Bundestagswahl 2013 27.08.2013

Kaum Kandidaten mit Migrationshintergrund

Rund 4.500 Kandidaten treten zur Bundestagswahl 2013 an, verkündet der Bundeswahlleiter. Eine Recherche des Mediendienstes bei allen Landesgeschäftsstellen von SPD, CDU/CSU, Grüne, FDP, Linke und Piraten hatte ergeben: knapp 100 Kandidaten haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Das sind lediglich fünf Prozent aller Kandidaten aus diesen Parteien. In der Gesamtbevölkerung sind es dagegen 19 Prozent.



Der Bundeswahlleiter hat alle Landeslisten und Kreiswahlvorschläge ausgewertet und die Anzahl der Kandidaten für die Bundestagswahl am 22. September 2013 errechnet. Demnach treten insgesamt 4.451 Kandidaten aus allen zugelassenen Parteien an, das sind rund 1.000 mehr als 2009.

Entsprechend gering fällt der Anteil der Bewerber aus Einwandererfamilien aus. Der Mediendienst Integration hatte im Juli erstmals recherchiert, wie viele der bundesweit aufgestellten Bundestagskandidaten auf den Landeslisten und in den Wahlkreise einen Migrationshintergrund haben. Für die Recherche wurden von April bis Juni 2013 jeweils alle 16 Landesgeschäftsstellen von SPD, CDU/CSU, Grüne, FDP, Linke und Piraten angefragt.

Ergebnis: 112 Kandidaten aus Einwandererfamilien sind auf den Listenplätzen und unter den Wahlkreiskandidaten zu finden. Nun ist auch die genaue Bezugsgröße bekannt: Insgesamt 2.420 Bewerber wurden in diesen Parteien aufgestellt. Demnach haben lediglich fünf Prozent der Bundestagskandidaten einen sogenannten MigrationshintergrundMit Migrationshintergrund werden statistisch alle Bürger erfasst, die nach 1949 in die heutige Bundesrepublik Deutschland eingewandert sind, sowie alle hier geborenen Ausländer. Auch Eingebürgerte gehören dazu, ebenso wie alle Deutschen mit mindestens einem zugewanderten oder ausländischen Elternteil. Quelle: Statistisches Bundesamt – in der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil von Menschen aus Einwandererfamilien dagagen bei 18,6 Prozent.

Nach Parteien sortiert finden sich

  • 26 Kandidaten bei den Grünen,
  • bei der SPD 22 Kandidaten,
  • bei der Linken 24 Kandidaten,
  • bei der FDP 10 Kandidaten,
  • 17 Kandidaten bei den Piraten,
  • 12 Kandidaten bei der CDU,
  • bei der CSU ein Kandidat.

Die Ergebnisse erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. In Fällen, in denen keine offiziellen Angaben von den Pressestellen vorlagen, wurden die Kandidaten- und Landeslisten nach Namen und Biografien gefiltert.

Aussichtsreich oder nicht?

Mindestens 112 Menschen aus Einwandererfamilien streben also in die Bundespolitik. Doch wie viele von ihnen haben eine reelle Chance, im Herbst ein Büro im Bundestag zu beziehen? Die Parteien geben keine Auskunft darüber, ab welchem Listenplatz sie nicht mehr mit einem Einzug ins Parlament rechnen. Auch die Direktwahlen in den Wahlkreisen machen eine Listenplatz-Schätzung schwer. Einen Hinweis auf die Einzugs-Chancen geben allerdings die Ergebnisse der Bundestagswahl von 2009Ergebniss vom Bundeswahlleiter nach Walhkreisen
Ergebnisse vom Bundeswahlleiter nach Landeslisten
, wenn sie mit den aktuellen Umfragen abgeglichen werden.

  • Demnach können bei der Linken sieben, bei der SPD sechs und bei den Grünen fünf Plätze als aussichtsreich beschrieben werden.
  • In der CDU haben die 12 Kandidaten zwar keine aussichtsreichen Listenplätze, doch fünf von ihnen kandidieren in Wahlkreisen, in denen die CDU zuletzt die Direktwahl gewonnen hatte. Gleiches gilt für den Kandidaten der CSU in Bayern.
  • Falls sie die Fünfprozent-Hürde schaffen, kämen zwei FDP-Kandidaten hinzu, die auf Platz eins ihrer Landeslisten stehen.
  • Dieselbe Hürde gilt für die Piraten: Hier könnten – im Fall eines Einzugs – drei Kandidaten, die auf Listenplatz zwei stehen in den Bundestag kommen.

(Vergleiche Informationspapier des Mediendienstes, Kapitel "Kandidaten")

Chancen auf eine aktive politische Teilhabe haben rund 29 Kandidaten. Bei derzeit 620 Sitzen im Bundestag (kann nach der Wahl variieren) würden lediglich viereinhalb Prozent der Abgeordneten die ethnische Vielfalt Deutschlands repräsentieren.

Unterscheidung nach Bundesländern

Die Verteilung der Kandidaten zeigt, wie unterschiedlich durchlässig einzelne Länderparteien für Einwanderer und ihre Nachkommen sind. Auf den ersten Blick wird in der Grafik erkennbar, in welchen Bundesländern die meisten aufgestellt sind.

Die Aussagekraft zur interkulturellen Öffnung der Parteien ändert sich jedoch, wenn man die Anzahl der Kandidaten ins Verhältnis zur Bevölkerung und Parteigröße stellt. Hier hat Berlin mit 3,2 Millionen Einwohnern beispielsweise den höchsten Wert: In der Hauptstadt kommen knapp 220.000 Einwohner auf einen Kandidaten mit Migrationskontext. Auch die anderen Stadtstaaten Bremen und Hamburg kommen auf gute Werte.

Schlusslichter sind hierbei ausgerechnet die Flächenländer, in denen der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund besonders hoch ist, wie Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. In NRW (17,5 Millionen Einwohner) kommen auf einen Kandidaten mit Migrationshintergrund beispielsweise eine Millionen Bürger.

Ausführliche Ergebnisse und Grafiken, in denen die Kandidaten sowie die Ergebnisse nach Parteien und Ländern aufgeschlüsselt sind, finden Sie in diesem Hintergrundpapier.

Recherche und Text: Ferda Ataman, Maik Baumgärtner, Lea Hoffmann, Dominik Köhler, Thilo Schmidt

Artikel wurde am 30. September 2013 aktualisiert.