Internationaler Frauentag 06.03.2015

"Muslimische Feministinnen kommen in Debatten nicht vor"

Debatten über Muslime kreisen oft um das Thema Gleichstellung von Mann und Frau. So gibt es etwa die weitverbreitete Meinung, Kopftücher seien der Beweis für Unterdrücktheit und Musliminnen müssten durch westliche Werte befreit werden. Dass es zahlreiche feministische Musliminnen und eine Gleichstellungsdebatte im Islam gibt, wird dagegen meist übersehen. Der MEDIENDIENST sprach darüber mit der Politikwissenschaftlerin Meltem Kulaçatan.



MEDIENDIENST: Gibt es einen islamischen Feminismus?

Dr. Meltem Kulaçatan: Viele Islamwissenschaftler und muslimische Gelehrte setzen sich mit Fragen der Geschlechtergerechtigkeit kritisch auseinander, ebenso wie mit der Benachteiligung von Frauen und Mädchen, die auf der Grundlage von einseitigen Interpretationen des Korans gerechtfertigt werden. Zahlreiche Musliminnen formulieren Kritik an den entsprechenden gesellschaftlichen Strukturen und fordern dieselben Rechte für Frauen ein, wie sie für Männer gelten. Doch ebenso wenig, wie es "den" deutschen Feminismus gibt, gibt es auch nicht "einen islamischen Feminismus". Das lässt sich nicht auf eine einzelne Denkrichtungen oder politische Orientierungen beschränken. Manche Musliminnen stören sich allerdings an den Begriffen "Feminismus" und "feministisch".

Aus welchem Grund?

Diese Terminologien stammen aus dem westlichen Kontext und gehen oft damit einher, Musliminnen "befreien" zu wollen. Außerdem gibt es Kritik, weil der westliche Feminismus unter anderem dafür genutzt werden kann, Angriffe auf Länder in der islamischen Welt zu rechtfertigen. Um nach den Anschlägen vom 11. September 2001 militärisch gegen die Taliban in Afghanistan vorzugehen, war ein erklärtes Argument der USA und ihrer Verbündeten zum Beispiel, dass diese Frauen und Mädchen unterdrücken.

Wer sind denn die Vordenkerinnen?

Das sind nicht immer Theologinnen. Oft sind es Frauen, die aus gut situierten Familien kommen und mit der Möglichkeit aufgewachsen sind, öffentlich zu agieren und sich als Musliminnen identifizieren. Für sie schließen sich Islam, Emanzipation und Geschlechtergerechtigkeit nicht aus. Sie wehren sich gegen einseitige Interpretationen des Islam von Männern zugunsten von Männern. Dabei handelt es sich zum Teil um Gruppen wie die Sisters in Islam aus Malaysia oder auch Einzelpersonen wie Nilüfer Bahtiyar aus Pakistan.

In Deutschland und anderen Ländern herrscht die Meinung vor, Kopftuch und Emanzipation schließen sich aus. Was sagen Sie als Wissenschaftlerin dazu?

Bei uns dominiert nach wie vor die Meinung, dass eine Frau mit Kopftuch weder "deutsch" noch emanzipiert sein kann. Aber was bedeutet in diesem Fall emanzipiert? Hier liegt eine sehr einseitige Vorstellung zugrunde. Emanzipation bedeutet zunächst einmal, sich die Wahlfreiheit durch mühsame Prozesse zu erkämpfen und Bedingungen zu schaffen, um ein autonomes Leben zu führen – wie auch immer das gestaltet sein mag. Emanzipation im Sinne von Freiheit ist immer dort eingeschränkt, wo gesetzliche Grundlagen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen starr an Rollenmustern und stereotypen Erwerbsbiographien festhalten, die die tatsächlichen freien Entscheidungen einschränken. Mit anderen Worten: in einer Gesellschaft, die Frauen mit Kopftuch ausschließt, kann es auch eine Form von Emanzipation sein, dieses zu tragen.

Mich persönlich stört die doppelte Diskriminierung von Frauen mit Kopftüchern sehr: Sie sind diejenigen, die im Gegensatz zu religiös orientierten Männern in der Öffentlichkeit stärker eingeschränkt werden, etwa in ihrer Berufswahl. Das passt nicht zu einer Gesellschaft, die sich als plurale, liberale und vor allen Dingen demokratische Gesellschaft definiert.

Dr. MELTEM KULAÇATAN ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ihre Schwerpunkte sind Politik, Gesellschaft und Religion in der modernen Türkei, Geschlechterdiskurse im transnationalen Raum, mediale Öffentlichkeiten in Deutschland und der Türkei sowie Medien und Geschlecht.

Ist diese Haltung ein deutsches Phänomen oder von christlichen Werten abhängig?

Durchaus nicht. Es gibt auch in der Türkei viele säkulare, laizistische Frauen, die meinen, Islam und Feminismus schließen sich aus. Das ist mehr eine Frage der Sozialisation und des Landes, in der man seine Position entwickelt hat. Auf der anderen Seite gibt es aber auch in Deutschland viele nicht-muslimische Frauen, die sich mit muslimischen Frauen solidarisieren. Es gibt auch eigene Medien, wie zum Beispiel das interreligiöse Forum "INTA", hervorgegangen aus SchlangenBrut, einer Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen. Allerdings ist dieses Lager in der Öffentlichkeit und den Medien nicht präsent, meist werden diese Fragen von sogenannten islamkritischen Stimmen dominiert.

Zu den Kopftuch-Kritikern gehören auch Feministinnen wie Alice Schwarzer und Gruppen wie "FEMEN", die aus Protest vor einer Moschee ihre Brüste entblößen. Wie bewerten Sie solche Aktionen?

Die Moschee, vor der die Femen-Frauen ihren Oberkörper zeigten, zählt zur Ahmaddiya-Gemeinde, die als besonders liberal gilt. Ich befürchte, dass die Femen-Gruppe bei ihrer Aktion nicht genau wusste, in welchen Kontext sie sich tatsächlich platzieren oder, wenn man so möchte, deplatzieren. Ich teile die Kritik der Feministin Kübra Gümüşay an dieser Stelle. Doch prinzipiell kann Nacktheit als subversives Instrument durchaus eingesetzt werden. Wir sehen das an Beispielen in der Kritik an der Fleischindustrie, im Umgang mit Tierrechten oder auch an medial konstruierten Schönheitsidealen. Mit Blick auf die Frage der sogenannten "Befreiung" würde ich mir persönlich wünschen, dass man sich gemeinsam auf die eigentliche Sache konzentriert: Die Ungleichbehandlungen und die Strukturen, die sie ermöglichen. Sie müssen mittels öffentlicher Kritik und einem gesellschaftspolitischen Prozess in Frage gestellt und aufgebrochen werden. An einigen Stellen sind wir hier auf dem richtigen Weg, an anderen Stellen knirscht es eben noch sehr.

Warum wird muslimischer Feminismus bzw. werden starke muslimische Frauen bisher so wenig in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Für mich stellt sich generell die Frage, warum viele Medien der Vielfältigkeit des islamischen Spektrums keinen Raum geben – unabhängig davon, ob es sich um Frauen oder Männer handelt. Ich habe jedoch auch Schwierigkeiten mit der automatischen Kombination der Begriffe "stark, feministisch, muslimisch". Was bedeutet stark? Ist es nach wie vor für Frauen zwingend notwendig, auf der öffentlichen Bühne "stark" aufzutreten, um Gehör und Aufmerksamkeit zu erhalten? Die Frage müsste doch eigentlich vielmehr lauten, weshalb muslimische Frauen und ihre politische, religiöse, künstlerische oder auch wissenschaftliche Arbeit so wenig im öffentlichen Diskurs vorkommen. Das muss sich ändern. Denn sie sind da.

Das Interview führte Rana Göroğlu