Bevölkerung 21.04.2017

Wie viele Russischsprachige leben in Deutschland?

In den Medien kursieren unterschiedliche Zahlen zu den "Russischsprachigen" in Deutschland. Sie schwanken zwischen drei und sechs Millionen. Was wissen wir über die Menschen mit Migrationsbezügen zur ehemaligen Sowjetunion? Welche Angaben gibt es und wie verlässlich sind sie? Der MEDIENDIENST fasst die Datenlage zusammen.



Wie viele Russischsprachige in Deutschland leben, lässt sich nicht genau bestimmen. Foto: Mediendienst Integration

In den letzten 30 Jahren sind viele Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert: Rund 2,4 MillionenQuelle: Wissenschaftliche Dienste des Bundestages, "Russlanddeutsche
in der Bundesrepublik"
, Februar 2016, S. 3
kamen als Aussiedler und SpätaussiedlerAls Aussiedler werden deutsche Staatsangehörige oder Volkszugehörige und ihre Angehörigen bezeichnet, die bis zum 31.12.1992 aus Osteuropa bzw. einem kommunistisch regierten Land nach Deutschland eingewandert sind. Spätaussiedler werden diejenigen genannt, die ab dem 01.01.1993 gekommen sind. Ihre Anerkennung wird im Bundesvertriebenengesetz (BVFG) geregelt. Quelle: bpb. In den 90er Jahren nahm die Bundesrepublik zudem mehr als 200.000Quelle: BAMF, Migrationsbericht 2015, S. 131 jüdische "Kontingentflüchtlinge Menschen aus Krisenregionen können "aus humanitären Gründen" bereits im Ausland als Kontingentflüchtlinge bestimmt und aufgenommen werden. Sie müssen keinen Asylantrag stellen. Solche Ausnahmen können der Bund oder die Länder beschließen. Potenzielle Kandidaten werden zum Beispiel beim UNHCR oder in deutschen Konsulaten vorstellig und erhalten gegebenenfalls direkt eine Aufenthaltserlaubnis, um in Deutschland bleiben und arbeiten zu können. Quelle: BAMF" auf,
von denen die meisten aus Russland und der Ukraine stammten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kamen weitere Flüchtlinge und Migranten aus Russland und anderen Nachfolgestaaten. Ihre Zahl ist schwer zu beziffern, dürfte aber im vierstelligen oder kleinen fünfstelligen Bereich liegen.

Die Zuwandererzahlen geben zunächst nur Auskunft darüber, wie viele Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingereist sind – nicht aber, wie viele heute hier leben oder wie viele von ihnen Russisch sprechen. Dennoch kursieren in den Medien immer wieder Zahlen zu Russischsprachigen. Die Schätzungen reichen von "rund drei Millionen" bis hin zu "sechs Millionen" Menschen. Die zweite Zahl stammt vom russischen Außenministerium, umfasst jedoch neben Muttersprachlern auch Menschen, die Russisch als Fremdsprache gelernt haben.

"Russischsprachig": eine schwierige Definition

Wissenschaftler halten diese Schätzungen für unseriös. "Die Zahl der Russischsprachigen lässt sich nicht genau bestimmen", erklärt der Migrationsforscher Jannis Panagiotidis von der Universität Osnabrück. Zwar gebe der Mikrozensus Aufschluss darüber, wie viele Menschen einen Migrationshintergrund aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion haben. 2015 waren das rund drei Millionen MenschenQuelle: Statistisches Bundesamt, Bevölkerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus 2015, S. 66. Mehr als 80 Prozent von ihnen hatten einen Migrationshintergrund aus Russland, Kasachstan oder der Ukraine.

Davon sprechen jedoch nicht alle fließend Russisch, betont Panagiotidis. Eine StudieBoris Nemtsov Foundation (2016): "Russischsprachige Deutsche", S. 3 etwa zeigt: Sogar unter denjenigen, die selbst eingewandert sind, sind nur 61 Prozent Russisch-Muttersprachler, weitere 27 Prozent können es fließend sprechen. Elf Prozent verfügen dagegen nur über mittlere oder grundlegende Russischkenntnisse.

Das hat mehrere Gründe: Für einige Einwanderer – wie zum Beispiel für Armenier oder Georgier – war Russisch von Anfang an nur Zweitsprache. Andere wiederum haben die Sprache nach der Migration nicht an ihre Kinder weitergegeben. "Über die Sprachkenntnisse von Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind, lassen sich daher nur Vermutungen anstellen", so Panagiotidis.

Entscheidend ist die eigene Migrationsgeschichte

Eine verlässlichere Schätzung erhalte man, wenn man nur diejenigen Menschen zählt, die als Kinder mehrere Jahre in einem der Länder der ehemaligen Sowjetunion gelebt haben. "Wer dort einige Jahre zur Schule gegangen ist, kann zumindest teilweise Bildung in russischer Sprache erhalten haben", erklärt Panagiotidis.

Im Mikrozensus werden diese Menschen zwar nicht gesondert ausgewiesen, allerdings wird das Alter bei der Einreise vermerkt. 2015 lebten rund 1,95 Millionen MenschenQuelle: Statistisches Bundesamt, Bevölkerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus 2015, S. 98; eigene Berechnung in Deutschland, die in der Sowjetunion oder ihren Nachfolgestaaten geboren wurden und bei der Einreise älter als zehn Jahre waren. "Nur sie kann man umstandslos als 'Russischsprecher' bezeichnen", sagt Panagiotidis. Er schätzt die Zahl der Russischsprachigen daher auf mindestens zwei Millionen – und vermutlich deutlich unter drei Millionen.

Der deutsch-russische Geograf und Historiker Pavel Polian hält diese Rechnung für zu großzügig. Er vermutet, dass Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die bei der Einreise älter als 10 Jahre waren, im Mikrozensus überrepräsentiert sind. Ihre Zahl dürfte daher weit unter zwei Millionen liegen, so Polian.

Bei Schätzungen werde es wohl auch bleiben, meint Jannis Panagiotidis. Zwar wäre es denkbar, die Familiensprache im Mikrozensus zu erfassen. Das würde aber nicht unbedingt zu verlässlicheren Zahlen führen, denn Einwanderer und ihre Nachkommen bewegen sich oft zwischen mehreren Sprachen: "Die statistische Erfassung von Sprachgebrauch schafft scheinbare Eindeutigkeit, wo in Wirklichkeit Mehrdeutigkeit herrscht. Mit dieser Mehrdeutigkeit muss man im Zweifel einfach leben."

Von Pavel Lokshin