Bilanz

20 Jahre Deutsche Islam Konferenz

Mit der Deutschen Islam Konferenz begann 2006 ein Austausch zwischen Staat und Muslimen. Ein Durchbruch, sagen Forschende. Was die DIK in 20 Jahren erreicht hat und warum es Streit um die Teilnehmenden gab.

Eröffnung der ersten Deutschen Islam Konferenz 2006 unter Innenminister Wolfgang Schäuble im Schloss Charlottenburg in Berlin. Foto: picture-alliance/ dpa | Wolfgang Kumm

Vor 20 Jahren, am 27. September 2006, eröffnete der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU, zur Eröffnungsrede) die Deutsche Islam Konferenz (DIK). Das Ziel: einen Austausch zwischen Muslimen und dem Staat aufbauen. Denn es gab kaum Regelungen – für islamische Bestattungen, Religionsunterricht oder die Ausbildung von Imamen. Von Beginn an standen auch Sicherheitsfragen und extremistischer Islamismus auf dem Programm, die Zeit stand unter dem Eindruck der islamistischen Anschläge vom 11. September und der folgenden Anschläge in Europa. 

Ein staatlicher Dialog mit Muslimen – dagegen gab es in der Politik Vorbehalte. „Wolfgang Schäuble nutzte seine Reputation und Präsenz, um das durchzusetzen”, sagt die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus. Sie hat die Konferenz als Wissenschaftlerin begleitet. Bis 2006 habe es auf Bundes- und Länderebene kaum Kommunikation mit muslimischen Interessenvertretern gegeben, sondern eine Blockadehaltung. Mit der Deutschen Islam Konferenz änderte sich das – dort kommen seit 2006 muslimische Akteur*innen mit Vertreter*innen von Bund, Ländern und Kommunen zusammen. „Die Deutsche Islam Konferenz war ein Durchbruch”, sagt Spielhaus.  vgl. Deutsche Islam Konferenz: Ziele; sowie Eröffnungsrede von Wolfgang Schäuble zur DIK 2006; Spielhaus (2016): „Das Gremium hat wichtige Impulse gesetzt”, Gastbeitrag für den Mediendienst

Die DIK ist nicht nur Diskussionsraum, sondern stieß auch zahlreiche Vorhaben an. „Die Konferenz hat viel verändert und möglich gemacht”, sagt Spielhaus. Etwa den Islamischen Religionsunterricht an Schulen oder Islamische Theologie an Universitäten.

Die Deutsche Islam Konferenz befindet sich aktuell in der 6. Phase. Mit jeder neuen Bundesregierung beginnt eine neue Phase. Federführend ist das Bundesinnenministerium. Hier eine Übersicht über die Phasen und jeweiligen Themen der DIK.

Islamischer Religionsunterricht

Erste Überlegungen, Islamischen Religionsunterricht an Schulen einzuführen, gab es schon in den 1970er Jahren. Lange Zeit stockte das Projekt. In der ersten Phase der DIK (2006-2009) erarbeiteten dann Vertreter*innen von Bund, Ländern und islamischen Akteuren erste rechtliche Grundlagen und Empfehlungen. Heute gibt es in neun Bundesländern Islamunterricht an Schulen. Im Schuljahr 2025/26 nahmen rund 84.500 Schüler*innen teil, wie eine neue Recherche des Mediendienst zeigt. Die Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt. „Dass es heute diesen Islamunterricht gibt, ist ein Verdienst der DIK”, sagt Spielhaus. Das Angebot decke aber noch lange nicht den Bedarf. DIK (2020): „Islamischer Religionsunterricht”; Mediendienst Integration (2026): „Islamischer Religionsunterricht in Deutschland”

Islamische Theologie an Universitäten

Im Jahr 2009 empfahl die DIK, Islamische Theologie an Hochschulen in Deutschland zu etablieren – etwa, um Lehrkräfte für den Religionsunterricht auszubilden. Bereits 2011 eröffneten erste Standorte, der Bund förderte den Aufbau. Heute wird in Deutschland an zwölf Hochschulen Islamische Theologie oder Islamische Religionspädagogik gelehrt. In Münster eröffnete diesen Sommer eine eigenständige Fakultät. „Mittlerweile haben wir in der islamischen Theologie ein Ausbildungssystem, das weltweit führend ist”, sagt der Islamwissenschaftler Mathias Rohe. Er hat als Wissenschaftler bei allen Phasen der DIK mitgewirkt.  Deutsche Islam Konferenz (2009):"Zwischenresümee", S. 14; Uni Münster (2026): Pressemitteilung

Imam-Ausbildung und Seelsorge

Ein Ziel der DIK war, mehr Imame in Deutschland und auf Deutsch auszubilden. Bis heute arbeiten in den meisten Moscheen in Deutschland Imame, die aus dem Ausland entsendet wurden. Mit Mitteln der DIK eröffnete 2021 das Islamkolleg Osnabrück, ein verbandsübergreifendes Ausbildungsprogramm auf Deutsch. Ein weiteres Programm der DITIB auf Deutsch startete 2020 in Dahlem/Eifel. Bis viele in Deutschland ausgebildete Imame an Moscheen arbeiten werden, wird es eine Weile dauern. Ein Grund: Viele Moscheen können Absolventen deutscher Ausbildungsprogramme nicht angemessen bezahlen. Mehr zur Imam-Ausbildung hier. Vgl. DIK (2024): „Ausbildung religiösen Personals islamischer Gemeinden„

Auch weitere Empfehlungen der DIK führten zu Veränderungen: Etwa, islamische Bestattungen zu ermöglichen. Oder muslimische Seelsorge in Krankenhäusern, Gefängnissen und der Bundeswehr auszubauen – auf Anraten der DIK wurden dafür mehr Ausbildungsprogramme eingerichtet. Zudem wurden Strategien für Kommunen erarbeitet, um Konflikten beim Bau von Moscheen entgegenzuwirken. Vgl. Deutsche Islam Konferenz: „Auswahl von Empfehlungen und Schlussfolgerungen zu praxisrelevanten Themen„, S. 6ff. sowie (2026): Dokumentation zur Fachtagung: Islamische Seelsorge in Militär, Gefängnis und Krankenhaus

Erste repräsentative Studie zu Muslimen in Deutschland

Vor der Deutschen Islam Konferenz gab es kaum belastbare Daten über die muslimische Bevölkerung in Deutschland. Die Konferenz gab die erste umfassende repräsentative Studie „Muslimisches Leben in Deutschland” in Auftrag. Sie erschien 2009 und wurde seitdem mehrmals neu aufgelegt. 2025 lebten der neuesten Hochrechnungen zufolge 6,6 bis 7 Millionen Muslim*innen in Deutschland – und machen damit rund 8,5 Prozent der Bevölkerung aus. Weitere aktuelle Zahlen fasst der Mediendienst im Dossier Muslime in Deutschland zusammen. BAMF (2026): „Muslimisches Leben in Deutschland”; „Zahl der Musliminnen und Muslime 2025”, S. 20

Islamismus und Sicherheit von Muslimen

Das Thema Sicherheit stand seit der Gründung der DIK auf der Agenda. Riem Spielhaus nahm in der ersten Phase (2006-2009) am Gesprächskreis Sicherheit und Islamismus teil, bei dem sich Sicherheitsbehörden und muslimische Akteure austauschten. „Von der muslimischen Seite war der Austausch sehr willkommen, für sie gab es viele relevante Aspekte – etwa den Schutz von Moscheen und den Umgang mit extremistischen Kräften”, sagt die Islamwissenschaftlerin. Auch Teilnehmende vom Verfassungsschutz hätten die Diskussionen geschätzt. Aber: „Über Drohungen gegen Muslime und ihre Sicherheit wurde nicht gesprochen, das wurde immer wieder abgelehnt.”

Im Laufe der DIK gab es immer wieder Kritik daran, dass sich die Konferenz zu stark auf Sicherheit und Islamismus fokussiere. „Es ist ein Problem, wenn Sicherheit zum Hauptthema gemacht wird oder Muslime unter Generalverdacht geraten", sagt Spielhaus. Es sei aber eine Chance, islamische Organisationen beim Thema einzubeziehen. Um Sicherheitsbehörden und muslimische Communities zu vernetzen, entstand auf Vorschlag der DIK das Kooperationsnetzwerk Sicher Zusammenleben. 

Antimuslimischer Rassismus

Im Jahr 2010 sagte der Zentralrat der Muslime aus Protest seine Teilnahme an der Konferenz ab. Die Begründung: Das Bundesinnenministerium wolle das Thema antimuslimischer Rassismus nicht auf die Agenda setzen. Später nahm sich die DIK des Themas an. Gefördert von der Konferenz erschien 2023 ein umfassender Forschungsbericht zu antimuslimischem Rassismus in Deutschland. Mathias Rohe war einer der Koordinatoren des unabhängigen Expertenkreises, der den Bericht verfasste. „Antimuslimischer Rassismus ist immer noch ein Alltagsphänomen”, sagt der Forscher – etwa bei der Jobsuche oder auf dem Wohnungsmarkt. Der muslimfeindliche Diskurs habe sich über die Jahre der DIK verschärft – etwa durch Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab” 2010, die Gründung der AfD 2013 und deren Anti-Islam-Kurs sowie die antimuslimischen Demonstrationen von Pegida ab 2015. Gleichzeitig gibt es Rohe zufolge eine große Alltagssolidarität mit Muslim*innen und ein stärkeres Bewusstsein für Diskriminierung. Für die aktuelle Phase der DIK fordert der Koordinationsrat der Muslime, Diskriminierung wieder stärker in den Blick zu nehmen. Einen Überblick zu Zahlen und Studien gibt der Mediendienst im Dossier Antimuslimischer Rassismus. KRM (2026): „Die DIK zwischen Fortschritt und Fehltritt”

Streit um Teilnehmer 

Für Kontroversen sorgte immer wieder die Zusammensetzungzu den Teilnehmer-Listen hier für Phase 1, Phase 2, Phase 3). der DIK. In den ersten drei Phasen lud das Innenministerium eine feste Gruppe von Verbänden und zu Beginn auch Einzelpersonen ein. Daran gab es von vielen Seiten Kritik: Konservative islamische Verbände würden zu viel Gewicht bekommen und nur einen Bruchteil der Muslime in Deutschland vertreten, liberale Stimmen fehlten. Andere kritisierten, wortstarke Einzelpersonen würden zu viel Raum einnehmen. Vgl. Spielhaus (2016): „Das Gremium hat wichtige Impulse gesetzt„, Gastbeitrag für den Mediendienst; u.a. dpa (2016): Verärgerung über die Islamkonferenz, Deutschlandfunk (2016): Zehn Jahre Deutsche Islam Konferenz: An der Realität vorbei

Dass es Streit um die Teilnahme gibt, findet Rohe normal. Schließlich habe die DIK den Teilnehmern Zugang zu politischen Entscheidungsträgern gegeben: „Es geht darum, wer an den Tisch darf und wer nicht”. Mittlerweile wechselt die Zusammensetzung je nach Thema. Neben islamischen Verbänden sind heute zunehmend zivilgesellschaftliche Organisationen vertreten.

Ausblick

2026 fanden im Rahmen der Deutschen Islam Konferenz bisher zwei Veranstaltungen statt (hier und hier). Einen klaren Schwerpunkt gibt es derzeit nicht, laut Bundesinnenministerium sind Thema unter anderem die Einbindung von Muslimen aus Asylherkunftsländern, die Ausbildung von Imamen sowie die Finanzierung von Moscheen.  Antwort des Bundesinnenministeriums auf Anfrage des Mediendienstes (September 2026). 

Die Finanzierung ist für Rohe eines der drängendsten Probleme: „Muslimische Organisationen haben wenige Ressourcen. Es bleibt die Frage, wie sie ihre Arbeit gut leisten können." Für die aktuelle Regierung scheine die DIK keine besonders große Bedeutung zu haben, sagt Islamwissenschaftlerin Spielhaus. Dabei gebe es viele Themen: antimuslimischer Rassismus, Zusammenleben und auch Sicherheit. "Es wäre wichtig, die Religionsgemeinschaften dabei einzubeziehen".