Online-Pressegespräch

5 Jahre nach der Taliban-Machtübernahme: Afghanen in Deutschland

Seit der Machtübernahme der Taliban vor fünf Jahren hat sich die humanitäre und wirtschaftliche Situation im Land verschärft. Viele Afghanen in Deutschland leben in Sorge um Angehörige und ihre Zukunft hierzulande.

Mediendienst-Pressegespräch am 29.07.2026 zu Afghanen in Deutschland 5 Jahre nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan.

Am 15. August 2021 eroberten die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul. Hunderttausende Menschen flohen aus dem Land. Fünf Jahre später befindet sich Afghanistan weiterhin in einer tiefen wirtschaftlichen sowie humanitären Krise – verschärft durch die Rückkehr von rund 6 Millionen Flüchtlingen aus Pakistan und dem Iran. Aus Deutschland finden seit 2024 wieder Abschiebungen nach Afghanistan statt, seit Juli 2026 auch von Personen, die keine Straftäter sind. Über die Lage in Afghanistan und die Situation von Afghan*innen in Deutschland haben wir mit Experten diskutiert. 

Wichtige Quellen

Statements aus dem Pressegespräch

Thomas Ruttig, Mitbegründer des Afghanistan Analyst Network

„Das Land befindet sich in einer multiplen Krisensituation: politisch, menschenrechtlich, wirtschaftlich, humanitär. Dazu kommt die Klimakrise, Afghanistan gehört zu den zehn davon am meisten betroffenen Ländern . Wirtschaftlich befindet sich Afghanistan in der tiefsten Krise zumindest seiner jüngeren Geschichte. Die Armutsrate liegt zwischen 65 und 90 Prozent .

Die humanitäre Krise verschärft sich durch die Abkehr des Westens von Afghanistan. Der größte Geber waren bis vor Kurzem die USA mit 40 Prozent aller humanitären Hilfe, die nach Afghanistan floss. Das wurde 2025 durch die Trump-Regierung komplett abgestellt. Auch Deutschland hat extrem reduziert: Waren es 2021 noch 600 Millionen für humanitäre Hilfe, waren es 2025 wohl nur noch 20 Millionen . Das Resultat ist, dass der humanitäre Bedarf, der in jedem Jahr von der UN berechnet wird, gegenwärtig für das laufende Jahr nur zu 16,9 Prozent gedeckt ist."

Christina Ihle, Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins e.V.

„In Afghanistan ist ein Überwachungsstaat entstanden, der wenig Spielraum lässt und die Zivilbevölkerung und eben auch Menschen, die zurückkommen, bis auf Kleinste überwacht. Wenn gefährdete Personen jetzt nach Afghanistan zurückkommen, sind sie dort registriert, sie sind auf Listen und natürlich in Gefahr. 

Frauen werden extrem zurückgedrängt. Trotzdem bilden sie das Rückgrat und die Hoffnung Afghanistans, denn sie machen unvermindert weiter. Frauen in Afghanistan sind unglaublich mutig und couragiert, das zu tun, was ihnen an Möglichkeiten noch offen ist, um ihre Situation und die ihrer Familien zu verbessern."

Mitra Hashemi, Geschäftsführende Präsidentin der Deutsch-Afghanischen Freundschaftsgesellschaft Baaham e.V.

"Vor fünf Jahren haben wir versucht, afghanische Juristinnen aus Afghanistan zu evakuieren. Wir haben Nächte und Monate daran gearbeitet, 53 von ihnen nach Deutschland in Sicherheit zu bringen. Diese Sicherheit dauerte leider nicht lange: 5 Jahre danach müssen sie in Deutschland zur afghanischen Botschaft, um ihre Pässe zu verlängern. Und wir wissen, was jetzt gerade in der afghanischen Botschaft los ist : Jetzt müssen die Richterinnen, die Taliban-Verbrecher verurteilt haben, bei Vertretern der Taliban um die Verlängerung des Passes oder Dokumente für ihre Kinder ersuchen. Das ist eine Gefahr für Leib und Leben dieser Frauen, die so viel Großartiges geleistet haben. Wir haben sogar Fälle, wo sie und ihre Familien in Afghanistan danach bedroht wurden." 

Dr. Kefajatullah Hamidi, ehrenamtlicher Vorsitzender des Verbandes afghanischer Organisationen in Deutschland (VAFO)

„Die Folgen der Machtübernahme reichen bis heute in den Alltag vieler Familien in Deutschland. Viele Familien leben seit Jahren getrennt. Menschen unterstützen ihre Verwandten finanziell oder versuchen, Angehörige in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig müssen sie hier arbeiten, studieren, deutsch lernen, ihre Kinder begleiten und einen neuen Alltag aufbauen.

Menschen aus Afghanistan dürfen nicht auf Flucht, Gewalt, Religion, Abschiebung oder die Taliban reduziert werden. Sie arbeiten in Krankenhäusern, Schulen, Unternehmen, Hochschulen und Verwaltung und übernehmen Verantwortung in dieser Gesellschaft. Über Afghanistan wird in Deutschland viel gesprochen. Mit den Menschen selbst, ihren Organisationen, wird noch zu wenig gesprochen."

Für die schriftliche Version wurden die Expertenzitate leicht angepasst.