Das Aufdecken der rechtsextremen terroristischen Vereinigung "NSU", Hetzsprüche bei Antiflüchtlings-Demonstrationen oder die bundesweite Diskussion um das Wort "Neger" in Kinderbüchern machen deutlich: Die Rassismus-Debatte gehört auch in Deutschland längst zum (journalistischen) Alltag. Dabei ist der Umgang mit dem Begriff noch ambivalent. Einerseits verdrängt er zunehmend das Wort Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit, weil sich die ablehnende Haltung ja nicht nur gegen Fremde oder Ausländer richtet, sondern auch gegen Einheimische. Andererseits wird er von vielen weiterhin als Phänomen des rechten Rands aufgefasst.In ihrer Rede bei der Gedenkveranstaltung für die NSU-Opfer deutete Angela Merkel erstmals einen Rassismus in der Mitte der Gesellschaft an: "Intoleranz und Rassismus äußern sich keineswegs erst in Gewalt. Gefährlich sind nicht nur Extremisten. Gefährlich sind auch diejenigen, die Vorurteile schüren, die ein Klima der Verachtung erzeugen. Wie wichtig sind daher Sensibilität und ein waches Bewusstsein dafür, wann Ausgrenzung, wann Abwertung beginnt."Das Projekt "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" hat nun ein Themenheft veröffentlicht, um dieses Bewusstsein bei Jugendlichen zu schaffen und bietet Hintergrundwissen zu theoretischen und aktuellen Fragen. In sechs Kapiteln wird zunächst eine Definition von Rassismus als Legitimierung von Macht vorgestellt. Hier lernt man: Rassismus steht für eine Lehre, die an die Existenz verschiedener menschlicher Rassen und an die Überlegenheit einiger davon glaubt.
Die biologische Debatte
Der Wunsch, Menschen nach ihren Genen zu unterteilen, existiere seit Jahrtausenden. Im Zeitalter der Aufklärung seien Menschen zunehmend biologisch kategorisiert worden, um sie ähnlich wie die Tierwelt rational zu erfassen. So habe etwa der französische Philosoph Voltaire 1755 geschrieben: "Die Rasse der Neger ist eine der unsrigen völlig verschiedene Menschenart, wie die der Spaniels sich von der der Windhunde unterscheidet. (...) Man kann sagen, dass ihre Intelligenz nicht einfach anders geartet ist als die unsrige, sie ist ihr weit unterlegen."Die Autoren des Themen-Hefts gehen auf die biologische Debatte ein und argumentieren dagegen: "Wissenschaftliche Erkenntnisse der Genforschung zeigen, dass alle Menschen einer einzigen Gruppe von Säugetieren angehören, der des Homo sapiens. (...) Die Entschlüsselung der genetischen Struktur der Menschen zeigt eine Übereinstimmung von über 99,9 Prozent bei allen Menschen." Unterschiede zwischen den Menschen seien nach dem Zufallsprinzip verteilt. Und dass beispielsweise die erfolgreichsten Langstreckenläufer oft aus Ländern wie Kenia und Äthopien stammen, habe mit körperlichen Reaktionen auf die Umwelt zu tun und nicht mit einem vermeintlich afrikanischen Erbgut.In einem kurzen historischen Rückblik wird erklärt, warum Sklaverei und Rassismus nicht per se dasselbe seien. Wesentlich für das heutige Verständnis von Rassismus, auch in Deutschland, sei "das Erbe des Kolonialismus" und der Rassismus im Nationalsozialismus