Kommunen 24.03.2016

Wie kleinere Städte mit wenig Geld Flüchtlinge integrieren

Häufig wird darüber gesprochen, wie Flüchtlinge in großen Städten integriert werden. Aber viele von ihnen kommen in kleinen Städten und ländlichen Gebieten an. Das stellt die Kommunen vor große Herausforderungen. Einige entwickeln nun interessante Lösungsansätze, die sich auch mit geringen finanziellen Mitteln umsetzen lassen. Das Bündnis "Weinheimer Initiative" zum Beispiel, ein Zusammenschluss kleiner Kommunen und Landkreise, hilft jungen Geflüchteten in Arbeit zu kommen.



Ein Schreiner und sein zukünftiger Lehrling arbeiten in einer Werkstatt in Hiltensweiler im Süden Baden-Württembergs. Foto: dpa

Rund vierzig Bildungspaten gibt es in Weinheim im Nordosten von Baden-Württemberg. Oft sind das ältere Herren, meist ehemalige Unternehmer oder Lehrer, die nun ihren Ruhestand nutzen, um Jugendlichen bei der Jobsuche zu helfen. Sie nutzen ihre früheren Arbeitskontakte und gehen mit den Jugendlichen in die Betriebe. Und das mit Erfolg: Knapp 100 Jugendlichen mit türkischen Wurzeln zum Beispiel haben sie in den letzten fünf Jahren zu einem Ausbildungsplatz verholfen.

"Manches, was wir seit Jahren tun, ist nun brandaktuell geworden", sagt Heiner Bernhard. Er ist seit 2002 Oberbürgermeister von Weinheim, einer Kreisstadt mit 45.000 Einwohnern. In vielen kleineren Städten sei die Situation durch die hohen Flüchtlingszahlen angespannt, so Bernhard. Nun müssen sich Konzepte bewähren, die in kleineren Städten in den vergangenen Jahren entwickelt wurden. Also könnten die Bildungspaten in Zukunft auch jungen Flüchtlingen helfen, in den Arbeitsmarkt zu kommen.

Die Weinheimer Initiative will solche guten Beispiele sammeln und anderen Kommunen zur Verfügung stellen: Seit 2007 setzt sich die bundesweite Initative aus rund zwanzig Kommunen dafür ein, dass all diejenigen besser zusammenarbeiten, die für Bildung zuständig sind. Ihr Hauptziel: Jugendliche nach ihrer Schulzeit effektiv in Arbeit oder Ausbildung zu bringen. Unterstützt werden die aktiven Kommunen dabei zum Beispiel von der Freudenberg Stiftung, die ihren Sitz ebenfalls in Weinheim hat.

Bürgermeister Bernhard sieht seine Rolle vor allem in der Vernetzung: Um junge Geflüchtete in Arbeit oder Ausbildung zu bringen, müsse die Stadtverwaltung Kontakte knüpfen zwischen Schulen, Unternehmen, Jobcentern und Sozialarbeitern vor Ort. "Kommunale Koordinierung des Übergangs von der Schule in die Arbeitswelt ist das »Markenzeichen« der Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative", heißt es auf ihrer Website. Das langjährige Netzwerken des "Weinheimer Bildungsbüros" vor Ort zahle sich jetzt besonders aus. Auch die Ausländerbehörden und ehrenamtliche Helfer würden nun mit einbezogen.

Neben den Bildungspaten kümmert sich die Stadt auch um die 300 bis 400 ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer. Für sie wurde eine Koordinatorin eingestellt, die auch Weiterbildungen anbietet. In Kommunen, wo das nicht passiert, mache sich langsam "Frustration" bei den Helfern breit, beobachtet Bernhard.

Die Hansestadt Hamburg zeigt, wie es gehen kann

Auch von großen Städten könnten die Kommunen lernen, sagt Bernhard, zum Beispiel von Hamburg. Beim Jahresforum der Weinheimer Initiative ging es um das Bildungskonzept der Hansestadt für junge Flüchtlinge. Dort werden alle Kinder schon in den Erstaufnahmeeinrichtungen auf die Schule vorbereitet. Nach einem Jahr wechseln sie, wenn alles klappt, an eine Regelschule. Ein Konzept, das viele kleinere Kommunen inspiriert.

Doch meistens reicht das Geld gerade einmal, um allen Jugendlichen eine Unterkunft zu bieten. Ein Problem, das sich durch die Ankunft von zahlreichen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in den vergangenen Monaten noch einmal verschärft hat. Bislang nahmen nur wenige Kommunen diese besonders schutzbedürftige Gruppe auf. Seit Ende 2015 aber werden sie nach einem festen Schlüssel Mit dem Königsteiner Schlüssel wird unter anderem ermittelt, wie viele Asylbewerber jedes Bundesland aufzunehmen hat. Dafür werden das Steueraufkommen und die Bevölkerungszahl eines Landes verrechnet. Quelle: BAMF in ganz Deutschland verteilt. Im Landkreis, zu dem Weinheim gehört, sind seitdem mehr als 300 Jugendliche angekommen, bis Mitte des Jahres werden es 500 sein. In ganz Deutschland betrifft das mehr als 60.000 Kinder und Jugendliche und damit mehr als je zuvor, wie aktuelle Daten zeigen.

Das Geld für die Flüchtlingspolitik ist bei den Kommunen ohnehin knapp (die Ursachen hat der MEDIENDIENST 2015 in einem Artikel beschrieben). Die kleinen und mittelgroßen Städte hängen finanziell von den Landkreisen ab, zu denen sie gehören. Der Landkreis muss das Geld wiederum bei der EU oder beim Bund beantragen und es an die Städte weitergeben. Kurz: Die meisten können es sich kaum leisten, neue Strukturen für die Flüchtlingspolitik zu schaffen.

Zu den neuen Partnern zählen immer öfter Migranten

Doch immer wieder kommen neue Partner hinzu, die bei der Integration der Geflüchteten helfen – zum Beispiel Migranten, die sich engagieren wollen. Dass ihre Zahl bundesweit steigt, zeigte 2015 beispielsweise eine Studie zum Ehrenamt. In Weinheim gebe es eine libanesische Familie, die vor einigen Jahren eingewandert und inzwischen geschäftlich erfolgreich ist, erzählt Bernhard: "Die sind zu uns gekommen und haben gesagt: Ihr habt uns geholfen. Wie können wir jetzt helfen?" Auch wenn die finanziellen Mittel knapp sind, können kleine und mittelgroße Städte also dauerhaft neue Partner für die Integration gewinnen.

Das Wichtigste hierbei sei die Anerkennung für geleistete Arbeit, sagt Bernhard. Das gelte für ehrenamtliche Helfer genauso wie für Unternehmer. Bei vielen Ausbildern sei inzwischen leider eine gewisse "Ernüchterung" eingekehrt, so der Oberbürgermeister. Hohe Sprach- und Bildungshürden erschwerten es oft, Flüchtlinge in den Betrieb zu übernehmen: "Wir sagen dann immer, dass es den Wunschflüchtling nicht gibt." Umso wichtiger sei es jetzt, dass Weinheim die Arbeitgeber dabei unterstütze und ihnen mit Erfahrungen und Kontakten weiterhelfe.

Trotz der akuten Probleme freut sich Oberbürgermeister Bernhard. Jugendliche in eine Ausbildung zu bringen, ist ihm eine Herzensangelegenheit. Und durch die Flüchtlingszuwanderung bekomme das Thema wieder mehr Aufmerksamkeit: "Da entsteht so viel neuer Druck. Das kann dem Thema eigentlich nur gut tun".

Von Carsten Janke