Islamistische Radikalisierung 24.08.2016

"Der Ausgangspunkt ist immer eine persönliche Krise"

Der Religionspädagoge André Taubert leitet die Beratungsstelle "Legato" in Hamburg. Er berät Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter, die befürchten, dass sich ein Jugendlicher radikalisiert. Im Interview mit dem MEDIENDIENST erzählt er, wie schwierig es ist, religiöse Radikalisierung von persönlichen Problemen zu trennen – und was die größten Herausforderungen bei seiner Arbeit sind.



In Deutschland gibt es mittlerweile viele zivilgesellschaftliche Angebote für Prävention und Deradikalisierung. Foto: Mediendienst

MEDIENDIENST: Nach den Attentaten in Ansbach und Würzburg fragten sich viele: Hätten die Taten verhindert werden können?

André Taubert: Ich glaube, dass es immer Möglichkeiten gibt, so etwas zu verhindern. Dafür sind nicht nur die Sicherheitsbehörden zuständig. Wir haben keinen absoluten Überwachungsstaat und deswegen können sie nicht alle Pläne aufdecken. Aber die Zivilgesellschaft in Deutschland ist stark: Es gibt viele Angebote von freien Trägern, Organisationen und Kliniken. Sie haben eher die Möglichkeit, solche Menschen zu erreichen und einzuschreiten. Aus meiner Perspektive als Sozialarbeiter würde ich sagen, dass diese Attentäter und Amokläufer vielleicht zu einem bestimmten Zeitpunkt Hilfe angenommen hätten. Aber dieses Angebot war in dem Moment nicht da.

Wen beraten Sie bei "Legato"?

Zu 80 bis 90 Prozent melden sich Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter bei uns. Sie machen sich Sorgen, dass sich ein Jugendlicher religiös radikalisieren könnte. Eher selten arbeiten wir mit den Betroffenen selbst. Wenn jemand zu uns kommt, dann ist es wichtig, schnell zu reagieren, weil auch die Angehörigen irgendwann den Jugendlichen nicht mehr erreichen. Während der Radikalisierung isolieren sich die Jugendlichen häufig und koppeln sich vom alten Freundeskreis und von anderen sozialen Kontakten ab.

Wie kommt es zu Radikalisierungen?

Der Ausgangspunkt ist immer eine persönliche Krise. Vielleicht kann der Jugendliche nicht offen mit seinem Vater reden. Oder er will nicht mehr mit seiner Freundin zusammen sein, obwohl das alle erwarten. Es ist dann einfacher zu sagen: "Sie ist ja gar keine richtige Muslima, deswegen darf ich gar nicht mit ihr zusammen sein." An sich ist das natürlich nicht gefährlich. Aber daraus kann sich ganz schnell so ein Selbstläufer, eine Radikalisierung, ergeben. Es gibt bestimmte Persönlichkeitstypen, auf die wir immer wieder treffen: Das ist beispielsweise der Außenseiter, der wieder mehr Selbstbewusstsein erlangen möchte, der andere steuern und lenken will, Typ Puppenspieler. Es gibt den ewig Scheiternden, der zu wenig Anerkennung von seinem Vater bekommt. Das Mädchen, das schlechte Erfahrung im Umgang mit dem anderen Geschlecht gemacht hat. Ängste spielen eine ganz entscheidende Rolle. Für all das bietet die salafistisch geprägte radikale Idee Brücken, die einen Ausweg aus diesen Krisen versprechen.

Und wie reagieren Sie bei Ihrer Arbeit darauf?

Wir versuchen, die Krise zu identifizieren, und suchen dann eine andere Möglichkeit, sie zu lösen. Denn wenn wir dem Jugendlichen die Stabilität wegnehmen, die die salafistische Ideologie ihm gibt, dann ist damit die Krise noch nicht gelöst. Deswegen ist die Ansprache von jungen Leuten, die sich religiös radikalisieren, auch so schwer. Oft geht es bei unserer Beratung darum, zu signalisieren: "Es ist OK, wie du bist." Jugendliche haben häufig das Gefühl, einen bestimmten Anspruch nicht zu erfüllen, auch wenn das in Wahrheit nicht stimmt. Aber nicht jeder, der sich zur Ideologie des sogenannten Islamischen Staates bekennt, radikalisiert sich soweit, dass er auch ein Attentat begeht.

ANDRÉ TAUBERT ist Religions-pädagoge und Sozialarbeiter. Seit 2015 leitet er die Beratungsstelle "Legato – Fachstelle für religiös begründete Radikalisierungen" in Hamburg. In Bremen arbeitet er zudem mit so genannten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus Afrika und Syrien.

Können Sie das genauer erklären?

Wir erleben in unserer Arbeit in der Beratung tagtäglich, dass Jugendliche an die Ideen des IS glauben. Aber deswegen begehen sie noch kein Attentat. Menschen lassen sich eben nicht gehirnwaschen. Die jungen Leute sind in unserer Gesellschaft aufgewachsen, in der man nicht um sein Leben Angst haben muss. Und die Grundidee, dass wir miteinander reden können und nicht jemanden erschießen, weil er anderen Glaubens ist, wiegt erst einmal schwer. Daran können wir in der Präventionsarbeit anknüpfen.

Sehen Sie hier auch einen Generationenkonflikt?

Ganz massiv. Es ist natürlich nicht eine ganze Generation und sicher ist das keine so breite Bewegung, wie die 68er-Bewegung es war. Aber die Propaganda aus dieser islamistischen Szene besagt zum Beispiel: Auch deine Eltern sind Teil des Systems, sie werden dir verbieten, Moslem zu sein. Und genau das passiert: Die Jugendlichen radikalisieren sich und die Eltern reagieren panisch, verständlicherweise. Damit bedienen sie genau diesen Propagandaeffekt. Das ist ein Teufelskreis und den muss man durchbrechen.

Arbeiten Sie auch mit Syrien-Rückkehrern?

Ja und auch da ist jeder Fall anders. Wenn man sich entscheidet, nicht mehr für den IS zu kämpfen, entscheidet man sich auch ein Stück weit gegen die Ideologie. Da ist durchaus eine Art der Distanzierung zu spüren, selbst wenn die Rückkehrer wegen einer Verletzung Syrien verlassen haben. Für die Arbeit mit ihnen haben wir mit anderen Beratungsstellen einen Leitfaden erarbeitet. Ich rechne damit, dass in Zukunft mehr Frauen zurückkehren werden. Wir haben Kontakt zu einigen Frauen, die nach Syrien ausgereist sind. Zum Teil werden sie noch festgehalten. Aber zumindest sind sie nicht in Kriegshandlungen eingebunden und können überleben. Ein paar Frauen mit Kindern sind bereits nach Deutschland zurückgekommen – zum Teil aus ganz pragmatischen Gründen wie der gesundheitlichen Versorgung und der Bildung für die Kinder.

Wie steht Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten in der Prävention da?

Wir können in Deutschland flächendeckend Beratung anbieten. In allen westdeutschen Bundesländern gibt es Beratungsstellen, die durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gebündelt werden. Das ist in anderen Ländern nicht so. Selbst Dänemark und die Niederlande, von wo aus mehr Jugendliche nach Syrien ausgereist sind, haben das noch nicht umgesetzt. In Frankreich ist es zum Beispiel eher dem Zufall überlassen, ob man Hilfe bekommt oder nicht. Wenn es in dem Dorf oder der Stadt keine zuständigen Stellen gibt, dann passiert eben auch nichts.

Interview: Jenny Lindner