Arbeitsmarkt 23.06.2015

EU-Migranten landen oft im Niedriglohnsektor

Von Dr. Carola Burkert

Trotz Vollbeschäftigung verdienen Migranten aus EU-Staaten oftmals wenig Geld. Vor allem der Anteil von Menschen aus Osteuropa und dem Baltikum ist im Niedriglohnbereich deutlich höher als der von Deutschen, erklärt Carola Burkert. In einer Analyse für das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat sie herausgefunden: Eingewanderte Frauen sind besonders oft von niedrigeren Löhnen betroffen.



Frauen verdienen besonders oft Niedriglöhne. Helferinnen für Erdbeer-Ernte in Nordrhein-Westfalen. Foto: picture alliance/JOKER

Seit den 1990er Jahren steigt der Anteil der Vollzeitbeschäftigten im Niedriglohnbereich in Deutschland. Doch wie viele und welche Migranten dazu zählen, obwohl sie Vollzeit auf gleichem Anforderungsniveau arbeiten, wurde bislang nur partiell untersucht. Um Aussagen darüber treffen zu können, wurde die "Entgeltstatistik der Bundesagentur für Arbeit" ausgewertet, eine Erhebung aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten am 31. Dezember 2013. Die folgende Analyse der Vollzeitbeschäftigten bezieht sich auf vier Herkunftsgruppen:

  • Deutschland,
  • Menschen aus den Staaten der EU-4 (Griechenland, Italien, Portugal, Spanien)
  • Menschen aus den Staaten der EU-2 (Bulgarien, Rumänien)
  • und Menschen aus den Staaten der EU-8 (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn).

Doch zunächst einmal eine Definition: Als Niedriglohn wird unter anderem ein Bruttolohn definiert, der unterhalb von zwei Drittel des monatlichen "Medianbruttolohns" (Mittleres Einkommen) aller Vollzeitbeschäftigten liegt, Auszubildende nicht berücksichtigt. Die Niedriglohnschwelle für Westdeutschland beträgt für das Jahr 2013 demnach 2.062,61 Euro.

Die Ergebnisse (siehe Grafiken unten) zeigen erhebliche Unterschiede in den Niedriglohnquoten zwischen den Herkunftsgruppen. Den höchsten Anteil im Niedriglohnsektor – unabhängig vom Anforderungsniveau – haben bei den Männern jeweils die Beschäftigten aus den EU-8- und EU-2-Staaten. Frauen sind deutlich häufiger im Niedriglohnsektor beschäftigt als Männer – unabhängig von der Herkunftsgruppe und vom Anforderungsniveau.

Das Anforderungsniveau ist nicht zu verwechseln mit dem beruflichen Bildungsabschluss eines Mitarbeiters, sondern steht für die Komplexität der ausgeübten beruflichen Tätigkeit. Hier kann man vier Anforderungsniveaus unterscheiden:

  • Anforderungsniveau 1 "Helfer- und Anlerntätigkeiten": Berufe mit einfachen, wenig komplexen Tätigkeiten. Dafür sind meistens keine oder nur geringe spezifische Fachkenntnisse erforderlich.
  • Berufe mit Anforderungsniveau 2 "Fachlich ausgerichtete Tätigkeiten": komplexer und stärker fachlich ausgerichtete Berufe, in denen häufig fundierte Fachkenntnisse und Fertigkeiten wie der Abschluss einer mehrjährigen Berufsausbildung vorausgesetzt werden.
  • Anforderungsniveau 3 "Komplexe Spezialistentätigkeiten": deutlich komplexer als im Anforderungsniveau 2 – notwendig sind Spezialkenntnisse und -fertigkeiten, häufig auch die Befähigung zur Bewältigung gehobener Fach- und Führungsaufgaben.
  • Anforderungsniveau 4 "Hoch komplexe Tätigkeiten/Experten": Berufe, die ein hohes Kenntnis- und Fertigkeitsniveau erfordern. In der Regel setzen diese Berufe eine Hochschulausbildung und Berufserfahrung voraus.

Die Auswertung der Daten zeigt: Nicht nur das Geschlecht, auch das jeweilige Anforderungsniveau hat Auswirkungen auf die Bezahlung. Mit höherer Anforderung steigt das Entgeltniveau, oder anders gesagt: je höher das Anforderungsniveau, desto weniger Menschen aus einer Gruppe finden sich im Niedriglohnsektor. Tatsächlich verdienen Geringqualifizierte besonders häufig Niedriglöhne – unabhängig von der Herkunftsgruppe. Aber bei Migranten ist selbst auf Fachkraftniveau rund die Hälfte im Niedriglohnsektor beschäftigt.

Frauen sind deutlich häufiger als Männer im Niedriglohnsektor zu finden:

Dr. CAROLA BURKERT ist Sozial-Wissenschaftlerin und Mitarbeiterin am "Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung" (IAB) in Hessen. Seit März 2008 ist sie dort Mitglied der Arbeitsgruppe "Migration und Integration". Zu ihren Schwerpunkten gehören Arbeitsmigration, Arbeitsmarktintegration und die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse.

Nahezu in jedem Teilbereich der Analyse sind deutlich mehr Frauen im Niedriglohnbereich zu finden als Männer. Dieser Abstand ist vermutlich sogar unterschätzt, da nur Vollzeitbeschäftigungen betrachtet werden und Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten, wo durchschnittlich geringere Löhne als in Vollzeit bezahlt werden.
Zu dem enormen Abstand führen unter anderem die unterschiedlichen Tätigkeitsschwerpunkte: Männer arbeiten im Vergleich zu Frauen in Branchen und Berufsbereichen, die besser entlohnt sind.

Bei Frauen aus Rumänien und Bulgarien (EU-2) ist der Abstand zu ihren Kollegen aus der Heimat noch am geringsten, weil hier ohnehin die meisten Migranten (also auch die Männer) von niedrigen Löhnen betroffen sind. Bei deutschen Frauen ist der Abstand zu den Männern umgekehrt am größten, was vor allem auf die sehr gute Ausgangsposition von deutschen Männern zurückzuführen ist. So ist der Anteil von deutschen Spezialistinnen mit Niedriglöhnen (14,2 Prozent) drei Mal so hoch wie der von deutschen Spezialisten (3,8 Prozent).

Florian Lehmer und Johannes Ludsteck führen in einem IAB-Kurzbericht 2013 die geringeren Löhne von Einwanderern auf mehrere Ursachen zurück:

  • So können beispielsweise die mitgebrachten Qualifikationen nicht zum deutschen Arbeitsmarkt passen, zum Beispiel weil im Herkunftsland die Arbeitsprozesse anders organisiert waren.
  • Zuwanderer sind in Deutschland häufig damit konfrontiert, dass sie ihre Qualifikation nicht einsetzen können. In vielen Bereichen werden ausländische Qualifikationen nicht ohne Weiteres anerkannt. In solchen Fällen kann es zu Lohnabschlägen oder Beschäftigung kommen, die deutlich unter dem Qualifikationsniveau der Migranten liegt. Das sogenannte "Anerkennungsgesetz" soll hier Abhilfe schaffen.
  • Auch mangelnde Sprachkenntnisse können dazu führen, dass im Ausland erworbene Qualifikationen nur unzureichend am deutschen Arbeitsmarkt umgesetzt werden.
  • Die Einstiegsprobleme in den Arbeitsmarkt und die Lohndifferenzen werden dadurch bestärkt, dass oft wenig Informationen für eine adäquate Jobsuche vorliegen und Erfahrungen in Lohnverhandlung fehlen, ebenso wie passende soziale Netzwerke zur Jobsuche.
  • Als weitere Ursache für die oftmals niedrigen Löhne nennt Lukas Waldemar in einem Working-Paper des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge den "deutlich geringeren Anspruchslohn". Mit anderen Worten: Migranten sind mitunter eher bereit, zu unterdurchschnittlichen Löhnen zu arbeiten, als Einheimische.

Was lernen wir daraus? Die Arbeitnehmerfreizügigkeit funktioniert in vielen Bereichen und führt zu einer beträchtlichen Ausweitung des Arbeitsangebotes. Allerdings sind Migranten aus EU-Staaten häufiger als Deutsche im Niedriglohnsektor zu finden – selbst bei gleichem Anforderungsniveau. Mit anderen Worten: Sie sind im Durchschnitt schlechter entlohnt. Dies kann zu Problemen führen, denn die Annäherung der Löhne von Migranten an die der Deutschen ist ein wichtiger Indikator für die Integration in den Arbeitsmarkt.