Seenotrettung 06.05.2016

Ein Jahr SOS Mediterranee

Im Mai 2015 haben Aktivisten die europäische Hilfsorganisation SOS Mediterranee ins Leben gerufen. Ihr Ziel: Flüchtlinge retten, die im Mittelmeer in Not geraten sind. Dazu setzt die Organisation ein eigenes Schiff ein. Anlässlich des Jahrestags der Gründung spricht Projektmanagerin Verena Papke im Interview mit dem MEDIENDIENST über die Einsätze auf See und die Herausforderungen, vor denen SOS Mediterranee steht.



Das Schiff "Aquarius" im Hafen von Lampedusa. Foto: SOS Mediterranee / Patrick Bar

MEDIENDIENST: SOS Mediterranee ist am 9. Mai 2015 gestartet. Seit Mitte Februar haben Sie ein Schiff im Einsatz. Wie laufen die Einsätze im Mittelmeer ab?

Verena Papke: Unser Schiff, die "Aquarius", befindet sich in der Regel etwa 20 Seemeilen vor der libyschen Küste. Alle Einsätze werden vom Seenotrettungsdienst Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) in Rom koordiniert. Geht ein Notruf beim MRCC ein, wird umgehend das Schiff, das sich am nächsten zum Unglücksort befindet, kontaktiert. Dann kommt das Schwierige: Das Team der Aquarius nähert sich mit einem Rettungsboot dem havarierten Schlauchboot an und verteilt als erstes Rettungswesten. Dabei gilt es Ruhe zu bewahren, da die Menschen natürlich eigentlich sofort auf unser Rettungsboot kommen wollen.

Was ist die größte Gefahr bei einem derartigen Einsatz?

Man muss schnell handeln. Und trotzdem sehr vorsichtig sein. Vor wenigen Wochen hat die "Aquarius" mehrere Dutzend Menschen aus einem Schlauchboot gerettet, das bereits zur Hälfte voller Wasser war. Die Menschen an Bord waren zum Teil unbekleidet und stark traumatisiert.

Wie viele Menschen hat SOS Mediterranee bislang gerettet?

671 Menschen in sechs Einsätzen zwischen Mitte Februar und Mitte April.

Wie ist das Projekt vor einem Jahr entstanden?

Es hat alles mit einer privaten Initiative von Klaus Vogel angefangen. Durch seine Erfahrung als Kapitän auf Handelsschiffen weiß Vogel, wie gefährlich das Meer sein kann. Er kennt also die Risiken, die die Überfahrt von Libyen nach Italien birgt. Nachdem die italienische Seenotrettungsoperation "Mare Nostrum" eingestellt wurde, ist ihm klar geworden, dass sich im zentralen Mittelmeer eine Notsituation ergeben würde.

Wie wurde das Projekt konkret realisiert?

Wir haben versucht, so viele Menschen wie möglich an Bord zu holen. So kam in kürzester Zeit ein Netzwerk von begeisterten Unterstützern zusammen, das von Stiftungen über das Europa-Parlament bis hin zu Wohlfahrtsverbänden reicht.

Netzwerke allein helfen wenig auf hoher See ...

Genau. Von Anfang an war uns klar: Um Menschen in Seenot zu retten, brauchen wir ein Schiff. Ein großes Schiff, das in der Lage ist, nicht nur erste Hilfe zu leisten, sondern auch Menschen auf hoher See zu retten und sie zu einem sicheren Hafen zu bringen – unabhängig von der Wetterlage. Mithilfe von Crowdfunding und mehreren Einzelspendern und mit der Unterstützung von Organisationen wie AWO International haben wir ein ehemaliges Fischereischutzboot gechartert. Wir haben es so umgebaut, dass es für die Seenotrettung geeignet ist.

VERENA PAPKE ist Projekt-Managerin bei SOS Mediterranee, einer europäischen zivil-gesellschaftlichen Organisation, die sich mit der Rettung von Migranten auf hoher See beschäftigt. Sie ist für die Projektverwaltung und die Koordinierung der internationalen Ableger des Projektes zuständig.

Wählen mehr Menschen aus Syrien und dem Nahen Osten die zentrale Mittelmeer-Route, seitdem die östliche Mittelmeer-Route über die Türkei und Griechenland praktisch geschlossen ist?

Wir bekommen seit einigen Wochen zunehmend Meldungen vom MRCC. Das heißt: Die Fluchtbewegungen im zentralen Mittelmeer nehmen wieder zu. Wir haben jedoch vor allem Menschen aus der Subsahara gerettet. Syrer und andere Asylsuchende aus dem Nahen Osten waren bislang nicht dabei. Vieles deutet darauf hin, dass im Sommer mehr Menschen über die zentrale Mittelmeer-Route kommen werden. Unsere Arbeit wird also mehr denn je gebraucht werden.

Wie ist die Beziehung zu den anderen Rettungsmannschaften – der italienischen Marine und den Schiffen der Grenzschutzoperationen von Frontex und EUNAVFOR MED?

Sehr gut. Unser Engagement wurde von Anfang an von allen Akteuren ausdrücklich begrüßt. Als die "Aquarius" in Lampedusa gestartet ist, sind Vertreter der Marine zum Hafen gekommen, um sich bei uns zu bedanken. Die italienischen Behörden sagten damals, sie seien für jeden einzelnen Mensch dankbar, der sich für die Seenotrettung im Mittelmeer engagiert. Wir sind also Teil einer gemeinsamen Unternehmung.

Wie viele Menschen arbeiten für SOS Mediterranee?

Zunächst gibt es die "Aquarius"-Mannschaft: Dazu gehören sechs Mitglieder des search-and-rescue-Teams, die für die Rettungsoperationen zuständig sind, zusätzlich sechs Mitglieder des medizinischen Teams, elf Mitglieder der Schiff-Crew und eine Kommunikations-Managerin. Zudem fahren oft Journalisten mit, denn wir sehen das als eine unserer Aufgaben, Menschen in ganz Europa für die Situation im Mittelmeer zu sensibilisieren. In der Verwaltung sind ein weiteres Dutzend Mitarbeiter tätig – in Berlin, Bremen, Paris, Marseille, Palermo und Rom. Hinzu kommen zahlreiche ehrenamtliche Mitarbeiter.

Wie hat sich die Arbeit von SOS Mediterranee im Laufe dieses Jahres entwickelt?

In einem Jahr ist ziemlich viel passiert: Im Juni 2015 wurde SOS Mediterranee Frankreich gegründet. Im Februar dieses Jahres kam dann SOS Mediterranee Italien hinzu. Die Organisation arbeitet also immer mehr auf europäischer Ebene. Das heißt: Obwohl die Arbeit der "Aquarius" und deren Crew unsere Hauptbeschäftigung ist, müssen wir derzeit auch eine komplexe internationale Struktur aufbauen.

Vor welchen Herausforderungen steht SOS Mediterranee heute?

Ein Schiff in Betrieb zu halten, kostet sehr viel Geld: Pro Monat geben wir für den Einsatz der "Aquarius" rund 300.000 Euro aus. Die größte Herausforderung ist, genug Spenden zu sammeln, um das Projekt am Leben zu halten. Zum Glück haben wir einige institutionelle Partner wie AWO International, die uns etwas Sicherheit für die Zukunft geben. Aber ohne eine breite zivilgesellschaftliche Unterstützung kann ein so ambitioniertes Projekt nicht überleben.

Interview: Fabio Ghelli