Flüchtlingspolitik 19.10.2016

Wie viele Asylanträge werden in den EU-Ländern gestellt?

Die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge in Europa geht zurück. Das ist eine Folge des sogenannten EU-Türkei-Deals und der Schließung der "Balkan-Route". Doch wie ist die Situation in den einzelnen EU-Ländern? Wie viele Asylanträge wurden gestellt? Wie viele Flüchtlinge erhalten Schutz und über wie viele Anträge muss noch entschieden werden? Der MEDIENDIENST hat die wichtigsten Daten zusammengestellt.



2015 und im ersten Halbjahr 2016 gab es rund 850.000 Asylanträge in Deutschland. Foto: dpa

Etwa zwei Millionen Geflüchtete haben seit Anfang 2015 einen Asylantrag in der EU gestellt. Wie teilt sich die Zahl auf die einzelnen EU-Länder auf? Und wie viele Geflüchtete werden in den Ländern voraussichtlich längerfristig bleiben?

Der MEDIENDIENST hat Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat ausgewertet. Eurostat-Zahlen ermöglichen eine Vergleichbarkeit zwischen den EU-Ländern. Sie weichen jedoch teilweise von den nationalen Behörden wie dem BAMF in Deutschland ab, weil die Anzahl der Asylbewerber teilweise anders erfasst wird.

Wie viele Anträge wurden gestellt?

Deutschland ist seit 2012 europaweit das Land mit den meisten Asylanträgen jährlich. 2015 wurden hier 477.000 Anträge gestellt. Seit dem Frühjahr 2016 geht die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge in Deutschland stark zurück – auf die Zahl der Asylanträge hat das keine unmittelbaren Auswirkungen. Der Grund: Viele Flüchtlinge, die bereits 2015 eingereist sind, konnten erst im laufenden Jahr ihren Antrag stellen. 370.000 Asylanträge wurden im ersten Halbjahr 2016 in Deutschland gezählt.

Die Zahl der Asylanträge sagt unter Umständen wenig über die Zahl der im Land lebenden Asylbewerber aus. Ein Beispiel: 177.000 Geflüchtete haben 2015 einen Antrag in Ungarn gestellt. Entschieden wurde dort jedoch nur über 3.400 Fälle – nur 505 Menschen erhielten einen positiven Bescheid. Andere Antragsteller reisten weiter – zumeist nach Deutschland.

Viele EU-Mitgliedstaaten haben zuletzt ihre Asylgesetze verschärft. Das und die Schließung der "Balkan-Route" sowie der EU-Türkei-Deal haben dazu geführt, dass sowohl Flüchtlings- als auch Antragszahlen zurückgegangen sind. In Schweden wurden im ersten Halbjahr 2016 mit 15.300 nur halb so viele Anträge gestellt wie im Vergleichszeitraum 2015. In Ungarn gab es einen Rückgang von mehr als 60 Prozent auf 22.500. ⇒ Wie gehen andere europäische Länder mit Flüchtlingen um?

Wie viele Flüchtlinge haben einen Schutzstatus erhalten?

Die Schutzquoten sind in der EU sehr unterschiedlich: Während Österreich und Deutschland in diesem Jahr etwa in 70 Prozent der Fälle Schutz ausgesprochen haben, lag die Quote in Frankreich bei rund 30 Prozent. In Ungarn sogar nur bei 12 Prozent. Betrachtet man die Zahl der Geflüchtete, die einen positiven Asylbescheid erhalten haben, liegt Deutschland erneut auf dem ersten Platz der Statistik:

Doch auch diese Zahl spiegelt nur einen Teil der Realität wieder. Denn viele Asylverfahren sind noch nicht abgeschlossen. Wie viele von diesen voraussichtlich positiv beschieden werden, ist nicht klar.

Über wie viele Anträge muss noch entschieden werden?

EU-weit gab es zum Stichtag 31. Juni 2016 mehr als 1,1 Millionen Anträge, über die noch nicht entschieden war – davon 610.000Anders als das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zählt Eurostat zu den anhängigen Verfahren auch gerichtliche Verfahren wie etwa im Fall einer Klage gegen einen Beschluss allein in Deutschland. In Schweden gab es Mitte 2016 etwa 124.000 noch nicht abgeschlossene Verfahren und in Österreich rund 82.000.

Wer nimmt die meisten Flüchtlinge im Verhältnis zur Bevölkerungszahl auf?

Das lässt sich nur schwer sagen. Schaut man sich die positiven Entscheidungen seit Anfang 2015 an, ergibt sich folgendes Bild: Schweden hat 5,3 positive Entscheidungen pro 1.000 Einwohner, Malta 4,5 und Deutschland 3,8. Die anhängigen Verfahren sind in dieser Statistik nicht berücksichtigt.

Von Fabio Ghelli