Mehr als jede vierte Ärztin oder jeder vierte Arzt (27,1 Prozent) in Sachsen-Anhalts Krankenhäusern hat keinen deutschen Pass. Das ergibt eine Abfrage des Mediendienstes bei der Ärztekammer Sachsen-Anhalt.
Insgesamt – also in Krankenhäusern, Praxen, Behörden und weiteren Bereichen – lag der Anteil der ausländischen Ärztinnen und Ärzte in Sachsen-Anhalt etwas niedriger, bei 18,7 Prozent. Damit hatte knapp jeder fünfte Arzt und jede fünfte Ärztin einen ausländischen Pass.
Sachsen-Anhalt liegt damit über dem bundesweiten Durchschnitt: Deutschlandweit hat rund jede sechste Ärztin und jeder sechste Arzt keine deutsche Staatsangehörigkeit (16 Prozent), wie eine Mediendienst-Recherche im Mai 2026 gezeigt hat.
Die große Mehrheit (83,4 Prozent) der ausländischen Ärztinnen und Ärzte in Sachsen-Anhalt arbeitet in Krankenhäusern.
Die meisten berufstätigen ausländischen Ärzte und Ärztinnen waren der Landesärztekammer zufolge in Magdeburg gemeldet (354), gefolgt von den Landkreisen Harz (222), Dessau-Roßlau (197), Halle (181) und dem Salzlandkreis (177).
Die meisten ausländischen Ärztinnen und Ärzte arbeiten in den Großstädten Magdeburg und Halle. Besonders hoch ist ihr Anteile an allen Ärzten in ländlichen Regionen: Im Altmarkkreis Salzwedel, unter den am dünnsten besiedelten Kreisen in Deutschland, arbeiten beispielsweise 67 Ärztinnen und Ärzte ohne deutschen Pass – ihr Anteil liegt bei 29 Prozent. Zum Vergleich: In Halle arbeiten 181 nicht-deutsche Ärztinnen und Ärzte, ihr Anteil liegt bei nur rund 8 Prozent. Insbesondere in dünn besiedelten Regionen sind die Fachkräfte ohne deutschen Pass für die medizinische Versorgung relevant.
Diese hänge in Sachsen-Anhalt "in hohem Maße von qualifizierten Ärztinnen, Ärzten und anderen Gesundheitsfachkräften aus dem Ausland" ab, so die Ärztekammer in einer Pressemitteilung. Vor allem im ländlichen Raum sei eine „flächendeckende Versorgung ohne ausländische Kolleginnen und Kollegen nicht mehr sicherzustellen”.
Wie wichtig internationale Fachkräfte für Krankenhäuser in ländlichen Regionen sind, zeigt das Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben. Nach dessen Angaben haben 76 von 280 Ärztinnen und Ärzten eine internationale Biografie – das sind rund 26 Prozent. Insgesamt arbeiten an den drei Standorten etwa 100 Beschäftigte internationaler Herkunft. „Ohne sie wäre die Versorgung der von rund 100.000 Patientinnen und Patienten im Jahr in dieser Qualität nicht möglich”, sagt Geschäftsführer Matthias Voth gegenüber dem Mediendienst.
Die häufigsten Herkunftsländer
Die meisten ausländischen Ärztinnen und Ärzte in Sachsen-Anhalt kommen aus:
- Aserbaidschan (164),
- der Ukraine (159),
- Syrien (153),
- Russland (152) und
- Rumänien (151).
Dazu liegen von der Ärztekammer Sachsen-Anhalt nur die Zahlen für alle bei der Kammer gemeldeten Ärztinnen und Ärzte vor. Es sind demnach auch aktuell nicht berufstätige eingerechnet.
Ausländische Ärzte sind jünger
Ausländische Ärztinnen und Ärzte, in Sachsen-Anhalt, sind im Durchschnitt etwa zehn Jahre jünger als ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen (39 im Vergleich zu 49 Jahren). Für ganz Deutschland liegt der Bundesärztekammer die Altersverteilung ausländischer Ärztinnen und Ärzte nicht gesondert vor.Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen eine ähnliche Tendenz: 2024 waren demnach etwa die Hälfte (49 Prozent) der ausländischen Ärzte und Ärztinnen jünger als 35 Jahre. Unter jenen mit deutscher Staatsbürgerschaft waren es nur 18 Prozent.
Insgesamt dürften ausländische Ärztinnen und Ärztein den kommenden Jahren für die medizinische Versorgung immer wichtiger werden: Im Jahr 2024 waren bundesweit 31 Prozent aller Ärztinnen und Ärzte 55 Jahre und älter, viele werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen.
In Sachsen-Anhalt trugen sie schon in den letzten Jahren überdurchschnittlich zum Beschäftigungswachstum bei: Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist die Zahl sozialversicherungspflichtig beschäftigter Ärzte und Ärztinnen ohne deutschen Pass in Sachsen-Anhalt seit 2020 um 39,5 Prozent gestiegen. Die Zahl aller Ärztinnen und Ärzte stieg im selben Zeitraum um 12 Prozent.
Ausländische Pflegekräfte in Sachsen-Anhalt
Etwa anders sieht es bei den ausländischen Pflegekräften aus: Ihr Anteil liegt laut der Bundesagentur für Arbeit in Sachsen-Anhalt bei 10,9 Prozent. Das sind weniger als im bundesdeutschen Schnitt von rund 20 Prozent. Insgesamt arbeiteten in Sachsen-Anhalt Ende 2025 rund 6.380 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Gesundheitsbereich ohne deutschen Pass.
Die große Mehrheit kommt aus Staaten außerhalb der EU, mit 82,4 Prozent oder rund 5.260 Beschäftigte. Die Bundesagentur für Arbeit verweist darauf, dass Fachkräfte aus dem Ausland in Sachsen-Anhalt immer wichtiger werden. Allein im Jahr 2025 stieg die Zahl der Beschäftigten um 956 Personen. Ein Anstieg um 17,6 Prozent in nur einem Jahr.
Wer arbeitet morgen?
Sachsen-Anhalt ist das Bundesland mit der ältesten Bevölkerung Deutschlands. Im Jahr 2024 lag das Durchschnittsalter bei 48,3 Jahren. Seit 1990 ist die Bevölkerung von 2,9 Millionen auf etwa 2,2 Millionen zurückgegangen. Bis 2040 könnte sich dieser Trend fortsetzen und die Bevölkerung auf rund 1,83 Millionen Menschen schrumpfen. Durch die Alterung der Bevölkerung dürfte der Pflegebedarf weiter zunehmen.
In Sachsen-Anhalt leben vergleichsweise wenige Menschen mit Migrationshintergrund: 2025 waren es in dem Bundesland rund 12 Prozent der Bevölkerung, bundesweit etwa 31 Prozent. Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist, wie in ganz Deutschland, wesentlich jünger: In Sachsen-Anhalt sind über die Hälfte der Menschen mit Migrationshintergrund unter 35 Jahre alt.
Expertenstatements
Dr. Matthias Voth, Geschäftsführer am Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben:
„Der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen ist auch im Harz spürbar. Das Harzklinikum begegnet ihm seit Jahren mit einer Doppelstrategie aus regionaler Bindung und gezielter überregionaler und internationaler Rekrutierung. Aktuell sind im Klinikverbund rund 100 Mitarbeitende beschäftigt, deren internationale Herkunft dokumentiert nachvollziehbar ist.
Mehr als jeder vierte unserer Ärztinnen und Ärzte hat eine internationale Biografie – 76 von 280. Ohne sie wäre die Versorgung von rund 100.000 Patientinnen und Patienten im Jahr an unseren drei Standorten in Quedlinburg, Wernigerode und Blankenburg nicht in dieser Qualität möglich. Wir sind dankbar für jede Kollegin und jeden Kollegen, die sich für das Harzklinikum entscheiden.„
Ina Hopp, Pflegedirektorin Harzklinikum:
„In der Pflege zählt jede einzelne Kollegin und jeder einzelne Kollege. Egal, ob jemand seit 40 Jahren am Harzklinikum ist oder neu aus Tirana, aus Kabul oder aus Elbingerode hinzukommt: Am Bett zählen fachliche Sorgfalt und menschliche Zuwendung – und beides leisten unsere Teams jeden Tag. Genau diese Mischung aus Erfahrung und neuen Perspektiven macht uns als Arbeitgeber attraktiv.„
Landesverband der Arbeiterwohlfahrt auf Anfrage:
„Wir werden in den kommenden Jahren einen erheblichen Teil unserer Belegschaft altersbedingt verlieren. Deshalb sind internationale Fach- und Nachwuchskräfte für unsere Arbeit von großer Bedeutung und ein Teil der Lösung für den Fachkräftemangel. Sie leisten in unseren Einrichtungen einen unverzichtbaren Beitrag zur Versorgung der Menschen in Sachsen-Anhalt. Migrationsfeindliche Politik gefährdet schon jetzt Fachkräftegewinnung, gesellschaftliches Miteinander und letztlich die Funktionsfähigkeit sozialer und wirtschaftlicher Infrastruktur. Menschen, die sich nicht willkommen fühlen, werden perspektivisch das Land verlassen."