Am 30. Oktober 1961 wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet. In der Folge kamen bis zum Anwerbestopp 1973 etwa 870.000 sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus der Türkei nach Westdeutschland.
65 Jahre später leben türkeistämmige Rentner heute vergleichsweise oft in Altersarmut – einige von ihnen sind ehemalige Gastarbeiter. Sie erhalten im Schnitt 360 Euro weniger Rente im Monat als deutsche Rentenempfänger, und bekommen dreimal so oft Grundsicherung im Alter. Das Armutsrisiko ist bei Rentnern aus Gastarbeiterstaaten fast doppelt so hoch wie bei deutschen Rentnern.
Niedrigere Renten für türkische Staatsbürger
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Rentenempfänger mit türkischer Staatsangehörigkeit erhalten in Deutschland im Schnitt etwa 360 Euro weniger Rente als deutsche Rentenempfänger: Ende 2025 waren es 890 Euro im Vergleich zu 1.250 Euro pro Monat, so eine Sonderauswertung der Deutschen Rentenversicherung für den Mediendienst.
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Besonders betroffen sind Frauen, die knapp über die Hälfte der türkeistämmigen Rentenempfänger*innen ausmachen. Ihre Rente liegt etwa ein Drittel unter der von deutschen Rentenempfängerinnen (687 Euro im Vergleich zu 1.046 Euro).
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Insgesamt beziehen rund 351.000 Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit eine Alters- oder Erwerbsminderungsrente in Deutschland (Stand Ende 2025). Zum Teil dürfte es sich dabei um ehemalige Gastarbeiter handeln, es sind aber auch Personen enthalten, die später nach Deutschland kamen oder hier geboren wurden. Zudem erhalten rund 127.000 Personen Hinterbliebenenrenten, ingesamt sind es somit 478.000 Rentenempfänger mit türkischer Staatsangehörigkeit, fünf Jahre zuvor waren es 440.000.
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Der Anteil von Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit, die hier Grundsicherung im Alter erhalten, ist mehr als dreimal so hoch wie bei Deutschen (9,3 zu 2,7 Prozent, Zahlen für Juni 2026).
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Gastarbeiter*innen sind häufiger von Altersarmut betroffen: Laut Mikrozensus 2025 liegt die Armutsgefährdungsquote von Rentnern aus Gastarbeiterstaaten bei 31,5 Prozent – bei Rentnern ohne Migrationshintergrund sind es 17 Prozent, bei Rentnern mit Migrationshintergrund 29,3 Prozent.
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Im Rentenalter arbeiten Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit seltener weiter als Deutsche. Ihre Beschäftigungsquote liegt nur halb so hoch wie bei Deutschen, wie aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht (5,2 zu 10,8 Prozent).
Zum Abkommen
Nach dem Anwerbeabkommen von 1961 kamen zahlreiche sogenannte Gastarbeiter nach Westdeutschland. Bis zum Anwerbestopp 1973 reisten 867.000 Arbeitnehmer aus der Türkei ein. Von allen türkischen Gastarbeiter*innen waren rund ein Fünftel Frauen. Einige kehrten später zurück oder pendelten. Als das nicht länger möglich war, holten viele ihre Familien nach. Im Jahr 1980 lebten rund 1,4 Millionen türkische Staatsangehörige in der Bundesrepublik.
In den ersten Jahren nach den Anwerbeabkommen arbeiteten die meisten Gastarbeiter als gering qualifizierte Arbeitskräfte in Fabriken, wo sie schwere Arbeiten erledigten. Ein wichtiger Arbeitgeber war die Automobilindustrie. Schätzungen zufolge konnten durch die Gastarbeitermigration 2,3 Millionen deutsche Arbeiter*innen in besser bezahlte Positionen aufsteigen.
Kaum Verbesserungen in den letzten Jahren
Abgesehen von Erleichterungen bei der Einbürgerung hat es wenig Bemühungen in der Politik gegeben, die Situation der ehemaligen Gastarbeiter zu verbessern. An den finanziell oft prekären Lebensumständen habe sich nichts geändert, so der Sozialwissenschaftler Eric Seils vom gewerkschaftsnahen WSI-Institut in Düsseldorf. Der Forscher befasste sich eingehend mit dem Thema Gastarbeiter. Das Armutsrisiko bei ehemaligen Gastarbeitern sei immer noch deutlich höher.
Dass türkeistämmige Rentner seltener arbeiten, ist für den Forscher wenig überraschend. Beschäftigung über den Renteneintritt hinaus hänge davon ab, wie gut man qualiziert sei und ob die Unternehmen Bedarf hätten. Auch gesundheitliche Einschränkungen bei älteren Menschen aus Gastarbeiterländern spielten eine Rolle, vermutlich können viele nicht mehr arbeiten. Auch die Motivation sei ein Faktor, so Seils: Sich stark mit der Arbeit identifizieren und dann im Rentenalter weiter arbeiten – das machen vor allem Höherqualifizierte.
Gründe für geringere Renten
Es gibt mehrere Gründe für die niedrigeren Renten der ehemaligen türkischen Gastarbeiter:
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Sie haben im Schnitt weniger als ihre deutschen Kollegen verdient. Zunächst haben viele die niedrigeren Löhne noch durch Überstunden und Zulagen für Schwerstarbeit kompensiert. Später, während der Ölkrise in den 70ern, haben sie aber als Randarbeiter in den Fabriken als erste ihre Jobs verloren.
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Die Gastarbeiter erhielten keine Sprachkurse, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Einige verfügten über keinen Schulabschluss und es gab wenige Weiterbildungsmöglichkeiten. Dadurch waren sie oft in schlechter bezhalten Tätigkeiten angestellt. Eine Rolle spielten auch Diskriminierungserfahrungen bei der Arbeitsplatzsuche.
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Zudem konnten sie weniger Erwerbsjahre für die Rentenansprüche ansammeln. Das liegt zum einen daran, dass einige schon deutlich älter waren, als sie ihren ersten Job in Deutschland angetreten haben. Zum anderen waren Gastarbeiter*innen stärker vom Abbau von Arbeitsplätzen in den 1970er und 1980er Jahren betroffen und wurden zwischenzeitlich arbeitslos. Viele übten körperlich schwere Arbeit aus und sind dadurch in Frührente gegangen. All das wirkt sich heute auch auf ihr Rentenniveau aus.
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Eine Rolle spielt dabei auch Immobilienbesitz: Rentner*innen mit Migrationshintergrund verfügen deutlich seltener über ein Eigenheim. Sie müssen deshalb im Schnitt mehr für die Miete ausgeben.
Schlechtere gesundheitliche Situation
Neben der schlechteren finanziellen Situation deuten Studien auch auf eine schlechtere Gesundheit ehemaliger Gastarbeiter hin: Rentner*innen mit türkischem Migrationshintergrund weisen eine schlechtere psychische Gesundheit auf und berichten häufiger von Einsamkeit, so eine Studie von 2013. Ausländer*innen aus Gastarbeiterländern schätzen ihre Gesundheit umso schlechter ein, je länger sie in Deutschland lebten und je häufiger sie Diskriminierung erfahren hatten, so eine Befragung von 2023. Insgesamt machen sich ältere Menschen mit Migrationshintergrund deutlich häufiger "große Sorgen" um ihre Altersversorgung als Ältere ohne Migrationshintergrund (23 zu 14 Prozent), wie eine Befragung von 2020 zeigte.
Die schlechtere gesundheitliche Situation zeigt sich auch in den Renten. Türkische Rentenempfänger erhalten mehr als doppelt so oft Erwerbsminderungsrenten wie die Gesamtheit der Rentenempfänger (16,5 zu 8,4 Prozent, Stand: Ende Dezember 2025), wie aus Zahlen der Rentenversicherung für diese Recherche hervorgeht. Das sind Renten, die bei einer Arbeitsunfähigkeit ausgezahlt werden, zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen oder nach Unfällen.
Rückkehrer in die Türkei und Pendler
Viele ehemalige Gastarbeiter sind in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt oder pendeln zwischen dem Herkunftsland und Deutschland. Durch die Gastarbeiter-Migration sind enge Verbindungen zwischen der Türkei und Deutschland entstanden. Bei den vergleichszweise hohen Zuzugszahlen aus der Türkei dürfte es sich teils um zirkuläre Migration handeln, so eine Daten-Auswertung von 2025, also um Menschen, die zwischen beiden Ländern hin- und zurückwandern.
Eine Rolle können einer Studie zufolge die niedrigeren Lebenshaltungskosten in der Türkei spielen. Mit vergleichsweise niedrigen Renten dürfte sich in der Türkei ein höherer Lebensstandard realisieren lassen. Auch wenn es keine belastbaren Zahlen dazu gibt, bieten die Zahl der Renten-Überweisungen in die Türkei einen Hinweis dafür, dass einige Rentner dauerhaft in der Türkei leben: Im Jahr 2025 wurden 85.100 Renten an Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in die Türkei gezahlt, so die Angaben der Rentenversicherung.