Rassismus an Kitas, Schulen und Universitäten

Bei der Suche nach einer Kita, bei Schulnoten und Empfehlungen für weiterführende Schulen zeigt sich: Kinder aus Einwandererfamilien oder aus religiösen und ethnischen Minderheiten werden benachteiligt. Auch an Unis gibt es Diskriminierung.

Soziale Herkunft, Wohnort und der Bildungsstand der Eltern spielen in Deutschland eine entscheidende Rolle beim Bildungserfolg. Auch Diskriminierungserfahrungen – wie schlechtere Leistungsbewertung – können zu ungleichen Bildungschancen führen. Eine Übersicht zu Studien zum Thema.Ifo (2024): Ungleiche Bildungschancen. Ein Blick in die Bundesländer, LINK; SVR (2024): Ungleiche Bildungschancen. Fakten zur Benachteiligung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem; LINK.

Weitere Informationen finden Sie in unserer Themenübersicht zu Chancengleichheit an Schulen

Diskriminierung an Kitas

Bisher gibt es wenig Forschung zu Diskriminierungserfahrungen an Kitas. Die Beratungsanfragen an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) zeigen, dass bereits Kleinkinder rassistische Diskriminierung erfahren, zum Beispiel bei der Vergabe von Kita-Plätzen oder in der Betreuung.ADS (2024): Diskriminierung in Deutschland. Erkenntnisse und Empfehlungen, S. 202f., LINK.

Eine Studie zeigt, dass Kinder von Familien mit türkischem Namen seltener Rückmeldungen bei einer Bewerbung auf einen Kita-Platz erhalten.Hermes et al. (2023): Discrimination on the Child Care Market, IZA Discussion Paper, LINK; SVR (2024): Integrationsmonitor Kita. Wie gut ist die frühkindliche Betreuung auf den Normalfall Vielfalt eingestellt? S. 4, LINK.

Im Rahmen einer qualitativen Studie des DeZIM-Instituts an Berliner Kitas berichten Familien von fehlender Sensibilität und Strategien im Umgang mit Diversität, es gebe wenig diverse Kinderbücher oder Spielmaterialien. Wie Eltern damit umgehen, erläutert die Forscherin Seyran Bostancı im Mediendienst-Interview.DeZIM (2022): "Ich habe lange gekämpft, aber dann sind wir doch gewechselt". Eine explorativ-qualitative Pilotstudie zum Umgang mit institutionellem Rassismus an Berliner Kitas. S. 5f., 8f., LINK.

Diskriminierung an Schulen

Umfassende empirische Studien zu rassistischer Diskriminierung an deutschen Schulen gibt es nicht. Einzelne Befunde zeigen, dass Schüler*innen verschiedene Diskriminierungserfahrungen machen:

  • In einer repräsentativenDaten aus dem Sozio-oekonomischen Panels, die ca. 30.000 Menschen jährlich befragt. Die Fragen zu Schule richteten sich sowohl an die Schüler*innen als auch an die Eltern. Befragungszeitraum: Mai 2022 - Januar 2023. Befragung (2026) gaben rund 11 Prozent der Personen, die Diskriminierung erfahren haben, an, dass das in der Schule geschah. Rund die Hälfte von ihnen sagte, dass sie aufgrund ihrer ethnischen Herkunft diskriminiert wurden (51,2 Prozent), gefolgt von weiteren Gründen wie Aussehen (32,5 Prozent) und Religion (27,2 Prozent). Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2026): “Wie Deutschland Diskriminierung erlebt,” S. 64, LINK.

  • Eine quantitative Studie (2026) untersuchte, wie Schüler*innen Rassismus wahrnehmen – sowohl in Bezug auf sich selbst als auch im Vergleich zwischen Gruppen. Die meist gaben an, Rassismus “selten” wahrzunehmen. Doch es zeigten sich Unterschiede je nach Herkunft: Schüler*innen mit Bezug zur Türkei oder zu arabischen Ländern berichteten häufiger von persönlichem sowie gruppenbezogenem RassismusÄhnliche Ergebnisse zeigten auch ältere Studien: 2018 und 2002.. Außerdem fühlten sich Jungen stärker diskriminiert als Mädchen.Schotte, K.; Edele, A.; Heppt, B.; et al. (2026): “Perceived discrimination of students from minoritized ethnic groups in Germany: Individual, family, and school conditions”, LINK.

  • Schüler*innen mit Familienbezug zur Türkei, zum Nahen Osten, nach Nord- oder Subsahara-Afrika oder zu kurdischen Regionen nahmen das SchulklimaDas Klima wurde als Ausdruck diskriminierender Einstellungen und Verhaltensweisen von Lehrkräften verstanden. häufiger diskriminierend wahr als andere Gruppen. Das zeigt eine Analyse auf Basis von PISA-Daten (2018).Heppt, B., Schwarzenthal, M. & Scharf, J. (2025): “Discriminatory Climate and School Adjustment in Ethnically Minoritized Adolescents and Majority Adolescents: An Investigation of the Mediating Role of Teaching Quality” LINK.

  • Laut Afrozensus 2020 erleben Schwarze und PoC-Schüler*innen regelmäßig Mobbing und rassistische Diskriminierung wegen ihrer Hautfarbe oder aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse.ADS (2017): Diskriminierungserfahrungen in Deutschland. Ergebnisse einer Repräsentativ- und Betroffenenbefragung. S. 152ff., LINK; Aikins et al. (2021): Afrozensus 2020. Perspektiven, Anti-Schwarze Rassismuserfahrungen und Engagement Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland. S. 170f., LINK.

  • Eine Studie von 2024 zeigte: Schüler*innen mit Migrationshintergrund einer 9. Klasse erhielten in allen fünf untersuchten Fächern schlechtere Zeugnisnoten als ihre Mitschüler*innen ohne Zuwanderungsgeschichte, obwohl sie in objektiven Leistungstests gleiche Ergebnisse erzielt hatten.Nennstiel/Gilgen (2024): Does chubby Can get lower grades than skinny Sophie? Using an intersectional approach to uncover grading bias in German secondary schools. LINK; vgl. auch: ZEW (2009): Discrimination in Grading? Experimental Evidence from Primary School. S. 11, LINK.

  • Eine weitere Studie von 2024 kommt zu anderen Ergebnissen: Lehrer benoteten Schüler mit Migrationshintergrund in den Fächern Deutsch und Mathematik besser als ihre Ergebnisse in anonymen Tests tatsächlich waren. Die Autoren vermuten, dass Lehrkräfte die sozialen Nachteile der betroffenen Schüler durch eine bessere Benotung ausgleichen wollen.Bredtmann et al. (2024): Discrimination in Grading? Evidence on Teachers' Evaluation Bias Towards Minority Students. S. 10ff., 13, 16, LINK.

  • Muslimische Schüler*innen berichten von negativen Zuschreibungen, zum Beispiel weil sie ein Kopftuch tragen, aber auch wegen ihrer Namen.Yegane et al. (2021): Religion und Glaube an der Schule. Diskriminierungserfahrungen muslimischer Jugendlicher in Berliner Schulen. S. 6f., LINK.

  • In einer Studie berichten jüdische Eltern und junge Erwachsene von Erfahrungen mit Antisemitismus an Schulen, darunter angedrohte körperlicher Gewalt, Beschimpfungen und antisemitische Kommentare. Sie schildern zudem die Überforderung der Lehrkräfte, angemessen mit antisemitischen Vorfällen umzugehen.Chernivsky et al. (2020): Antisemitismus im (Schul-)Alltag. Erfahrungen und Umgangsweisen jüdischer Familien und junger Erwachsener. S. 111f., 114, LINK.

     

    Zahlen und Studien zu Antisemitismus an Schulen finden Sie in dieser Themenübersicht.

     

  • Sinti und Roma in Deutschland sind im Bildungssystem stark benachteiligt. Das geht aus Studien der Arbeitsgemeinschaft "RomnoKher" hervor. 40 Prozent der Befragten mit Kindern gaben 2021 an, dass ihre Kinder Diskriminierung in der Schule erfahren haben. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2022 ergab, dass Lehramtsstudierende den Schüler*innen, die als Roma gelesen wurden, bei gleichen Leistungsergebnissen eher den Besuch einer Hauptschule empfahlen als Schülern, die keiner Minderheit angehören.RomnoKher: Ungleiche Teilhabe, 2021, S. 57 der Studie. LINK zur Zusammenfassung. Vollständige Studie auf Anfrage.; Civitillo et al. (2022): Do infrahumanization or affective prejudice drive teacher discrimination against Romani students?, S. 9., LINK

  • Diskriminierung kann auch durch schulische Strukturen erfolgen: Lehrpläne und Schulbücher sind Studien zufolge wenig sensibel für Diversität und bilden Vielfalt nur unzureichend ab. 2023 forderte etwa ein Bündnis, Schulordnungen an Berliner Schulen wegen diskriminierender Vorgaben anzupassen, darunter die Pflicht, ausschließlich Deutsch auf dem Schulgelände zu sprechen oder ein pauschales Verbot der Religionsausübung.ADS (2024): Diskriminierung in Deutschland. Erkenntnisse und Empfehlungen. S. 206, LINK; Gesellschaft für Freiheitsrechte (2023): Bündniserfolg zum Weltkindertag. Auf eine Beanstandung durch die GFF passen Berliner Schulen diskriminierende Schulordnungen an. LINK; ReachOut (2024): Pressemappe zur Jahresauswertung. Rechte, rassistische und antisemitische Angriffe in Berlin 2023. S. 4, LINK.

  • Jugendliche mit Migrationshintergrund im Alter von 12 bis 17 Jahren erfuhren 2023 mindestens ein- bis zweimal im Monat Mobbing. Besonders betroffen waren Mädchen mit Migrationshintergrund: 17 Prozent gegenüber 9 Prozent ohne Einwanderungsgeschichte.UNICEF (2025): "Eine Perspektive für jedes Kind: UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2025" S. 77-79; LINK.

Auch Lehrende berichten von Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen, auch im Kollegium. Laut Afrozensus führt das zur Isolation der betroffenen Lehrkräfte.Aikins et al. (2021): Afrozensus 2020. Perspektiven, Anti-Schwarze Rassismuserfahrungen und Engagement Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland. S. 193ff., LINK; Fereidooni, Karim (2015): Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen von Referendar*innen und Lehrer*innen 'mit Migrationshintergrund' im deutschen Schulwesen. Eine quantitative und qualitative Studie zu subjektiv bedeutsamen Ungleichheitspraxen im Berufskontext.S. 127ff., LINK.

Hier finden Sie eine Expertise zum Thema rassistische Diskriminierung in der Schule.

Folgen von Rassismus in der Schule: Stress, schlechtere Leistungen, Schulwechsel

Eine Metaanalyse mit 68 Studien zu mehreren Ländern, darunter vor allem die USA und auch Deutschland, zeigt die Folgen für Betroffene: Schüler*innen leiden unter anderem an chronischen Depressionen sowie Verhaltensauffälligkeiten und erbringen schlechtere schulische Leistungen, wenn sie Diskriminierung erfahren.Jugert et al. (2023): A systematic review and meta-analysis of the associations between perceived teacher-based racial-ethnic discrimination and student well-being and academic outcomes. S. 11, LINK

Zudem mindern sich ihr Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit. Stress und Angstzustände können zu schlechteren Leistungen bis hin zum Schulwechsel führen. Die Folgen erschweren einen erfolgreichen Schulabschluss oder die Aufnahme einer Lehre, wodurch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sinken.ADAS (2020): Schutz vor Diskriminierung an Schulen. Ein Leitfaden für Schulen im Land Berlin. S. 11, LINK; ADS (2019): Diskriminierung an Schulen erkennen und vermeiden. Praxisleitfaden zum Abbau von Diskriminierung in der Schule. S. 13, LINK; OECD (2024): Bildung auf einen Blick 2023. OECD-Indikatoren. S. 25f., LINK; ReachOut (2024): Pressemappe zur Jahresauswertung. Rechte, rassistische und antisemitische Angriffe in Berlin 2023. S. 4, LINK; SVR (2024): Kontinuität oder Paradigmenwechsel? Die Integrations- und Migrationspolitik der letzten Jahre. S. 99, LINK.

Schutz vor Diskriminierung an Schulen

Zwischen 2021 und 2023 gingen 1.336 Beratungsanfragen zum Bereich Bildungzu Merkmalen, die im AGG sind. bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) ein. Etwa die Hälfte davon (51 Prozent) bezog sich auf rassistische Diskriminierung. Die ADS ist zuständig für Fälle des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetztes (AGG) – und das schützt nicht vor Diskriminierung in Bildungseinrichtungen. Die ADS förderte 2024 den Aufbau einer bundesweiten Fachstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen.ADS (2024): Jahresbericht 2023. S. 39, LINK; ADS (2024): Diskriminierung in Deutschland. Erkenntnisse und Empfehlungen. S. 195, 198f. LINK.

Bisher hat Berlin als einziges Bundesland ein Landesgesetz, das vor Diskriminierung in Bildungseinrichtungen schützt. Das Berliner Landesantidiskriminierungsgesetz (LADG) gibt Betroffenen die Möglichkeit, gegen die Diskriminierung vorzugehenDies gilt auch für Schüler*innen und Studierende an privaten Bildungseinrichtungen.. In Berlin gibt es auch eine unabhängige Anlaufstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen (ADAS).

Diskriminierung an Universitäten

Diskriminierungserfahrungen machen auch Studierende an deutschen Hochschulen – etwa aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit. In einer Befragung 2022 gaben 10 Prozent der befragten Studierenden an, mindestens einmal rassistische Diskriminierung an ihrer Universität erlebt zu haben.Fereidooni et al. (2023): Studie zu Diskriminierungserfahrungen unter Studierenden der Ruhr-Universität Bochum. S. 9f., LINK.
In einer Befragung 2021 berichten 26 Prozent der Studierenden von Diskriminierung. Gleichzeitig beobachteten 46 Prozent der Befragten Diskriminierung von anderen Studierenden, zum Beispiel aufgrund ihres Migrationshintergrundes (24 Prozent), der religiösen Zugehörigkeit (14 Prozent) oder wegen der Sprache (24 Prozent).QuelleMeyer et al. (2022): Die Studierendenbefragung in Deutschland: Fokusanalysen zu Diskriminierungserfahrungen an Hochschulen. S. 4, 8f., LINK.

Auch bei Studierenden wirkt sich erlebte Diskriminierung negativ auf die Studienzufriedenheit aus und führt häufig zu erhöhtem Stress.Meyer et al. (2022): Die Studierendenbefragung in Deutschland: Fokusanalysen zu Diskriminierungserfahrungen an Hochschulen. S. 8f., LINK.