Erziehungswissenschaftler 14.10.2013

"Frühkindliche Förderung ist nicht die Lösung"

Statistisch schneiden Schüler mit Migrationshintergrund schlechter ab als ihre Klassenkameraden. Deshalb sollen mehr Kinder möglichst früh eine Kindertageseinrichtung besuchen und dort gefördert werden. Dieser Lösungsansatz hat sich in Forschung, Politik und Medien durchgesetzt. Im Interview kritisiert der Erziehungswissenschaftler Frank-Olaf Radtke dieses Modell.



Kinder in einer städtischen Grundschule: gleiche Chancen für alle? Foto: picture alliance/JOKER.

Mediendienst: Sie sprechen in Ihrem Essay von einem "Schulversagen in doppelter Hinsicht". Was meinen Sie damit?

Frank-Olaf Radtke: In der deutschen Diskussion wird im Grunde nur über das Versagen der Schüler geredet, das Versagen der Schule aber bleibt unbeachtet. Obwohl zum Beispiel die viel zitierten PISA-Studien der OECD gar nicht in erster Linie darauf abzielten, die Leistungen der Schüler miteinander zu vergleichen, sondern die Leistungsfähigkeit von verschiedenen Schulsystemen. Das ist hierzulande völlig untergegangen und zugunsten einer Fokussierung auf frühkindliche Förderung und Ganztagsbetrieb erstickt worden.

Wurde PISA also fehlinterpretiert?

In dem Sinne, als die deutsche Politik und mit ihr die Medien versucht haben, zu vermeiden, über das System und seine Leistungsfähigkeit in Bezug auf Integration und Chancengleichheit zu reden: ja. Man scheut sich zum Beispiel davor, das dreigliedrige Schulsystem in Frage zu stellen, weil damit jahrzehntelange Kontroversen in eine neue Runde gehen könnten.

PISA hat auch gezeigt, dass es in Deutschland einen besonders engen Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem Bildungserfolg gibt. Ist unser Schulsystem ungerecht?

Seit es eine bürgerliche Gesellschaft gibt, geht man davon aus, dass die soziale Stellung eines Menschen über seine individuelle Leistung und damit durch seinen schulischen Erfolg bestimmt werden soll. Das nennt man das meritokratische Prinzip, also das auf Verdienst beruhende Leistungsprinzip. Entsprechend entstand ein Schulsystem, das auf dem Prinzip der Gleichbehandlung basiert und in dem individuelle Leistung am Ende zu verdienter Ungleichheit führt.

Gleichbehandlung klingt auf den ersten Blick gerecht. Was ist falsch daran?

Kinder sind aufgrund ihrer sozialen Herkunft verschieden und bringen unterschiedliche Lernvoraussetzungen mit. Die Gleichbehandlung zementiert damit paradoxerweise die Ungleichheit. In Deutschland machen wir zudem durch das dreigliedrige Schulsystem nach der Grundschule verschiedenen sozialen Milieus verschiedene Angebote. Nur die unterschiedliche Behandlung unterschiedlicher Schüler, also ein individualisierender Unterricht, könnte helfen, das abzumildern. Dazu müsste die schulische Struktur und Praxis aber radikal verändert werden.

Sie führen den Misserfolg bestimmter Schülergruppen also hauptsächlich auf das System zurück?

Grundsätzlich gibt es dafür zwei unterschiedliche Ansätze: Entweder man geht von Selbstselektion aus, also davon, dass der Misserfolg hauptsächlich mit bestimmten Merkmalen der Eltern und ihrer Kinder zusammenhängt – von Sprache angefangen über Kultur und Sozialisation bis zur Wahl des Bildungsganges. Oder man sagt, Erfolg oder Misserfolg sind ein Ergebnis der Fremdselektion. Das deutsche Schulsystem hat also Mechanismen und Barrieren eingebaut, die Kinder aus bestimmten sozialen Milieus nicht überwinden können.

Und was folgt aus diesen beiden unterschiedlichen Ansätzen?

Wenn man von Selbstselektion ausgeht, definiert man "Kinder mit Migrationshintergrund" als Risikogruppe: Sie können die Schulsprache nicht, waren nicht früh oder lange genug im Kindergarten oder haben andere Defizite. Daraus folgt die Idee, diese Mängel durch Frühförderung und andere Maßnahmen ausgleichen zu müssen. Geht man aber eher von Fremdselektion aus, muss man über Selektionspraktiken und Themen wie institutionelle und strukturelle Diskriminierung sprechen. Das ist politisch natürlich sehr viel brisanter und auch schwieriger.

Halten Sie Frühförderung für überflüssig?

Natürlich muss jedes Kind angemessen gefördert werden. Wenn man aus einer anderen Muttersprache kommt und eingeschult wird, muss einem dabei geholfen werden, Deutsch zu lernen. Ich bin aber nicht sicher, ob man die Förderung auf den Kindergarten vorverlagern sollte. Ich glaube, es ist Aufgabe der Schule, den Übergang von der mündlichen in die schriftliche oder von der Familien- in die offizielle Schulsprache zu bewerkstelligen. All das allein führt aber nicht zum Erfolg, wie wir nicht erst seit PISA sondern schon lange wissen.

Woran machen Sie das fest?

Man könnte das "Katholische Arbeitermädchen vom Lande" anführen, das in den 60er und 70er Jahren sozusagen das bildungspolitische Problem symbolisierte. Gelöst wurde es nicht dadurch, dass die Mädchen Förderunterricht bekommen hätten, sondern weil man zusätzliche Plätze an Gymnasien geschaffen, aufs Land gebracht und Bildungswerbung betrieben hat. Man hat also die Struktur des Bildungsangebots verändert. Zudem gab es eine gesellschaftspolitische Entwicklung, die das Rollenbild von Mädchen und Frauen verändert hat. Das ist übrigens eine Analogie: Man wird irgendwann sehen, dass sich nicht viel verändern wird, so lange die Rolle und Bedeutung der Migranten und ihrer Nachkommen nicht neu bestimmt und anerkannt wird.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat kürzlich eine Studie veröffentlicht. Das Ergebnis: Diskriminierung aufgrund der Herkunft gehört zum Alltag in deutschen Schulen. Bietet das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ausreichenden Schutz, um dagegen vorzugehen?

Im AGG ist zwar recht allgemein auch "Bildung" genannt. Die Bundesregierung hat das Gesetz und damit die Antidiskriminierungsrichtlinie der EU bisher aber nur partiell umgesetzt, nämlich nur im Zuständigkeitsbereich des Bundes. Bildung ist aber Ländersache. Diese müssten in ihre Schul- und Hochschulgesetze Bestimmungen gegen Diskriminierungen im Bildungsbereich einführen. Bis dato haben aber weder der Bund noch die Länder in Gestalt der Kultusministerkonferenz die Initiative ergriffen, das voranzutreiben. Dass die Antidiskriminierungsstelle auf diese Rechts- und Umsetzungslücke hingewiesen hat, ist sehr verdienstvoll. Ob das Folgen haben wird, bleibt abzuwarten.

Welche Rolle könnte die Wissenschaft dabei spielen?

Die Bildungsforschung hat in den letzten Jahren einen erheblichen Aufschwung genommen. Auffallend ist, dass Selbstselektion die dominante Forschungslinie ist, um die Ursachen für die unterschiedlichen Bildungserfolge von Schülern mit und ohne Migrationshintergrund zu erklären. Sie werden also überwiegend bei den individuellen Merkmalen und Defiziten der Migranten gesucht. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass Erklärungsmustern, die sich auf die strukturellen Merkmale des Schulsystems beziehen, so gut wie nicht nachgegangen wird.

Wie erklären Sie sich das?

Es hängt mit Theoriepräferenzen zusammen, könnte aber auch methodische Gründe haben. Im Unterschied zu den Merkmalen der Eltern und Kinder sind die Selektionsmechanismen in Organisationen nur schwer zugänglich. Es kann aber auch an der Forschungsförderung liegen, daran, dass bestimmte Forschungsstränge politisch bevorzugt werden. Zwischen den politischen Auftraggebern und den von Drittmitteln abhängigen Forschern dürfte zumindest ein wechselseitiges Erwartungsverhältnis bestehen.

Sie kritisieren, dass auch Journalisten auf diese Linie eingeschwenkt seien und sprechen von einer "Gesinnungsgemeinschaft aus Forschung, Politik und Medien".

Ich denke, dass wissenschaftliche Ergebnisse, die meist nicht eindeutig sind und unter Vorbehalt stehen, auf Journalisten treffen, die eindeutige Botschaften weitergeben wollen. Plausibel erscheinen Erklärungen, die aus dominanten Forschungslinien stammen und von den meisten für wahr gehalten werden. Andere Forschungsergebnisse werden entweder nicht wahrgenommen oder umgedeutet, weil sie nicht in das gängige Erklärungsmuster passen. Untersuchungen der Leitmedien zeigen, dass nach dem sogenannten PISA-Schock von 2001 über "Kinder mit Migrationshintergrund" zunehmend im Sinne einer Risikogruppe berichtet wurde, die mit Frühförderung kuriert werden muss.

Wie könnten andere Forschungslinien sichtbarer gemacht und gestärkt werden?

Es ist vielleicht eine etwas steile These, aber ich finde, man kann eine Parallele zum NSU-Desaster ziehen, das als eklatantes Staats- und Medienversagen diskutiert wird. Ich habe den Eindruck, dass auch in der Bildungsforschung nicht "in alle Richtungen ermittelt" wird. Man müsste bei der Forschungsförderung darauf achten, dass auch die Spuren im Bildungssystem verfolgt werden, die für Schule und Politik nicht so angenehm sind. Ein Bildungssystem, das einen von der Herkunft unabhängigen Bildungserfolg nicht garantieren kann, ist in einer modernen Einwanderungsgesellschaft ein Skandal. Ein Skandal, der nicht so ohne weiteres mit ein paar zusätzlichen Förderstunden und Kindergartenplätzen zu erledigen ist.

Den Essay "Schulversagen – Migrantenkinder als Objekt der Politik, der Wissenschaft und der Publikumsmedien" von Frank-Olaf Radtke finden Sie hier. Er beruht auf einem Vortrag vom Februar 2013, den der Autor für den Mediendienst aktualisiert hat.

Interview: Rana Göroğlu, MDI

Frank-Olaf Radtke war bis 2011 Professor für Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Themen Erziehung und Migration. Er ist Autor der Studie "Institutionelle Diskriminierung – Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule" und u. a. Mitglied im Rat für Migration. Zuletzt war er Sachverständiger der Enquetekommission "Migration und Integration" des Hessischen Landtages.