Mitte-Studie 2016 22.11.2016

"Es ist ein tiefer Spalt entstanden"

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland spricht sich nach wie vor für die Aufnahme von Flüchtlingen aus. Die Stimmung gegenüber Schutzsuchenden ist damit besser als oft angenommen. Das zeigt die neue "Mitte"-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Doch die Gesellschaft ist gespalten – in eine weltoffene Mehrheit und eine kleine, aber laute Minderheit, die menschenfeindliche Einstellungen vertritt. Die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung im Überblick.



Die "Mitte"-Studie 2016 zeigt das Bild einer gespaltenen Gesellschaft. Foto: MEDIENDIENST

Wie verbreitet sind rassistische und rechtsextremistische Einstellungen in der Bevölkerung? Was denken Menschen in Deutschland über Flüchtlinge, Muslime und Sinti und Roma? Alle zwei Jahre gehen Forscher diesen Fragen in einer repräsentativen Untersuchung nach. Für die diesjährige "Mitte"-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung haben sie knapp 1.900 Personen in ganz Deutschland befragt. Ihr Fazit: Die Gesellschaft ist gespalten. Während die Mehrheit demokratische Grundwerte vertritt und Weltoffenheit befürwortet, steht "eine nicht ganz kleine und umso lautere Minderheit" Gruppen wie Muslimen oder Einwanderern feindlich gegenüber.

Extreme Meinungen nehmen zu

Schon 2014 zeichnete sich eine Polarisierung in den Einstellungen ab. Dieser Trend habe sich nun weiter verschärft, erklärten die Autoren der Studie bei einer Pressekonferenz in Berlin: "Viele Befragte haben Vorurteilen gegenüber Minderheiten entweder eindeutig zugestimmt oder aber sie eindeutig abgelehnt", so Konfliktforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld. Unentschlossene hingegen seien seltener vertreten als noch vor zwei Jahren. "Wir haben es heute mit deutlich extremeren Haltungen zu tun als zum Zeitpunkt der letzten Erhebung", sagt Zick. In der Studie heißt es: "Es ist ein tiefer Spalt entstanden, der derzeit kaum überbrückbar zu sein scheint".

Besonders deutlich wird das bei den Einstellungen gegenüber Flüchtlingen:

  • Eine Mehrheit von rund 56 Prozent befürwortet die Aufnahme von Schutzsuchenden. Die Stimmung gegenüber Flüchtlingen ist damit deutlich positiver, als es öffentliche Debatten mitunter vermuten lassen.
  • Etwa 20 Prozent der Befragten sprechen sich dagegen aus, Geflüchtete aufzunehmen. Dieser Teil der Bevölkerung vertritt deutlich ablehnende Meinungen gegenüber Schutzsuchenden.
  • Jeder zweite Mensch in Deutschland (knapp 50 Prozent der Befragten) vertritt feindliche Einstellungen gegenüber Asylsuchenden. Das sind deutlich mehr als noch vor zwei Jahren (rund 44 Prozent).
  • Während rund 53 Prozent der Befragten für eine sogenannte Obergrenze sind, sprechen sich etwa 34 Prozent dagegen aus.

Wie verbreitet ist die Abwertung von Minderheiten?

Die Studie zeigt: Feindliche Einstellungen gegenüber Minderheiten haben sich in den letzten zwei Jahren stabilisiert. In den Jahren zuvor waren sie eher rückläufig.

  • Rund 18 Prozent der Bevölkerung vertreten feindliche Einstellungen gegenüber Muslimen – das entspricht in etwa dem Wert aus dem Jahr 2014.
  • Ebenfalls konstant geblieben sind rassistische und "fremdenfeindliche" Einstellungen: Etwa neun Prozent der Bevölkerung vertreten rassistische Auffassungen – also werten Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Abstammung ab. 19 Prozent der Befragten stimmen "fremdenfeindlichen" Aussagen zu: So ist mehr als ein Drittel der Auffassung, in Deutschland lebten zu viele Ausländer. 16 Prozent wären für eine Ausweisung von Ausländern in ihre "Heimat", wenn Arbeitsplätze knapp werden.
  • Leicht rückläufig waren feindliche Einstellungen gegenüber Sinti und Roma (rund 25 Prozent) sowie klassisch antisemitische Haltungen (rund 6 Prozent). Einen Anstieg gab es dagegen bei subtileren Formen der Abwertung von Juden. So gaben etwa 40 Prozent der Befragten an, dass sie es bei der Politik Israels "gut verstehen" könnten, "dass man etwas gegen Juden hat". 2014 waren es noch 28 Prozent.

Viele AfD-Anhänger haben Vorurteile

Für die Studie wurden auch Personen befragt, die mit der rechtspopulistischen "Alternative für Deutschland" (AfD) sympathisieren. Ihre Antworten zeigen ein deutlich menschenfeindlicheres Weltbild als die Antworten anderer Gruppen. So stimmen 88 Prozent der befragten AfD-Anhänger Aussagen zu, die Asylsuchende abwerten. In der Gesamtbevölkerung sind es etwa 50 Prozent. Im Vergleich zu 2014 sind AfD-Anhänger in ihren Haltungen "deutlich nach rechts gerückt", so die Studie.

Unterschiede in den Einstellungen zeigen sich auch mit Blick auf Ost und West. So neigen Befragte aus Ostdeutschland eher zu Vorurteilen als jene aus Westdeutschland. Besonders deutlich wird das am Beispiel der Abwertung von Asylsuchenden: Im Osten vertreten 60 Prozent der Befragten feindliche Einstellungen gegenüber Asylbewerbern, im Westen rund 47 Prozent.

Zur Methodik: Für die "Mitte-Studie 2016" wurden von Juni bis August 2016 insgesamt 1.896 Personen telefonisch zu ihren Einstellungen befragt. 1.015 davon waren Frauen, 880 Männer. Grundlage der Befragung ist ein Fragebogen, der Aussagen zu rassistischen und rechtsextremistischen Einstellungen sowie zum Demokratievertrauen umfasst. Je nach Aussage standen den Befragten vier bis fünf Antwortmöglichkeiten zur Verfügung, mit denen sie ihre Zustimmung (z.B. "stimme voll und ganz zu"/"stimme eher zu") oder Ablehnung (z.B. "stimme überhaupt nicht zu"/"stimme eher nicht zu") zum Ausdruck bringen konnten.

Zur Studie
: Seit 2006 gibt die SPD-nahe "Friedrich-Ebert-Stiftung" alle zwei Jahre die sogenannte Mitte-Studie heraus. Bis 2012 arbeitete sie hierzu mit der Universität Leipzig zusammen. Seit 2014 liegt die wissenschaftliche Leitung beim "Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung" der Universität Bielefeld.
Die Leipziger Wissenschaftler gaben im Juni 2016 in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Otto Brenner Stiftung eine eigene "Mitte"-Studie heraus. Auch sie befasst sich mit rechtsextremistischen Einstellungen und der Abwertung von Minderheiten, kommt jedoch mitunter zu anderen Ergebnissen als die Erhebung der Bielefelder Forscher.

Von Jennifer Pross