ZuGleich-Studie 11.07.2016

Vorbehalte gegen Willkommenskultur wachsen

Was denkt die Bevölkerung in Deutschland über Zuwanderung und Integration? Die ZuGleich-Studie der Universität Bielefeld zeigt: Die Zustimmung zur Willkommenskultur ist innerhalb von zwei Jahren deutlich gesunken. Und die Einstellung zu Geflüchteten ist sehr zwiespältig. Das gilt sowohl für Menschen mit als auch ohne Migrationshintergrund.



In den zurückliegenden zwei Jahren hat die Zustimmung zu Willkommenskultur abgenommen. Foto: dpa

Die Willkommenskultur wird weniger positiv bewertet als noch vor zwei Jahren. Während sich 2013/2014 noch 40 Prozent der Befragten für eine Willkommenskultur aussprachen, waren es jetzt nur 32 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt die ZuGleich-Studie, die kürzlich vorgestellt wurde. Die heftigen Debatten um die Aufnahme von Geflüchteten hätten Spuren hinterlassen, sagte Studienleiter Andreas Zick.

Die Untersuchung der Universität Bielefeld, die im Auftrag der Mercator-Stiftung erstellt wurde, erfasst Einstellungen zu Integrationsfragen und Vorurteile gegenüber häufig diskriminierten Gruppen. Nach einer ersten Studie 2013/2014 haben die Forscher des Instituts für interdisziplinäre Gewalt- und Konfliktforschung zum Jahreswechsel 2015/2016 eine neue Erhebung durchgeführt. Unter den 1500 Befragten waren rund 500 Menschen mit Migrationshintergrund. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Einstellungen gegenüber Flüchtlingen

Zum ersten Mal wurde in der ZuGleich-Studie abgefragt, was die Bevölkerung über Geflüchtete denkt. Die Einstellungen sind ambivalent. Die Befragten zeigen einerseits eine große Offenheit:

  • Dem Satz "Jeder Flüchtling hat das Recht auf auf ein besseres Leben – auch in Deutschland" stimmten 73 Prozent zu.
  • Flüchtlinge als Nachbarn sind 65 Prozent aller Befragten recht.

Jedoch:

  • Eine Gefahr durch Geflüchtete für Deutschlands Zukunft nehmen 37 Prozent wahr.
  • 55 Prozent der Befragten plädieren dafür, Flüchtlinge in ihre Heimatländer zurückzuschicken, sobald sich die Lage dort verbessert hat und
  • 31 Prozent meinen, dass die meisten Flüchtlinge in ihrem Heimatland nicht verfolgt werden.

Vorrechte von "Alteingesessenen"

Mehr Menschen als vor zwei Jahren meinen, dass Neuankömmlinge zunächst keine zu hohen Ansprüche stellen sollten:

  • Der Anteil derer, die der Meinung sind, Etablierte sollten mehr Vorrechte genießen als Neuankömmlinge, hat sich innerhalb von zwei Jahren verdreifacht (von fünf auf 16 Prozent).
  • Gleiche Rechte für alle fordern drei Viertel der Befragten, vor zwei Jahren waren es noch 86 Prozent.
  • "Wer irgendwo neu ist bzw. später hinzukommt, der sollte auf keinen Fall Forderungen stellen oder Ansprüche erheben." Diesem Satz stimmt ein Drittel der Befragten zu.

Wer gehört zu Deutschland?

Die Befragten sollten auch ihre Einschätzung dazu abgeben, welche Kriterien wichtig seien, um zur deutschen Gesellschaft zu gehören. Am häufigsten werden hier "erwerbbare" Kriterien genannt wie die Achtung politischer Institutionen und Gesetze (97 Prozent), die Fähigkeit deutsch zu sprechen (93 Prozent) und "sich in Deutschland zuhause zu fühlen" (rund 85 Prozent). Andere Kriterien wie Geburtsland oder christlicher Glaube werden als weniger wichtig eingeschätzt. Vor kurzem waren Umfragen des Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) und des SVR zu ähnlichen Ergebnissen gekommen.

Traditionen aufrecht erhalten?

Zum Themenkomplex "Rückeroberung alter Ordnungen" haben die Forscher nur Menschen ohne Migrationshintergrund befragt. Sie wollten zwei Dinge herausfinden: Wie sehr die Befragten an Traditionen und Wertvorstellungen festhalten und ob sie der Meinung sind, dass Migranten aus dem öffentlichen Raum zurückgedrängt werden sollen:

  • Mehr Menschen sprachen sich dafür aus, "sehr viel selbstbewusster gegenüber Migranten" aufzutreten (von 34 Prozent auf 45 Prozent gestiegen).
  • 41 Prozent wünschen sich, "vor allem jüngere Migranten häufiger in ihre Schranken zu weisen". Vor zwei Jahren waren es nur 26 Prozent.
  • Der Anteil derer, die dafür sind, Traditionen wiederzubeleben und die eigene Identität in den Mittelpunkt zu stellen, ist gleich geblieben. Jedoch gibt es mehr als zuvor, die sich explizit dagegen aussprechen.

Einstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund

Die Untersuchung wurde auch danach ausgewertet, ob die Befragten selbst einen Migrationshintergrund haben oder Einwanderer sind. Die Polarisierung in der Gesamtbevölkerung zum Thema Flüchtlinge zeigt sich auch bei denen, die aus Einwandererfamilien kommen.

  • In ihren Einstellungen gegenüber Geflüchteten und bei den Vorrechten für "Alteingesessene" unterscheiden sich Befragte mit und ohne Migrationshintergrund kaum.
  • Unterschiede zeigen sich bei den Einstellungen zur Willkommenskultur: 48 Prozent der Befragten mit Migrationshintergrund stehen ihr positiv gegenüber. Unter den Befragten ohne Einwanderungsgeschichte sind es nur 25 Prozent.
  • Allerdings sind die Befragten mit Migrationshintergrund auch etwas häufiger der Meinung, dass neu Hinzugekommene sich "erst mal mit weniger zufrieden geben sollen" (52 Prozent) und sich hinten anzustellen haben, "wenn es nicht für alle reicht" (28 Prozent).

Von Jenny Lindner