25 Jahre Mauerfall 07.11.2014

Ein Land, zwei Einwanderungs-Kulturen

25 Jahre nach dem Fall der Mauer sind Osten und Westen noch sehr verschieden, wenn es um die Themen Einwanderung und Integration geht: Während man im Westen bei Einwanderern eher an "Gastarbeiter" denkt, ist "Migrant" im Osten meist ein Synonym für Asylbewerber. Der Migrationshistoriker Jochen Oltmer erklärt im Interview, warum die Deutschen in Sachen Einwanderungsland noch Schwierigkeiten haben, wirklich "ein Volk" zu sein.



Vietnamesiche Vertragsarbeiter demonstrieren für Bleiberecht. Foto: dpa

MEDIENDIENST: Das Integrationsmonitoring der Länder zeigt, dass es 25 Jahre nach dem Mauerfall erhebliche Unterschiede zwischen Osten und Westen in Sachen Einwanderung und Integration gibt. In Hessen und NRW haben zum Beispiel mehr als 12 Prozent der Wahlberechtigten einen Migrationshintergrund, in den Neuen Bundesländern sind das 1,7 Prozent. Woran liegt das?

Jochen Oltmer: Es ist kein Wunder, dass es weiterhin starke Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern gibt. Eine richtige Einwanderung hat es in den östlichen Bundesländern erst ab den 90er Jahren gegeben. Davor gab es nur eine staatlich geregelte Zuwanderung aufgrund von bilateralen Verträgen mit anderen sozialistischen Ländern.

Woring lag der Unterschied zwischen den Einwanderern in der BRD und DDR?

Als die Mauer fiel, hielten sich in Ostdeutschland etwa 190.000 Ausländer auf – fast alle mit einem temporären Arbeitsstatus, davon 60.000 Vietnamesen und 50.000 Polen. Hinzu kamen einige Tausende Kubaner, Mozambikaner, Russen, usw. Es war von Vornherein klar, dass sie nicht lange in der DDR leben würden. Die meisten von ihnen blieben zwischen zwei und fünf Jahren und lebten für diese Zeit in Kombinaten oder Wohnheimen, ohne große Kontaktmöglichkeiten mit dem Rest der Bevölkerung.

Kann man also von zwei unterschiedlichen Einwanderungs-Kulturen sprechen?

Gewissermaßen ja. Während die Einwanderungs-Kultur in Westdeutschland ihren Ursprung in der Arbeitsmigration der 60er und 70er Jahre hat, kamen im Osten nach der Wiedervereinigung Zuwanderer vor allem als Asylbewerber, die nach dem Königsteiner Schlüssel Mit dem Königsteiner Schlüssel wird unter anderem ermittelt, wie viele Asylbewerber jedes Bundesland aufzunehmen hat. Dafür werden das Steueraufkommen und die Bevölkerungszahl eines Landes verrechnet. Quelle: BAMF den Neuen Bundesländern zugeteilt wurden. Anders als Arbeitsmigranten werden diese oftmals von der lokalen Bevölkerung eher als Belastung, als eine Ressource angesehen. Und diese Menschen wurden in vielen Fällen in Gebieten untergebracht, die bereits von einer hohen Arbeitslosigkeit geplagt waren. Dort sah man Einwanderer und Aussiedler als Konkurrenz ...

... die Opfer rassistischer Übergriffe wurden?

Prof. Dr. JOCHEN OLTMER lehrt Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück und ist seit 1997 Vorstandsmitglied des "Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien" (IMIS). Zuletzt ist von ihm 2017 das Buch "Migration: Geschichte und Zukunft der Gegenwart" erschienen.

Fremdenfeindliche Gewalt war in den frühen 90ern kein ost- oder westdeutsches Phänomen. Man darf nicht vergessen, dass rassistische Überfälle und Anschläge sowohl im Osten als auch im Westen des Landes stattfanden. Damals hatte es Deutschland mit einer großen Migrationsbewegung aus Ost-Europa und dem Balkan zu tun. Diese Migration fand in einer historischen Phase statt, in der die Deutschen stark mit sich selbst beschäftigt waren: Können wir wirklich "ein Volk" sein? Und was heißt das, ein Volk zu sein? Dabei sahen viele – im Osten so wie im Westen – Zuwanderer als Störfaktor.

Was halten Sie von der These, dass der Mauerfall auch durch den wachsenden Migrationsdruck entstanden ist, der sich durch Reiseverbote aufbaute?

Bereits vor dem Mauerfall war der Wanderungsdruck von Osten nach Westen erheblich gestiegen. 1984 verdreifachte sich mit einem Schlag die Zahl der übergesiedelten Ostdeutschen. Das lag zum Teil daran, dass die DDR mehr Reisegenehmigungen erteilte. Dabei dachten die SED-Leute, sie würden einfach einige Tausende hartnäckige Antragsteller los werden. Doch es kam anders: Die Zahl der Anträge stieg und stieg. Und der Wunsch nach mehr Reisefreiheit ließ sich nicht mehr unterdrücken. Als die Mauer fiel, erreichte die Zahl der Ost-West Auswanderung in einem Jahr die Rekordmarke von 400.000 Menschen.

Was bewegte so viele Menschen dazu, nach Westen zu ziehen?

Das ist nach wie vor unklar. Natürlich sagten fast alle Übersiedler, sie hätten eine politische Motivation – das war aber auch was die westdeutschen Behörden hören wollten. Obwohl es nicht viele Studien zum Thema gibt, kann man sagen, dass der Migrationswunsch vermutlich aus einer Mischung von Freiheitsmangel, Chancenlosigkeit und allgemeiner Unzufriedenheit mit den Versorgungsmängeln der DDR-Gesellschaft zusammenhing.

Wie entwickelte sich die Ost-West Migration nach der Wende?

Nach 1989 ging die Zahl der Übersiedler erwartungsgemäß zurück. Schon Mitte der 90er lag sie bei 14.000 im Jahr. Das lag daran, dass die Anreize, die früher Menschen aus dem Osten nach Westen locken sollten, abgeschafft wurden. Viele Ostdeutsche, die umgehend nach der Wende den Weg nach Westen eingeschlagen hatten, kehrten auch relativ schnell zurück in den Osten. Denn sie fanden im Westen eine andere Realität, als sie durch die westdeutschen Medien kannten.

Zum einem fanden sie ein Gesellschaftssystem, das sich in allen Bereich (Arbeit, Bildung, Familie) von dem der DDR unterschied. Zum anderem war es schwierig, die im Osten erworbenen Kompetenzen im Westen geltend zu machen. 2001 gab es wieder einen Aufschwung mit 100.000 Übersiedler in einem Jahr. Seitdem gehen die Zahlen konstant runter.

Interview: Fabio Ghelli