Flüchtlingskriminalität 21.01.2016

"Die Herkunft allein ist nicht entscheidend"

Nach den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht wird viel über Kriminalität von Flüchtlingen diskutiert. Einige wichtige Ursachen werden dabei allerdings kaum beachtet, sagt der Kriminologe Dr. Christian Walburg im Interview mit dem MEDIENDIENST. Zwar offenbarten die Übergriffe ein sehr problematisches Frauenbild bei den Tätern, aber berücksichtigen muss man auch ihre fehlenden Perspektiven für ein Leben in Deutschland.



Nach den Übergriffen in der Silvesternacht: Proteste gegen sexuelle Belästigung vor dem Kölner Dom. Foto: picture alliance / dpa

MEDIENDIENST INTEGRATION: Nach den ersten Ermittlungsergebnissen der Polizei sind unter den Tatverdächtigen aus der Silvesternacht in Köln viele Asylbewerber. Was weiß man über die Täter?

Dr. Christian Walburg: Bisher hat die Polizei kaum konkrete Taten zuordnen können. Generell scheinen in der Silvesternacht in Köln vor allem junge Nordafrikaner in Erscheinung getreten zu sein. Dabei geht es um junge Männer aus Marokko oder Algerien, die sich aufgrund von Perspektivlosigkeit auf den Weg nach Europa gemacht haben. Hier angekommen stellen sie fest, dass es in Deutschland für sie keine realistische Perspektive auf Anerkennung gibt und kaum Arbeitsmöglichkeiten. In der Folge rutscht offenbar ein beträchtlicher Teil in kriminelle Szenen ab. In verfestigten Bandenstrukturen herrscht offenbar auch eine mangelnde Akzeptanz gesellschaftlicher Werte wie der Gleichwertigkeit von Mann und Frau.

Was weiß man allgemein über Flüchtlingskriminalität?

Bislang kann man sich für eine Einschätzung nur auf die allgemeinen Kriminalitätsstatistiken stützen sowie auf eine vorläufige interne "Lageübersicht", die im November 2015 vom Bundesinnenminister vorgestellt wurde. Nach seinen Angaben werden Flüchtlinge insgesamt genauso wenig oder oft straffällig wie Vergleichsgruppen der hiesigen Bevölkerung. Ein Schwerpunkt liege auf Fälschungsdelikten, ein anderer auf Diebstählen. Personen vom Westbalkan werden verhältnismäßig häufig als Tatverdächtige registriert, Menschen aus Syrien oder dem Irak bislang eher selten. Es scheint noch ein weiteres Muster zu geben.

Und welches Muster ist das?

Ein hohes Risiko für Kriminalität haben vor allem Gruppen mit einer geringen Aussicht auf ein Bleiberecht in Deutschland. Flüchtlinge sind keine homogene Gruppe. Dabei geht es grundsätzlich weniger um ihre Herkunftsländer als um die ungleichen Perspektiven hier in Deutschland. Eine Aussicht auf Bleiberecht, Zugang zu Sprachkursen und Arbeitsmöglichkeiten – das alles haben Marokkaner, Algerier oder Serben kaum.

Dr. CHRISTIAN WALBURG ist Akademischer Rat an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. In seiner Doktorarbeit hat er sich mit Migration und Jugenddelinquenz beschäftigt. Seine Forschungsgebiete sind u.a. Jugendkriminalität, Jugendstrafrecht und Migrationssoziologie. Foto: Privat

Gibt es hier Ähnlichkeiten zu früheren Einwanderergruppen?

In Deutschland und international hat sich vielfach gezeigt: Wer Perspektiven für ein neues Leben im Aufnahmeland hat, der läuft weniger Gefahr, straffällig zu werden. Die erste Generation von erwachsenen Einwanderern ist in früheren Einwanderungsphasen eher selten durch Straftaten aufgefallen. Die zweite und dritte Generation hingegen tauchte in Westeuropa oft überproportional häufig als Tatverdächtige in der Statistik auf. Auch hier muss man ihre Chancen in der Gesellschaft mitbedenken.

Gibt es Parallelen zwischen den Flüchtlingen und den Kindern der sogenannten Gastarbeiter?

Generell lässt sich die Situation der Flüchtlinge und der sogenannten Gastarbeiter schwer vergleichen. Man muss erst sehen, wie sich das jetzt entwickelt, zum Beispiel bei der Integration in den Arbeitsmarkt. Lange Phasen des Nichtstuns im Aufnahmeverfahren und auch ein unsicherer Aufenthaltsstatus sind ungünstig. Eine patriarchal geprägte Erziehung kann die Dinge erschweren. Schnelle Kontakte zur Aufnahmegesellschaft sind wichtig. Die Kinder müssen schnell in die Schulen kommen und sich zugehörig fühlen können. Bei den Nachkommen der "Gastarbeiter" hat sich in den letzten fünfzehn Jahren einiges zum Positiven verändert – mit deutlichen Folgen für ihre Kriminalitätsbelastung.

Wie hat sich die Kriminalität bei den Nachkommen der "Gastarbeiter" denn entwickelt?

Sie geht, auch was Gewaltdelikte betrifft, zurück, sowohl nach Kriminalstatistiken als auch nach Befragungen. Wenn auch noch nicht überall und vollständig, aber sie gleicht sich an die Belastung von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund an – bei denen die Gewaltdelinquenz übrigens auch stark rückläufig ist. Dieser Trend hat sich nach Fertigstellung meines Gutachtens zu diesem Thema für den MEDIENDIENST im Jahr 2014 eher noch verfestigt. Zwischen 2007 und 2014 ist beispielsweise die von der Polizei registrierte Gewaltbelastung bei Jugendlichen mit türkischer Staatsangehörigkeit um rund 60 Prozent zurückgegangen. Und das ist kein Effekt, der sich primär mit Einbürgerungen erklären ließe.

Welche Einbürgerungen meinen Sie?

In dem genannten Zeitraum besaß noch rund die Hälfte der Jugendlichen aus türkischen Einwandererfamilien nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. In der Kriminalstatistik wurden sie als Ausländer erfasst, weil hier nur nach Staatsangehörigkeit unterschieden wird. Vor fünfzehn Jahren wurde aber das Staatsangehörigkeitsrecht reformiert. Die jetzt 14- oder 15-Jährigen hatten von Geburt an die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie werden nun als "deutsche Tatverdächtige" erfasst und über ihre Herkunft kann die Kriminalitätsstatistik keine Aussagen treffen.

Und welche Maßnahmen sind denkbar, um auf die Übergriffe von Köln zu reagieren?

Ausweisungen und Abschiebungen noch weiter zu erleichtern, stößt an Grenzen, sowohl praktisch als auch rechtlich. Die schwierige Aufgabe besteht darin, die gesellschaftliche Situation in den Herkunftsländern zu stabilisieren. Gegen kriminelle Bandenstrukturen hierzulande hat sich die Zusammenarbeit von Straßensozialarbeit, Polizei und Justiz bewährt, die hierfür angemessen ausgestattet werden müssen. Probleme mit der Akzeptanz der Gleichwertigkeit von Mann und Frau sollten angesprochen werden, ohne in Pauschalurteile zu verfallen. Es geht jedoch auch um Chancen: Bislang fallen junge Geflüchtete mit geringer Bleibeperspektive durch alle Raster, abgesehen von den Minderjährigen, die von den Jugendämtern betreut werden. Statt sie sich selbst zu überlassen, könnten sie Möglichkeiten bekommen, sich während ihres vorübergehenden Aufenthalts einzubringen oder zu qualifizieren.

Interview: Carsten Janke