Bildung 20.12.2017

Was können andere Schulen vom "Campus Rütli" lernen?

Vor rund zehn Jahren veröffentlichten Lehrer der ehemaligen Rütli-Hauptschule einen "Brandbrief". Sie beklagten, dass Gewalt und Beleidigungen den Schulalltag prägen. Der Brief machte deutschlandweit Schlagzeilen. Mittlerweile gehört die Schule zum "Campus Rütli" und hat sich zu einem Vorzeigemodell entwickelt. Welche Maßnahmen wurden ergriffen? Und ist das Konzept auf andere Schulen übertragbar?



"Campus Rütli" hat sich zu einem Vorzeigemodell entwickelt. Foto: dpa

Seit dem "Brandbrief" vom März 2006 hat sich viel getan: Die Rütli-Hauptschule im Berliner Stadtteil Neukölln fusionierte mit einer Realschule und einer Grundschule zur "Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli". Hier können Schüler nun auch das Abitur machen.

Die Vernetzung ging aber noch weiter: Rund um die Schule ist eine "Bildungslandschaft" entstanden: Der "Ein Quadratkilometer Bildung", hinter dem die Freudenberg Stiftung steht. Kitas, Schulen und Jugendclubs arbeiten dabei zusammen. Das Ziel: Kinder so früh wie möglich zu erreichen – auch da, wo sie ihre Freizeit verbringen. In allen Einrichtungen soll sich das pädagogische Angebot so verbessern, dass auch Kinder aus sozial benachteiligten Familien einen erfolgreichen Bildungsweg gehen können.

Schule und Kitas arbeiten zusammen

Die Bildungsforscherin Tanja Salem hat das Konzept des "Quadratkilometers" nun evaluiertBefragt wurden 57 Lehrer, Erzieher, Einrichtungsleiter und Eltern. Was war entscheidend für den Erfolg? Ein zentrales Ergebnis ihrer Untersuchung: Die Mitarbeiter des "Quadratkilometers" gingen offen auf die Pädagogen zu, statt ein fertiges Rezept mitzubringen. Sie haben gefragt: Welche Fähigkeiten bringen die Lehrer und Erzieher mit? Welche Ansätze gibt es schon an der Schule? Und woran können wir anknüpfen? Eine "Pädagogische Werkstatt" wurde gegründet, die die Zusammenarbeit von Kita, Schule und Jugendclubs vorangetrieben hat. Das sei wichtig gewesen, so Salem: "Im Alltag von Lehrern und Erziehern fehlt oft die Zeit, die pädagogische Arbeit weiterzuentwickeln und besonders, das mit anderen Einrichtungen zu tun."

Die Befragung hat auch gezeigt, dass es auf die Haltung ankommt: "Die Pädagogen haben sich darauf verständigt, nicht auf die Defizite, sondern auf die Potenziale der Kinder und Jugendlichen zu schauen", so Salem. In der "Pädagogischen Werkstatt" haben sie neues Lern-Material entwickelt, mit dem sie heute in Kita und Schule die Lernfortschritte der Kinder dokumentieren. Die Eltern erfahren in regelmäßigen "Lernentwicklungsgesprächen", wo ihr Kind steht. Beim "Quadratkilometer" gibt es aber auch finanzielle Unterstützung: Wollen Pädagogen etwa eine Fortbildung machen, können sie unkompliziert und schnell Geld beantragen.

Dieses Jahr erreichten 25 Schüler das Abitur, drei die Fachhochschulreife. Und das, obwohl nach wie vor viele Schüler aus sozial benachteiligten Familien kommen. Angaben der Schulleiterin Cordula Heckmann zufolge seien rund 88 Prozent der Schüler in den Klassen sieben bis 13 lernmittelbefreit. In den unteren Jahrgängen sinkt der Anteil der lernmittelbefreiten Schüler allerdings. Denn das Umfeld der Schule verändert sich. Immer mehr junge und akademisch geprägte Familien sind in den Kiez gezogen und melden ihre Kinder an der "Gemeinschaftsschule" an. Zudem hat der heute gute Ruf von Rütli dazu geführt, dass auch bildungsorientierte Eltern aus anderen Stadtteilen sich für die Schule entscheiden.

Welche Rolle spielen die Fördermittel?

Der Berliner Senat, der Bezirk Neukölln und private Stiftungen haben die Gemeinschaftsschule in den letzten Jahren mit beachtlichen Fördermitteln unterstützt. Das meiste Geld fließt in derzeit entstehende Neu- und Umbauten auf dem "Campus Rütli". Rund 32 Millionen Euro soll das Projekt am Ende kosten. Die Schule muss sich deshalb immer wieder mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass die Erfolge wegen des Geldes nicht verwunderlich seien. Dem widerspricht Schulleiterin Heckmann: "Die Fördermittel sind nur eines von vielen Elementen. Ohne das Engagement der Pädagogen wäre all das nicht zustande gekommen." Denn das ambitionierte pädagogische Konzept von Rütli bedeute auch, dass Lehrer häufig an Planungssitzungen, Fortbildungen und Workshops teilnehmen müssen.

Auch Sascha Wenzel, Geschäftsführer der Freudenberg Stiftung, ist überzeugt, dass es nicht allein auf das Geld ankommt. Man könne Schulen in kritischer Lage schon mit überschaubaren Mitteln wirksam unterstützen. "Entscheidend ist, das Geld nicht einfach einer Schule zu geben, sondern damit die Kooperation von Bildungseinrichtungen und die Potenziale der Pädagogen zu fördern". Zudem gehe es darum, die Zusammenarbeit langfristig zu unterstützen. "Deswegen war 'Ein Quadratkilometer Bildung' von Beginn an auf zehn Jahre angelegt", so Wenzel. Viele Ansätze von Rütli lassen sich laut Wenzel auf andere Schulen übertragen. Bereits jetzt gibt es bundesweit zehn "Quadratkilometer", darunter auch in ostdeutschen Städten wie Hoyerswerda.

Von Mehmet Ata und Lea Hoffmann