anfrage des MEDIENDIENSTES dazu geführt, dass mehr Gläubige in den Gemeinden aktiv geworden sind.

Kirchen

Christliche Organisationen waren schon in der Vergangenheit sehr aktiv im Bereich Flüchtlingshilfe. Neben dem Engagement von Wohlfahrtsorganisationen wie Caritas und der Diakonie gibt es zahlreiche Initiativen von lokalen Kirchengemeinden. Daten zu diesen Initiativen wurden bislang nicht erhoben. Es gibt jedoch Schätzungen bezüglich der Zahl der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in der evangelischen und katholischen Kirche: Laut einer StudieHilfe für Flüchtlinge – Evangelische Kirche und Diakonie engagieren sich, Februar 2016, Seite 3 der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Diakonie vom Februar 2016 waren rund 120.000 evangelische Kirchenmitglieder in der Flüchtlingshilfe tätig. Bei den Katholiken waren es schätzungsweise rund 100.000 – berichtet die katholische Deutsche Bischofskonferenz (DBK) auf Anfrage des MEDIENDIENSTES. Sowohl die DBK als auch die EKD haben spezielle Themenportale zur Flüchtlingshilfe eingerichtet.

Moscheen

Auch die muslimischen Gemeinschaften sind aktiv in der Flüchtlingshilfe. Im Rahmen der Initiative "Moscheen fördern Flüchtlinge" bilden zum Beispiel einige muslimische DachverbändeVerband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD), Zentralrat der Marokkaner in Deutschland (ZRMD), Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland (AMJD) in Kooperation mit dem Innen- und dem Familienministerium Koordinatoren für die ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit aus. Derzeit zählt das Projekt rund 500 Teilnehmer. Drei weitere islamische OrganisationenIslamrat für die Bundesrepublik Deutschland, Zentralrat der Muslimen in Deutschland, Islamische Gemeinschaft der Schiitischen Gemeinden haben 2016 den "Verband Muslimische Flüchtlingshilfe" gegründet. Die Aktivität der Verbände hat sich im vergangenen Jahr zunehmend professionalisiert und reicht derzeit von der Aushilfe in Flüchtlingsheimen über Hilfe bei Behördengängen und Übersetzungen bis hin zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Es gibt zudem Patenschaften-Programme,Siehe u.a. die Projekte "Wir sind Paten" und "Muslimische Gemeinden bilden Patenschaften" die Patinnen und Paten für mehrere Tausend Kinder und Jugendliche suchen.QuelleThomas Küppner, Moscheegemeinden als Akteure der karitativen Flüchtlingshilfe in MEDIENDIENST INTEGRATION, Journalistenhandbuch zum Thema Islam, November 2016, Seite 98

Synagogen

Nach Angaben des Zentralrats der Juden in Deutschland auf Anfrage des MEDIENDIENSTES sind viele Gemeindemitglieder insbesondere seit Herbst 2015 in der Flüchtlingshilfe aktiv. So stand zum Beispiel der "Mitzvah Day", der jüdische "Tag der guten Tat", 2015 unter dem Zeichen der Flüchtlingshilfe. Die jüdischen Gemeinden haben sich daran mit Spenden- und Kleidersammlungen sowie Initiativen für Flüchtlingskinder beteiligt. Die zwei größten jüdischen Gemeindeverbände Deutschlands, Berlin und Bayern, sagten auf Anfrage des MEDIENDIENSTES, dass mehrere Hundert Gemeindemitglieder in der Flüchtlingshilfe aktiv sind. Die Synagoge Oranienburger Straße in Berlin organisiert zum Beispiel eine Fortbildung im Bereich Flüchtlingshilfe in Kooperation mit der israelischen Hilfsorganisation Israaid.

Interreligiöse Projekte

Mit dem Projekt "Weißt Du, Wer Ich Bin?" unterstützen muslimische, jüdische und christliche Organisationen interreligiöse Projekte im Bereich der Flüchtlingshilfe. Projektträger sind die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, der Zentralrat der Juden in Deutschland, der Zentralrat der Muslime in Deutschland, die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion DITIB, der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland und der Verband Islamischer Kulturzentren. Derzeit werden durch das Projekt 37 Initiativen gefördert.

Flüchtlinge als Ehrenamtliche

Asylbewerber und Flüchtlinge sind nicht nur Empfänger von Hilfe. Sie sind auch selbst ehrenamtlich aktiv. Dafür gibt es auf lokaler Ebene viele BeispieleEinige Medienberichte: Rundfunk Berlin-Brandenburg, Südkurier, Allgemeine Zeitung, Osthessen News und SHZ.de. Auf Bundesebene gibt es zudem Programme, die das ehrenamtliche Engagement von Flüchtlingen fördern sollen:

  • Bundesfreiwilligendienst: Nach einer Ergänzung des BFD-Gesetzes stehen seit Dezember 2015 befristet bis Ende 2018 etwa 10.000 zusätzliche Stellen im Freiwilligendienst für den Bereich Flüchtlingshilfe zur Verfügung. Das Sonderprogramm "Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug" richtet sich sowohl an Menschen ohne Fluchterfahrung, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren wollen, als auch an Asylbewerber und Flüchtlinge, die etwa in Pflegeheimen, Kindergärten oder Willkommensklassen arbeiten möchten. Aktuell engagieren sich im Sonderkontingent knapp 6.000 Freiwillige, davon rund 2.000 Asylbewerber beziehungsweise asylberechtigte Personen (Stand: 14.12.2016).
  • bagfa-Modellprojekt: Mithilfe des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge hat die Bundesarbeitsgemeinschaft für Freiwilligenagenturen (bagfa) zudem im Juni 2016 das Modellprojekt "Das Engagement von und mit Flüchtlingen stärken" eingerichtet. Ziel des Projektes ist es, lokale Initiativen für das gemeinsame Engagement von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung zu unterstützen.

Ehrenamt in der Einwanderungsgesellschaft

Insgesamt engagieren sich immer mehr Menschen in Deutschland ehrenamtlich. Dem jüngsten Freiwilligen-Survey zufolge ist der Bevölkerungsanteil, der sich an ehrenamtlichen Aktivitäten beteiligt, in 15 Jahren um etwa zehn Prozentpunkte auf 44 Prozent gestiegen. Ehrenamtlich aktiv waren im Jahr 2014 fast 31 Millionen Menschen. Vor allem in Folge der Flüchtlingsmigration ist diese Zahl zwischen 2015 und 2016 weiter gestiegen. Die meisten Ehrenamtlichen sind in den Bereichen Sport und Kultur tätig.

Ehrenamt und Migration

Einwanderer und ihre Nachkommen engagieren sich laut dem Freiwilligen-Survey etwas weniger als Menschen ohne Migrationshintergrund bei ehrenamtlichen Aktivitäten (31,5 Prozent im Vergleich zu 46,8 Prozent). Bei Nachfahren von Einwanderern, die die deutsche Staatsangehörigkeit haben, ist der Abstand zu Menschen ohne Migrationshintergrund jedoch gering (43,2 Prozent im Vergleich zu 46,8 Prozent).QuelleBundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Frewilliges Engagement in Deutschland, 2016, Seite 17

Im Lagebericht11. Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2016, Seiten 284 und ff. der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung heißt es, Menschen aus Einwandererfamilien seien in verschiedenen Bereichen aktiv, ein deutlicher Schwerpunkt liege bei religiös-kulturellen Aktivitäten und im Sport. Anteilig haben sie aber seltener eine Leitungsfunktion als Freiwillige ohne Migrationshintergrund. Außerdem engagierten sie sich häufig in "informellen sozialen Netzwerken", wie etwa Nachbarschaftshilfe und Kinderbetreuung. In diesen Bereichen sei die Hilfsbereitschaft von Menschen mit Migrationshintergrund höher als die von Menschen ohne Migrationsgeschichte.