Täglich erleben Menschen in Deutschland Rassismus – und Schüler*innen sind davon nicht ausgenommen. Obwohl an deutschen Schulen mittlerweile Kinder unterschiedlichster Herkünfte zusammen lernen, die Diversität also groß ist, kommt es immer wieder zu Diskriminierung.
Wie häufig Schüler Rassismus erleben und welche Folgen das für die Kinder und Jugendlichen hat, haben Aileen Edele und Sophie Harms vom Berliner Institut für empirische Migrations- und Integrationsforschung (BIM) für den Mediendienst untersucht.
Ihre Erkenntnisse haben sie in dieser Expertise zusammengefasst.
Die Ergebnisse im Überblick
- Der Grad der wahrgenommenen Diskriminierung unterscheidet sich nach Herkunftsland der Schüler*innen beziehungsweise ihrer Familien.
- Jungen fühlen sich stärker diskriminiert als Mädchen.
- Rassistische Diskriminierungserfahrungen können sich negativ auf Selbstbild und Wohlbefinden der Schüler*innen auswirken.
- Der Schulalltag orientiert sich meist an den Bedürfnissen der „Mehrheitsschüler*innen“; Standardhochdeutsch ist Unterrichts- und Prüfungssprache. Schüler*innen ohne gute Deutschkenntnisse sind benachteiligt.
- Schüler*innen aus Minderheiten erreichen seltener als Kinder und Jugendliche aus nicht eingewanderten Familien den höchsten deutschen Schulabschluss, das Abitur, und besuchen auch seltener ein Gymnasium.
- Auch wenn bei der Erstellung von Lehr- und Lernmedien zunehmend auf Diversität geachtet wird, bilden viele Materialien noch immer stereotype Bilder bestimmter Bevölkerungsgruppen und Herkunftsländer ab.
Prof. Dr. Aileen Edele stellt die Expertise beim Mediendienst-Hintergrundgespräch vor (4.3.2026)
Große Diversität an Schulen
Mehr als 40 Prozent der Schüler*innen in Klassen an allgemeinbildenden und berufsbezogenen Schulen haben einen Migrationshintergrund. In sich ist diese Gruppe äußerst divers. Zahlreichen weiteren Schüler*innen wird zugeschrieben, „nicht wirklich deutsch“ zu sein – etwa aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Religion.
Je nach Herkunftsland erleben Schüler Diskriminierung unterschiedlich stark
Wer sich wie intensiv benachteiligt fühlt, unterscheidet sich laut einer Befragung nach mehreren Merkmalen: Zum einen spielt das Herkunftsland der Schüler*innen und ihrer Familien eine Rolle, zum anderen das Geschlecht. Generell ist das Maß der persönlich empfundenen Diskriminierung aber eher gering. Im Vergleich dazu liegt die wahrgenommene gruppenbezogenen Diskriminierung höher.
Dass Schüler*innen mit Migrationsgeschichte berichten, eher selten rassistische Erfahrungen zu machen, ist laut den Autorinnen der Expertise kein Grund zur Entwarnung. Bestimmte Gruppen seien überproportional betroffen. Rassistische Diskriminierung werde außerdem nicht immer als solche erkannt. Und schließlich stehe allen Kindern ein diskriminierungsfreier Schulbesuch zu. Bereits wenige negative Erfahrungen könnten sich laut Studienlage auf das psychische Wohlbefinden auswirken und schlimmstenfalls zu Depression führen.
Seltener schulischer Erfolg
Schüler*innen mit Migrationshintergrund erreichen seltener das Abitur und besuchen seltener ein Gymnasium als Schüler*innen, die nicht aus Einwandererfamilien kommen. Laut den Autorinnen weisen einige Feldstudien darauf hin, dass Lehrkräfte Schüler*innen mit Migrationshintergrund schlechter bewerten. Andere Studien kommen nicht zu diesem Ergebnis. Ohnehin greife die Bewertung durch Lehrkräfte zu kurz als Erklärung für Unterschiede beim Bildungserfolg. Auch die „geringeren familiären Ressourcen“ und Deutschkenntnisse in den Herkunftsfamilien spielten eine wichtige Rolle.
Eine Schule, die sich ausschließlich an den Bedürfnissen der Mehrheitsgesellschaft orientiert, diskriminiert einige Schüler*innen automatisch. Dabei könne auch die eingeschränkte Anerkennung der Herkunftssprachen eingewanderter Familien als Diskriminierung gedeutet werden. Die Autorinnen schreiben: „Deutsch im Unterricht stellt insgesamt eine Hürde für den Bildungserfolg von Kindern mit geringeren Deutschkenntnissen dar, was als institutionelle bzw. strukturelle Diskriminierung gewertet werden kann.“
Hinzu kommt, dass sich Kinder und Jugendliche aus Familien mit Migrationsgeschichte in ihren Schulbüchern und Lernmaterialien nicht repräsentiert sehen. Bestimmte Herkunftsländer und ihre Bevölkerung würden zudem abwertend porträtiert, schreiben die Autorinnen. Sie verweisen als Beispiel auf Länder des globalen Südens, deren Bewohner*innen „fast ausschließlich als rückständig, arm und ländlich dargestellt" würden. Besonders stereotyp beschrieben würden außerdem Sinti und Roma.