Online-Pressegespräch

Arbeitsperspektiven von geflüchteten Frauen aus der Ukraine

Etwa die Hälfte der ukrainischen Geflüchteten, die in den ersten Monaten nach Kriegsbeginn nach Deutschland kamen, haben einen Job. Viele von ihnen sind Frauen. Was hilft bei der Arbeitsmarktintegration? Und welche Folgen hat der Wechsel von Bürgergeld zu Asylbewerberleistungen?

Yuliya Kosyakova, Philipp Jaschke, Yuliya Erner, Simon Borbeck

Vor vier Jahren begann die russische Vollinvasion der Ukraine. Mehr als eine Million Menschen aus der Ukraine sind nach Deutschland geflohen, darunter viele Frauen. Etwa die Hälfte von ihnen hat inzwischen einen Job gefunden. Studien zeigen dennoch: Der Weg in den deutschen Arbeitsmarkt ist für ukrainische Frauen steinig – vor allem, wenn sie Kinder haben. 

Expert*innen aus Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft haben bei einem Online-Pressegespräch des Mediendienst Integration darüber gesprochen, welche Faktoren die Arbeitsmarktintegration von geflüchteten Ukrainerinnen beeinflussen – und wie sich der geplante Wechsel von Bürgergeldleistungen zu Asylbewerberleistungen (sogenannter Rechtskreiswechsel) auf neu ankommende Geflüchtete auswirken wird.

Prof. Dr. Yuliya Kosyakova: Leiterin des Forschungsbereichs Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

"In unserer Studie haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie gut Ukrainerinnen und Ukrainer, die in den ersten Monaten nach Beginn des Angriffskriegs nach Deutschland gezogen sind, eine Beschäftigung finden konnten. Dabei handelte es sich vor allem um Frauen – viele mit Kindern. Dreieinhalb Jahre nach dem Zuzug sind rund 50 Prozent der ukrainischen Geflüchteten beschäftigt. Wenn wir diese Daten mit den Geflüchteten vergleichen, die 2015 nach Deutschland gezogen sind, stellen wir fest, dass Geflüchtete aus der Ukraine überdurchschnittlich schnell in Beschäftigung kamen: Bei Geflüchteten von 2015-2016 dauerte es sechs Jahren bis eine Beschäftigungsquote von 50 Prozent erreicht wurde. Dabei muss man beachten: Geflüchtete starten mit strukturellen Nachteilen bei der Arbeitsmarktintegration. Dazu gehören fehlende Sprachkenntnisse, geringere Netzwerke sowie häufig psychische Belastungen durch Krieg und Flucht. 

Ein Grund für diese schnelleren Integrationsprozesse der Ukrainer ist ihre institutionelle Einbindung: Seit Juni 2022 haben Geflüchtete aus der Ukraine direkten Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Sprachkursen, Bürgergeld-Leistungen und zu den Jobcentern. Dass diese Einbindung vorteilhaft ist, zeigt sich daran, dass Personen, die nach Juni 2022 zugezogen sind, deutlich schneller eine erste Beschäftigung aufnehmen und auch in arbeitsmarktpolitische Maßnahmen eingebunden sind als die Geflüchteten, die vor diese Änderung zugezogen sind. Die geplante Abschaffung der aktuellen Regelung könnte dazu führen, dass die Beschäftigungsaufnahmen bei Neuzugezogenen sich verlangsamen."

Simon Borbeck: Fachexperte für Qualitätssicherung beim Jobcenter Landkreis Esslingen, stellvertretender Teamleiter Integrationsteam

"Aktuell betreuen wir im Jobcenter Landkreis Esslingen 3.900 Ukrainer – 60 Prozent von ihnen sind Frauen. 2024 wurden wir vom lokalen Deutsch-Ukrainischen Verein angefragt, ob wir uns eine Kooperation vorstellen können, um gemeinsam die Arbeitsmarkt-Integration voranzutreiben. Das haben wir dankend angenommen. Der Verein hat aktuell 100 Mitglieder. Sie sind inzwischen zu wichtigen Multiplikatoren für die Informationen des Jobcenters geworden. So können wir sehr schnell zahlreiche Mitglieder der Community erreichen. Dank dieser Zusammenarbeit konnten wir mehrere Veranstaltungen organisieren – etwa darüber, wie man eine Bewerbung schreibt, wie man einen Kinderbetreuungsplatz bekommt oder zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Wenn demnächst neu ankommende Geflüchtete aus der Ukraine Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bekommen und somit zunächst von der Arbeitsagentur betreut werden ist es wahrscheinlich, dass sich der Intergrationsprozess verlangsamt. Denn nach dem Rechtskreiswechsel müssen sie sich zunächst auf Eigeninitiative bei der Agentur für Arbeit über Beschäftigungsmöglichkeiten erkunden. Wir beim Jobcenter könnten erst später beginnen, nach passenden Einstiegsmöglichkeiten oder sprach- und integrationsfördernden Maßnahmen zu suchen. Dabei würde Zeit verloren gehen."

Dr. Yuliya Erner: Projektleiterin des Förderprogramms für Geflüchtete aus der Ukraine „Fast-Track für ein Leben in Deutschland“ der Deutschlandstiftung Integration

"Das Förderprogramm “Fast Track für ein Leben in Deutschland” wurde von der Deutschlandstiftung Integration 2023 ins Leben gerufen. Das Programm richtet sich an junge Ukrainerinnen, die durch den Angriffskrieg nach Deutschland gekommen sind. Unsere Teilnehmenden absolvieren ein 14-monatiges Qualifizierungsprogramm. Sie beteiligen sich außerdem an ehrenamtlichen Initiativen und entwickeln eigene Projektideen.

Die meisten Teilnehmerinnen, die älter als 20 Jahre sind, hatten einen ukrainischen Hochschulabschluss und brachten Berufserfahrung mit. Das zentrale Anliegen für Ukrainerinnen in Deutschland ist ein schneller Wiedereinstieg in den Beruf. Sie streben nach finanzieller Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Sie wünschen sich außerdem, in den erlernten Berufen und auf dem entsprechenden Qualifikationsniveau zu arbeiten. Besonders jüngere Teilnehmende investieren deshalb in Spracherwerb und Weiterbildung. Frauen mit Kindern brauchen häufig mehr Zeit, sowohl beim Spracherwerb als auch bei der Jobsuche. Das liegt nicht an der fehlenden Motivation, sondern daran, dass sie das psychische Wohlbefinden ihrer Kinder in den Vordergrund stellen."